Todesco / Kybernetik / mechanizistisches Denken

Die kybernetische Wende besteht darin, geregelte Mechanismen, also Automaten zu beschreiben, während davor im Zeitalter der Entwicklung der Naturwissenschaften das Interesse ungeregelten Maschinen galt. Die klassischen Naturwissenschaften befassen sich mit der Quatifizierung von Kraft und Energie, während sich die Kybernetik mit der Konstruktion der Steuerung befasst.

Die Kybernetik beschreibt also nicht Maschinen, die wir steuern müssen, sondern solche, die sich selbst steuern. J. Watt hat die Dampfmaschine 1765 durch eine Regelung brauchbar gemacht, aber das Augenmerk der noch naturwissenschaftlich orientierten Technologie blieb auf der Thermodynamik, die N. Carnot sechzig Jahre später erst formuliert hat. J. Maxwell hat 1867, also hundert Jahre nach der Wattschen “Erfindung” eine mathematische Theorie der Regelung geschrieben, aber als Mathematiker befasste er sich nur mit quantitativen Aspekten der Regelung, er hatte den generellen Sinn der Regelung nicht erkannt. Auch A. Turing und J. von Neumann standen in der mathematischen Tradition, sie sahen den Computer nur als Rechenmaschine, nicht als Steuerung. Erst N. Wiener hat während des 2. Weltkrieges quasi entdeckt, was schon lange erfunden und mathematisch beschrieben war: die Regelung des  Mechanismus durch Feedback, die er Kybernetik nannte.

Die Kybernetik hat die Naturwissenschaft im Engineering aufgehoben. Das kybernetische Denken ist insofern mechanistisch als es die Beschreibung von Mechanismen als Erklärungen verwendet. Umgekehrt erscheint durch die kybernetische Brille jede Erklärung als eine Beschreibung eines Mechanismus. Wenn der Erklärende sich seiner Mechanik nicht bewusst ist, sind seine Erklärungen oft mechanizistisch oder pseudomechanisch.

Kommunikationstheorien, wie etwa jene von N. Luhmann, machen diese Differenz deutlich. Kommunikation und Information sind kyberentische Konzepte, die in der Kybernetik ganz mechanisch gedacht werden und jenseits eines Mechanismus – kybernetisch gesehen – ihren theoretischen Sinn restlos verlieren (was beispielsweise G. Ropohl in seiner Luhmannkritik drastisch formuliert hat). Die Terminologie, die N. Luhmann teilweise von T. Parsons übernommen hat, strotzt vor kybernetischen Begriffen wie System, Programm, Operation, Code usw, die ohne Mechanismus in einer selbstreferentiellen Semiose begründet werden, weil sie ohne Referenzobjekte ohne begriffliche Definitionen auskommen müssen. Die Verdrängung der technischen Herkunft dieser Begriff verführt immer wieder dazu, bei pseudomathematischen Konzepten Anschluss zu suchen, die dann in Paradoxien oder in den Schleifen einer Semiose enden, die sich – wie fiat money – aus sich selbst schöpfen muss.

Die Kybernetik benutzt technische Artefakte zur Relativierung ihrer Begriffe, indem das, was mit Begriffen erläutert wird, auf einer konstruktiven Ebene nochmals dargestellt wird. In der Technologie kann in dem Sinne klar über Code, Programm und Operation gesprochen werden, als die Referenzobjekte nicht nur sprachliche Konstrukte, sondern objektivierte Verhältnisse darstellen, die jeder Sprache im Sinne einer Gleichzeitigkeit vorausgehen.

Das mechanizistische Denken ist zuerst daran zu erkennen, dass es über Technik nichts zu sagen weiss und statt dessen einen idealistischen Zeichenprozess beschwört, wie ihn etwa C. Peirce konzipiert hat. Ich werde darauf zurück kommen, aber zuerst etwas konkreter auf die kybernetisch gesehene Technik eingehen und etwas zur kybernetischen Begrifflichkeit sagen.

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Comments

  • Peter Bormann  On February 21, 2012 at 11:27 AM

    Hi Rolf,

    hier einige Anmerkungen:

    “die ohne Mechanismus in einer selbstreferentiellen Semiose begründet werden, weil sie ohne Referenzobjekte ohne begriffliche Definitionen auskommen müssen.”

    M.E. geht da einiges durcheinander:
    1) Selbstreferenz kommt generell ins Spiel, wenn auf Universalismus bzw. Totalität abgezielt wird. Das kann mathematisch sein (die Menge aller Menge, die xy), philosophisch (bspw. bei der Unterscheidung “transzendental / immanent” oder bzgl. Bewußtsein wie bei Hegel), soziologisch (Soziales, das Soziales beschreibt), linguistisch (mit Blick auf Objekt- und Metasprachliches), etc. – und auch in der Informatik wird das unter Stichworten wie “Rekursivität” oder “Meta-Programmierung” thematisiert. Es ist dann die Frage, wie damit umgegangen wird.

    Heutzutage wird mitunter auf Entfaltung von Selbstreferenz gesetzt, um (traditionelle) (Letzt-)Begründungsfiguren zu ersetzen, die bspw. auf Ebenen-Differenzierung (Meta- / Objektebene, transzendentale Möglichkeitsbedingung von / Immanentes, etc.) zwecks Ent-Paradoxierung rekurrieren.
    Ich denke, selbst in der Kybernetik kann mit solcher Selbstreferenz operiert werden.

    2) Die Semioseprozesse, auf die Du anspielst, können nicht nur, sondern müssen sogar “ohne” solche “Referenzobjekte” (zumindest als Referenten) auskommen können, weil sie ansonsten nicht funktionieren würden. Das gilt dann auch für Kybernetik. Man könnte daher entgegnen: Das Problem der Kybernetik ist wohl die Marginalisierung von Semiose bzw. prinzipiellerer “Mechanismen” unterscheidungsbasierter Ansätzen, die überhaupt erst die Formulierung von Kybernetik ermöglichen.

    3) Die technische Herkunft der aufgezählten Begriffe kann einer soziologischen Systemtheorie m.E. “egal” sein, weil sie ohne eine entsprechende “Rekonzeptualisierung” in einem soziologischen Kontext unbrauchbar sind. Denn was für kybernetisch-technische Prozesse gelten mag, gilt nicht zwangsläufig für Soziales (und vice versa).

    4) “Referenzobjekte nicht nur sprachliche Konstrukte, sondern objektivierte Verhältnisse darstellen, die jeder Sprache im Sinne einer Gleichzeitigkeit vorausgehen.” -> Das erinnert alles an sehr “klassische” Formulierungen, die auf den besagten Medien-Welt-Dualismus verweisen. Du meinst es anders, aber die gesamte Formulierungsweise bleibt “traditionell” (dualistisch) – und das überzeugt (mich) nicht. Wir kämen mit der von André vorgeschlagenen Überlegung (Entscheidungen in einem prälogischen “Raum”, unmarked space vs. marked / unmarked state, etc.) wohl weiter.

    5) “Das mechanizistische Denken ist zuerst daran zu erkennen, dass es über Technik nichts zu sagen weiss…”
    Wenn wir uns auf Soziologie beziehen, dann kann diese Technisches durchaus soziologisch beobachten, z.B. mit der Unterscheidung “Risiko / Gefahr”. Sie hat nur wenig zu “technischem Funktionieren” per se zu sagen.
    Bspl.: Wenn ich wissen will, wie eine Unternehmenssoftware in einem Großrechnerkontext “funktioniert”, dann frage ich entspr. Software-Entwickler, aber “ganz sicher nicht” Soziolog(inn)en, weil letztere kaum etwas Relevantes dazu beizutragen haben.
    Soziologen (und Psychologen) können aber wiederum etwas dazu sagen, wie user mit der Software umgehen (welche Unterscheidungen zugrunde gelegt werden, wie sich dadurch ihre Arbeitsweise ändert, etc.). Das ist also eine Frage des fachspezifischen Fokus.

    6) “und statt dessen einen idealistischen Zeichenprozess beschwört, wie ihn etwa C. Peirce konzipiert hat.” Das Problem, das ich mit solchen Formulierungen habe, ist, daß ich nicht weiß, was mit “idealistischem Zeichenprozeß” gemeint ist, zumal ich nicht weiß, was ein “materialistischer Zeichenprozeß” sein soll. Die Material”entscheidung”, auf die Letzteres anspielt, setzt ja selbst Wahrnehmungs- und Unterscheidungsprozesse voraus – ansonsten ist da “nichts” zu entscheiden [bzw. es müßte m.E. die Materialentscheidung erweitert werden, so daß auch Entscheidungen pro / contra Medien darunter fallen (Körperlichkeit, Oralität, usf.)].
    Und wenn solche Prozesse als basal-konstitutiv anzusehen sind, dann macht es auch keinen Sinn, zu sagen, daß darauf abgestellt wird, um nicht über Technik (im kybernetischen Sinne) sprechen zu müssen. Wieso sollte sich das “ausschließen”? Denn ohne solche Prozesse ist auch “keine” Kybernetik(-formulierung) möglich. Zumal “Technisches” (im Basalsinne) “immer schon” in solche Unterscheidungsprozesse eingeschrieben sein könnte…

    7) Ad Gebrauch “pseudomathematischer Konzepte”: Man mag einiges an Dirk Baeckers Ansatz kritisieren, aber der “Verdienst” seiner soziologischen “Interpretation” der Laws of Form ist wohl, daß ein “Ausdrucksmittel” gesucht wird, das abstrakt genug ist, um pluridisziplinären Austausch zu ermöglichen.
    Das heißt: Die LoF könnten als Basis dienen, um ganz verschiedene Phänomene (soziologisch relevante Kommunikation, tierische Verhaltenskoordination, biologisch-selbstreferentielle Prozesse, psychologische Prozesse, zelluläre Automaten, Fraktales, etc.) zu diskutieren – und das ist durchaus interessant, weil daraus einiges gelernt werden kann.

    8) Fazit: Deine Kontrastierung von mechanistischem (kybernetischem) und
    mechanizistischem Denken läuft eigentlich auf die Klage hinaus, warum die soziologische Systemtheorie “keine” Kybernetik ist. Das kann freilich auch umgedreht werden: Warum ist die Kybernetik bspw. für unterscheidungsbasierte (semiotische, dekonstruktive, mediale, etc.) Prozesse wohl “irrelevant” (denn das ist anscheinend ihr “Non-Thema”, d.h. wird einfach “vorausgesetzt”)?

    Es scheint mir allerdings “fruchtbarer” zu sein, zu untersuchen, wie Kybernetik, Systemtheorie (und andere Ansätze) Technik-Phänomene jeweils beobachten – und daraus Lernerfahrungen zu ziehen. Diese Art der Kontrastierung ist dagegen relativ “überraschungsarm”, finde ich.

    ~Peter

  • Rolf Todesco  On February 21, 2012 at 11:34 AM

    1) Selbstreferenz …. und auch in der Informatik wird das unter Stichworten wie “Rekursivität” oder “Meta-Programmierung” thematisiert.

    das müssen wir anschauen. Ich meine, Du kannst auch alle philosophischen Frage zur Selbstreferenz mitbehandeln, aber hier im Technologieblog interessiert mich natürlich, was der Ausdruck in der Technik hergeben könnte.
    Damit haben wir einen konkreten Programm-Punkt. Einverstanden?

    • Peter Bormann  On February 21, 2012 at 11:41 AM

      Alle “möglichen” Fragen zur Selbstreferenz (Immunsystem, Hegel, bla bla blubber) möchte ich auch nicht behandeln. Aber da das eines meiner Examen-themen war, kann ich zu Metaprogrammierung auch etwas sagen und v.a. konkrete Anwendungsbeispiele geben.

      Daher d´accord bzgl. des “Programmpunkts”. Haben wir das nicht sogar als eigenen Themen-Block? Muß ich checken.

      Gecheckt: Existiert schon in unserer Themenliste (bei
      Thema 6 “S. Krämer”):
      “NSI: Das Thema Selbstreferenz als Meta-Programmierung in der Informatik”

      ~Peter

  • Rolf Todesco  On February 21, 2012 at 11:37 AM

    2) Das Problem der Kybernetik ist wohl die Marginalisierung von Semiose bzw. prinzipiellerer “Mechanismen” unterscheidungsbasierter Ansätzen, die überhaupt erst die Formulierung von Kybernetik ermöglichen.

    Das ist auch ein “Perfekter Programmpunkt”. Hier interessiert mich, wie die Kybernetik durch dieses Problem betroffen ist. Welche Aussagen der Kybernetik beispielsweise auf welche Art problematisch werden. Einverstanden?

    • Peter Bormann  On February 21, 2012 at 12:06 PM

      Wenn Du eine “TODO-Liste” für solche Fragen hast, dann setze diesen Punkt darauf, damit wir später darauf zu sprechen kommen können.

  • Rolf Todesco  On February 21, 2012 at 11:41 AM

    3) Rekonzeptionalisierung und
    4) was Andre vorschlägt
    das sind Programmpunkte, die ich mir bislang noch nicht vorstellen kann, aber wo ich gespannt darauf warte – das ist ja der Witz dieses Blogs: Verschiedene Welten !!

  • Rolf Todesco  On February 21, 2012 at 11:43 AM

    5) Unterscheidung “Risiko / Gefahr” ich sehe nicht was Risiko und Gefahr mit Technik zu tun haben

    • Peter Bormann  On February 21, 2012 at 12:43 PM

      -> Technologiefolgenabschätzung / Risikosoziologie

  • Rolf Todesco  On February 21, 2012 at 11:47 AM

    5 +) Bspl.: Wenn ich wissen will, wie eine Unternehmenssoftware in einem Großrechnerkontext “funktioniert”, dann frage ich entspr. Software-Entwickler, aber “ganz sicher nicht” Soziolog(inn)en, weil letztere kaum etwas
    Relevantes dazu beizutragen haben.
    Soziologen (und Psychologen) können aber wiederum etwas dazu sagen, wie user mit der Software umgehen (welche Unterscheidungen zugrunde gelegt werden, wie sich dadurch ihre Arbeitsweise ändert, etc.).
    Das ist also eine Frage des fachspezifischen Fokus.

    Das ist ein weiterer zentraler Programmpunkt für uns: Das Auseinandernehmen der “technischen Maschinengegebenheit” und der psychsoziologischen Wirkung, die man dieser Gegenheit hinzufantasieren kann.

    Ich glaube, da sind wir ganz mitten drinn, im Zentrum unseres Blogs ;-)

  • Rolf Todesco  On February 21, 2012 at 12:30 PM

    6) 7) und 8) Ich stimme Dir gerne zu, dass diese Kontraste sehr spezifische Voraussetzungen machen, die wir Aufhellen im Sinne von Gegenbeobachten sollten. Nur müssen wir dazu eine Beobachterposition finden. Ich glaube, Du schlägst LoF vor. Auch diesbezüglich bin ich sehr gespannt. Insgesamt scheint mir das alles ein grosses Programm – und einige Teile davon interessieren mich mehr und andere weniger. Ich habe oben ein paar Punkte angemerkt, aber ich schlage vor, dass Du primär den eigenen Interessen folgst. Wir werdenuns schon treffen, wenn wir im selben Blog schreiben ;-))

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