Vergleich von Technik-Theorien

Als Co-Blogger (neben Rolf Todesco) möchte ich hier zu Beginn des kybernetics-Blogs einige Ideen formulieren, die wir vielleicht in Anschlußdiskussionen durchspielen können:

Ausgangsüberlegung: Ein zentrales Kennzeichen der modernen Gesellschaft (ca. 1750 – heute) ist die zunehmende Technisierung aller Lebensbereiche (Kommunikationsmedien, Wirtschaft, Medizin, etc.). Überraschenderweise hat die Systemtheorie Bielefelder Schule (Niklas Luhmann, Dirk Baecker, Peter Fuchs, usf.) als eine der komplexesten Theorien, die in der Soziologie jemals entwickelt wurden, überraschend wenig zu diesen umfassenden Technisierungstendenzen zu sagen.
Wenn Technisches seit einiger Zeit zum Thema wird, dann vor allem als Digitalisierung bzw. Computerisierung. Diese systemtheoretische Überlegung bewegt sich freilich auf der Ebene der Kommunikationsmedien und wird bspw. mit der These kurzgeschlossen, daß die gesellschaftsweite Durchsetzung eines neuen Kommunikationsmediums (Schrift, Buchdruck und jetzt das digitale Medium) zu einer Informationsexplosion führen kann, die die jeweilige Gesellschaftsformation (segmentierte, ständische und funktional ausdifferenzierte Gesellschaft) überfordert. In der Folge dieser quasi-entropischen “Katastrophe” werden soziale Anpassungsprozesse ausgelöst, die in eine neue Gesellschaftsformation einmünden können. Paradebeispiel: Der Buchdruck als Geburtshelfer der modernen, funktional ausdifferenzierten Gesellschaft.
Dementsprechend hat gerade Dirk Baecker in jüngster Zeit eine soziologische Diskussion in Gang gebracht, die zu thematisieren sucht, inwiefern die umfassende Digitalisierung der Moderne in eine “next society” (= eine Leerstelle) einmünden könnte.
Was mir (und wohl auch Rolf) dabei theoretisches Unbehagen bereitet, ist die Tatsache, daß Technisches bei diesen Überlegungen weiterhin “marginalisiert” wird.  Denn wir haben es nicht nur mit dem computerbasierten Auslösen von Irritationen in Bewußtseinsprozessoren und in sozialen (kommunikationsbasierten) Systemen (also: Interaktionen, Funktionssystemen mit den zugehörigen Organisationen und Familien), sondern auch mit Interventionen zu tun in neuronalen und zerebralen Systemen (bspw. als Gehirn-Computer-Interfaces), in biologischen Systemen (z.B. als biotechnologische Manipulation von Genen) und, generell, in sonstigen belebten (biotischen) und unbelebten (abiotischen) Umwelten, bspw. durch nanotechnologische Verfahren.
Kurzum: Die moderne Gesellschaft ist eine technisch-industrielle Gesellschaft, die im Vergleich zu älteren Gesellschaftsformationen die primäre Abhängigkeit von der Natur durch die primäre Abhängigkeit von Technik ersetzt hat – so zumindest die Ausgangsthese im Anschluß an Niklas Luhmann.

Wie nähern wir uns am besten der Technisierung der modernen Gesellschaft an? Ich möchte hierzu zwei Vorschläge machen:
Vorschlag 1: Bislang konnte die Bielefelder Systemtheorie den Nachweis eines modernen Funktionssystems “Technik” (analog zur Wirtschaft, zum Recht, zur Politik, zu den Massenmedien, usf.) nicht plausibel erbringen. Allerdings mußte ein entsprechender Versuch in der Luhmann-Mailing Liste 2007 mangels Zeit vorzeitig abgebrochen werden. Ich möchte daher dazu einladen, diesen Versuch nochmals zu wagen. D.h. konkret:
Erstens muß eine Prüfung funktionssystemspezifischer Kriterien (Code, Programm, symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium oder ein Äquivalent, etc.) erfolgen. Zweitens sollten bisherige systemtheoretische Versuche, das Technikphänomen zu thematisieren (Technik als Medium / Form, etc.), nochmals studiert werden.  Vorschlag 2: Technik ist ein komplexes Phänomen, zu dem sowohl verschiedene Theorien als auch unterschiedliche Disziplinen (Technikphilosophie, Techniksoziologie, Informatik, etc.) etwas beizutragen haben. Es liegt daher nahe, mit mehreren Technik-Ansätzen (u.a. in einer funktionalen Vergleichsperspektive) zu experimentieren.
Neben der bereits angesprochenen Systemtheorie Bielefelder Schule wären das insbesondere:
Rolf Todescos kybernetische Thematisierung von Technik,
Hans-Dieter Bahrs nicht-essentialistischer Maschinen-Ansatz (“Über den Umgang mit Maschinen”, Tübingen: Konkursbuchverlag 1983),
Technik-Überlegungen des Ende 2011 (leider viel zu früh) verstorbenen Friedrich Kittler,
Technikproblematisierungen der (Medien-)Philosophin Sibylle Krämer.
Warum gerade diese fünf Ansätze und keine anderen?  Nun, Rolf und ich könnten auf die Devise “our blog – our castle” verweisen, so daß wir einfach das studieren, was wir für spannend halten. Aber abgesehen von diesen persönlichen Präferenzen dürften diese Ansätze ausreichend unterschiedlich sein, um heterogene Zugangsweisen zum Phänomen “Technik” zu ermöglichen.
Das schließt freilich die Hinzunahme weiterer Technik-Ansätze, je nach Interesse, keineswegs aus – auch wenn mein persönlicher Fokus die Ausarbeitung eines form- und systemtheoretischen Technik-Ansatzes (mit Blick auf ein Funktionssystem “Technik”) sein wird.

Ein dritter Aspekt betrifft die Diskussion von Materialität: Traditionell werden Werkzeuge / Maschinen (wie auch Zeichen) mit Hilfe der Leitunterscheidung “ideell / materiell” thematisiert. Mit der Form- und Systemtheorie Bielefelder Schule und ihrem sogenannten “operativen Konstruktivismus”, also: dynamisch prozessierten Unterscheidungen, die beobachterrelativ Realitäten bzw. etwas als etwas konstruieren, ändert sich das: Formen in einem Medium, v.a. Zeichen, werden von Bewußtseinsprozessoren und  Kommunikation  “errechnet” und prozessiert.
Hierbei kommt dem Bewußtsein, zumindest wenn man der systemtheoretischen Variante von Peter Fuchs folgt, eine zentrale Funktion zu: Diese Systeminstanz kann im Unterschied zu Kommunikation psychische Wahrnehmungen zu Semiosezwecken nutzen, so daß in der strukturellen Kopplung von Bewußtseins- und Kommunikationssystemen Formen (u.a. Zeichen) prozessiert werden können.
Dabei kommen Vergleichs-, Abstraktions-  und Assoziationsvorgänge zum Tragen, so daß Zeichen – im Widerspruch zum common sense – nichts Materielles darstellen.
Formen bzw. Zeichen entsprechen wie die dynamisch-selbstreferentiellen Systeme “Bewußtsein” und “Kommunikation” vielmehr nicht-ontologischen Entitäten, d.h. sie sind nicht  (weder einfach an- noch abwesend). Man könnte hier mit Verweis auf Peter Fuchs auch von transklassischen Objekten sprechen, für die bspw. Raum-Metaphern ungeeignet sind.
Eine Frage ist dann: Können technische Formen einen analogen (nicht-materiellen) Status wie Medienformen (Zeichen, etc.) besitzen?
Eine andere Frage ist: Materielles kommt im operativen Konstruktivismus der soziologischen Systemtheorie nicht vor. Es läuft als materielles Substrat ähnlich wie der Horizont-Begriff “Welt” im unterscheidungsbasierten Prozessieren eher implizit mit. Aber ist es bspw. mit Blick auf Technik nicht notwendig, einen nicht-klassischen Begriff von Materialität zu entwickeln?
Diese Frage wurde vor einigen Jahren in der Luhmann Mailing List andiskutiert. Aber sie wurde, meines Wissens, niemals zufriedenstellend beantwortet. Daher ist mein Vorschlag, diese Spur weiterzuverfolgen.

Wie dem auch sei: Ich wünsche uns allen fruchtbare Diskussionen sowohl hier im kybernetiks-Blog als auch in der zugehörigen Google-Group!

~ Peter Bormann

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Comments

  • Kusanowsky  On February 7, 2012 at 8:59 AM

    Reblogged this on Differentia.

    • Peter Bormann  On February 7, 2012 at 1:34 PM

      Hallo Herr Kusanowsky,

      danke für das Reblogging! Vielleicht findet ja noch die eine oder andere
      einsame Seele auf diese Weise zu dieser Technik-Blog-Insel im weiten Ozean des Digitalen :-)

      Beste Grüße
      Peter Bormann

  • Vito Andolini  On February 7, 2012 at 9:54 AM

    Es gibt einen inzwischen schon älteren Artikel von Gerald Wagner, Vertrauen in Technik. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 23, Heft 2, 145-157, in welchem argumentiert wird, dass es keine trivialen Maschinen im Sinne von von Foerster oder der luhmannschen allopoietischen Systeme gibt. Jede Maschine könne auch nicht oder falsch funktionieren; die Trivialität sei nur eine reduktionistische Konstruktion und eine idealisierende Zuschreibung durch Beobachter. Demnach sei es nicht möglich, dass Vertrauen (bei trivialen Maschinen) durch “instrumentelle Ereignisbeherrschung in der Sachdimension” tritt, wie Luhmann schreibt.
    Was ist davon in diesem Zusammenhang zu halten?

    • Rolf Todesco  On February 7, 2012 at 10:30 AM

      hmmmm … ich würde – zunächst – genau so wie Wagner argumentieren, dann aber innehalten und mir überlegen, was ich in dieser Argumentation an Wortverwendungen unterstelle.
      H. von Foerster beispielsweise hat manchmal “kybernetische Ahnungen”. Er zeigt mit einer seiner üblichen kleinen Geschichten, mit welchen er jedes Argumentieren vermeidet, dass eine extrem tirivale Maschine furchtbar komplex und nichttrivial erscheint (http://www.hyperkommunikation.ch/lexikon/triviale_maschine.htm)

      Ich glaube, dass solche Argumentationen (hin und her) auf nicht reflektierter Technik beruhen.

    • Peter Bormann  On February 7, 2012 at 1:17 PM

      Hi Vito,

      danke für diesen Hinweis – für solche Literaturtips bin ich stets offen!
      Ohne den Artikel von Herrn Wagner en détail zu kennen, möchte ich etwas anders als Rolf reagieren:

      1) Es “gibt”, zumindest wenn konsequent auf operativen und unterscheidungsbasierten Konstruktivismus gesetzt wird, rein “gar nichts” (zu beobachten = zu unterscheiden), also auch “keine” (trivialen) Maschinen:
      “Alles was konstruiert wird, ist beobachterrelativ.” Ansonsten: no processing of information.

      2) Wenn nun eine black box (deren innere Transformation unbekannt
      bleibt) mit dem “input / output”-Schema beobachtet wird, dann kann wohl von einer Maschine gesprochen werden. Ob sie dabei als “trivial” oder “non-trivial” angesehen wird, hängt aber wiederum von bestimmten beobachterrelativen Erwartungen ab.

      3) Herrn Wagners Argumentationsfehler scheint auf dem “Medien – und Welt-Dualismus” zu beruhen: einerseits wird von Medien- und Beobachterrelativität ausgegangen (= Konstruktion von was auch immer), andererseits wird auf etwas außerhalb solcher beobachterabhängigen und medienrelativen Konstruktionen referiert.
      Das funktioniert aber nicht: Wir können, zumindest im Rahmen dieser konstruktivistischen und differentiellen Position, nicht von etwas (sinnvoll) sprechen, ohne irgendwelche Unterscheidungen / Konstruktionen zugrunde zu legen (hoechstens, dass wir einen Horizontbegriff wie “”Welt” annehmen muessen – but, that´s it).
      Bref: Wir vergleichen Konstruktionen mit Konstruktionen, aber nicht Konstruktionen mit etwas Nicht-Konstruiertem, das es vor jeder Beobachtung und daher vor jedem Unterscheidungsgebrauch “gaebe”.

      4) Der langen Rede kurzer Sinn: “Trivialität ist die (idealisierende) Zuschreibung von Beobachtern” -> was sonst? <-
      Wenn sich diese Zuschreibung beobachterrelativ und je nach Kontext als "viabel" erweist, dann kann sich auch "Vertrauen" in entsprechende technische Zusammenhänge einstellen. Daß einem "jede" Maschine aber um die Ohren fliegen kann, kann sogar jede(r) Nicht-Techniker/-in wissen.

      Das darf nur "nicht ständig" passieren, sondern solche Katastrophen müssen eher Ausnahmen bleiben. Ansonsten wird das Vertrauen nachhaltig erschüttert. That`s all.

      5) Ergo: ich widerspreche Rolf ungern, aber ich tue es trotzdem (von Zeit zu Zeit) ;-)
      "Ich glaube, dass solche Argumentationen (hin und her) auf nicht reflektierter Technik beruhen." (R.T.)

      Ich meine dagegen, daß Herrn Wagners Argumentation (zumindest gemäß Deiner Darstellung)
      a) auf ein Missverstehen von "operativem Konstruktivismus"

      b) auf ein (implizites) Operieren mit dem erwaehnten (jahrtausendealten) Dualismus von Medium (also: jedweder medien- und beobachterrelativen Konstruktion) und einem a-medial / a-observativ postulierten Ausschnitt von Welt (tja: nur was soll Letzteres sein?)
      verweist.

      Freilich, ohne den Artikel von Herrn Wagner gelesen zu haben, könnte ich mich auch täuschen. Wie dem auch sei, nochmals danke für den Artikelhinweis!

      Beste Grüße
      Peter

  • Al  On February 7, 2012 at 1:40 PM

    “Wie nähern wir uns am besten der Technisierung der modernen Gesellschaft an?”
    (Peter Bormann)

    “Gesetzt nun aber, die Technik sei kein bloßes Mittel, wie steht es dann mit dem Willen, sie zu bemeistern?” (Heidegger, Die Frage nach der Technik, in: Vorträge und Aufsätze, S.11)

    Die Suche nach der effizientesten Technik, um dieses Problem gedanklich in den Griff zu bekommen wirft ein weiteres Problem auf, welches das Beschwerdebild weiter ausweitet: Wie, das was genuin und vollwertig unter Technik verstanden werden soll abgrenzen von jenem anderen, was ihm zwar bis ins Detail ähnelt, was aber dennoch nicht dazugehören darf. Weil jenes, was bearbeitet werden (die Technik) soll sich nicht mit jenem decken darf, was zur Bearbeitung verwendet wird (die Theorie.) Würde eingeräumt, Theorie sei selbst eine Technik (gerade, wenn sie sich “konstruktivistisch” nennt), liefe das Projekt darauf hinaus als ein Prozeß aufzuscheinen, in dem sich Technik selbst-bearbeitet, nicht?

    • Peter Bormann  On February 7, 2012 at 1:53 PM

      “liefe das Projekt darauf hinaus als ein Prozeß aufzuscheinen, in dem sich Technik selbst-bearbeitet, nicht?”
      I agree. Mir schwebt dabei ein Switching von
      * (Leit-)Unterscheidungen wie Medium / Form, Iterabilität (sensu: Derrida) / Reproduzierbarkeit (des Selben), etc.
      und
      * zugehörigen Ansätzen
      vor. Das heißt: mein Fokus auf ein Technik-Funktionssystem ist nur eine mögliche Perspektive, die vielleicht scheitern wird. Aber das ist ok: es geht um intellektuelle, wenn auch nicht “zu” arbiträre Spielfreude.

      Beschreibt sich dann Technik (u.a. durch ein solches Vorgehen) selbst?
      * Ja, aber als heterogene Reise in Unterscheidungsnetzwerken, die sowohl Erkennen wie auch Verkennen beinhaltet.
      * Nein, wenn es um eine essentialistisch angehauchte, homogene Gesamtperspektive gehen soll.

      Zumindest ist das meine gegenwärtige Position, die sich im Laufe der Zeit noch ändern mag.

      Gruß
      Peter

  • Kusanowsky  On February 7, 2012 at 1:52 PM

    Gerald Wagner: Vertrauen in Technik. In: Zeitschrift für Soziologie, 23 (1994), S. 145 – 157:
    „Zusammenfassung: Der Aufsatz geht von der These aus, dass die Risikosoziologie das Funktionieren von Technik nicht erklären kann. Dafür wäre eine Theorie notwendig, die die Normalform von Technik im Alltag in ihr Zentrum stellt. Diese Normalform wird im Vertrauen in Technik gesehen. Weber hat dieses Verhältnis zur Technik als Einverständnis bezeichnet. Die moderne Gesellschaft war deshalb für Weber eine Einverständnisgemeinschaft. Luhmann spezifiziert das Vertrauen in Technik als Systemvertrauen, das das Vertrauen in Personen ablöst. An Luhmann anschließend wird Vertrauen in Technik als eine Form der gesellschaftlichen Integration bestimmt. Für diese Integrationsform sind technische Normen wichtig. Anhand einer Analyse technischer Normen wird dargestellt, dass technische Artefakte ein meist verborgenes Potenzial vergegenständlichter Macht besitzen.”
    http://www.zfs-online.org/index.php/zfs/article/viewFile/2859/2396

    • Peter Bormann  On February 7, 2012 at 2:07 PM

      Herzlichen Dank für den Hinweis und den Link! Vielleicht sollten wir Herrn Wagners Argumentation
      `mal genauer unter die Lupe nehmen, aber “vergegenständlichte Macht”? Ich weiß nicht. Erinnert mich
      an Kittler / Foucault und deren metaphorische Überdehnung des Machtkonzepts bis zu seiner
      kompletten Unbrauchbarkeit. “Da, wo Macht (sozial beobachtbar) ist, ist auch immer Gegenmacht (beobachtbar)”, sagt (nicht nur) der Hacker und verweist auf seine “because we can”-Maxime. Das erinnert mich dann an eine meiner Uralt-Thesen: “Hacker / Haecksen sind die Ideologiekritiker(innen) des 21. Jahrhunderts”.
      ~Peter

  • Kusanowsky  On February 7, 2012 at 2:27 PM

    @AI
    “Gesetzt nun aber, die Technik sei kein bloßes Mittel…” In der Tat kann man häufig beobachten, dass Technisierung und Medialisierung immer wieder als eine Art Entfremdung gesehen und beklagt wird, was, wie ich vermute, daher kommt, dass beides unter Vorbehalten rationalistischer Differenzen betrachtet wird. Doch wird diese Betrachungsweise dem Voraussetzungsreichtum von Kommunikation nicht gerecht. Interessanter scheint vielmehr, dass die Technisierung nicht ohne eine Gestaltung und die Medialisierung nicht ohne eine Reflexion auf die unverfügbaren Voraussetzungen jeder Formbildung zu haben sind, so dass aller operativer Konstruktivismus für sich selbst epistemologisch determiniert, also daher auch nicht missverstehensfähig ist. (Peter Bormann: Ich meine dagegen, daß Herrn Wagners Argumentation a) auf ein Missverstehen von “operativem Konstruktivismus” … verweist)

    Siehe den Technik- und Medienbegriff bei Martin Heidegger: Die Frage nach der Technik. In: ders., Vorträge und Aufsätze, Pfullingen 1954, S. 9-40; und Fritz Heider: Ding und Medium. Neudruck Berlin 2005. Beide verstehen Technik und Medium medientheoretisch, das heißt als immer nur unvollständig einholbare Voraussetzungen für anschließende Betrachtungen. Daher rechtfertigt sich auch das Argument, aus Überlegungen zur Technik das Mittel-Zweck-Verhältnis heraus zu kürzen.

    • Peter Bormann  On February 7, 2012 at 2:49 PM

      Nur kurz (ich bin auf dem Sprung): Die Handhabung des “Medien-Welt-Dualismus” verweist m.E. auf die Unterscheidung “notwendig / kontingent” in letztlichen kontingenten Formbildungs- und Kommunikationsprozessen. Das heißt: Das ist der Versuch, “Kontingenzschutzwehren” in die Kommunikation einzuziehen.
      Funktionales Äquivalent wären bspw. Werte, die als “inviolate levels” in der Kommunikation fungieren sollen.

      Das funktioniert solange, wie solche Schutzwehren nicht in Zweifel gezogen werden. Was aber immer möglich ist.
      ~Peter

  • Al  On February 7, 2012 at 5:02 PM

    @Peter

    “Beschreibt sich dann Technik (u.a. durch ein solches Vorgehen) selbst?”
    Wenn Beschreibung auf die (Kultur-)Technik Schrift verweist und damit im weitesten Sinne als ein zeichenhafter Verweisungszusammenhang verstanden wird (ein heterogenes Unterscheidungsnetzwerk), ist es nur noch ein kleiner Schritt zu Derrida und seiner grammatologischen Prothetik und Supplementarität: einer allgemeinen Technizität gesellschaftlicher Prozesse. Vergleichar vielleicht mit dem, was Luhmann prozedual “Differenzierung” nennt und in eine Untertrias (segmentär, stratifikatorisch, funktional) ausdifferenziert, ohne es als generatives Prinzip weiter zu beleuchten.
    Luhmann sagt: Gesellschaft ist Differenzierung. Und Differenzierung differenziert sich zeitlich und räumlich auf operativ je differente Weise=Evolution. Dieser Hintergrund einer sich auf dem Ungrund von Differenzen produzierenden Gesellschaft (und Welt) fügt eine basale, konstitutive Technizität so tief in die Theorie-Konstruktion (!) ein, dass schlechterdings nicht mehr – wie noch klassische Theorie es möglich machten – angegeben werden könnte, was denn auf der Welt nun eigentlich nicht-technisch sei.

    • Peter Bormann  On February 7, 2012 at 6:59 PM

      Hi Al,

      “exzellent” formuliert! Lustigerweise ist mein persönlicher Werdegang: Poststrukturalismus (v.a. Derrida / Foucault) -> Systemtheorie (Luhmann + Co) / radikaler Konstruktivismus -> und jetzt wieder vielleicht zurück zu Derrida (oder: Ernesto Laclau), ohne daß ich Systemtheorie aufgeben würde. Es geht mir vielmehr um eine Erweiterung von und Switchen zwischen Interpretationsmöglichkeiten.

      Die “allgemeine Technizität gesellschaftlicher Prozesse” sollten wir in diesem Blog jedenfalls erforschen.

      Ein andere Idee von mir war: Maschinen als “spectres” (im Sinne von Derridas Buch über Marx) zu interpretieren. Es bietet sich an, das im Zusammenhang mit dem Maschinen-Buch von Hans-Dieter Bahr zu tun, weil er mich (bei der Re-Lektüre am letzten Wochenende) auf diese Interpretationsmöglichkeit gebracht hat.

      Der möglichen Folge einer basalen und konstitutiven “Technizität” stimme ich gleichalls zu. Das entspricht bspw. dem Übergang von einer speziellen zu einer generalisierten Auffassung von écriture oder Wiederholung (-> iterabilité).

      “On verra”, wie ein berühmter Louis einst zu sagen pflegte.

      Vielleicht kommen wir so auch weiter hins. eines transklassischen
      Verständnisses von “Materialität”?

      ***
      @ALLE: Wer interessante Literatur von Derrida / dekonstruktiv orientierten Ansätzen zu den oben skizzierten Technik- und Materialitätsüberlegungen hat, soll sie bitte in diesem Blog posten.

      Tips werden generell “sehr gerne” entgegengenommen – zumal ich seit einigen Jahren mehr mit IT als Systemtheorie / Dekonstruktion zu tun habe, so daß ich mich in diese unterscheidungsbasierten Ansätze erst einmal wieder “hineindenken” muß.

      Vielleicht können wir in diesem Kontext auch noch auf Gotthard Günther eingehen (wie zuvor: Tips bzgl. Interpretationsmöglichkeiten sind sehr willkommen!). Hier fand ich die Habil von Nina Ort so überzeugend, daß´ich mir vorgenommen habe, Günthers Ansatz bei Gelegenheit zu “vertiefen”!
      ***
      Beste Grüße
      ~Peter

      • Al  On February 8, 2012 at 9:09 AM

        Mit Blumenberg und darüber hinaus:
        “Die Technik ist primär nicht ein Reich bestimmter, aus menschlicher Aktivität hervorgegangener Gegenstände; sie ist in ihrer Ursprünglichkeit ein Zustand des menschlichen Weltverhältnisses selbst.” (Hans Blumenberg: Lebenswelt und Technisierung unter Aspekten der Phänomenologie)

        Diesen, freilich alles andere als statischen “Zustand” eines Verhältnisses, einer Relation, eines Bezugs, müsste man, weit über die hier noch unangetastete anthropologische Fixierung hinaus, in den Blick nehmen als – natürlich! – Technizität.

        Dabei wird es dann dort interessant, wo die, für Phänomenologen auch heute oft noch technikfreie Reinheit des Phänomens selbst, des Erscheinens dokumentierbarer Präsenzen innerhalb einer lebensweltlichen non-cyberspace-Zone, als Technikprodukte untersucht werden müssen.

  • Al  On February 7, 2012 at 5:09 PM

    @Kusanowsky

    Von Entfremdung im abwertenden Sinne war bei mir und im vorangestellten Motto nirgens die Rede. Jedoch wäre der Begriff durchaus non-pejorativ verwendbar, synonym zu dem, was oben als “Differenzierung” beschrieben werden sollte. Es gibt keinen Ort (keine differenzlose Einheit), an dem das Fremde (die Selbst-Differenz) nicht je schon Einzug gehalten hätte.

  • Kusanowsky  On February 7, 2012 at 8:44 PM

    “Von Entfremdung im abwertenden Sinne war bei mir und im vorangestellten Motto nirgens die Rede.” Das stimmt, bei mir auch nicht. Es geht um die Konturierung des “Beschwerdebildes”.
    “Es gibt keinen Ort (keine differenzlose Einheit), an dem das Fremde (die Selbst-Differenz) nicht je schon Einzug gehalten hätte.” Und wenn das stimmt, dann verweist der Auschluss eines anderen Ortes darauf, dass ein anderer Ort gerade deswegen im Spiel ist, damit die Differenz nicht einfach zu sich selbst finden kann. Anders als Fichte setzt Luhmann den Beobachter nicht zuerst als „sich selbst“, sondern als eine Differenz; das heißt: er kann als Unterscheidender von dem unterschieden werden, was er unterscheidet. Entscheidend ist, dass der Beobachter gerade nicht als ein „Ich“ oder „Subjekt“ vorzustellen ist, sondern als Differenz zwischen ihm und dem wovon er sich unterscheidet (das gilt dann in diesem Sinne auch für dich). Und wiederum ist es nicht das „Ich“, was letzteres beobachtet, sondern eine Beobachtung, die ihrerseits beobachtet/unterschieden werden kann. Insofern ist damit auch noch der Hegelsche Entfremdungsbegriff gedeckt. Die Luhmannsche Unterscheidung von “Differenz der Einheit” versus “Einheit der Differenz” (bei Hegel) hätte Hegel sicher als nicht logisch, sondern perspektivisch abgetan. Wer spekulativ und also letztlich auf “Aufhebung der Entfremdung” hinaus will, der betont die Einheit. Und wer sich davon gezielt absetzen will, die andere Seite.

    • Peter Bormann  On February 8, 2012 at 7:43 AM

      Was ich mich mit Blick auf solche operative Unterscheidungen seit langem frage: spielen wir damit nicht immer nur das Spiel der zweiwertigen “Identitätslogik” – freilich jetzt unter “selbstbezüglichen”
      Vorzeichen und mit Blick auf Unentscheidbarkeiten (dritte Werte: weder – noch, sowohl – als auch)?

      Vielleicht sollten wir uns in diesem Blog einmal Günther (wenn auch technikbezogen) vornehmen, um zu sehen, ob das nicht noch viel “tiefer” gelegt werden kann.

      Als ersten Einstieg empfehle ich dazu die Lektüre von Nina Ort, (2007), “Reflexionslogische Semiotik” [siehe amazon.de – wobei die 2 Punkte der einzigen Kundenrezension m.E. übertrieben hart sind. 3-4 Punkte sind wohl realistischer].

      ~Peter

      • Peter Bormann  On February 8, 2012 at 11:51 AM

        @Al:
        Der Blumenberg-Hinweis ist gut! Aber vielleicht ist es sinnvoll, zu trennen zwischen Bedingungen der Technisierbarkeit (dann auch ggf. der Maschinisierbarkeit), z.B. mit Blick auf Iterabilität / Reproduzierbarkeit des Selben, und den realisierten Technikprodukten (= Artefakten – und zwar über Artefakte hinaus, die der common sense als “technisch” ansieht, i.e. Werkzeuge, einfache Maschinen, Feedback-Maschinen, technische Vernetzungsweisen).

        Kurzum: Inwiefern haust “Technisches” im anscheinend Nicht-Technischen? Was wiederum auf die angesprochene Frage einer generalisierten und basalen “technicité” verweist.

        ~Peter

  • Al  On February 8, 2012 at 6:56 PM

    @Peter
    “Aber vielleicht ist es sinnvoll, zu trennen zwischen Bedingungen der Technisierbarkeit (dann auch ggf. der Maschinisierbarkeit), z.B. mit Blick auf Iterabilität / Reproduzierbarkeit des Selben, und den realisierten Technikprodukten.”

    -barkeiten (d.h. ja generell: Bedindungs-Möglichkeiten) von aktualisierten Wirksamkeiten trennen ist unumgänglich (und entspricht in unserer Diskussion der sog. ontologischen Differenz Sein/Seiendes). Und dann wirklich die Frage: Ist schon die Idealität des Zeichenkörpers, seine vermeintliche Selbigkeit, auf die zurückgegriffen und verwiesen werden kann ein technisches Artefakt? Ist ein Buchstabe eine Maschine?

    • Peter Bormann  On February 8, 2012 at 7:23 PM

      Ja, exzellente Frage. So etwas Ähnliches ging mir vorhin auf dem
      Nachhauseweg auch durch den Sinn:

      * Inwiefern müssen Medien(formen) “technisch” (in einem noch zu bestimmenden Sinne) orientiert sein, um “ueberhaupt” funktionieren zu koennen?

      * Inwiefern sind Formbildungs- und Formverwendungsprozesse als “technisch” anzusehen?

      * Inwiefern ist basale / konstitutive Technizitaet “medial”?

      Wir würden demzufolge die transzendentale Frage (Bedingung der Moeglichkeit von abc und konkrete Folgen / Effekte xy) immer wieder in re-entries “umkippen” lassen.

      Vielleicht nur eine kleine Modifikation:
      * Wann “fungiert” der idealisierte Zeichenkörper als technisches Artefakt bzw. wann “fungiert” ein Buchstabe als Maschine – und in welchem “erweiterten” Sinne?

      Ok, die bekannten dekonstruktiven Figuren sind: iterabilité / Reproduzierbarkeit des Selben, supplementarité, etc. – und spricht Derrida nicht irgendwo auch von “Schrift-Maschine”? [Muss ich `mal im Bennington / Derrida-Buch nachlesen!]

      * Ferner könnten wir auch mit einer dekonstruktiven “Spektral”-Analyse des Technischen (analog zu Medien) weiterkommen [-> Derridas “Spectres de Marx”].

      ~Peter

  • mariusmeinhof  On February 8, 2012 at 10:37 PM

    Wieso gehört Bruno Latour nicht zu den berücksichtigten Autoren? Er ist in der Kulturwissenschaft immerhin derzeit DER Autor zu Technik- und Sachkultur. Ist er theoretisch zu lax?
    Weiterhin auch die Möglichkeit, etwas aus der Volkskunde zu importieren? Das Fach fühlt sich immerhin selbst für die Erforschung “materieller Kultur” und “Sachkultur” verantwortlich. Ist aber oft empiriezentriert und theoretisch schwach. (Was ja auch mal anregend sein kann)
    [ Dazu: http://www.kultur.uni-hamburg.de/volkskunde/Texte/Vokus/2000-1/technik.html ]

    • Peter Bormann  On February 9, 2012 at 7:57 AM

      Guten Morgen, Herr Meinhof,

      die Nicht-Berücksichtigung von Bruno Latour (aber bislang auch von Martin Heidegger, Karl Marx, etc.) hat “keinen” besonderen Grund. Rolf und ich haben die Blog-Idee innerhalb “extrem” kurzer Zeit aus dem Boden gestampft (obgleich Vor-Erfahrungen existieren, bspw. Vorläuferdiskussionen in der Luhmann-Liste 2006 / 2007), so daß rasch einige Ansätze aufgeführt wurden, die wir für interessant halten.

      Aber bislang wird kein(e) Autor(in) explizit “ausgeschlossen” – unter der Voraussetzung, sie bzw. er hat etwas theoretisch Interessantes zum Thema “Maschinen / Technik (und Materialität)” geschrieben.
      Insofern ist auch Bruno Latour ok (freilich: theoretisch halte ich seinen Approach “nicht für überzeugend”, aber ich habe seinen Ansatz bislang nur oberflächlich gescannt). Ich setze Bruno Latour einfach ‘mal auf die open-end-Themenliste (siehe das Blog-Posting vom 8. Febr., URL: https://kybernetiks.wordpress.com/2012/02/08/mogliche-technikbezogene-themenliste/).

      Apropos “Volkskunde”: ich habe mir im Bett heute morgen überlegt, daß es nicht gut ist, “nur Hochleistungstheorien” in diesem Technik-Blog zu wälzen: Es soll ja nicht einfach um einen konzeptuellen Tanz von Spencer-Brownschen Luhdidi- und Derridada-Derwischen gehen – obwohl wir ohne solche Tanzeinlagen auch nicht auskommen werden :-)

      Ich wollte daher vorschlagen auch “konkretere” Techniktendenzen zu thematisieren, z.B.:
      * die Automatisierung von Organisationen – was eher mein Spezialgebiet mit Blick auf model-driven SOAs darstellt,
      * Tendenzen in Bio- und Nano-Technologien sowie in der Artificial Intelligence (AI),
      * Sozionik zur Modellierung soziologischer Theoriebildungen,
      * Kommunikation “mit” Computern,
      * Computer, die “auf und unter die Haut gehen” (wearables, brain-computer interfaces, etc.)
      * mobile devices
      u.ä. mit Blick auf eine “next society”-Diskussion, wobei dann auch die Luhmann / Baecker-These bzgl. der Relation “Kommunikationsmedien / quasi-informationsentropische Katastrophe / neue Gesellschaftsformation”, zumindest in ihrer simplistischen Ausformung, in Frage zu stellen wäre.

      Vor diesem Hintergrund finde ich Ihren Vorschlag zur Volkskunde interessant und greife ihn gerne auf. Herzlichen Dank jedenfalls für “beide” Hinweise!

      Beste Grüße
      Peter Bormann

      • mariusmeinhof  On February 11, 2012 at 2:16 AM

        Lieber Herr Bormann,

        ich finde das Projekt sehr interessent, leider habe ich gerade großen Zeitdruck und kann deshalb nicht intensiv in Ihre Diskussion einsteigen (habe auch nicht alle Beiträge bisher sorgfältig gelesen). Zwei kleine Anmerkungen möchte ich machen:

        1.
        (Frei) Inspiriert durch Latour (2002, S. 227) könnte man fragen, inwieweit Technik eine Leistung als Soziales Gedächtnis erbringt. Auf Organisationen gemünzt zum Beispiel die Gedächtnisleistung von automatisierten Workflow-Prozessen und benutzerabhängigen Arbeitsoberflächen für die Kommunikationsstrukturen. Oder auch: Automatisierte Kennzahlensysteme (Man kann da fragen, ob man das als “Gedächtnis” im Systemtheoretischen Sinne bezeichnen kann, weil es z.B. bestimmte Strukturen “Erinnert” und alle möglichen Begleitumstände zu vergessen erlaubt.) Beachten könnte man vielleicht auch den Klassiker von Paul David, der am Beispiel der PC-Tastatur die Pfadabhängigkeit technologischer Innovationen [bei Vergessen der ursprünglichen Einführungsgründe] zu zeigen versucht.

        [- David, Paul A.: Understanding the Economics of QWERTY: The Necessity of History. In: Parker, William Nelson (Hg.): Economic history and the modern economist. Oxford, UK ;, New York, NY, USA 1986, S. 30–49.
        – Latour, Bruno: Die Hoffnung der Pandora. Untersuchungen zur Wirklichkeit der Wissenschaft (= Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft 1595). Frankfurt am Main 2002]

        Das ist natürlich nur eine Anregung, die ich selbst noch nicht durchdacht habe

        2.
        Ich kenne mich auch selbst nicht so gut in der Volkskunde aus, und weis daher nicht, inwieweit dies systemtheoretisch Gewinnbringend eingesetzt werden kann. Ein Standartwerk mit Überblick über den (älteren) Fachdiskurs der Volkskunde gilt:
        – Beck, Stefan: Umgang mit Technik. Kulturelle Praxen und kulturwissenschaftliche Forschungskonzepte. Univ., Diss.–Tübingen, 1996. (= Zeithorizonte 4). Berlin 1997

        mfg

        Marius

        • Peter Bormann  On February 11, 2012 at 8:41 AM

          Lieber Marius Meinhof,

          insofern wir dieses Blog-Projekt sowohl als Wissenschaftsblog als auch auf mehrere Jahre hin ausgelegt haben, ist vorübergehender Zeitdruck (jetzt oder später) kein Problem. Das heißt:

          1) Als Wissenschaftsblog wollen wir nicht zu viele Postings pro Woche veröffentlichen, damit sowohl die Leser(innen) / Kommentator(innen)en als auch die Blogger (bislang: Rolf Todesco und ich) Zeit zum Nachdenken und Recherchieren haben. Es ist also kein “Hallo-Webcommunity-da-bin-ich-mit-meiner-Persönlichkeit”-Blog, in dem Vermischtes aus dem eigenen und dem sonstigen (digitalen) Leben gepostet werden soll, so daß auch ohne große Reflexion darauf reagiert werden kann (quasi nur: thumbs up or down).
          Als Posting-Publikationsrhythmus habe ich daher Rolf vor kurzem vorgeschlagen, max. je zwei, also: insgesamt: vier, Blog-Postings pro Woche zu veröffentlichen, obgleich Rolf ohne Probleme sehr viel mehr Blog-Posts publizieren könnte. Aber es soll auch Zeit für “gehaltvolle” Kommentierungen bleiben.
          Sollten wir zudem an kniffligen Fragen sitzen, so kann es durchaus vorkommen, daß einige Zeit gar keine Blog-Posts geschrieben werden, weil alle Zeit ins Kommentieren und Recherchieren fließt. Mein persönliches Motto: Lieber Qualität als Quantität – gerade in Zeiten des leichten Publizierens.

          2) Da das Projekt zudem auf mehrere Jahre ausgerichtet ist, habe ich mir gedacht, daß wir uns mehr auf Marathon-und weniger auf Sprint-Geschwindigkeit einstellen sollten. Denn es bringt niemandem etwas, wenn sich Leser(innen) / Autoren zeit- und energiemäßig so verausgaben, daß wir alle nach kurzer Zeit sagen müssen, “das nimmt zu viel von unserer Lebenszeit pro Woche weg”.
          Manches Mal haben wir das in der Luhmann-Liste (zumindest als sie noch funktionierte) so gemacht, wobei dann in einem Monat Hunderte von Postings zusammen kamen. Nach kurzer Zeit mußte zumindest ich dann des öfteren die Reißleine ziehen und eingestehen: “Das geht so nicht – das artet zu sehr aus”. Aufgrund dieser Erfahrungen plädiere ich daher für einen sustainable pace, den wir alle auch über Jahre hinweg durchhalten können.

          3) Zum sozialen Gedächtnis mit Blick auf Technik / Organisationen: Das ist ein ganz exzellenter Punkt, den wir damals in unserer Technik-Diskussion (in der Luhmann-Liste) nicht berücksichtigt haben. Da ich mittlerweile auf model-driven SOAs spezialisiert bin, hätte ich auch ausreichend konkretes Anschauungsmaterial anzubieten. Diesen Punkt sollten wir, ggf. auch im Hinblick auf ein evtl. funktionssystemspezifisches Gedächtnis, definitiv eingehender thematisieren! Die Literaturhinweise sind gleichfalls hilfreich – besten Dank dafür!

          4) Volkskunde (mit Blick auf Technik) kenne ich auch nicht gut. Dass sich irgend jemand damit befassen wird, wie Alltagsnutzer(innen) sich in einer technisch geprägten Umwelt orientieren, habe ich mir schon gedacht, aber dass das ein Thema für “Volkskunde” sein kann, hat mich überrascht. Auch hier: vielen Dank für den Hinweis auf dieses Referenzwerk, das mir neu ist!

          5) Zum Abschluß ad systemtheoretisch gewinnbringend: Das muß es nicht sein. Meine persönliche Vorstellung ist vielmehr, daß wir letztlich mit unterschiedlichen Approaches (Kybernetik, Systemtheorie, Dekonstruktion, Günthers Morphematik, etc.) operieren, um sehr verschiedene Fragestellungen, Herangehensweisen, Problematisierungen, etc. kennenzulernen.
          Es geht also nicht darum, daß wir uns gegenseitig von was auch immer überzeugen (worst case: Ansatz A ist besser als B, C, D, E, etc.). Wir haben tw. in der Luhmann-Liste über Jahre hinweg damit nicht so gute Erfahrungen gemacht, obgleich wenige Ansätze die Kontingenzerfahrung so explizit akzentuieren, wie das die Bielefelder Systemtheorie tut. Daher plädiere ich für das, was Luhmann “nicht-überzeugte Verständigung” genannt hat, bei der okkassionelle Übereinstimmungen und Lernen / wechselseitiges Irritieren (im produktiven Sinne) im Vordergrund stehen sollen.

          Mir schwebt daher so etwas vor wie das, was ich hins. Programmierparadigmen in der Informatik kennen gelernt habe:
          jede(r) Informatiker/-in kennt und beherrscht im Normalfall mindestens 3 (oder mehr) unterschiedliche “Programmier-Paradigmen”:
          imperativ-prozedural wie bspw. in Pascal oder in Script-Sprachen (Groovy, etc.)
          deklarativ wie z.B. in der relationalen Datenbankabfragesprache SQL,
          imperativ-objektorientiert wie in C++, C# oder Java.
          Heute käme gewiß noch hinzu: funktional wie z.B. in Scala und / oder service-orientiert wie in Service-orientierten Architekturen (SOAs), die bspw. als Webservices bzw. Service Component Architectures (SCAs) realisiert werden.
          Aber es existieren noch weitere (Sub-)Paradigmen.

          Ziel ist es letztlich, Probleme aus ganz unterschiedlichen Perspektiven angehen zu können mit Kenntnis der jeweiligen Vor- und Nachteile, Stärken und Schwächen, etc., ohne daß absolut gesagt werden kann, ein Paradigma ist “besser” (in allen Kontexten) als das andere.
          In short, my thesis is: Paradigmatisches Switching fördert kontingentes und komplexes Problemlösungsverhalten . Ich hoffe jedenfalls, daß wir so ein Switching auch in diesem Technik-Blog praktizieren können.

          Beste Grüße und schönes Wochenende
          Peter Bormann

          • mariusmeinhof  On February 13, 2012 at 7:49 PM

            Lieber Herr Bormann,

            ich hoffe Sie fassen meine Beiträge als unverbindliche Anregungen auf – es sind auch nur Gedankenblitze gewesen, die mir beim Lesen Ihres Blogs durch den Kopf geschossen sind. Ich werde den Blog jedenfalls verfolgen und, falls mir zufällig dazu passende Theorien oder Forschungsbeiträge unterkommen, eventuell einen Kommentar hinterlassen

            mfg

            Marius

            • Peter Bormann  On February 13, 2012 at 7:56 PM

              Fein!

              Beste Grüße
              Peter

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  • By trackback on October 30, 2014 at 3:58 PM

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