Kybernetik als Technologie

Ein Klischee, das die Entwicklungsgeschichte der Kybernetik begleitet, besagt, dass die us-amerikanische Rüstungsindustrie in ihrem sogenannten zweiten Weltkrieg unter anderem Flugzeugabwehrkanonen konstruieren liess und dabei auf eine Gruppe begnadeter Erfinder und Genies zurückgriff. Teile dieser Waffenmafia trafen sich im Manhattenprojekt und nach dem gewonnenen Krieg im Klub von Macy, eine Oelmilionären.

N. Wiener gehörte zu diesem Haufen Genies, auch wenn seine Beteiligung am Manhattenprojekt unklar blieb und er sich nach dem Krieg dafür einsetzte, nicht weiter für militärische Zwecke zu forschen. In einem halbbiographischen Roman hat N. Wiener eine ziemlich andere Geschichte geschrieben, aber das sind ohnehin alles Geschichten. Das Buch Kybernetik durfte N. Wiener gemäss diesen Geschichten erst 1947 publizieren, weil die us-amerikanische Armeeführung darin schützenswerte Technologie erkannt hatte.

Ganz unabhängig von diesen Geschichten schreibt N. Wiener in einer anderen Geschichte, dass er während eines langweiligen Nachtessens Arturo Rosenblueth kennen gelernt habe und dass sie gemeinsam merkten, dass sie über die Mechanik der Rückkoppelung sehr ähnlich dachten, obwohl der eine Physiologe und der andere Mathematiker war, der sich mit mechanischen Problemen befasste. Diese gemeinsame Sicht formulierten sie in einem philosophischen Beitrag mit dem Titel “Verhalten, Zweck und Zielgerichtetheit”. In diesem Beitrag behandeln sie das Verhalten von Mechanismen, sie sprechen aber fast immer von Maschinen, weil sie diese Ausdrücke Maschine und Mechanismus synonym verwenden. Sie schreiben aber nicht über einfache Maschinen, sondern über Automaten, also über mittels Feedback geregelte Maschinen, und eröffnen so eine neue Differenzierung in der Technologie.

J. Watt ist sehr reich geworden, weil es im gelungen ist, die Geschwindigkeit seiner Dampfmaschine mit einem Fliehkraftregler konstantzu halten. Er ist damit so reich, dass er gemeinhin als Erfinder der Dampfmaschine betrachtet wird. J. Watt hat noch nicht einmal die Regelung erfunden, aber hat erkannt, wo und vor allem wie sie sehr viel Geld einbringen könnte. Und er nannte seinen Regelungsmechanismus “Governator” (Governor) und bezog sich damit auf A. Ampère, der den Ausdruck im Sinne von Plato für die politische Steuerung verwendet. N. Wiener kannte den Ausdruck Governor von J. Maxwell, der ihn von J. Watt übernommen hat, als er ohne das Wesen der Regelung jenseits der Matehmatik zu erkennen die mathematischen Grundlagen der Regelung entwickelt hat. N. Wiener, der auch Plato gelesen hat, verwendete dann wieder den griechischen Ausdruck für den Governator, also Kybernetes.

Die Kybernetik befasst sich nicht mit Maschinen, sondern mit der Regelung von Maschinen. Die Kybernetik beschreibt damit eine neue Kategorie von Maschinen, die gemeinhin als Automaten bezeichnet werden. A. Turing – auch ein Mathmatiker mit unbedarfter Redeweise – sprach von einer universellen Maschine, aber auch er meinte natürlich nicht die Maschine, sondern deren Regelung.

Technologisch gesehen unterscheidet die Kybernetik ungeregelte Maschinen, für die sie sich nicht interessiert und geregelte Maschinen, wobei sie sich nicht für die Maschinen, sondern nur für die Regelung interessiert. Bereits vor der Kybernetik hat sich in einer funktional gedachten Technologie die Unterscheidung zwischen Kraftmaschinen und Arbeitsmaschinen etabliert. Die Regelung kümmert sich um diese Unterscheidung natürlich nicht. Die Kybernetik impliziert eine andere technologische Entwicklung, die ich durch die Triade Werkzeug, Maschine und Automat charakterisiere. Werkzeuge erscheinen in dieser kybernetischen Perspektive als Automaten, die von einem Menschen angetrieben und gesteuert werden, während eigentliche Maschinen vom Benutzer nur gesteuert werden, weil sie durch Kraftmaschinen angetrieben werden.

Die Regelung wird als Informations- oder Kommunikationstechnik Ausgangspunkt einer eigenen Technologie. Wir kommen darauf zurück – demnächst in diesem Theater.

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Comments

  • Peter Bormann  On February 5, 2012 at 5:48 PM

    Läßt sich das nicht “prägnanter” fassen? Es geht um Regelung im Sinne von “Feedback-Strukturen”, oder?

    LG PB

    • Rolf Todesco  On February 6, 2012 at 10:49 AM

      ich weiss nicht WAS sich prägnanter sagen liesse. Mir geht es darum, dass durch die Kybernetik eine neue Entwickluingsstufe des Werkzeuges beschrieben wird. Es geht also in dieser Sicht darum, Werkzeuge zu klassifizieren. Ich glaub, ich werde das noch deutlicher in den Text reinbringen.

      *pb*: Rolf, ich meinte, dass vielleicht eine Auflistung mit Erläuterung der relevanten Merkmale lesefreundlicher wäre. Bspl.: Wir können 3 Technik-Arten unterscheiden:
      * Werkzeuge: Merkmale…
      * einfache Maschinen: …
      * Feedback-Maschinen: geregelt

      Die Kybernetik verwendet die Unterscheidung Maschine/geregelte Maschine, aber nicht die Unterscheidung Arbeits-/Kraftmaschine, die in anderen Technologien wichtig scheint. *pb*: Macht Sinn, aber vielleicht kannst Du die Differenzierung “Arbeits- / Kraftmaschine” weglassen. Fokussiere Dich einfach auf die Kybernetik – das macht die Sache klarer.

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