Systemtheorie / Luhmann & Co / “Technik” als Funktionssystem

Mit diesem Blog-Post möchte ich (parallel zur Diskussion mit Rolf -> “Informatik als Funktionssystem”) in Thema 1.1. “Technik als mögliches Funktionssystem der Gesellschaft” einführen.
Wir schließen damit an eine Diskussion an, die Mitte 2007 in der Luhmann-Mailing Liste begann, aber vorzeitig abgebrochen werden mußte.
Diese These darf mit einer gesunden Portion “Skepsis” rechnen, und es ist gut möglich, daß wir sie nicht ausreichend plausibilisieren können. Ggf. ist bspw. die Konzeptualisierung von Technik als Medium / Form fruchtbarer.
Wir haben bislang jedoch noch nicht alle Optionen, die Rolf und mir bspw. einfallen, durchgespielt, so daß nicht von vornherein jede Hoffnung vergeblich ist.
Ganz unabhängig davon, wie weit wir mit unseren Plausibilisierungsbemühungen kommen werden, werden wir doch einiges über das Technik-Phänomen “lernen”, was uns  in späteren Diskussionen wiederum nützen kann.

Mit Blick auf die Plausibilisierung eines Funktionssystems der Gesellschaft ist i.a. ein Katalog von heuristischen Kriterien zu prüfen:

  1. Welche Funktion ist bestimmbar, für die ein Funktionssystem “Technik” als gesellschaftsrelevante Problemlösung angesehen werden kann?
  2. Welcher Typ von Kommunikation (= spezifische Operation) wird mit Blick auf welche Formbildungsprozesse in welchem Medium und im Hinblick auf welchen Primärcode prozessiert? Läßt sich auf diese Weise eine operative Schließung plausibilisieren?
  3. Existieren weitere Codierungen?
  4. Welche Programme beziehen sich auf den Primärcode bzw. eventuelle Sekundärcodes?
  5. Welche Leistungen erfüllt ein solches Funktionssystem mit Blick auf je andere Funktionssysteme?
  6. Spielt hier die Unwahrscheinlichkeit, zu überzeugen, d.h. das Problem der 4. Selektion, eine Rolle? Und existiert ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium (sgKM), das als Verstärker, der zur Kommunikationsannahme motivieren kann, fungiert? Oder liegt dieses Problem analog zum Funktionssystem der “Massenmedien” hier nicht vor?
  7. Welche symbiotischen Mechanismen / somatogenen Symbole, also: welche Körperbezüge, können angegeben werden?
  8. Wie könnte eine mögliche Kontingenzformel lauten?
  9. Wie schaut es mit einer eventuellen Nullmethodologie aus?
  10. Apropos organisatorische Absicherung: welche Organisationen könnten als Kommunikationsadressen für ein inadressables Funktionssystem “Technik” fungieren?
  11. Wie könnte das Selbstbefriedigungsverbot für ein solches Technik-System charakterisiert werden?
  12. Können wir ein funktionssystemspezifisches Gedächtnis angeben? Und wie bedient moderne Informationstechnik (ERPs, BPM, SOA, etc.) in Organisationen memory functions? Oder anders gefragt: wie werden hier Erinnern und Vergessen reguliert?

Zusatzfragen: 

  1. Welche Beziehung existiert zwischen einem solchen Technik-System und der Risikokommunikation?
  2. Welche Beziehung besteht zur Kommunikation von  Entscheidungen?
  3. Wie sieht der Bezug zur “ökologischen” Problematik aus?
  4. Kann die Unterscheidung von Technik als Medium / Form mit einem spezifischen Typ von “technischer” Operation (den es noch zu spezifizieren gilt) verbunden werden?
  5. Technisches (wie Mediales) als Irritationspotential für Soziales?
  6. Technik-Evolution: Statt (lineare, dialektische, etc.) Technik-“Entwicklung”  evolutionäre Beschreibungen (mit Mechanismen der Variation, Selektion, Restabilisierung).

In den nachfolgenden Blog-Posts würden wir nun die einzelnen Fragen im Detail behandeln.
Fallen Euch jedoch noch weitere Aspekte / Fragen ein, die zu thematisieren wären?

~Peter

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Comments

  • Rolf Todesco  On February 15, 2012 at 5:42 PM

    Das ist ein grosses Programm. Ich habe Informatik vorgeschlagen, um wenigstens eines, was auch Techik genannt wird, etwa die Technik der Fussballer, auszuschliessen, also an eine”konkretere” Technik zu denken. Ich glaube, wenn wir ein Funktionssystem “Technik” entwerfen, gehört sehr sehr vieles, was auch Technik genannt wird einfach nicht dazu. Der Ausdruck “Technik” zeigt sich dann als Homonym.

    Wir werden das bereits beim ersten Kriterium “Funktion” erkennen. Mein erster Vorschlag (der aber nur zu einem bestimmten Aspekt der Technik (toolmaking) passt), lautet: die Funktion (Sinn) der Technik ist die Entwicklung der Technologie, also die Entwicklung des Wissens darüber, was wie funktioniert.

    Ich bin gespannt auf Deine Funktionsbestimmung.

    • Peter Bormann  On February 15, 2012 at 6:56 PM

      Meine Überlegung war, dass man ausgehend von basaler Technizität, z.B. einem allgemeinen Begriff der
      “Injunktivität”, sensu:
      1) Anweisungen, um etwas zu konstruieren (als unterscheidungsbasierte / semiotische
      Produkte, also: Medienkonstrukte welcher Art auch immer, die dann als medienspezifische Realitäten interpretierbar sind),
      2) Anweisungen, um etwas auszuführen (Kuchen backen, Ball passen, PC anschalten, eine maschinelle Bedienungsanleitung ausführen, usf.)
      3) und auch Anweisungen, um etwas Technisch-Maschinelles herzustellen oder zu benutzen,

      ganz verschiedene Technik-Bedeutungen erfassen kann. Bei “technischen” Produkten würde ich dann freilich auf Design- und Konstruktionsanweisungen abstellen, die kommunikativ aneinander anschliessen. Es schließt also nicht eine Auto-Form an eine andere Auto-Form an (oder an eine Fahrrad-, LKW-, etc. Form), sondern Design- und Konstruktionsanweisungen, um solche Tools / Maschinen zu bauen, zu modifizieren, zu bedienen. M.E. kann man das anhand der SW-Entwicklung sehr schön aufzeigen, aber vielleicht täusche ich mich ja :-)

      Zu Deinem Funktionsbegriff: “Entwicklung des Wissens darüber, was wie funktioniert” ist m.E. “nicht” technikspezifisch. Denn das kann sich auf alle möglichen Arten von Wissen beziehen, z.B. physikalische Erklärungen, “wie genau” Vorgänge in der Natur ablaufen (Bildung von Kristallen, Gravitation, usf.), ohne daß das automatisch mit Technik assoziiert werden muß.

      ~Peter

      • Rolf Todesco  On February 16, 2012 at 4:53 PM

        zum letzten Punkt zuerst: Jede mir vorstellbare Funktionsweise beschreibt eine Maschine.
        Die Physik (da ist wieder der ontologische Materialismus) beschreibt keine Funktionsweise: die Gravitation ist ein rein quantitativer Ausdruck oder wie G. Bateson sagt: keine Erklärung sondern ein Erklärungsprinzip, das rein gar nichts erklärt.
        Funktionsweise kann ich nur technisch verstehen, aber ich bin sehr offen für andere Interpretationen !!!!

        > Bei “technischen” Produkten würde ich dann freilich auf
        > Design- und Konstruktionsanweisungen abstellen, die kommunikativ
        > aneinander anschliessen.

        Bitte entschuldige meine Penetranz: Meinst Du in diesem Satz mit “technisches Produkt” ein hergestellter Gegenstand wie mein Auto (Opel) oder meinen PC (acer)?
        Und wären die Konstruktionsanweisungen “technische Zeichnungen” eine Konstrukteurs? also auch hergestellte Gegenstände, wie ein Stück Papier (Blaupause) mit ein paar Linien drauf?

        Falls Du das so meinst, würde ich an diesen spezifischen Beispielen hängen, während Du das ganze allgemeiner siehst, oder?

        • Peter Bormann  On February 16, 2012 at 4:59 PM

          Konstruktionsanweisungen wären etwas allgemeiner: also nicht nur Skizzen eines technischen Zeichners, ich würde Requirements (schriftlich, gezeichnet, visuell modelliert, usf.), Prototypen, usf. darunter subsumieren. Und das auh tw. mit dem Konzept der allgemeinen “Injunktivität” sowie Medium – Form (-> Kausalität) zu verbinden versuchen.
          Sorry, must go now.

          ~Peter

          • Rolf Todesco  On February 16, 2012 at 5:20 PM

            :-) erst wenn Du wieder zurück bist (von Fastnachten usw):

            Ich meinte auch nicht nur technische Zeichnungen, sondern das ganze Arsenal, das Du da aufzählst, mein Punkt ist nur, dass alles hergestellte Gegenstände sind.

            Dass eine Konstruktionszeichnung und anderes als Anweisung gelesen/betrachtet wird, verlangt einiges mehr als nur die Zeichnung. Aber wenn der Anweisungszusammenhang gegeben ist, dann fungiert die Zeichnung als Anweisungsträger, so wie ein Text als Anweisungsträger dienen kann.

            Die Anweisung sehe ich aber nicht technisch, ich sehe nur diese Träger der Anweisung als technische Produkte.

            • Peter Bormann  On February 17, 2012 at 9:00 AM

              Hi Rolf,

              ich denke, das illustriert schön unseren Dissens:

              1) Du beziehst Dich bei Texten auf “hergestellte Gegenstände”
              Das sorgt natürlich immer für Mißverständnisse im Sinne des Medien-Welt-Dualismus und eines trad. Realismus, Materialismus, etc., aber, ok, Du meinst
              es ja differentiell.

              Dein Non-Thema ist m.E. alles, was mit Semiose (différance, u.ä. inkl.), Wahrnehmungsverarbeitung und zugehörigen Klassifizierungsleistungen zu tun hat. Du “mußt voraussetzen”, daß das (zeitgleich oder vorher) funktioniert, denn ohne diese Bewußtseinsleistungen kann auch “keine” Materialwahl erfolgen.

              2) Konstruktivistische u.a. Positionen würden feststellen, daß ein Text nur les- und interpretierbar ist, wenn entsprechende Abstraktions-, Generalisierungs-, Assoziations-, Inferenz-, etc. Prozesse stattfinden, bei denen von “materiellen” Aspekten notwendigerweise abgesehen werden muß. Ich betone “muß” – denn ohne diese Prozesse ist “keine” Semiose (-> keine Zeichenbildung – egal in welchem Medium!) möglich. Da sind sich bspw. Saussure, Peirce und Derrida bei allen sonstigen Unterschieden einig.

              Oder anders gewendet: Von Zeichen kann erst sinnvoll gesprochen werden, “wenn” Materielles keine Rolle spielt. Ergo: sog. “Wortkörper” (Signifikanten) “sind” (nicht) [weder einfach an- noch abwesend], v.a. entsprechen sie “nichts Materiellem”.

              In dieser Hinsicht (also: bzgl. der Konstitution und des Prozessierens solcher Zeichen, Unterscheidungen, Formen – hier alles als synonym angesehen) existiert auch kein “prinzipieller” Unterschied zwischen normaler Schrift (also: nicht die erweiterte Schrift sensu Derrida) und Oralität. Dein Hinweis auf Objektpermanenz
              läuft da ins Leere: denn wir haben es bei Zeichen (wie bei Systemen) mit trans-klassischen Objekten zu tun, d.h. sie “sind” nicht (gegeben – und schon gar nicht materiell).

              Das Non-Thema konstruktivistischer Positionen ist m.E. Deine Frage nach der Materialwahl: diese wird quasi als irrelevant geschluckt (oder als “sekundär” vorausgesetzt und dadurch “marginalisiert”).

              Warum? Weil der Fokus wohl auf Signifizierungsleistungen liegt (oder dann Anschlüssen bzgl. Kommunikation) liegt.
              Es wird also “vorausgesetzt”, daß eine solche Materialwahl stattgefunden hat. Und
              das ist ja immer schon der Fall, wenn unterschiedliche Medien selegiert werden (Körper als Medium beim Nonverbalen, Oralität, Skripturalität, usf.).

              ~Peter

  • Peter Bormann  On February 17, 2012 at 9:14 AM

    Hier noch eine Überlegung, die dann für die nächsten Tage reichen muß [aber nicht weil ich mich in Fasnacht stürze, sondern weil ich mich u.a. um Informatik-Dinge kümmern muß :-)]:
    “Dass eine Konstruktionszeichnung und anderes als Anweisung gelesen/betrachtet wird, verlangt einiges mehr als nur die Zeichnung. Aber wenn der Anweisungszusammenhang gegeben ist, dann fungiert die Zeichnung als Anweisungsträger, so wie ein Text als Anweisungsträger dienen kann.”

    Hier läßt sich sehr schön Dein blinder Fleck erkennen: die erwähnten Semiose-, etc. Leistungen. Ohne diese (und hier kämen dann auch itérabilité, Injunktivität, etc. rein) gäbe es “rein gar nichts” (im Zeichensinne – notabene: geben, existieren, sein paßt zu Zeichen als “trans-klassischen” Objekten einfach nicht mehr!), was als Anweisungen (zur Konstruktion von Realität, zur Exekution von Handlungen, zur Herstellung von was auch immer) fungieren könnte: nada.

    Aber darüber müßte man sich auch keine Gedanken machen, denn auch Denken und Kommunizieren (im soziologisch relevanten Sinne) wären unmöglich. Wobei ich mich frage: es geisterte vor kurzem ein Bericht durch die Medien, daß “Kommunikation” mit Delphinen möglich gewesen sein soll. Ich würde vorschlagen, daß wir uns das auf Borgens Beite einmal an-borgen [@ALBorgia: interessante etymologische Verbindungen, die Du da gefunden hast. Es fehlt nur noch die Posh-Brücke :-)].

    “Die Anweisung sehe ich aber nicht technisch, ich sehe nur diese Träger der Anweisung als technische Produkte.” – ohne die von mir angesprochene Semiose (im erweiterten Sinne, also mit différance, u.ä.) kann weder sinnvoll von “Anweisung” noch von “technisch / nicht technisch” und auch nicht von “Anweisungsträger” oder “technischem Produkt” gesprochen werden.

    Zudem nähern wir uns einander an, weil Deine Frage nach dem “Träger” meiner Frage nach der “Oberfläche” (als Einschreibung im erweiterten Sinne) ähnelt. Aber, wie erwähnt, bei Semiose- und Kommunikationsleistungen fällt das (wie alles, was sonst mit Materiellem zusammenhängt) unter den Tisch (wird geschluckt, marginalisiert, etc.).

    ~Peter

    • Rolf Todesco  On February 17, 2012 at 10:59 AM

      ok, auch hier sind wir uns einig über die Abstraktion des Materiellen und beurteilen sie verschieden. Hier ist die Sache in meiner Leseweise – noch etwas zugespitzter. Es geht nicht(nur) um Unterscheidungen, sondern um ein Primat von Unterscheidungen. Man kann eine Semiose VORAUSSETZEN oder man kann ein toolmaking VORAUSSETZEN.

      Und im Re-Entry auf der Semiose-Seite frage ich mich, wie Zeichen je wahrgenommen werden könnten, wenn sie nicht hergestellte Gegenstände wären. Aber diese Frage ist natürlich an meine Sicht gebunden, also keine Frage, die ich an Form-Semiose-Theoretiker richten will.

      Ich bin sehr gespannt, wie Du Deinen “Oberflächen-Ansatz” entwickeln wirst. Für mich ist vorab klar, dass verschiedene “Oberflächen” enorme Konsequenzen haben. Klaus Kusanowsky geht diesbezüglich aufs Ganze und behauptet, dass es früher Dokumente gegeben habe (er meint wohl Texte auf Papier, die als Original fungieren können), während es jetzt keine Dokumente mehr gebe. http://differentia.wordpress.com/2010/08/17/die-simulierbarkeit-von-dokumenten-2/

      Das finde ich eine KRASSE Konsequenz der Vernachlässigung der “Oberfläche”

    • AL  On February 17, 2012 at 1:29 PM

      Mein Vorschläg wäre hier nochmal (wie schon per Mail) nicht vom Sema (Semiose) auszugehen, sondern mit JD oder GSB vom cross! bzw (re-)mark!.
      Beides sowohl als Substantiv (Markierung/Kreuzung) als auch als genuin technischer Imperativ/Injunktion: “Markiere/kreuze oder auch: Überschreite (wieder)!”

      Die zugrundeliegende Oberfläche (ein durchlässiges, diaphanes Membran, das schwankt zwischen von unten/hinten durchstossen – Lochmaske- werden und von oben eingedrückt) (unmarked but (re-)markable state; basale Wieder-Markierbarkeit ist dann im Zwischen zu “verorten”…

      Aber huch, ich bin im falschen Sektor unserer Galaxie unterwegs…

  • AL  On February 19, 2012 at 3:41 PM

    “Es wird also “vorausgesetzt”, daß eine solche Materialwahl stattgefunden hat.”

    Wahl legt überdies nahe, es gäbe bereits vorfindliche Entitäten, die nur noch adaptiert werden müssten. Deswegen wäre m.E., um das auszudrücken, was möglicherweise Rolfs Intension ist, der Begriff der Entscheidung dem der Wahl vorzuziehen.
    Und mit Nina Ort “die Entscheidung, eine Unterscheidung zu treffen, mit in den Unterscheidungskalkül einzubeziehen. Diese Entscheidung entspricht der Verdoppelung des Unterscheidungsbegriffs in einem prälogischen “Raum”.

    Bei dieser “Entscheidung, eine Unterscheidung zu treffen” handelt es sich dann freilich um sowas wie die von Derrida “passive Entscheidung” oder “Entscheidung des Anderen” genannte Entscheidung. Nämlich eine Entscheidung, der, weil ihr eine Aufforderung voranging (draw a distinction! etc) jeglicher voluntative Dezisionismus abgeht.

    • Peter Bormann  On February 19, 2012 at 5:07 PM

      Hi André,

      guter Vorschlag, aber diese Überlegung müssen wir noch genauer die nächsten Tage diskutieren.

      ~Peter

      • AL  On February 19, 2012 at 5:40 PM

        Och nöö! Können wir es nicht einfach so machen wie ich sage? :)

        • Peter Bormann  On February 20, 2012 at 8:56 PM

          Nöööö :-) Ich meine, wir sollten das gemeinsam unter die Lupe nehmen. Denn da gibt es doch einiges dazu zu sagen.

          LG PB

  • AL  On February 21, 2012 at 10:25 AM

    “So go ahead and write a fugue that we can sing.”

    Nehmen wir die Lupe (als dinghaftes technisches Instrument) unter die Lupe, und beobachten, wie ihr funktionieren darin besteht, selbst (als Materialität) zu verschwinden?

    • Peter Bormann  On February 21, 2012 at 11:51 AM

      Ihre Materialität verschwindet ja nicht – sondern der Aufmerksamkeitsfokus wird darauf
      nicht gerichtet – These: ausser im Falle von “Irritationen” [“Bäh, die Lupe liegt doof in der Hand”; “mon Dieu, welches Ferkel hat die Lupe so zugesaut, da kann man ja gar nichts erkennen”, usf. :-)].

      Die Frage nach der “Materialentscheidung” ist also weiterhin offen.

      ~Peter

      • AL  On February 21, 2012 at 12:28 PM

        Ist Verschwinden etwas anders als ein Aufmerksamkeits-Entzug?
        Mir ging es nur darum, dass die Lupe als Mittel und Medium, ihre brechende, gebrochene Durchsichtigkeit (Diaphane), nur Sichtbarkeit hervorbringen und herstellen kann, wenn sie selbst in den Hintergund tritt. Je besser sie das tut, desto besser lupt sie.

        (Dazu fand ich Mersch sehr überzeugend: http://www.ikkm-weimar.de/personen/mitarbeiterverzeichnis/prm/159/v__d_v/id__87/index.html)

        Eben für sich kein Ansich opaker Materialität reklamiert. Das macht sie in den von Dir benannten Störfällen, ist dann aber kein technischen Instrument mehr, sondern ein ihrerseits technisch zu bearbeitender (zu reinigender, in puncto usability zu verbessernder) Gegenstand.

        Materialentscheidung meint ja nur den Hinweis auf einen pro- und retensionalen nicht-totalisierbaren, uneinholbaren Anweisungs-, Verweisungs- und Verwiesenheitszusammenhang (Tisch braucht Holz, braucht Baum (braucht Wasser und Sonne), braucht Holzfäller etc), der sich für den Hersteller selbst rezeptartig fungierend simplifiziert (“Man nehme drei Pfund Gehacktes…”).

        Diese fungierende Simplifikation muß ihrerseits auf eine Technik rekurrieren.
        Bis hin zu derjenigen, die Mannigfaltigkeit der Sinnesdata zu sortieren, zusammen zu fassen und zu vereinheitlichen (bei Kant übernimmt die Maschine des “tranzendentalen Schematismus” diese Aufgabe.)

        • Peter Bormann  On February 21, 2012 at 12:46 PM

          Die “Figur / Hintergrund”-Unterscheidung, die in diesem Zusammenhang gerne für Wahrnehmungen verwendet wird,
          müßte vielleicht generalisiert werden mit Blick auf jeden Medien(formen)- und Technik-Gebrauch als: “Fokussierung / De-
          fokussierung”?

          “auf einen pro- und retensionalen nicht-totalisierbaren, uneinholbaren Anweisungs-, Verweisungs- und Verwiesenheitszusammenhang” – Sehr guter Punkt!

          CU PB

          • AL  On February 21, 2012 at 7:16 PM

            “Technik-Gebrauch als: “Fokussierung / De-
            fokussierung”? ”

            Wenn man Tools und Zeuge wirklich differentiell als Marken, Supplemente, trait, Prothesen und “Unterschiede, die einen Unterschied machen” denken will, dann geht Visibilität/Invisibilität damit einher, dass der Unterschied, der die Unterscheidung macht, hinter die gemachte Entscheidung zurücktritt, dort verschwindet?

            “Weil er sich entzieht, ist der Zug (trait) apriori Entzug (re-trait), Nicht- Erscheinen, Verschwinden, Löschen seiner Markierung in seinem Aufriß.” (Derrida, Der Entzug der Metapher)

            • Peter Bormann  On February 21, 2012 at 7:54 PM

              Hm, das muß ich erst einmal langsam durchdenken.
              Generell meine ich, daß wir minimal mit einer “triadischen Konstellation” zu tun haben.
              Bspl.: unmarked space [und wäre das nicht eine Art “vorlogischer Raum”, sensu: hier sind passive Entscheidungen verortet, z.B. hinsichtlich der Material- und Medien-Entscheidung, Kontextualisierungen (Verwiesensein, Anweisung, etc.)] – unmarked state / marked state]? Dieser unmarked space läuft als “Drittes”, bei jeder Unterscheidung mit. Ich meine, bei Stäheli “Sinnzusammenbrüche” etwas Derartiges gelesen zu haben. Vielleicht läßt sich das mit Derrida vergleichen.

        • kybernetiks  On February 21, 2012 at 6:44 PM

          Danke für den Link zu Mersch, das scheint mir ein gut angelegter Ausgangspunkt, da könnten wir anfangen – ich nehms in die todos

          • AL  On February 22, 2012 at 10:30 AM

            @Peter

            Ich würde sagen, ob die Konstellation zwei-, drei-, vier- oder mehrstellig ist, hängt natürlich immer davon ab, wie man zählt. Von der benutzten Arithmetik. Und zählen wird generell schwierig, wenn die Einheit der Eins nicht abschlußhaft gegeben ist, immer mehr oder weniger markiert als sie selbst.
            (Das ist ja kennzeichnend für die supplementäre Struktur: eine gerundete Fülle ist nie erreicht, sondern stets muß etwas hinzukommen, um ein “ursprüngliches” Fehlen zu ersetzen und anzureichern.)
            Insofern bringt es m.E. nichts, das Tertium non datur einfach zu negieren. Das Dritte, was hier gedacht werden soll (nämlich als “weder EINS noch ZWEI”, sondern ZWISCHEN) ist dann nur ein Synonym für die Nicht-Identität der Eins.
            Nicht für eine jungfräuliche Schreibunterlage.

            • Rolf Todesco  On February 22, 2012 at 11:30 AM

              @AL ich lese Deine Beitrag als Aussenseite zur Technik. Das Alles wird durch Technik ausgeschieden. Von Technik spreche ich erst NACH erfolgter Festlegung, die als “Wiederholbarkeit” gedeutet werden kann, aber eigentlich hergestellte Objekte/Mechanismen meint.

            • Peter Bormann  On February 22, 2012 at 8:58 PM

              @Rolf: Genau hier würde ich anders für mein Techniksystem optieren: ausgehend vom sozialen Anschluß von Konstruktionsanweisungen / Designs würde ich technische Implementierungen / Realsierungen als “kontingent” ansehen. D.h., das kann erfolgen, muß aber nicht. Denn die soziale Anschlußlogik würde – so zumindest meine These – nicht über technische Artefakte, sondern via Konstruktionsdesigns / -Anweisungen (Algorithmen inkl.) erfolgen.

            • AL  On February 22, 2012 at 1:01 PM

              @Rolf
              “Von Technik spreche ich erst NACH erfolgter Festlegung.”

              Könntest Du festlegen, wann diese techniksprachehervorbringende Festlegung beginnt und wann sie erfolgreich zum Abschluß gekommen ist?

            • Rolf Todesco  On February 22, 2012 at 1:13 PM

              > AL: Könntest Du festlegen, wann diese techniksprachehervorbringende
              > Festlegung beginnt und wann sie erfolgreich zum Abschluß gekommen ist?

              @AL: hmmm…. ich sage doch nur, wann ich von Technik spreche: überall dort und nur dort, wo ich eine solche Festlegung erkenne und benennen kann. Es gibt für mich keine “techniksprachehervorbringende Festlegung”, ich mache sie.

            • AL  On February 22, 2012 at 1:24 PM

              “Es gibt für mich keine “techniksprachehervorbringende Festlegung”, ich mache sie.”

              Ich meine ja: Kannst Du festlegen (oder eben beschreiben) WIE Du sie machst?
              Und sag jetzt nicht: “einfach so halt.” :)

            • Rolf Todesco  On February 22, 2012 at 1:42 PM

              ;-) und sag jetzt nicht so halt !!

              ich kann nicht sagen, wie ich das mache, sondern nur, DASS ich es mache. Ich kann überhaupt nicht sagen, wie ich etwas mache, was ich im ich mache. Ich kann nicht sagen, wie ich wahrnehme, wie ich denke, wie ich … spreche. Aber ich kann sagen, DASS ich wahrnehme, DASS und WAS ich spreche. Und ich kann darüber sprechen, wann ich welche Wörter verwende. Und das alles: halt einfach so !

            • AL  On February 22, 2012 at 6:10 PM

              “Von Technik spreche ich erst NACH erfolgter Festlegung.”
              “Es gibt für mich keine “… Festlegung”, ich mache sie.”
              “ich kann nicht sagen, wie ich das mache, sondern nur, DASS ich es mache. ”

              Wenn Dir das reicht und Du keine Lust und Neugier versprüst, dem WIE vielleicht doch noch auf die Schliche zu kommen, dann ist das völlig ok! :)

            • Rolf Todesco  On February 22, 2012 at 6:45 PM

              na ja, Du machst da ja ein Angebot, das ich nicht ausschlagen kann. Da bin ich aber sehr gespannt.

            • Peter Bormann  On February 22, 2012 at 8:42 PM

              Hi André,

              nur kurz: Ich bin mir nicht sicher, ob das bspw. dem Bemühen von Günther wirklich gerecht wird. Aufschlußreich könnte hier die Lektüre von R. Kaehr sein, der anscheinend Günther mit Derrida zu koppeln sucht.

  • kybernetiks  On February 21, 2012 at 11:28 AM

    Nehmen wir die Lupe (als dinghaftes technisches Instrument) unter die Lupe (als dinghaftes technisches Instrument) , dann sehe ich die Lupe vergrössert, aber nicht wie sie funktioniert.

    Wenn ich die Lupe mit einer hinreichend starken Lupe (Elektronenmikroskop) anschaue, sehe ich gar nichts mehr, was wenig überraschend ist, weil ich dann ja durch eine Lupe schaue, die ich mit den Händen anfassen kann und überdies weiss, dass Lupen keine Materialität zeigen können.

    Ich bin gespannt, was Ihr verschwinden seht.

    • Peter Bormann  On February 21, 2012 at 11:48 AM

      “aber nicht wie sie funktioniert” – Ich vermute, daß das ein “allgemeines” Merkmal ist (von allen möglichen Medien und dann auch von Technik). Beispiele:
      * Wir benutzen Zeichen, v.a. Sprachliches, tagaus und tagein. Aber wie diese Prozesse “genau” funktionieren, wissen die meisten nicht. Es funktioniert – that`s it. Und nur im Irritationsfall wird die Aufmerksamkeit beim täglichen Prozessieren überhaupt darauf gerichtet, bspw. mit Blick auf Korrekturprozesse (in der Kommunikation).

      * Ähnlich beim Körper. IdR sollen diese ganzen komplexen Körpersysteme funktionieren – und wir machen uns wohl im Alltag nur dann darüber Gedanken, wenn das nicht der Fall ist (schlecht geschlafen, Magenweh hier, Arm schmerzt, usf.). Und selbst dann ist das Wissen über die genaue Funktionsweise idR nur rudimentär.

      * Das gilt dann auch für den Gebrauch jeder Technik. Wissen: rudimentär, Irritationen (“Mist, xy geht nicht”) -> Aufmerksamkeitsabsorption.

      ~Peter

  • Rolf Todesco  On February 21, 2012 at 1:04 PM

    > * Das gilt dann auch für den Gebrauch jeder Technik.
    > Wissen: rudimentär, Irritationen (“Mist, xy geht nicht”)

    ich schlage vor, dass wir uns eine Unterscheidung bewusst machen und sie jedesmal benennen:
    Technik versus Technik-Gebrauch

    Mich interessiert beispielsweise WIE eine bestimmter Mechanismus funktioniert, aber gerade nicht OB er funktioniert. “Mist, xy geht nicht” hat für mich nichts mit Technik zu tun, sondern mit Frust angesichts nicht erfüllter Erwartungen.

    Alle PsychoSoziologen, die ich bislang zur Technikfolgenschätzung gelesen habe, haben sich mit komischen Erwartungen aber nie mit Technik befasst. Aktuell etwa
    schreiben viele über die Fuku-AKW-Katastrophe. Aber was sie schreiben hat für mich mit Technik gar nichts zu tun. Technisch wäre, wenn sie einen Mechanismus beschreiben würden, den man im Fuku-Ereignis erkennen könnte. Aber so etwas ist mir nie begegnet. Der Grundtenor lautet immer: “es gibt” eine AKW-Technik und wenn wir sie anwenden (Gebrauch) herrscht Risiko/Gefahr.

    Risiko/Gefahr korreliert mit Gebrauch, nicht mit Technik

  • Peter Bormann  On February 21, 2012 at 4:06 PM

    “Das Wie des Funktionieren von xy” ist vielleicht “die” technisch(-wissenschaftlich)e Grundfrage, Aber sie ist idR für die Anwendung nicht relevant (-> too much complexity). Selbst Leute, die sich sehr gut in einer Technik auskennen, können das Funktionieren tw. “nur ungefähr” beschreiben – oft muß dazu auf frühere Erfahrungen (und eine Kompetenz im Umgang), auf Quellen, in denen man das im Detail nachlesen könnte, Experten, die sich besser damit auskennen, etc. verwiesen werden.
    Ergo: Es macht sowohl im Alltag als auch für Soziologen Sinn, (mangels technisch-wiss. Kompetenz) “nicht” nach dem genauen Funktionieren von Technik xy zu fragen, sondern sich auf den Gebrauch von xy (den damit verbundenen Erfahrungen, kontextspezifischen Umgangsstilen und Erwartungen) zu fokussieren und nur im Irritationsfall (z.B. beim Nicht-Funktionieren) nachzuhaken (und dann idR auch nicht zu tief).
    Es ist aber Aufgabe von (Technik-)Wissenschaft, “disziplinspezifisch” nach dem genauen Funktionieren von xy zu fragen. Praktiker(innen) – wenn Du a bisserl nachhakst – kommen oft schnell ins Schwimmen, sobald es um wissenschaftliche Spezialkenntnisse (Chemie, Physik, Maschinenbau, etc.) geht, die man haben müßte, um die Frage zu beantworten: “Wie fkt. das genau?”.
    Du verlangst anscheinend von Nicht-Techniker(inne)n, daß sie zutiefst technisch(-wissenschaftlich)e Fragen beantworten – was für mich wenig Sinn macht. Bspl.: Ich würde keinen Physiker fragen, wie er eine Operation am Herzen von Patient XY durchzuführen gedenkt (das Resultat wäre so oder so: Exitus).
    In short: Wenn Du eine “genuin technische” Einschätzung zum Zustand von Fukushima möchtest, wieso fragst Du dann Soziologen (etc.), die sich mit Technologiefolgenabschätzung befassen und wahrscheinlich auch nicht mehr
    Allgemeinwissen zum Funktionieren von Kernreaktoren (und ihrer Schmelze) haben als Hinz und Kunz?

    Zudem ist die Trennung von Funktionieren und Benutzen wohl nicht eindeutig? Meine These: Das Wie-Funktionieren kann das Wie-Benutzen affizieren und umgekehrt.
    Wir müssen daher wohl doppelte re-entries bei der Unterscheidung von “Funktionieren / Benutzen” erkunden.

    ~Peter

  • kybernetiks  On February 21, 2012 at 7:07 PM

    hmmm…
    > “Das Wie des Funktionieren von xy” ist vielleicht “die”
    > technisch(-wissenschaftlich)e Grundfrage, Aber sie ist idR
    > für die Anwendung nicht relevant

    ok, das ist genau die Unterscheidung, die ich vorschlage. Technik versus Anwendung.
    Ich meine aber nicht, dass sich Soziologen oder Alltagsmenschen oder Physiker oder Mathematiker usw darum kümmern sollten, wie ihr Auto oder wie ein AKW funktioniert. Und zwar unabhängig davon, ob das Auto oder das AKW gerade funktioniert oder nicht. Die Anwender und das allfällige Kaputtsein interessieren mich nicht.

    Die Frage HIER scheint mir zuerst: Was ist die Grundfrage? Da sind wir einig:
    “Das Wie des Funktionieren von xy” ist die KYBERNETISCHE Frage. Wir sollten HIER untersuchen, wie die Frage gemeint sein kann, also was wir als mögliche Antworten akzeptieren würden. Un din welchen Theoriekontexten die Frage welchen Sinn macht.

    Hier geht es um Technik, nicht um ein kaputtes AKW.
    Hier müssten wir klären, warum jemand angesichts eines AKWs an Technik denkt, aber beispielsweise angesichts einer Maus oder eines Berges nicht. Einverstanden?

    • Peter Bormann  On February 21, 2012 at 8:01 PM

      Plaziere bitte die Grundfrage `mal in der TODO-Liste. Ich werkele gedanklich dann auch daran, wenn ich mich mit der möglichen “Funktion” eines Technik-Funktionssystems befasse.

      Apropos AKW-Maus-Berg:
      Ich denke, das berührt die Grundfrage im Sinne eines “Funktionsmechanismus” (dieser kann dann auch für biologische Prozesse entworfen werden, wie das Varela / Maturana getan haben – und das mag sogar tw. maschinell simulierbar / realisierbar sein).

      Ein Berg operiert freilich nicht. Lebendes, Bewusstes, Soziales können dagegen als “Operationszusammenhänge” angesehen werden. Beim Berg würden eher “natürliche” Prozesse beschrieben werden, z.B. Witterung, u.ä. -> wir laden damit wohl bei der Schließung / Öffnung von Operationszusammenhängen / keinen Op.zs.h.en

    • Peter Bormann  On February 21, 2012 at 8:10 PM

      Statt den Substantiven “Technik / Anwendung” würde ich lieber “Verben” verwenden, also: “Funktionieren / benutzen” -> das sind aber zwei miteinander kurzgeschlossene Unterscheidungen: “funktionieren / nicht funktionieren” und “benutzen / nicht benutzen”.
      Wir sollten dann dreierlei tun:
      1) auf der Außenseite der Unterscheidung nach weiteren Möglichkeiten suchen
      2) beide Unterscheidungen koppeln -> “funktionieren / benutzen”
      3) alle re-entries mit Blick auf mögliche Affizierungen durchdenken.

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