Funktion und Funktionsweise – oder wie funktioniert ein Computer

Technologisch interessiert mich nur die Funktionsweise eines Systems, die Funktion ist lediglich Ausdruck der Funktionsweise, aber die Funktionsweise ist beschreibe ich immer in einem funktionalen Zusammenhang. Ich will das anhand des Computers erläutern.

Ich könnte die Frage, wie ein Computer funktioniert, direkt angehen. Ich könnte voraussetzen, was ein Computer ist und beispielsweise seine elektronischen Bauteile erläutern, oder erklären, wie er mit bits und bytes rechnet. Wenn ich mit der Frage “wie funktionier ein Computer” google, kriege ich beliebig viele solche Antworten. Ich könnte aber auch zuerst die Frage selbst etwas anschauen, also einen kleinen Umweg machen und mir überlegen, wie ich der Frage gerecht werden könnte. Ich könnte dabei nach dem Sinn der Frage fragen, etwa wer sie wann warum oder wozu stellen könnte. Ich könnte nach Voraussetzungen der Frage fragen, mich also fragen, was in der Beantwortung der Frage vorausgegesetzt bleiben und was erläutert werden soll. Ich könnte davon ausgehen, dass klar ist, was ein Computer ist, und dass nur nach dessen Funktionsweise gefragt wird. Ich will die Frage aber operativ verstehen, also so, dass durch die Beschreibung der Funktionsweise erst geklärt werden soll, was als Computer bezeichnet wird. Es geht mir also nicht darum, zu definieren, was ein Computer ist, sondern darum, die zu erläuternde Funktionsweise an eine bestimmte Funktion des Computers zu binden.

Diese von mir gewählte Funktion des Computers bestimme ich operativ ohne mich vom Ausdruck “Rechner” (oder to compute) irreführen zu lassen. Ich beobachte, was ich mit dem Computer mache, wie ich ihn verwende. Ich rechne ganz selten mit dem Computer und selbst dann schaue ich vor allem auf den Bildschirm, wo Zeichen oder Bilder erscheinen. Wenn ich den Computer benutze, geht es mir darum, auf dem Bildschirm Darstellungen zu hervorzubringen, die ich brauchen kann. Ich klicke beispielsweise auf das Icon der Textverarbeitung, damit die Textverarbeitung am Bildschirm erscheint, oder ich tippe einen Text auf der Tastatur, damit der Text am Bildschirm erscheint. Ich frage mich also, wie ich mit dem Computer bestimmte Darstellungen herstellen kann.

Ich will die Inversion nochmals hervorheben, in welcher der Computer konventionellerweise gesehen wird. Üblicherweise erscheint die Funktion des Computers als irgendeine Art des Rechnens – schliesslich heisst der Computer ja so. Dabei wird der Bildschirm lediglich als Peripheriegerät gesehen, das Ergebnisse, die zuvor errechnet wurden, noch anzeigt. Wenn ich mit dieser Vorstellung erklären will, wie ein Computer funktioniert, muss ich erklären, wie der Computer rechnet. Wenn ich dagegen die hier vorgeschlagene, dazu inverse Vorstellung verwende, muss ich erklären, wie die jeweiligen Bildschirmanzeigen zustande kommen. Je nachdem, wie ich den Computer sehe, verschiebt sich die Fragestellung, obwohl der Computer, dessen Funktionsweise ich erkläre, natürlich derselbe bleibt. Meine Erklärung ist also nicht direkt an den Computer gebunden, sondern an eine Sichtweisen auf das, was gemeinhin als Computer bezeichnet wird.

Ich erkläre die Funktion, die ein Computer erfüllt, mit einem Mechanismus, aber nicht, weil ein Computer ein Mechanismus ist, sondern weil ich Erklärungen generell als Beschreibungen von Mechanismen betrachte, mit welchen ein zu erklärendes Phänomen erzeugt werden kann. Wenn ich beispielsweise erkläre, wie ich meine Körpertemperatur konstant halte, beschreibe ich einen Mechanismus, obwohl ich keine Maschine bin. Und wenn ich erklären will, wie ein bestimmter Bildschirminhalt hervorgebracht werden kann, beschreibe ich einen Mechanismus, mit welchem diese Funktion realisierbar ist. Diese erklärenden Mechanismen bezeichne ich als System. Ein konkreter Computer kann anders konstruiert sein – es gibt ja auch sehr verschiedenene Computer -, in einer Erklärung beschreibe ich ein bestimmte Möglichkeit. Ich erkläre also einen bestimmten Computer und kann auch deshalb nicht so tun, als ob der Computer unabhängig von meiner Erklärung definiert wäre. Die Erklärung eines Computers erklärt immer auch, was für ein Computer erklärt wird.

Den Mechanimus, den ich für die Erklärung verwende, bezeichne ich als Automaten, dessen In- und Output-Zustände ich als Symbole deute. Als Automaten bezeichne ich das System, weil es bestimmte Dinge quasi automatisch macht. Solch automatische Systeme erkläre ich damit, dass sie einen Prozessor enthalten, der der Steuerung des Systemes dient. Beim Computer wird die Anzeige auf dem Bildschirm gesteuert, so dass ich die erwartete Anzeige – sei dies nun ein Bild, ein Computerspiel oder ein Rechnungsresultat – erkennen kann. Meiner Erläuterung der Funktionsweise des Computers beginne ich also mit einer funktionalen Bestimmung. Ich frage mich, wie es möglich ist, dass der Bildschirm zeigt, was er zeigen soll. Ich beginne mit dem funktional primärgesetzten Energiekreis, welcher den Bildschirm zu leuchten bringt und führe schrittweise relativ sekundäre Energiekreise ein, die den primären Energiekreis so steuern, dass die gewünschte Darstellung am Bildschirm erscheint.

Differenztheoretisch ist ein Computer die Differenz zwischen einem sich selbst steuernden Automaten und einem Automanten, der seinen Benutzer steuert. Als Computer bezeichne ich programmierbare Automaten mit Ein- und Ausgabegeräten wie Tastatur und Bildschirm, die ich als Symbolträger deute. Die inverse Funktion des Computers ist, einen Benutzer zu “steuern”, ihn mittels erwartbaren Ausgaben zu bestimmten Eingaben zu veranlassen. Als Computer bezeichne ich mithin funktional einen Automaten zur Symbolproduktion. Den Steuerungsteil des Computers bezeichne ich als Prozessor, er wird durch Eingabegeräte gesteuert und steuert Ausgabegeräte. In anderen – generelleren – Automaten, die keine symbolische Funktion, sondern eine Werkzeug-Funktion erfüllen, werden Prozessoren funktional anders verwendet, in der Heizung etwa wird mittels Prozessoren keine Symbolanzeige, sondern die Temperatur gesteuert.

Ein typischer Computer besteht aus einem Prozessorgerät und Peripheriegeräten wie Hard-Disk und Bildschirm. Sowohl der Prozessor wie die Peripheriegeräte können ihrerseits mehrere Prozessoren enthalten. Ein (ums Jahr 2012) typischer Computer ist der PC, er verfügt über eine Auswahl folgender Komponenten (aber mindestens über ein Eingabe und ein Ausgabegerät und einen vermittelnden Prozesor): Monitor, Prozessor, Stromversorgung, Optisches Laufwerk, Festplatte, Tastatur, Maus, Printer, Scanner, Stick für Spiele usw. Den Ausdruck Computer verwende ich in diesem Sinne also für eine Geräte-Menge als ein Gerät, während umgangssprachlich oft von Computern die Rede ist, wo nur Prozessoren gemeint sind. In meiner Waschmaschine etwa steuert ein Prozessor einerseits den Waschprozess, andererseits aber auch einen kleinen Bildschirm, der anzeigt, was in der Maschine gerade läuft. Funktional geht es natürlich um die Steuerung der Maschine, aber man kann in dieser Konfiguration auch einen (sekundären) Computer sehen, mit Eingabe, Prozessor und Ausgabe.

Nachtrag (aufgrund der Kommentare):

Die kybernetische Funktion ist eine Funktion der Funktionsweise. Die Funktionsweise reflektiert den Mechanismus und gibt dem so bestimmten Mechanismus die Funktion. Ich schreiben dazu einen Artikel

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Comments

  • Peter Bormann  On February 23, 2012 at 9:57 PM

    Hm – das ähnelt einem Computer “ohne” Software: kein Betriebssystem, keine ablaufenden Programme, keine Abstraktionsstufen von Hochsprachen (heute auch modellierender Programmierung) bis hin zur “Maschinensprache”.

    “muss ich erklären, wie die jeweiligen Bildschirmanzeigen zustande kommen” -> das wird ganz ohne Software – und damit Unterscheidungen wie Hardware (notwendig) – Software (kontingent) mit re-entries, Daten und Programme, die beides Datenarten darstellen, so daß eine Entparadoxierung notwendig ist – nicht gehen.

    • Rolf Todesco  On February 24, 2012 at 10:32 AM

      hier geht es nicht darum, wie die Erklärung konstruiert wird, also inwiefern “Software” oder Programme eine Rolle spielen, sondern darum, wie der Computer funktional gesehen wird.
      Die Beobachtung lautet: Es wird eine symbolische Ausgabe produziert und die Frage lautet: Wie wird das gemacht.
      Die Implikation: es lässt sich als Funktionsweise begreifen.
      Erst dann kommen wir dazu, diese Funktionsweise genauer zu beschreiben.

      Das ist eine etwas andere Auffassung von Computer. Kannst Du das nachvollziehen?

      • Peter Bormann  On February 24, 2012 at 3:35 PM

        Die Frage, wie wird das gemacht (wie fkt. das genau), kann ich natürlich nachvollziehen. Aber die Einwände bleiben:
        * Es muß auch eine Software-Sicht zum Tragen kommen, ein Hardware-Fokus reicht m.E. nicht.

        * Ein Querschnitt durch alle abstraction levels ist unrealistisch (angesichts der technischen Hyperkomplexität im Alltag) – und damit kann ein kybernetischer Erklärungsmechanismus nur zielgruppen-, kontext- und v.a. abstraktionsebenenspezifisch entwickelt werden. Aber ohne daß dadurch glz. ein “Phänomen generiert” würde, das implementierbar wäre. Und wenn auf eine Implementierung abgezielt wird, dann wird immer noch massiv von low-level-Komplexität abstrahiert und implizites Kontextwissen vorausgesetzt. Zumal ich bei der Aussage, eine Erklärung von Funktionsmechanismen, würde glz. das entspr. Phänomen generieren, MWD-Bauchweh bekomme :-)

        * Ich kann nicht nachvollziehen, warum “Erklärungen der Funktionsweise von xy” als “Maschinen” (Automaten, Systeme) bezeichnet werden sollen. Das ähnelt der lustigen Aussage: Weil Du beschreiben kannst, wie ein Fußballspiel funktioniert, ist das gleichzeitig ein Fußballspiel :-)

        • Rolf Todesco  On February 24, 2012 at 5:19 PM

          Hier nochmals: Bislang sage ich doch überhaupt nichts zu Unterscheidung Hard-/Software. Die spielt hier überhaupt keine Rolle. Und das, was ich in Erklärungen beschreibe, wird kybernetisch Mechanismus oder System genannt, es ist der Inhalt einer Blackbox. Das ist nicht meine Sprache oder meine Erfindung sondern gängige Terminologie.

          Als Mechanismus kommen programmierte Prozessoren vor, aber bei weitem nicht immer. Schau unser Logo-Bildchen vom griechischen Tempel an. Das ist ein vor dem Volk versteckter Mechanismus, wodurch der Priester per Feuer und Kraft Gottes die Tempeltüren öffnen kann. Wenn ich davor stehe und eine Erklärung suche – dann beschreibe ich den abgebildeten, aber in der Blackbox (unter der Erde) versteckten Mechanismus.

          • Peter Bormann  On February 24, 2012 at 6:22 PM

            Dass ist mir schon klar, war mir aber bereits bei Maturana / Varela nicht geheuer: wenn die Funktionsweise von xy erklärt wird, wieso sollte da das korrelative “Phänomen generiert” werden? Das ist eine “Thematisierung” (vom Rudimentären und Einfachen hin zum Komplizierten / Komplexen), aber was soll hier “Phänomengenerierung” besagen?

            Nochmals anders gewendet (mit Blick auf technische Kontexte): eine sprachliche Erklärung von xy ist “nicht automatisch” die (technische) Implementierung von xy. Und das hat auch damit zu tun, daß hierbei unterschiedliche abstraction levels zum Tragen kommen.

            Das mag etablierte Kybernetik-Terminologie sein, aber ich finde diese Ausdrucksweise konfusionsförderlich. Wenn Du das also bitte erläutern könntest, dann wäre wohl nicht nur mir bereits viel geholfen.

            • Rolf Todesco  On February 24, 2012 at 7:30 PM

              hmmm … mir ist es so klar, das macht es wohl so kompliziert. Im Beispiel mit dem Tempel (in unserem Logo): Ich stehe als alter Grieche vor dem Tempel und sehe wie der Priester das Feuer anzündet und dass kurz darauf die Tempeltüren aufgehen, ohne dass sie von jemandem geöffnet werden. Wenn ich das genügend oft gesehen habe, vermute ich einen Zusammenhang und frage mich wie es funktionieren könnte. Indem ich mich frage, mache ich die sich öffnenden Türen zum Phänomen, das ich erklären will. Wenn ich dann die Maschine beschreibe, die oben abgebildet ist, dann habe ich eine mögliche Erklärung, WEIL die Sache mit dieser Maschine funktionieren würde.

              Es ist eine mögliche Erklärung, WEIL vielleicht ein völlig anderer Mechanismus für das Öffnen der Türen verantwortlich ist. Aber es ist eine intime Erklärung, WEIL sie ohne Götter und Magie auskommt.

              Wenn ich an meinem PC sitze (wie jetzt gerade), kann ich bestimmte Buchstabenfolgen auf den Bildschirm bringen, indem ich auf der Tastatur bestimmte Tasten drücke. Da das hinreichend oft reproduzierbar ist, kann ich einen Zusammenhang vermuten und das Erzeugen der Buchstaben am Bildschirm zum Phänomen machen. Dann kann ich einen Mechanismus beschreiben, der in meinem PC stecken könnte, mit welchem ich das Phänomen erzeugen könnte. Ich weiss dann nicht, was im PC wirklich passiert, habe so, wie ich es beschreibe, könnte es gehen. Deshalb bezeichne ich die Beschreibung des Mechanismus als Erklärung und den Mechanismus als System – durch die kybernetische Theorie beobachte und bezeichne ich so (wie eben Maturana oder Wiener oder Ashby auch).

            • Peter Bormann  On February 24, 2012 at 7:56 PM

              Hm – Du weißt, daß so fast Peircesche Semiotiker wie Eco argumentieren könnten? :-) Vielleicht läßt sich das sogar koppeln – und dann hättest Du eine leistungsfähige Semiotik an Bord. Das ist übrigens eine sehr interessanter Aspekt, den wir unbedingt festhalten müssen: Hypothesenbildung (auch als sog. “abduktive = kreative Schlüsse”!), um Zusammenhänge zu plausibilisieren [Zeichenprozesse (und zwar vielerlei Art) sind dann mit Schlußfolgerungsweisen zu koppeln, und zwar bereits in “Wahrnehmungszusammenhängen”]. Das kann m.E. sehr gut mit Semiose à la Eco / Peirce verbunden werden.

              Das Wort “Phänomen” mag ich aber in diesem Zusammenhang nicht. Es geht m.E. um “Problem”, “Aufmerksamkeitsfokus”, u.ä. Also: ich erkenne irgend etwas (Rätsel, Problem, Unverstandenes, etc.), für das ich nach “Erklärungen” suche. Die Frage ist: Warum suche ich überhaupt danach (also: wie kommt es zur Fokussierung / zur Irritation)? Denn, wie erwähnt (das steht übrigens auch so bei Ashby): die Frage nach der black box-Logik wird im Alltag oft weg-abstrahiert (too much complexity). Die Ausarbeitung des Problems würde demnach mit Hypothesen beginnen, die immer weiter ausgearbeitet werden, bis ein “zufriedenstellender” Erklärungsmechanismus aufgestellt wird, der bspw. in eine ingenieurswiss. Erklärungsweise (letztlich sogar eine: Theorie) einmünden kann, aber nicht muß. Das scheint mir der “ideale Punkt” zu sein, um (Peircesche) Semiotik und Kybernetik zu koppeln!

              ~That`s it for this week.

              Have a nice WE
              Peter

  • Peter Bormann  On February 24, 2012 at 8:21 AM

    “Ich erkläre die Funktion, die ein Computer erfüllt, mit einem Mechanismus, aber nicht, weil ein Computer ein Mechanismus ist, sondern weil ich Erklärungen generell als Beschreibungen von Mechanismen betrachte, mit welchen ein zu erklärendes Phänomen erzeugt werden kann.”

    Das ist ein zentraler Punkt, den ich nicht ganz verstehe:
    1) Eine Maschine kann mit der input-output-Unterscheidung beobachtet werden, wobei idR die internen Transformationsleistungen ausgeblendet werden (-> black box). In der Softwareentwicklung (v.a. bei Service- und Komponenten-Ansätzen) ist es dann seit längerem so, daß man sich auf die Schnittstellen fokussieren, aber interne Implementierungsdetails ignorieren möchte – was eine effektive Strategie des Komplexitätsmanagements darstellt (mit diversen anderen Vorteilen).
    Deine kybernetische Position würde sich, wenn ich das recht verstehe, auf diese internen Transformationsprozesse in ihrer Erklärung des “Wie” des Funktionierens beziehen. Und an dieser Stelle setzt es bei mir aus:
    Denn Du würdest, sobald es ins Detail geht, auf complexity management by abstraction (inkl. der Differenzierung diverser Abstraktionsstufen) verzichten.

    Bspl.: Wenn Du von modellgetriebener Entwicklung im enterprise computing ausgehst, dann müßtest Du bei Deinem Ansatz im Detail erklären:
    * Wie werden Geschäftsprozesse hier modelliert? [und das heißt auch: zielgruppen- und kontextspezifisch -> es fallen dann sehr verschiedene Modellierungen divergenter Abstraktion bzw. Konkretion an]
    * Wie werden diese Modelle transformiert / exekutiert?
    * Welche Compiler- /Interpreterleistungen kommen ins Spiel?
    * Was tut dabei das Betriebssystem?
    * Wie sieht es mit Einzelrechnern (single processors, multiple processors) bzw.
    verteilten Szenarien (Intra- / Internet) aus?
    * Wie erfolgt die Abbildung auf Maschinensprache?
    * Wie werden Bits und Bytes prozessiert? Und wie läuft dann die Signalsteuerung ab (auch via evtl. Netzwerke)?
    Das ist m.E. “viel zu viel” Komplexität, die sich ein kybernetischer Beobachter antun müßte. Dieser Beobachter muß zudem zuerst Informatiker (mit entspr. Detailkenntnissen auf allen Abstraktionsstufen) und erst in zweiter Hinsicht Kybernetiker sein. Ein Kybernetiker ohne dieses infotechnische Spezialwissen kann die von Dir geforderte Erklärungsleistung nämlich gar nicht erbringen [ein Kybernetiker fungiert eher als ein generalistischer Beobachter, wenn er nicht disziplinspezfische Detailkenntnisse (als Biologe, als Informatiker, als …) besitzt].

    Diese kybernetische Erklärungsleistung ist also extrem unwahrscheinlich, so daß eher mit geeigneten “Abstraktionen” operiert werden muß [je nach Komplexität, Zielgruppe und Kontext]. Es wird dann nicht ein Phänomen jeweils erklärungsspezifisch generiert, sondern höchstens nach Abstraktionsstufe, Zielgruppe und sonstigem Kontext.
    Und das aber auch so, daß es nicht unbedingt “direkt” implementiert werden kann. Mit anderen Worten: es existieren hier – sinnvollerweise, wie ich anmerken möchte – verschiedene Stufen der Abstraktion und der Konkretion (bis hin zur konkreten Implementierbarkeit), aber ohne daß zugleich technische low-level-complexity, z.B. auf der Ebene der Bytes und Signale einbezogen wird. Das muß vorausgesetzt werden: als funktionierend.

    2) Vor diesem Hintergrund frage ich mich, was bleibt von der Aussage, “mit welchen ein zu erklärendes Phänomen erzeugt werden kann”. Meine These: Es fällt eine abstraktionsebenenspezifische “Vielfalt” von abstrakten und konkreten Dokumenten an (inkl. der entsprechenden Transformationen zwischen den Abstraktionsstufen), aber idR gibt es “keine top-down-Erklärung von der höchsten Abstraktionsstufe (bspw. als Geschäftsprozeßmodelle) bis zur absoluten low-level-Konkretion auf der Ebene der Bytes und dann Signale.
    Letzteres macht für mich überhaupt keinen Sinn, weil man diese Komplexität idR nicht oder nur schwer handlen kann.

    3) Ein weiterer Punkt, den ich nicht verstehe: Eine Maschine kann beobachtet werden mit Blick auf verschiedene “Mechanismen” (erklärte Funktionsweisen oder Transformationsleistungen). Wieso sollte man aber diese verschiedenen Mechanismen jeweils “Maschine” (also: Aut0mat / System) nennen? Bspl.:
    Wenn Du die Funktionsweise des Blutkreislaufs menschlicher Körper erklären kannst, wieso sollte dieser Mechanismus dann “Körper” (System) heißen?
    Wenn Du die Funktionsweise der Temperaturregulierung menschlicher Körper erklären kannst, dann nennst Du das wiederum “Körper” (System)?
    Dito dann für (determinierte) Maschinen.

    4) Ein letzter Punkt: Ich verstehe nun besser die Akzeptanzprobleme, auf die Du gestoßen bist.
    a) Du mischst m.E. Kybernetik, radikalen Konstruktivismus (daher wohl die “Ich”-Sprache, aber mit Problemen, die Sozialdimension zu konzeptualisieren) und anscheinend marxistische Überlegungen. Das Kann man machen: Das Resultat ist dann eine Art “Technikphilosophie”,
    die als Selbstbeschreibung für bestimmte (primär: technische) Wissenschaftsdisziplinen dienen könnte.
    b) Aber da die technische Fächer generell wohl bei “Philosophien” die Nase rümpfen, wird das ignoriert. Quasi: nice to have, but definitely no must to have.
    c) Konzeptuell gesehen ist das “nicht präzise” genug (insbesondere wenn ein formal-mathematischer Unterbau fehlt), so daß das “kein” Substitut für den Turing-Maschinenansatz in der (theoretischen) Informatik darstellen kann. Bloße (kybernetisch inspirierte) Sprachkritik reicht wohl nicht aus, um die Anschlußfähigkeit in der Informatik zu erhöhen [ähnlich dürfte es in anderen Ingenieursdisziplinen aussehen].
    d) Wieso Du diese “Technikphilosophie” in der Soziologie verorten wolltest, begreife ich gar nicht. Denn Du hast (trotz Applikationsversuche der Kybernetik für Soziales) damit Schwierigkeiten, die Sozialdimension zu konzeptualisieren. Konsequenz: Soziales wird tendenziell “marginalisiert”. Kurzum: keine oder nur rudimentäre Chancen der Anschlußfähigkeit in den social sciences.

    ~Peter

  • Rolf Todesco  On February 24, 2012 at 10:46 AM

    Natürlich kann ich eine phantastische Komplexität beschwören, indem ich
    Geschäftsprozesse modelliere von enterprise computing usw. Ich kann aber auch etwas einfachere Aufgaben anschauen, wenn ich die Technologie von Computern verstehen will.

    Wenn ich Dich richtig verstehe, schreibst Du ziemlich ausführlich über Dein Akzeptanzproblem, indem Du meine Beobachtung als Technikphilosophie beschreibst. Natürlich kann ich niemanden zwingen kybernetisch über Computer nachzudenken.

    Soziologisch ist für mich die Fragestellung: Wer wie worüber spricht /nicht spricht – oder in einem anderen Jargon: Welche Kommunikation findet statt und welche nicht – wo ich Kontingenzen zeigen kann.

    Ich zeige, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt über Computer zu sprechen und frage mich welche dieser Möglichkeiten mit welchem Vorteil gewählt wird und welche nicht.
    Das scheint mir die soziologischste Fragestellung überhaupt – und Dir?

    • Peter Bormann  On February 24, 2012 at 2:40 PM

      “Natürlich kann ich eine phantastische Komplexität beschwören, indem ich
      Geschäftsprozesse modelliere von enterprise computing usw. Ich kann aber auch etwas einfachere Aufgaben anschauen, wenn ich die Technologie von Computern verstehen will.”
      Es geht nicht darum, irgendeine “phantastische” Komplexität zu beschwören, sondern ich spreche von der infotechnischen Komplexität, mit der (professionelle) Software-Entwickler “tagaus und tagein” (!) zu tun haben. Und das bedeutet, daß adäquate Strategien zur Reduzierung von Komplexität (bei glz. Erhöhung derselben auf dem jeweiligen abstraction level) von größter
      Wichtigkeit sind, um überhaupt irgendwie “sinnvoll” arbeiten zu können.

      Und solche Strategien sind z.B.: Fokussierung auf Interfaces bei glz. Defokussierung von Implementierungsinterna, Differenzierung von abstration levels (Standardbeispiel: das ISO / OSI-Modell mit Blick auf die Internetkommunikation), vielfältige Abstraktionen (allgemeine und domänspezifische Programmier- und Modellierungshochsprachen, model-driven development, Gebrauch von frameworks, von Design Patterns, usf.). Das ist “Tagesgeschäft” (nicht unbedingt alles simultan, aber vieles davon), jedoch kein Phantasiegebilde, das ich aufbauschen müßte.

      “schreibst Du ziemlich ausführlich über Dein Akzeptanzproblem, indem Du meine Beobachtung als Technikphilosophie beschreibst. Natürlich kann ich niemanden zwingen kybernetisch über Computer nachzudenken.” – Ich kann mich kybernetisch zwar darauf einlassen, aber ich sehe bisher keinen Mehrwert für die Informatik / Technikwissenschaften darin – vielleicht außer bei “Beschränkung” auf zielgruppen- und kontextspezifische “Abstraktionslevels”, aber d.h. die Generierung von Phaenomenen, die dann u.U. “direkt” konstruiert werden können, fällt zunächst flach. Wir haben es vielmehr mit einer “Vielzahl” von Abstraktions- und Konkretionslevels, inkl. der Transformationen) zwischen ihnen, zu tun. Ebenenspezifisch wird dann etwas “thematisiert” [bis hin zur konkreten Implementierung von xy, bei der aber technische low-level-Details zum OS, zur Bit- und Byteschicht, zur Signalverarbeitung / -übertragung, u.ä. ausgeblendet werden (müssen)].

      Würde Deine Erklärungsstrategie konsequent appliziert als Querschnitt durch diverse Abstraktionslevels, dann öffnest Du die “Pforten zur Komplexitätshölle” – and we all know one thing: “complexity kills (our projects)”. Die kybernetische Sicht ähnelt daher eher einer (medien-, sozial-, geisteswiss. oder philosophischen) Laien-Perspektive, die Informatiker wohl meist mit Achselzucken zur Kenntnis nehmen und als “noise” weitgehend ignorieren.

      “Soziologisch ist für mich die Fragestellung: Wer wie worüber spricht /nicht spricht – oder in einem anderen Jargon: Welche Kommunikation findet statt und welche nicht – wo ich Kontingenzen zeigen kann.” Das wäre die Frage nach den “sozialen Anschlüssen”, aber das würde ich lieber thematisieren als Anschlüsse von (Design- und Konstruktions)Dokumenten, die sich mit dem Funktionieren von xy befassen (freilich: auf zielgruppen- und kontextspezifischen abstraction levels, weil das sonst “kontraproduktiv” wird), weniger als eine individualistisch ansetzende Sprachkritik, die das immer nur mit Kybernetik vergleicht.
      Und dann ist noch die Frage, welche Kommunikationskonzeption Du zugrunde legst. Ich bin bspw. nicht sicher, ob das radikalkonstruktivistisch überhaupt einigermaßen überzeugend konzeptualisierbar ist (vielleicht mit Peter J. Hejl.).
      Aber auch diese Kontingenzsicht gehört zum Informatik-Tagesgeschäft (mit Kunden, usf.). Der Mehrwert seitens der Soziologie kann freilich darin bestehen, daß bspw. nach “blind spots”, diversen Latenzen, etc. gefragt wird und dabei auch textanalytische Verfahren (wie DTA) zum Einsatz kommen (ähnlich für Interview-Situationen).
      Auch der Rekurs auf entsprechende Konzeptualisierung von Kommunikation, Management, Organisation, Interkation, etc. kann erkenntnisförderlich sein.

      “Ich zeige, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt über Computer zu sprechen und frage mich welche dieser Möglichkeiten mit welchem Vorteil gewählt wird und welche nicht.” Das ist ok, nur kann ich für Informatiker (und ich schreibe das aus der Perspektive der Softwareentwicklung gerade im enterprise computing) bislang keinen Erkenntnismehrwert an dieser Kybernetik-Perspektive erkennen. Ich akzeptiere gerne die Leitfrage: “Wie funktioniert das genau?” (aber das bekommt man in technischen Disziplinen soundso “eingehämmert”), wie erwähnt: bezogen auf die jeweiligen abstraction levels. Im enterprise computing (und in vielen anderen Softwareentwicklungsszenarien) ist jedoch der Bezug auf die Bytes- und Signalebene einfach unerwünschter noise: braucht idR niemand, da too much low level complexity, die man gerade weg haben will.
      Das heißt, es reicht nicht, (nur) zu fragen: “Wie spricht Du eigentlich über (einfache) Computer (mit Fokus auf: Hardware), wenn sich die Software-Entwicklung auf ganzen anderen abstraction levels bewegt.

      Mein Eindruck ist: Du möchtest diese low-level-Komplexität kybernetisch re-injizieren (wie Kittler einst auch) – und das scheint mir eine technische Laien- bzw. Fremdbeobachtungsperspektive zu sein, die einfach nur als “Irritation” (sensu: noise) seitens Informatikern registriert wird. Aber vielleicht täusche ich mich :-)

      “Das scheint mir die soziologischste Fragestellung überhaupt – und Dir?”
      Diese Kontingenzsicht (auch wenn das anders formuliert wird), wird in der Informatik selbst durchgehend praktiziert (das ist “keine” Erfindung der Soziologie oder gar von Luhmann). Die Soziologie, Philosophie, etc. kann dabei durchaus etwas beitragen: Wie wird programmiert (ausgehend von LoF oder Dekonstruktion?)? Wie lassen sich soziale Anschlüsse beobachten (siehe die oben erwähnten Aspekte)? Aber in dieser Hinsicht ist mir Deine Kybernetik-Sicht (zumindest bislang) zu mager oder, anders formuliert, nicht soziologisch elaboriert genug (auch mit Blick auf den Einsatz entsprechender Methoden wie Interviewtechniken, Textanalyseverfahren wie DTA, dekonstruktive Strategien, etc. Eine individualistisch ansetzende Sprachkritik vor dem Kybernetikhintergrund und dann nur fokussiert auf die Frage, wie eigentlich ein Computer funktioniert, ist dagegen einfach “zu wenig” (unabhängig von der Wissenschaftsdisziplin).

      Zudem vermute ich bei Dir (aber das stammt noch aus unserer Listendiskussi9n vor einigen Jahren) einen “Bias” zugunsten von Hardware mit den zugehörigen technischen low-levels. Aber wo bleibt die Software-Entwicklung (-> Betriebssysteme, Virtualisierungsmöglichkeiten, Compiler- und Interpreter-Entwicklung, Modellierungs- und Programmierhochsprachen, etc.)?
      Und das heißt für mich: mindestens drei Unterscheidungen sind zentral (re-entries inklusive):
      * Hardware / Software
      * Komplexitätssteigerung / -verringerung (mit den zugehörigen Strategien)
      * Daten / Programm

      Fazit: Bislang werde ich von Deiner kybernetischen Sicht auf (simplistische) Computer als EVA-Maschinen als Informatiker, aber auch aus einer soziologischen oder medienwissenschaftliche Perspektive nicht recht satt :-)

      ~Peter

      .

      • Rolf Todesco  On February 24, 2012 at 5:12 PM

        ja, ich sehe, dass Informatiker grosse Aufgaben zu bewältigen haben, aber wir machen hier ja kein Informatikprojekt sondern denken über Technik und Technologie nach.

        Ausserdem sehe ich meine Zielgruppe nicht in Informatikern, welche für ihre Arbeit hier Hilfe suchen könnten, sondern eher bei Menschen, die über ihre Technologie nachdenken wollen, also soziologisch gesagt, die über Kommunikationen zur Technik nachdenken wollen.

        Wenn ich annehme, dass hier Soziologen und dergleichen lesen/mitdenken, dann macht es für mich sehr viel Sinn zu fragen, wie “Computer” ohne mitgereichte Unterscheidungen konzeptualisiert werden. Ich dinde, ich mache dazu einem valablen Vorschlag, auch wenn der dem praktizierende Informatiker bei seiner Alltagsplage nicht hilft.

        Und dann scheint mir, dass ich noch fast nichts geschrieben habe und Du mir laufend sagst, dass das zu einfach sei und ganz viele Aspekte nicht berücksichtige. Wir sind doch absolut am Anfang, also da, wo es immer einfach scheint.

        Ich werde demnächst etwas genauer über “Wie funktionierts genau?” schreiben, bislang habe ich ja nur den Frame für die Fragestellung gelegt. Ich beschreibe dabei aber – und das scheint mir enorm wichtig kein EVA-Konzept. Eben gerade das NICHT, sondern viel mehr etwas ganz anderes.

        Bitte probier die Differenz zu sehen, wenn Du das nicht sehen kannst, habe ich es ganz falsch beschrieben. Ich beschreibe den Computer als Werkzeug zur Produktion von Symbolen, nicht als Eingabe-Ausgabe-Maschine.

        • Peter Bormann  On February 24, 2012 at 6:14 PM

          1) Beim Nachdenken über programmierbare Maschinen sollten m.E. die besagten Unterscheidungen ins Spiel kommen (Software / Hardware, etc.) Ich gebe zu, wenn ich Aussagen lese, die ähneln: “jetzt klicke ich hier ein Icon an, dann öffne ich meine Hand und mache dieses oder jenes auf dem Bildschirm,…”, dann beginne ich heftig mit dem Fuessen zu scharren (Luhmann suchte in solchen Momenten wohl nach seinen Autoschlüsseln) :-)

          2) “Menschen, die über Kommunikationen zur Technik nachdenken wollen”: OK, aber soziologisch würde weniger analysiert, wie Technik-Profis über die “Funktionsweise” von spezifischen Techniken reden / schreiben, sondern eher wie normale user (und seien es power user) damit umgehen. Aber auch das entspricht eigentlich nicht Deiner Position, denn es soll um`s Funktionieren, nicht um`s Benutzen gehen.

          Vielleicht kannst Du das bitte nochmals klären, denn ich begreife das nicht: Denn wenn es um Umgangsstile mit (programmier- / nicht programmierbaren) Maschinen geht, die “reflektiert” werden sollen, dann sind alle (nicht exklusiv Technikprofis) davon betroffen. Es nur die Frage, ob hier die kybernetische Forderung eines Mechanismus (sensu: Erklärung der Funktionsweise von) xy, so daß ein entspr. “Phänomen generiert” werde, überhaupt Sinn macht.

          Wenn es nämlich um die Umgangsstile von Hinz und Kunz ginge, dann läge es gerade nahe, von internen Transformationsleistungen zu abstrahieren (black box-Logik), oder?

          “dass hier Soziologen und dergleichen lesen/mitdenken, dann macht es für mich sehr viel Sinn zu fragen, wie “Computer” ohne mitgereichte Unterscheidungen konzeptualisiert werden” .> genau “das” ist die Frage, bei der ich so meine Zweifel habe (siehe Voranstehendes).

          Für Soziologen dürfte es naheliegender sein, zu fragen: Wie “benutzen” Hinz und Kunz eigentlich ihre jeweiligen Maschinen? Aber weniger (s.o. black box-Logik): Wie konzeptualisieren sie die internen Transformationsleistungen derselben? Letzteres ist doch völlig “konträr” zum Common sense [was nicht immer viel heißen muß :-)]

          “Bitte probier die Differenz zu sehen, wenn Du das nicht sehen kannst, habe ich es ganz falsch beschrieben. Ich beschreibe den Computer als Werkzeug zur Produktion von Symbolen, nicht als Eingabe-Ausgabe-Maschine.” Dann begreife ich das nicht ganz. “Produktion” würde beim mir IO- und interne Transf.prozesse (Übertragung inkl.) umfassen, also: wie verarbeitet ein Computer “Symbole”? [Wieso sollte sich das nur auf die Bildschirmdarstellung beschränken?]
          Zudem ist mir der “Symbolbegriff” nicht klar (nachrichtentechnisch?).

          Nun ja: vielleicht ist es am besten, Du arbeitest das in den folgenden Posts weiter aus. Vielleicht wird das dann klarer. Ich werkele die naechste Zeit am “Funktionssystem Technik” weiter.

          ~Peter

  • Peter Bormann  On February 24, 2012 at 7:36 PM

    Rolf, vielleicht könntest Du meine obigen Kommentare außen vor lassen und nur folgende zwei Fragen beantworten:

    1: Wieso sollten kybernetische Mechanismen als Erklärungen der Funktionsweise von xy korrelative “Phänomene generieren” – v.a. wenn Erklärungen als Form-Komplexe nicht selbst “operieren” können?

    2: Wieso sollte eine Quasi-Ingenieursperspektive, also: keine normal user-Benutzungssicht, auf die internen Transformationsleistungen von Maschinen (d.h. bei Beibehaltung der black-box-Logik) als Mutmaßungen über diese Transformationen, die als “Erklärungen der Funktionsweise von xy” dienen (ohne zwangsläufig selbst ingenieurswiss. Erklärungen zu sein), für “Soziologen” bzw. “Sozialwissenschaftler”, gerade mit Blick auf die “technischen” (!), aber weniger die sozialen (Anschluß-)Aspekte, von Interesse sein? Das leuchtet mir “gar nicht” ein.

    Ich lese mir übrigens am WE ´mal Deinen Crashkurs in Sachen “konstruktive Systemtheorie” durch, um einen besseren Durchblick zu bekommen. Abgesehen davon mache ich mich dann `mal ans Funktionssystem “Technik”….

    ~Peter

  • Rolf Todesco  On February 24, 2012 at 8:08 PM

    zu 1) dass Computer programmierbare Maschinen sind, habe ich ja gar nicht gesagt, bisher habe ich nur gesagt, dass ich Computer verwende um Symbolträger herzustellen. Ich finde wichtig – wegen dem kybernetischen Ansatz – dass ich das Phänomen langsam entwickle und nicht schon verweg, vermeintliches Wissen über Computer reinstecke. Vorab weiss ich nichts von Programmen und dergleichem, ich beschreibe nur, was ich zum Phänomen erhebe.

    2) Soziologisch interessieren mich die Differenzen in den vorfindbaren Redeweisen zu einem Sachverhalt. Hier frage ich mich, was über das Funktionieren von Computern gesagt wird, welche Vorstellungen zu Computern vorfindbar sind. Dass die einen Vorstellungen eher von Anwendern und die anderen Vorstellungen eher von Programmierern kommen, ist eine Klassifikation der Vorstellungen.

    Mir ist noch nicht ganz klar, was Umgangstile sind. Aber ich nehme an, dass verschiedene Leute mit Computern verschieden umgehen, weil sie andere Vorstellungen von Computern haben. Ich beziehe mich hier auf die Redeweisen, die vielleicht mit Umgangsstilen korrelieren.

    Hinz und Kunz verwenden den Computer oft ohne ihn zum Phänomen zu machen. Es genügt ihnen, dass sie ihn verwenden können, sie wollen nicht wissen wie er funktioniert. Die Kybernetik ist aber für Leute, die sich interessieren.

    Soziologen können sich für verschiedene Sachen interessieren. Sie können sich für Hinz und Kunz interessieren oder für Technologie. Wenn sie sich für Technologie interessieren, spielen Hinz und Kunz keine Rolle, aber die möglichen Redeweisen über Computer schon, weil die die Technologie ausmachen.

    Letzter (und mir wichtigster) Punkt:

    > “Produktion” würde beim mir IO- und interne Transf.prozesse
    > (Übertragung inkl.) umfassen, also: wie verarbeitet ein Computer
    > “Symbole”?

    Nein, hier steckst Du wieder Dein Vorwissen rein.

    Ich meine die Produktion von Buchstabenfolgen – was ich gemeinhin als Schreiben bezeichne – am Bildschirm.

    > [Wieso sollte sich das nur auf die Bildschirmdarstellung beschränken?]

    [Das ist nur ein spezieller Fall, es können auch Zeichnungen sein und ich könnte auch einen Drucker anstelle eines Bildschirmes verwenden, in jedem Fall produziere ich einen materielle Träger, den Ich als Zeichenträger auffasse]

    > Zudem ist mir der “Symbolbegriff” nicht klar (nachrichtentechnisch?).

    Ich lasse den Symbolbegriff mal aussen vor, denn ich produziere ja Buchstaben oder Wörter. Das ich sie als Symbole verwende ist dann eine andere Geschichte.

    Entscheidend ist aber, das der Computer in dieser Sicht gar nichts verarbeitet und schon gar keine Symbole oder Buchstaben. Ich verwende den Computer um Buchstaben herzustellen, so wie ich auch einen Bleistift verwende. Diese ist der noch ganz einfache Anfang in der kybernetischen Perspektive auf die Werkzeugentwicklung.
    Wenn ich einen Bleistift verwende, muss ich einiges ganz anders machen, als wenn ich einen Computer verwende – eben weil die Werkzeuge verschieden (entwickelt) sind.

    Es geht mithin darum, was wir als Computer bezeichnen oder darum, wie wir auffassen, was wir so bezeichnen. Ein Ding, das etwas verarbeitet, ist eine andere Vorstellung als ein Ding, mit welchem ich etwas herstelle. Siehst Du das auch so?

    • Peter Bormann  On February 24, 2012 at 8:54 PM

      Nur kurz noch (Abendessen ruft):
      “Heureka” – jetzt verstehe ich, worauf Du hinaus willst, weil mich das stark an die Peircesche Semiotik erinnert. Die Ursache, wie etwas
      zum erklärungsbedürftigen “Problem” (Dein “Phänomen”) wird, wäre freilich “grundlegender” Art und stünde im Zusammenhang mit schlußfolgerungsbasierter Semiose. Beispiele:
      * Du siehst Tierspuren im Sand und versuchst, das zugehörige Lebewesen zu ermitteln.
      * Es passiert ein Verbrechen und Du stellst entsprechende Hypothesen bzgl. des Tathergangs auf, die zu einer zufriedenstellenden “Erklärung” (wie geschah es: step by step?) führen sollen.
      * Immer weitergehende Ausarbeitung von Erklärungen mit Blick auf technische black boxes etc.
      Kann man diese Position nicht als “semiokybernetisch” bezeichnen? Das heißt, es ginge um eine hypothesen- und schlußfolgerungsbasierte Ausarbeitung von satisficing “Erklärungen” (im kybernetischen Sinne), die sowohl im Alltag ausreichen als auch in Technikwissenschaft einmünden können (ohne es zu müssen). Natürlich kann man das zugleich auch soziologisch beobachten: Kommunikation mit Gebrauch welcher Unterscheidungen, blind spots, Latenzen, etc.
      Erinnert mich an eine, auch für den Alltag relevante “semiokybernetische Proto-Ingenieursperspektive”? Kann ich dieser Sicht etwas abgewinnen? Ich denke schon.

      “Ein Ding, das etwas verarbeitet, ist eine andere Vorstellung als ein Ding, mit welchem ich etwas herstelle. Siehst Du das auch so?”
      Käme auf das Tool an: ein Hammer kann bspw. nichts (selbständig) verarbeiten. Eine programmierbare Maschine muß m.E. “verarbeitungsfähig” sein, sonst kann sie nichts herstellen. Einfaches Beispiel: ich schalte den PC aus (-> kann nichts mehr verarbeiten), daher ->

  • Rolf Todesco  On February 25, 2012 at 1:10 AM

    Peter, Du neigst dazu, meine Sachen zu allgemein zu sehen. Ich meine alles immer ganz Werkzeug/Mechanismus nahe.

    Die Spuren im Schnee würde ich mit einem Fuchs oder einem Schneehuhn verbinden, also keine Erklärung dafür suchen, weil ich mir keinen Mechanismus vorstelle (es sei denn die trivialste Form, dass etwas Spuren macht).

    Bei einem Verbrechen genau so: Ich stelle mir keinen Mechanismus vor, der das Verbrechen erzeugt. Es geht nicht darum, dass ich ein Rätsel lösen will, sondern dass ich den Inhalt einer Blackbox rekonstruieren will. Das kann man auch als Rätsel sehen, aber es ist ein spezifiziertes Rätsel, bei welchem ich die Situation zuerst so beschreiben muss, dass eine Blackbox sichtbar wird, die einen Mechanismus enthält.

    Und genau: Ein Hammer kann nicht funktionieren. Er muss in ein übergeordnetes System eingebettet werden. Jemand, der etwas mit dem Hammer macht. Dagegen kann ein Computer funktionieren. Deshalb kommt ein Computer als System in Frage, der Hammer aber nicht – in der Kybernetik!

  • Peter Bormann  On February 25, 2012 at 8:21 AM

    “Peter, Du neigst dazu, meine Sachen zu allgemein zu sehen. Ich meine alles immer ganz Werkzeug/Mechanismus nahe.”
    Deine Spezifikationssicht ist ok, aber der Generalisierungsverweis mit Blick auf Peircesche Semiotik lag nahe, denn in allen skizzierten Fällen würden irritationsinduzierte Schlußfolgerungsweisen (Deduktion, Induktion und kreative Abduktion) zum Tragen kommen – wenn auch auf “unterschiedliche” Weise. Ich meinte also nicht, daß ein kybernetischer “Mechanismus” auch für Spurensucher adäquat ist, sondern umgekehrt: Schlußfolgerungen kommen auf verschiedene Art und Weise bei der Hypothesenbildung zum Tragen, die dann u.a. in einer kybernetischen Erklärung einmünden können.
    Anders gesagt:
    1) Ich würde die (abduktive) Suche nach einem technikspezifischen Erklärungsmuster (einem kybernetischen “Mechanismus”) als Spezialfall eines allgemeinen Semioseprozesses (sensu Peirce) ansehen – zumindest scheint mir das ein interessante Gedanke zu sein.
    2) Dann müßte natürlich gefragt werden, ob mit LoF u / o Dekonstruktion die Peircesche Semiose selbst “tiefergelegt” werden kann (Andrés mark / re-mark, etc.) oder, umgekehrt, welche Folgen der triadisch-relationale Ansatz für Dekonstruktion / LoF haben kann.
    3) Die dritte Frage, die ich stellen würde, wäre: Inwiefern wirkt Technisches basal-konstitutiv bereits in jeder Semiose (oder dann: différance-Verweisung)? -> allgemeine Injunktivität, Iterabilität / Reproduzierbarkeit des Selben, Essentialismus-Orientierung, usf.

    Semiose- / différance-Prozesse, etc. würde ich tendenziell als ein Non-Thema in Deiner Herangehensweise heransehen. Das zeigt bereits Deine Beschreibung, wie “Phänomene” entstehen. Denn schon an dieser Stelle, d.h. damit etwas für uns im Alltag, aber dann gerade auch in der Wissenschaft zum zu erforschenden und erklärenden Rätsel werden kann, muß schon viel passiert sein, was Du implizit voraussetzt: Wahrnehmungen, Erkennen von Wahrnehmungszusammenhängen, Hypothesenbildung, non-essentialistische Klassifizierung von Entitäten, usf.

    Oder als These: Ohne semiotische (und damit auch soziale) Einbettung ist ein kybernetischer Erklärungsversuch nicht möglich, weil Du noch nicht einmal fähig wärst, ein Rätsel (“Dein Phänomen”, Problem, etc.) zu erkennen. Oder prägnanter: keine Kybernetik ohne Semiose (oder dann différance) -> viva la “Semiocybernetica”! ;-)

    Nice WE
    PB

  • Rolf Todesco  On February 25, 2012 at 10:49 AM

    zu 1) sehr einverstanden, dabei stellt sich eben die Frage nach der Perspektive, also ob ich eher spezieller oder eher allgemeiner hinschaue.

    zu 2 und 3) ja, gute Vorschläge, wenn sie umgesetzt werden

    zu meinen Voraussetzungen) ja, die sehe ich alle auch so. Kybernetik ist eine pragmatische Geschichte, die sich um ihre Voraussetzungen zunächst wenig kümmert. Aber dann haben wir ja noch die 2. Ordnung, die hier noch nicht Thema ist, weil alles am Anfang steht.

    Das Problem in der Rezeption der 2. Ordnung-Kyberentik von H. von Foerster war und ist immer, dass die erste Ordnung gar nicht zu Kenntnis genommen wird. Das mache ich hier aber umgekehrt: Zuerst Kybernetik und danach Reflexion der Kybernetik.

    Man kann schon mit der Dekonstruktion beginnen, aber dann kommt man nie zur Konstruktion. Die von Foerster/Luhmann-Konnektion ist reaktiv, sie entwickelt keine Ideen, sie ist konservativ weil sie bereits Vorhandenes thematisiert/dekonstruiert.

    Technologie ist eine Art Gegenmodell für Neues. Wir können an unseren eigenen Beiträgen beobachten, was wir an neuen Formulierungen beibringen und wo wir bestehende Formulierungen kritisieren.

    • Peter Bormann  On February 25, 2012 at 10:59 AM

      Ich denke, wichtig an HvF und Luhmann / Systemtheorie (aber auch an Derridas Dekonstruktion) ist die Betonung von “Selbstreferenz”. Und genau diese Hypothese ist es wert, weiterverfolgt zu werden. Ob bspw. systemtheoretisch oder dekonstruktiv nur Existentes kontinuiert werden muß à la “ich sage dasselbe – nur anders (bspw. in systemtheoretischer Terminologie)”, ist die Frage.

      Ich sehe beide Verfahren (Systemtheorie, Dekonstruktion), aber auch andere Ansätze eher “heuristisch” durch die Betonung von Kontingenz. D.h., Evidentes wird in Kontingentes überführt, so daß wir nicht nur anders denken / kommunizieren, sondern auch anders “machen” können. Für mich persönlich gilt dabei: Mit exklusiver Theoriearbeit kann ich mittel- und langfristig wenig anfangen – ich muß auch etwas zum Machen (Realisieren, Implementieren, etc.) haben.

      ~Peter

  • SimpleJack  On March 5, 2013 at 2:19 PM

    Sehr schön und ausführlich! Den hier hab ich auch noch gefunden: http://www.kammerath.net/wie-funktioniert-ein-computer.html

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