Texte versus Text

ich habe geschrieben, dass Texte materielle Artefakte sind, die ich mittels Werkzeugen wie Bleistifte oder Computer herstelle. Einige der Blog-Kommentare verlangen Differenzierungen, vor allem eine Differenz zwischen Differenzen und Kategorien.

Den Ausdruck Text verwende ich (auch) als Begriff im Sinne einer kategoriellen Bestimmung, die es mir erlaubt, bestimmte Gegenstände als Texte zu klassifizieren. Die Gegenstände, die ich der Klasse Text zuordne, bezeichne ich als Texte. Das heisst ich verwende den Ausdruck “Text” für eine Klasse von Gegenständen UND für die Gegenstände, die zu dieser Klasse gehören. Natürlich setze ich damit Gegenstände voraus, so wie wenn ich Aepfel und Birnen in verschieden beschriftete Körbe lege oder Schuhe im Schuhaden und nicht in der Bäckerei suche. Von den Gegenständen kann ich dann – mit gewissen Unschärfen – sagen, ob sie Texte sind, also zur entsprechenden Klasse gehören oder nicht.

Wenn ich sage, dass Texte materielle Artefakte sind, dann spreche ich von den Gegenständen, die ich als Texte bezeichne.

Jeder geschriebene Text ist als Gegenstand ein materielles Artefakt. Aber den Ausdruck Text verwende ich nicht nur für diese Gegenstände und deren Klasse, sondern auch als Begriff in einem differeziellen Sinn. Ich will diese Differenz zunächst an einem anschaulicheren Beispiel anschaulicher machen. Ich kann jede Uhr zeichnen, aber ich kann DIE Uhr nicht zeichnen. Mit dem Ausdruck Uhr bezeichne ich – wie mit dem Ausdruck Text – sowohl den Begriff, den ich nicht zeichnen kann, als auch dessen Referenten, die ich alle zeichnen kann.

Wenn ich eine Menge von Gegenständen als Uhren klassifiziere, kann ich mir diese Klassifikation durch eine Definition bewusst machen, indem ich mich frage, welche Gegenstände ich der entsprechenden Klasse zuordne. Die Definition ist dann eine Explikation meiner Klassenbildung, die beschreibt, welche Gegenstände ich als Uhren bezeichne. Diese Definition sagt aber nicht, was eine Uhr IST, sondern beschreibt eine Operation des Sortierens. Wenn ich beispielsweise zwanzig Uhren und zehn Aepfel vor mir habe, kann ich mich fragen, wie ich die Uhren als Uhren von anderen Gegenständen unterscheide.

Dieses kategorielle Bestimmen setzt Gegenstände vorraus und natürlich einen Beobachter, der diese Gegenstände als solche wahrnimmt. Differenziell kann jedes kategorielle Bestimmen aufgelöst werden. Ich könnte – etwa wie N. Luhmann – behaupten, dass es keine Uhren und keine Gegenstände gibt, weil es auch keine Beobachter gibt. Dabei würde ich durch eine Theorie argumentieren, die beispielsweise nur Kommunikationen zulässt, so dass Uhren nur als Uhren in Gesprächen erscheinen, also nur vorkommen, weil darüber kommuniziert wird.

Die Vorstellung von gegebenen Dingen, die sich klassifizieren lassen, beherrscht zwar mein nicht reflektiertes Alltagsdenken,
aber sie reflektiert natürlich auch eine Theorie, die ich im Alltag unbewusst verwende. Diese Theorie mache ich mir in Form
einer Technologie, die Artefakte beobachtet, bewusst zugänglich. Alle klassifizierbaren “Dinger” werden dabei Verallgemeinerungen von materiellen Gegenstände, die hergestellt sind. Eine solche Technologie ist eine komplementäre Alternative zu Theorien, die nur oder vor allem Kommunikationen beobachten, weil sie eben anstelle von Kommunikation das Herstellen im Sinne eines toolmakings beobachtet.

Die Komplemetarität zeigt sich darin, dass Theorien, die die nur Kommunikation beobachten, keine Gegenstände erfassen können, also nichts zur Konstruktion von Maschinen und Computern sagen können und mithin das, was sie als Digitalisierung beschwören jenseits eines technischen Verständnis behandeln (müssen).

Wenn ich Texte als hergestellte Gegenstände begreife, beobachte ich natürlich gerade keine Hermeneutik und kein psychisches Verstehen oder Verstandenwerdenwollen, sondern eine mechanische Funktionsweise, in welcher Texte zur Strukturierung von Signalen hergestellt und verwendet werden. Ich schliesse damit an der kybernetischen Kernaussage von C. Shannon an, wonach Information keine “Bedeutung” hat. Diese Aussage von C. Shannon wird natürlich auch theorieabhängig gelesen. Wenn sie kybernetisch gelesen wird, wird sie auf einen Signal-Mechanismus bezogen, in welchem die Signale eine mechanische Funktion haben. Das Signal, das vom Thermostaten zur Heizung fliesst, hat natürlich eine Bedeutung für einen Beobachter der Heizung, aber es hat keine Bedeutung für die Heizung. Das heisst, dass ein Beobachter verstehen kann, wozu das Signal gut ist und wie es wirkt, dass aber die Heizung das Signal gar nicht als Signal wahrnehmen kann, weil sie gar nichts wahrnehmen kann.

Wenn von einem Text ein Signal in das Auge des Lesers fliesst – was eben die kybernetische Funktion des Textes ist – nimmt das Auge nichts wahr, sondern reagiert mechanisch mit der Umwandlung von Lichtsignalen in Nervenströme durch die Retina. Nur ein Beobachter kann die Signale als Signale erkennen.

Nochmals – innerhalb einer kybernetischen Theorie, die hergestellte Artefakte, also typischerweise signalgesteuerte Automaten beobachtet, hat materiell hergestellter Text die Funktion Signale zu strukturieren. Dieser Prozess spielt – kybernetisch gemäss C. Shannon – jenseits von Bedeutungen, die Beobachter den Signalen zuschreiben. Wenn ich im alltäglichen Sinne Text herstelle, kümmere ich mich gemeinhin nicht darum, dass ich mit dem Text Signale strukturiere, weil mein Alltagsbewusstsein mit dem Text Bedeutungen verbindet – die der Text – in einer konstruktivistischen Perspektive – gerade nicht hat.

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Comments

  • PeterB  On March 17, 2012 at 12:13 PM

    Ich denke, es ist sinnvoll, vier Themenkomplexe in der Diskussion auseinander zu halten:
    1) “Kybernetik bzw. die kybernetische Erklärungsweise”

    2)” (operativer) Konstruktivismus vs. Realismus (und ihre Varianten)”
    Nur en passant: “so dass Uhren nur als Uhren in Gesprächen erscheinen, also nur vorkommen, weil darüber kommuniziert wird.”
    Das ist ein Missverständnis. Es geht beim operativen Konstruktivismus darum, daß “ohne” jede operativ eingesetzte Unterscheidung keine Information bzgl. der Umwelt vorliegen würde. Insofern das für “alle” Sinn-Beobachter gilt (kommunikationsbasierte soziale Systeme, Bewußtseinsprozessoren inkl. semantisch imprägnierter Wahrnehmungen), heißt das, daß ohne dieses Prozessieren von Unterscheidungen für besagte Sinn-Beobachter keine informationell gehaltvollen Umwelten ausgemacht werden können [zumal die System-Umwelt-Unterscheidung selbst kollabieren würde -> kein System].
    Man mag dann noch ein “a-informationelles (materielles) Etwas (à la Welt)” unterstellen, was aber schon “zu viel” gesagt ist. Denn auch das ist nur via Unterscheidungsgebrauch zu behaupten.

    Dementsprechend wäre die konstruktivistische These: “Der Zugang zum Gegenständlichen (das sich durchaus thematisieren läßt!) erfolgt entweder medial und unterscheidungsbasiert – oder gar nicht!”
    Man kann das auch als re-entry formulieren, bspw.: “Medial (Materiell / Medial)” [siehe nachfolgend Punkt 3)].

    3) “Medien-Welt-Dualismus” (auf den z.B. die Unterscheidung “Signal – Bedeutung” verweist).
    Das Problem: “a-signifikative Signale” sind immer nur bedeutungsmäßig thematisierbar. Oder allgemein: Die Unterscheidung von Medialem und A-Medialem (Signal, Datum, Weltausschnitt, etc.) kann immer nur medial getroffen – wie sonst?
    Zugleich erfolgt die Unterscheidung aber “in” der Welt – wo sonst?

    “Nur ein Beobachter kann die Signale als Signale erkennen.” Nein, Sinn-Beobachter (im obigen Sinne von Kommunikations-, Bewußtseins- und Wahrnehmungsprozessoren) können keine a-signifikativen und dann auch a-medialen Low-Levels, z.B. der neuronalen, zellularen, etc. Ebene, erreichen.
    Wie soll das gehen?

    A-mediale / a-signifikative “Data” entsprechen daher dem letztlich zum Scheitern verurteilten Versuch, bedeutungsmäßig über A-Bedeutung oder medial über A-mediales nachzudenken / zu kommunizieren.

    “Dieser Prozess spielt – kybernetisch gemäss C. Shannon – jenseits von Bedeutungen, die Beobachter den Signalen zuschreiben. ”
    Die Pointe ist eher: Sobald Sinn-Beobachter a-signifikative Signale “erkennen” könnten, entsprächen sie gerade “keinen” a-signifikativen Signalen (sensu: obigen “Data”) mehr.

    Mit “a-signifikativen Signalen und signal-basierten Texten” haben daher Sinn-Beobachter noch nie zu tun gehabt. Es handelt sich eher um “Thematisierungen von Unmöglichem” seitens Sinn-Beobachter im Rahmen des Medialen und Signifikativen – und gerade solche Thematisierungen sind signifikativ und medial möglich, aber nur als “Thematisierungen” (im Denken / Kommunizieren) !

    4) die Frage nach “Materialismus”

    Diese vier Themenkomplexe stehen “orthogonal” zueinander. Und es dürfte sinnvoll sein, diese (im Falle einer Problematisierung) zu trennen. Dementsprechend ist eine kybernetische Erklärungsweise auf Realismus und Medien-Welt-Dualismus auch “nicht notwendigerweise” angewiesen. Das entspricht eher einer “kontingenten” Kopplungsentscheidung.

  • kybernetiks  On March 17, 2012 at 1:13 PM

    Unter den mitgegebenen Voraussetungen Deiner Theorie kann ich Deine Einwände alle ganz leicht nachvollziehen – also keinerlei Widerspruch.

    Was ich noch nicht verstanden habe, ist, wie wir unter diesen Voraussetzungen über hergestellte Uhren (oder Computer) und deren Funktionsweise sprechen würden. Aber ich kann gut noch etwas warten – auch wenn ziemlich gespannt.

    • PeterB  On March 17, 2012 at 1:33 PM

      Rolf, nur kurz, ich muß mich gleich um anderes kümmern (ich hoffe freilich, daß ich morgen den Artikel zu “Materialität – Zeichen” und “Medien-Welt-Dualismus”, etc. fertig schreiben kann):
      “wie wir unter diesen Voraussetzungen über hergestellte Uhren (oder Computer) und deren Funktionsweise sprechen würden.”

      * Möglichkeit 1: Analyse der Fachdiskurse – man könnte bspw. die entspr. Semantiken in der Informatik formanalytisch durchchecken: Leitunterscheidungen, blind spots, etc.

      * Möglichkeit 2: Dekonstruktion der Fachdiskurse

      Beides nicht unbedingt im Sinne von “black boxes”, sondern auch als mögliche “white boxes”.

      * Möglichkeit 3: Introjektion der “kybernetischen Erklärungsweise” in die (soziologische) Systemtheorie?

      Also die Abfolge wäre: Formanalyse – Dekonstruktion – Kybernetik (die sich jedoch auch ergänzen können). Zumindest liegt diese Trias nahe.

      Apropos Schmidts Abschied vom Konstruktivismus: Kannst Du dazu noch etwas schreiben (-> was ist denn die Alternative)? Ich las gerade eine Amazon-Rezension, bei der ich mir vor allem “gruselig” gemerkt habe :-)

      • kybernetiks  On March 17, 2012 at 2:16 PM

        Auch nur kuuuuurz ;-) Ich sehe, dass Du viiiiele Möglichkeiten siehst, mir würde schon eine genügen, wenn ich sie dafür angewendet sehen könnte. Ich habe ein ganzes Buch darüber geschrieben, wie Ingenieure über Cmputer sprechen – aber (in mienem Fall: natürlich) so, dass ich selbst auch über Computer gesprochen habe. Ich bin also nach wie vor gespannt: aber ehrlich gesagt, weniger auf Deine Materialität-Medialität..usw als darauf wie Du je über Computer sprechen wirst.

  • PeterB  On March 17, 2012 at 5:59 PM

    “als darauf wie Du je über Computer sprechen wirst.” Ja, da muß ich mich wohl selbst überraschen :-) . Aber zuerst sollte der Versuch unternommen werden, ein Technikfunktionssystem zu konzeptualisieren.
    Schönes WE
    ~Peter

    • kybernetiks  On March 17, 2012 at 6:48 PM

      :-)) JA, auf das Funktionssystem bin ich auch sehr gespannt – ich glaube, da würde Technik auch zur Sprache kommen – ich habe ja zur Informatik einen Anfang gemacht, der wohl deshalb nicht goutiert wird, weil darin Computer vorkommen. Ich bin gespannt und freu mich.

      PS: Schmidts Buch habe ich vor Jahren angelesen, kann leider nichts mehr dazu sagen, nochmals lesen mag ich vorderhand nicht (weils mein Konstruktivismus nicht betrifft)

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