Kybernetik / Todesco / Informatik (Informations-Technik) als soziales System

Diese Skizze ist ein erstes Resulat des Projektes: Technologie als soziologische Systemtheorie, sie beruht auf Diskussionen in der DFN – Luhmann-Liste, wo ich sie am 12.11.06 auch zum ersten Mal vorstellte

Informatik steht für schillernde Unterscheidungen, aber sicher für etwas, wofür sich die funktionale Systemtheorie interessieren könnte, also für etwas im weitesten Sinne gesellschaftliches. Informatik könnte als Lehre gedacht sein, also als Lehr-System zur Bennennung, Anordnung und Klassifizierung aller Informationsverhältnisse. Die Endung -ik deutet in diese Richtung, es könnte sich um eine Logik der Informationsprozesse handeln. Informatik befasst sich aber nicht wie Wissenschaften mit der Beschreibung von Natur, sondern mit der Beschreibung von artefaktischen Verhältnissen. In der Informatik geht es um das Herstellen, nicht um das Darstellen.

Wenn man die Informatik systemtheoretisch einordnen will, kommen die Systemtypen Organisation und Interaktion nicht in Frage, es kommt nur ein soziales System in Frage – falls Informatik überhaupt etwas bezeichnet, was als funktionales System in betracht kommen könnte. Die Prüfung, ob ein soziales System ein Funktionssystem sei oder nicht, macht man sinigerweise anhand eines heuristischen Apparates, der zunächst einmal eine Reihe von Beobachtungschancen eröffnet, die der schärferen Spezifikation eines in Frage stehenden Sozialsystems dienlich sein können. Es könnte dann darum gehen, das fokale System in ein evolutionstheoretisches Vergleichsregister einzuordnen, das Stellen für ausdifferenzierte Funktionssysteme vorsieht. Dazu müsste sie auf eine zu klärende Weise auf die Form der Gesellschaft bezogen werden. Sie wäre, wenn wir das System als Sozialsystem auffassen, so etwas wie die Wirtschaft oder das Recht.

Das (Geld-Kapital-)Wirtschaftssystem prozessiert in Form von Zahlungen im generalisierten Medium Geld. Zahlungen gibt es nur in der Wirtschaft und die Wirtschaft umfasst nur Zahlungen. Wirtschaft ist eine kontingente Form der Güterverteilung. Sie stellt sicher, dass genügend viele Güter an genügend viele Orten zuhanden sind. Es gibt auch andere Möglichkeiten, dies zu gewährleisten, die Wirtschaft ist eine spezifische Lösung dieses Problems, wobei das Problem durch die Wirtschaft, die es auf eine bestimmte Weise löst, geschaffen wird. Denkbar wäre ja auch, das keine Güter verteilt werden müssten.

Das Funktionssystem emergiert also ein Funktion und eine Operation in einem Medium. Wenn Informatik ein Funktionssystem sein soll, müsste wohl zunächst gezeigt werden, welche Funktion durch welche Operation in welchem Medium gewährleistet wird.

Als Informatik bezeichne ich ein System, das komplex scheinende Artefakte lesbar und so überhaupt möglich macht, indem es Programme produziert. In der Kommunikation dieses Systems geht es um die adäquate Formulierung, die sich in Programmen zeigt. Kein anderes System produziert Programme und Informatik macht nichts anderes als Programme.

Die Informatik ist eine Problemlösung für Probleme, die auch anders gelöst werden:
1. lösen Computerprogramme praktische Probleme, sie ermöglichen beispielsweise theromstatengeregelte Heizungen, aber man kann auch mit Feuer heizen.
2. lösen Programmiersprachen das Umgehen mit komplizierten Maschinen, insbesondere mit komplexen Steuerungen. Aber man kann auch anders damit umgehen, etwa sich hochkarätig schulen. Exemplarisch ist etwa Schach, ein Standardproblem für die Programmierung, Schach wird aber vor allem von Grossmeistern gespielt.
3. Die Formulierungen der Informatik produzieren eine begriffliche Notation, die eine spezifische Selbstkontrolle enthält, indem sichtbar ist, was mit akturellen, selegierten Computer gemacht werden kann und wo sie abstürzen. Aber man kann Begriffe auch anders entwickeln, etwas durch philosophisches Gerede, das daran geprüft wird, ob andere Menschen auch so reden wollen – oder wenn man will, an einer Logik, die die Informatik antizipiert, indem sie korrekte, beweisbare Schlüsse unterstellt
4. löst Informatik das Konstruktionsproblem, weil die Beschreibungen der Informatik nicht deskriptiv sondern konstruktiv sind. Auch dieses Problem hat auch andere Lösungen, man kann Maschinen bauen, die man nicht programmieren muss. Ausserdem gibt es Selbstorganisation oder Autopoiese, die auch Maschinen – autopoietische – ermergieren, aber die artefaktische Konstruktion lässt fremdreferenzielle Zwecke zu. Für die artefaktische Konstruktion kann ich zur Zeit keine echte Alternative zur Informatik erkennen, weil sie aktuell die Spitze der Technologie darstellt.

Die Operationen der Informatik passieren im Medium Schrift in Form von Programmtexten, die sich als symbolisch generaliserte Kommunikationsmedien begreifen lassen. Programme haben eine definierte Form und sie können verstanden werden. Man kann sie als Mitteilungen über die Funktionsweise von Maschinen lesen. Zu diesen Mitteilungen gibt es spezifische Anschlusshandlungen, die sich in weiteren Programmen, also in potentiellen Mitteilungen zu weiteren Maschinen zeigen.

Ausblick
Natürlich geht es um Technik, nicht um Informatik. Die Technik wird aber in der Informatik sichtbar, die Informatik ist der kategorielle Schlüssel.

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Comments

  • Peter Bormann  On February 7, 2012 at 7:40 PM

    OK, Rolf: “2007 // Luhmann-Liste reloaded”

    Ich muß dazu erst einmal nochmals das Archiv der Luhmann-Liste (unser Technik-Wiki inkl.) konsultieren und sichten [was einige Tage dauern wird].

    Wer sich gleichfalls in die damalige Listen-Diskussion (ab August 2007) einlesen möchte, hier ist der zugehörige Link: http://www.listserv.dfn.de/cgi-bin/wa?A1=ind0708&L=luhmann&T=0

    ~Peter

  • Peter Bormann  On February 14, 2012 at 9:41 PM

    Hi Rolf,

    hier mein erster inhaltlicher Kommentar (ich fange ganz langsam an, weil ich erst einmal wieder gedanklich in Fahrt kommen muß):

    1) “Endung -ik deutet in diese Richtung, es könnte sich um eine Logik der Informationsprozesse handeln” ->
    a) “Informatik” (in Deinem Sinne) könnte sich auf die “Thematisierung” von Informationsprozessen beziehen, die (potentiell) dann auch von bestimmten Maschinen ausgeführt werden können.
    b) “Logik” meint nicht “formale Logik” (zwei- oder mehrwertige Logik), sondern eher eine gewisse “thematische Kohärenz”, oder? Also: es geht um eine kohärente (oder konsistente) Thematisierung von solchen Prozessen.

    2) “Herstellen, nicht um das Darstellen” – ich frage mich mittlerweile, ob das
    Schlüsselwort schlechthin nicht “Injunktivität” lautet. Denn das kann benutzt
    werden zur Charakterisierung von Konstruktionsprozessen aller Art:
    a) alle möglichen Anweisungen (im Sinne von Performativa), um sinn- bzw.
    semiosebasierte Realitäten zu konstruieren (allgemein: etwas als “etwas” erzeugen) = “Darstellen” (Repräsentieren -> im konstruktivistischen Sinne als erzeugen / konstruieren)
    b) Als Handlungsanweisungen, sensu: Handlungsrezepte bei allen möglichen Tätigkeiten (Bedienungsanleitungen, Kochrezepten, etc.).
    c) als Anweisungen, um etwas als “Artefakt” herzustellen (zu formen, bilden), bspw. um Werkzeuge anzufertigen.

    ~Peter

Trackbacks

  • By Das Digitale in der Technologie « kybernetics on March 22, 2012 at 12:14 PM

    […] Entwicklung des Toolmaking erkenne ich quasi rückblickend als Evolution der Programmiersprache. Das technische Funktionssystem muss in dieser Hinsicht über den Code programmierbar entwickelt werden. Share this:Gefällt […]

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