Historische Fußnote / Text als materielles Artefakt

Rolf hat einen Beitrag zu der Frage gepostet, ob Texte materielle Artefakte sind- im Prinzip also zu der Frage, ob Texte eine Materialität haben. Einiges daran erinnert mich an eine Diskussion, mit der ich mich kürzlich beschäftigt habe: Die Frage nach dem Wesen der Sprache (die man wohl braucht, bevor es überhaupt einen Text geben kann) im 19. Jahrhundert. Um der Debatte  eine kleine historische Fußnote zu verpassen, möchte ich hier einen Ausschnitt aus meiner Dissertation posten, der sich genau damit beschäftigt.

In dem entsprechenden Kapitel geht es um den Sprachwissenschaftler August Schleicher, der 1863 versuchte zu zeigen, daß Sprachen materielle Lebewesen seien, die sich genau nach den Gesetzen entwickelten, die Darwin in On the Origin of Species aufgestellt hatte. Schleicher vertrat dabei eine materialistische Position, die später heftig kritisiert werden sollte. Interessant ist daran vor allem zu beobachten, wie schwer es ihm letztlich fällt, seinen Materialismus durchzuhalten. Hier also ein Ausschnitt meiner Ergebnisse dazu – die Fußnoten habe ich beibehalten, da finden sich dann auch Literaturhinweise, falls jemand besonders interessiert ist. Los geht’s:

“Es scheint, als habe Schleicher an der materialistischen Physiologie nicht zuletzt gereizt, dass sich daraus ein hohes Maß an Anschaulichkeit generieren ließ, welche die Sprachwissenschaft nicht bereit stellen konnte. Von Karl Friedrich Burdach übernahm Schleicher den Begriff der Morphologie und führte ihn als erster in die Linguistik ein,[1] wobei er ihn jedoch nicht metaphorisch verwendete, sondern durch seine Verwendung des Begriffs die später ausformulierte Annahme fundierte, daß Sprachen wie Organismen zu behandeln seien. Daraus leitete er auch eine Unterteilung seines eigenen Faches in „Glottik“ (womit das Fach gemeint ist, das heutzutage als Linguistik bezeichnet wird – eine Bezeichnung, die sich nicht durchsetzen konnte) und „Philologie“ ab.[2]

Diese Unterscheidung verschiedener Disziplinen und Gegenstandsbereiche innerhalb der Sprachwissenschaft war für Schleicher selbst jedoch nur ein Notbehelf, der so lange aufrechterhalten werden sollte, bis sich eine leistungsstärkere „Philosophie“ herausgebildet hätte. Gemeint ist der Monismus, den Schleicher als Fluchtpunkt des „Denkens der Neuzeit“[3] einführt. Der Monismus kenne keine Unterschiede zwischen Materie und Geist mehr und passe endlich nicht mehr die Gegenstände der Forschung der Theorie an, sondern sei viel mehr gewillt, die Theorie an die beobachteten Phänomene anzunähern. […]

Zu den Einwänden,die gegen Schleicher erhoben wurden, gehört vor allem seine Beschreibung der Sprachen als „Naturorganismen“ (s.o.), die genau wie Tiere und Menschen einen „formell gleichen Ursprung“[5] in verschiedenen Ursprachen besäßen und ebenso wie diese einer „Specificierung“[6] und damit Geschichtlichkeit ausgesetzt seien. Allein das Vokabular zur Beschreibung der Sprachen unterscheide sich von dem des Botanikers oder dem des Physiologen, die Gesetze der „Specificierung“, der Ausdifferenzierung von Unterschieden, hingegen seien austauschbar und von Darwin beschrieben worden:

Diese Verschiedenheiten [der Sprachen eines Stammes, H.E.] greifen, in eine Reihe geordnet, unmerklich ineinander, und die Reihe weckt die Vorstellung von einem wirklichen Uebergang so brauchen wir nur die Benennungen Art, Unterart, Varietät mit den in der Sprachwissenschaft üblichen (Sprache, Dialekt, Mundart, Untermundart) zu vertauschen und das von Darwin Gesagte gilt vollkommen für die sprachlichen Unterschiede innerhalb der Sippen, deren allmähliches Entstehen wir so eben an einem Beispiele vor Augen geführt haben.[7]

Um sich gegen seine Kritiker zur Wehr zu setzen, legte Schleicher 1865 seine eingangs schon erwähnte Schrift Über die Bedeutung der Sprache für die Naturgeschichte des Menschen vor, in der er gleich zu Anfang einräumte, in der vorangegangenen Untersuchungen keine Begründungen für seine Annahme geliefert zu haben, dass es sich bei den Sprachen um materielle Entitäten handelte.[8] Bei seinem erneuten Versuch, dies zu zeigen, kam es dann jedoch zu einer exemplarischen Unschärfe, die sich nicht nur in dieser materialistischen Ausdeutung der Sprache findet, sondern auch in Beiträgen zum Materialismusstreit verbreitet ist.[9] Schleicher schreibt:

Die Sprache ist das durch das Ohr wahrnehmbare Symptom der Thätigkeit eines Complexes materieller Verhältnisse in der Bildung des Gehirns und der Sprachorgane mit ihren Nerven, Knochen, Muskeln u.s.f.* [Fußnote von Schleicher: *„Dieser Gedanke ist nicht neu. Lorenz Diefenbach, Vorschule der Völkerkunde, Frankfurt a.M. 1864, S.40 flg. Hat ihn bereits ausgesprochen.“] Allerdings ist die materielle Grundlage der Sprache und ihrer Verschiedenheiten noch nicht anatomisch nachgewiesen, meines Wissens ist aber auch eine comparative Untersuchung der Sprachorgane verschiedener Völker noch gar nicht unternommen worden.[10]

Die „materielle Grundlage der Sprache“ hätten wohl auch seine Gegner nicht bestritten, wohl aber, dass die Sprache selbst Materie sei.[11] Das behauptet auch Huxley nicht, auf den sich Schleicher später explizit, hier jedoch eher implizit bezieht. Huxley schreibt: „[…] the brain is chiefly, the organs of the senses and the motor apparatuses, especially those which are concerned in prehension and in the production of articulate speech.“[12] Über das Wesen der Sprache macht Huxley überhaupt keine Angaben, sein Interesse daran bezieht sich allein auf das Potential, sie als funktionale Differenz einzusetzen, wie es später auch Schleicher tun wird. Letzterer kann auch nicht auf der phänomenologischen Ebene[13] stehen bleiben, da sich bereits aus den dabei gefundenen Beschreibungen Folgen für die Praxis des Sprachwissenschaftlers ergeben.

An einer anderen Stelle spricht Schleicher von der Notwendigkeit der Experimentalisierung der Sprachwissenschaft, und schlägt damit implizit die Umwandlung in eine empirische Forschung vor. Die argumentative Verschiebung von einer idealistischen Sprachwissenschaft hin zu einer ontologisch interessierten, beobachtungsbasierten Wissenschaft ist ein entscheidender Schritt, den Schleicher durch eine neue sprachwissenschaftliche Praxis vollziehen wollte, und den er ohne seine Anschlüsse an Physiologie und Botanik nicht hätte umsetzen können. Die Annahme, dass Sprache wie Materie sei, scheint Schleicher her als heuristisch sinnvolle Arbeitshypothese einführen zu wollen. Der Linguist soll nach Schleicher

[…] mit der Sprache so verfahren, wie die Chemiker mit der Sonne, deren Licht sie untersuchen, da sie die Quelle dieses Lichtes nicht selbst in Untersuchung nehmen können. Was, um im Gleichnisse zu bleiben, bei der Sonne das Licht ist, das ist bei der Sprache der hörbare Laut; wie dort die Beschaffenheit des Lichtes von der materiellen Grundlage desselben zeugt, so hier die Beschaffenheit des Lautes. Die der Sprache zu Grunde liegenden materiellen Verhältnisse und die hörbare Wirkung dieser Verhältnisse verhalten sich zueinander wie Ursache und Wirkung, wie Wesen und Erscheinung überhaupt; der Philosoph würde sagen: sie sind identisch.[14]

Diese monistisch angehauchte Ausdeutung der Sprache bringt viele Probleme mit sich, von denen die Identifizierung von Ursache und Wirkung sowie von Wesen und Erscheinung vielleicht die gravierendsten sind. Schleicher bleibt bei den hier genannten Behauptungen, ohne sie weiter auszuführen, er verweist lediglich darauf, dass man Sprachen zwar nicht mit den „Händen greifen“[15] könne, aber dafür hören könne – sinnliche Wahrnehmung muss hier als Beleg für die „materielle“ Existenz reichen. [….]”

So weit der Ausschnitt.

Für Schleicher ist die Sprache vor allem auch deshalb als materiell aufzufassen, da er sie nur so (wie auch bestimmte körperliche Merkmale) als funktionale Differenz aufbauen kann. Dieser letzte Punkt ist es auch, der mich noch einmal zu dem Post zurückbringt, der mich dazu gebracht, diesen Beitrag hier einzubringen: Es stellt sich doch immer die Frage, was damit gewonnen ist, wenn man Text, Sprache oder was auch immer als materiell oder immateriell definiert hat, abgesehen davon, daß man unter Umständen eine Frage aus der Ontologie gelöst hat. Im Fall der Sprachwissenschaft eines August Schleichers, der (vermutlich zurecht) sehr viel Schelte bezogen hat, ist das die Diskussion umgebende Projekt ein anthropologisches (Sprachwird als funktionale Differenz etabliert), im Falle des Textes materielles Artefakt ein kybernetisches (so wie es hier diskutiert hat). Ich frage mich, ob man beides verbinden kann, vielleicht sogar verbinden muß. Wahrscheinlich führt es alles zu der Frage zurück, ob man die Maschine ohne den Menschen denken kann, als zu weit. Um die Fußnote also zu einem defensiven Abschluß zu bringen: es ist eben eine Fußnote.


[1] Schleicher, August (1859): Zur Morphologie der Sprache. St. Petersburg: Eggers.

[2] „Die Sprachen sind Naturorganismen, die, ohne vom Willen des Menschen bestimmbar zu sein, entstunden, nach bestimmten Gesetzen wuchsen und sich entwickelten und wiederum altern und absterben; auch ihnen ist jene Reihe von Erscheinungen eigen, die man unter dem Namen ‚Leben’ zu verstehen pflegt. Die Glottik, die Wissenschaft der Sprache, ist demnach eine Naturwissenschaft; ihr Methode ist im Ganzen und Allgemeinen dieselbe, wie die der übrigen Naturwissenschaften. [FN hier: Von der Philologie, einer historischen Disciplin, ist hier natürlich nicht die Rede.]“(Schleicher 1863, 7).

[3] Ebd., 8.

[5] Ebd., 23.

[6] Ebd., 12.

[7] Schleicher 1863, 20.

[8] Vgl. Schleicher 1865, 3.

[9] Dies zeigt sich besonders deutlich an der sogenannten Ignorabimus-Rede von Emil Du Bois-Reymond, die zwar grundsätzlich einem erkenntnistheoretischem Interesse folgt, indem sie sich der Frage stellt, was wir überhaupt vom Begriff der Materie wissen können, sich aber auch mit der Frage der materialistischen Begründung von geistigen Phänomen auseinandersetzt. Zusammenfassend stellt Du Bois-Reymond hierzu fest: „Ob wir die geistigen Vorgänge aus materiellen Bedingungen je begreifen werden, ist eine Frage, ganz verschieden von der, ob diese Vorgänge das Erzeugnis materieller Bedingungen sind. Jene Frage kann verneint werden, ohne daß über diese etwas ausgemacht, geschweige auch sie verneint würde.“ Du Bois-Reymond, Emil (1872): Über die Grenzen des Naturerkennens. Ein Vortrag in der zweiten öffentlichen Sitzung der 45. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte zu Leipzig am 14. August 1872. Leipzig: Verlag von Veit & Comp. Hier S. 131. Während Emil Du Bois-Reymond dem Materialismus hier epistemisch zustimmt, indem Bewusstsein ist materiell bedingt, und auf diese Weise verstehbar auffasst, wendet er ontologisch gegen den Materialismus grundsätzlich ein, dass wir den Begriff der Materie nicht verstehen können, Bewusstsein also keine Materie ist. Trotz dieser differenzierten Darstellung sei jedoch angemerkt, dass auch bei Du Bois-Reymond, wie bei vielen seiner Zeitgenossen, die Begriffe Materialismus und Mechanismus nicht sauber getrennt werden.

[10] Ebd., 8.

[11] Robert Brain stellt in seinem Aufsatz Standards and Semiotics (1998. In: Lenoir, Timothy (Hg.): Inscribing Science. Scientific Texts and the Materiality of Communication. Stanford: Stanford University Press, S. 249–284.) die Entwicklung der phonetisch orientierten Sprachwissenschaft anhand der Arbeiten von Michel Bréal dar, einem Gegner Schleichers. In dessen Umfeld arbeiteten unter anderem die Linguisten Marey und Havet, sowie der Gehörlosen-Experte Rosapelly mit Experimenten, für die sie Phonographen einsetzen. „This inscriptive apparatus, then, rendered  the hithero fleeting phenomena of speech into materialized scientific objects […].“ (Brain 1998, 261). Weiterhin berichtet Brain von der Französischen Gesellschaft für Anthropologie, die ab 1900 versuchte, ein Musée glossophonographique des langues, dialects, et patois einzurichten, in dem Sprachen der ganzen Welt dargestellt werden sollten. (Brain 1998, 277). Der Wunsch danach, die Sprache als eine materielles Objekt wissenschaftlich untersuchen zu können, bestimmte nicht nur den oft als Positivist verschrieenen Schleicher, sondern auch Sprachwissenschaftler, denen Schleicher Ansatz vorerst nicht überzeugend erschien.

[12] Huxley 1863, 102f.

[13] BLEEK

[14] Schleicher 1865, 10.

[15] Ebd.

[16] Ebd., 16.

[17] Ebd.

[18] Ebd., 17.


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Comments

  • kybernetiks  On March 16, 2012 at 2:21 PM

    > Es stellt sich doch immer die Frage, was damit gewonnen
    > ist, wenn man Text, Sprache oder was auch immer als
    > materiell oder immateriell definiert hat,…

    ok, auf diese Frage können wir später vielleicht – je nach dem – zurückkommen. Ich möchte davor (rhetorisch) fragen: Was ich damit gewinne, wenn ich Text und Sprache unterscheide? Wozu habe ich zwei verschiedene Wörter und welche Differenzen sind damit bezeichnet, welche Unterscheidungen werden damit eingeführt.

    Schleicher kenne ich nicht, oder eben nur von obigem Textauszug. Mir scheint er spricht über Sprache, was ich bislang nicht gemacht habe … FALLS Text und Sprache unterschieden werden.

    Vorerst denke ich so darüber: Was ich als Text bezeichne, weiss ich ziemlich genau und darüber habe ich ja geschrieben. Was ich als Sprache bezeichne ist mir weniger klar. Über Text kann ich auch sprechen, ohne auf “Sprache” überhaupt bezug zu nehmen. Es gibt beispielsweise Programmiersprachen und deren Texte werden als Programme bezeichnet. Programmiersprachen sind aber in meinem Verständnis nur sehr bedingt Sprachen, trotzdem kann ich Programmiersprachen- Texte schreiben.

    Ich glaube, eine Technologie muss genau solche Verhältnisse klären. Meine nicht rhetorische Frage lautet also, wie oder wofür verwenden wir den Ausdruck Text und allenfalls (wenn das Dir wichtig ist) den Ausdruck “Sprache”?

    Oder um die Frage zuzuspitzen: Wie kann man Text jenseits von Materialität verstehen?

  • Hanna  On March 16, 2012 at 2:39 PM

    “Über Text kann ich auch sprechen, ohne auf “Sprache” überhaupt bezug zu nehmen”

    – dazu brauchst Du die Sprache selbst wieder. Ich glaube nicht, daß man die Frage danach, was Sprache ist, davon isolieren kann. Klar ist, daß man, um sich darüber zu verständigen, nicht die Sprachwissenschaft des 19. Jhdts. heranziehen kann: die dient nur dazu, daß wir verstehe können, wie es wurde, was es ist- und so war auch mein Post gemeint.

    “Programmiersprachen sind aber in meinem Verständnis nur sehr bedingt Sprachen”

    – Warum denn eigentlich? Sie erfüllen doch viele Bedingungen dafür? Oder hängt Sprache für Dich von der Praxis, dem Gesprochen-werden ab?

  • kybernetiks  On March 16, 2012 at 3:43 PM

    hmmm… ich unterscheide Sprache und Sprachen, genau wie ich Texte und Text unterscheide. Es gibt viele Texte und viele Sprachen (Deutsch, Englisch, …) und es gibt die Begriffe Text, Sprache.
    Meine Äusserungen hier sind deutsch, das unterscheide ich von englisch. Aber wovon soll ich Sprache unterscheiden? Wenn ich den Ausdruck Sprache als “Klassifikationsbezeichner” verwende, kann ich sagen Deutsch ist eine Sprache. Dann sage ich nichts darüber, was eine Sprache ist (das ist analog zu Text in meinem Text).

    Mein unscharfer Begriff “Sprache” beinhaltet, dass ich jemanden ansprechen kann, und dass der mich (miss)verstehen kann. Das geht mit Computersprachen in dem Sinne bedingt, dass ich Dir aus einem Programmtext vorlesen kannst und Du das verstehen kannst, aber ein Computer kann davon nichts (miss)verstehen.

    Mich interessieren aber im Moment mehr die Differenzen zu Text. Sprache finde ich ein etwas zu kompliziertes Thema am Anfang – vielleicht gerade weil ich dazu keine materillen Vorstellungen habe.

    • Hanna  On March 16, 2012 at 5:35 PM

      Es wäre unter Umständen auch möglich, den “Gestell” Begriff von Heidegger aus dem Technik-Aufsatz heranzuziehen, um an “die” Sprache heranzukommen. Ich werde noch mal schauen, ob es eventuell in “Unterwegs zur Sprache” Bemerkungen dazu gibt, vielleicht kommt man so weiter.

      • kybernetiks  On March 17, 2012 at 7:12 PM

        Mit Heidegger kenne ich mich kaum aus, um nicht zu sagen gar nicht. Ich habe seinen Ge-Stell-Begriff immer ontologisch gelesen, für HINgestellte Gegenstände, Gestelle eben. Sprache kommt da in meiner – naiven – Vorstellung nicht vor, sondern eher Dinge, von welchen ich als materielle Artefakte sprechen würde.

        Mit Heidegger teilen würde ich (wenn ich ihm damit nicht unrecht tue), dass Sprache einen Handlungszusammenhang bezeichnet, den er als nicht hintergehbar
        bezeichnet (was ich keinesfalls tun würde).

        Ich bin gespannt, was Du dort finden wirst.

  • Fbritz  On March 16, 2012 at 4:48 PM

    Kleine Anmerkung zur interessanten Distinktion Text / Sprache:
    Wir kennen “Blindtext”. Aber keine “Blindsprache”.

    • Hanna  On March 16, 2012 at 5:33 PM

      Was genau meinst Du mit “Blindtext”? Ich kenne ja vor allem diese “lore ipsum”-Platzhalter – das würde ich allerdings auch unter Sprache einordnen, insofern es Teil einer bestimmten Kommunikation ist. Schwierig wird es vor allem mit Blindtext, wie ihn beispielsweise Stefan George vorgelegt hat, um seine StG Schrift auszuprobieren. Dieser Blindtext ist von seiner Lyrik kaum zu unterscheiden; wenn auch das wieder ein anderes Thema ist.

    • kybernetiks  On March 17, 2012 at 5:57 PM

      danke für diesen Hinweis. Der Blindtext (http://de.wikipedia.org/wiki/Blindtext) beruht auf einer semantikfreien Grammatik, die HIER den Text als solchen deutlicher hervorhebt, weil die Konnotationen zur Bedeutung besser aufgehoben sind.

  • technotheoros  On March 16, 2012 at 8:26 PM

    “Wie kann man Text jenseits von Materialität verstehen?”

    Ich frage mich hingegen, wie man “Materialität” (als Wort, Terminus technicus oder auch ganz unmittelbar als Gegenstand/Objekt) verstehen könnte, ohne eine textuelles Geflecht von aufeiander verweisenden Zeichen, Marken voraussetzen zu müssen? Selbst die unmittelbare sinnliche Gewißheit eines “dies da”ist angewiesen auf ein Koordinatensystem von differentiellen Verortbarkeiten, ohne die selbst ein deiktischer Fingerzeig nicht möglich wäre.

    Materie als Artefakt, als text-technischer Effekt: damit könnte ich mich anfreunden.

  • kybernetiks  On March 17, 2012 at 11:50 AM

    > Selbst die unmittelbare sinnliche Gewißheit eines “dies da”
    > ist angewiesen auf ein Koordinatensystem von differentiellen
    > Verortbarkeiten, ohne die selbst ein deiktischer Fingerzeig
    > nicht möglich wäre.

    ok, dazu bringe ich wieder einmal meine Unterscheidung analog/digital als Differenz (im nächsten Beitrag). Ich stimme absolut zu, dass “dies da” neben dem Finger(=digit)zeig enorm viele Voraussetzungen macht. Als Theorie bezeichne ich ja gerade, dass ich diese Voraussetzungen mit an Bord nehme. Alles was ich sage. sage ich unter waaaahnsinnig viele Voraussetzungen (Dazu hat der vormalige Konstruktivist SJ. Schmidt ein ganzes Buch geschrieben (Geschichten und Diskurse Abschied vom Konstruktivismus. Rororo 55660, 2003), was ich hier nicht empfehlen will, weil es nicht den Konstruktivismus meint, den ich meine, aber dafür die Voraussetzungsprblematik ausführlich erläutert).

    Ich meine: Was immer ich sage, sage ich unter Voraussetzungen – und das gilt auch für diesen Satz (wobei “diesen Satz” ja gar nicht sagbar wäre …). Also ich spreche mal mit einigen Voraussetzungen:

    Einen Text erkenne ich (im Sinne von “dieses da” mit dem Finger gezeigt”) wenn ich eine Menge von Buchstaben erkennen, die durch eine Grammtik generiert wurde. Dazu muss ich weder die Grammatik noch die Buchstaben kennen, was für mich ewta bei der japanischen oder arabischen Schrift der Fall ist, aber insbesondere auch beim Stein von Rosette. Das Erkennen von Text ist hypothetische, solange ich die Grammatik nicht erkenne. Und wenn ich die Grammatik erkenne, muss ich noch lange nicht die jeweilige Sprache sprechen um Text zu erkennen.

    Ich wäre froh und dankbar, wenn ich hier von anderen Textauffassungen lesen könnte (mit welchen Voraussetzungen und Theorien auch immer). Aber nicht darüber, was Text IST, sondern darüber, wer was als Text erkennt/bezeichnet.

    • Peter Bormann  On March 17, 2012 at 12:56 PM

      “Dazu muss ich weder die Grammatik noch die Buchstaben kennen, was für mich ewta bei der japanischen oder arabischen Schrift der Fall ist.”
      Es dürfte hilfreich sein, sich mehr an “Medienarten” zu orientieren, wie z.B.:
      * Wahrnehmungsmedien: akustisch, olfaktorisch, visuell, etc.
      * Körpermedium: Mimik, Gestik, Hexis, Stimmliches (Intonation, Sprachrhythmus)
      * Sprachbasierte Medien: Oralität (Sprechsprachliches), Skripturalität, Printprodukte, elektronische Texte
      * Tonbasierte Medien: Vielfalt der klanglichen und musikalischen Formen
      * Bildbasierte Medien: Zeichnungen, Werbeplakate, Bilder, Fotographien, etc.
      * Medien-Hybride: Text-Bild-Relationen (wie in Comics), AV-Medien, computerbasierte Hyper- und Multimedien

      Texte (im traditionellen Sinne, also nicht mit Blick auf ein erweitertes Text- oder Schrift-Verständnis à la Derrida) können dann in verschiedenen Medienformen vorkommen: skriptural, printbasiert, elektronisch-digital (in diversen Hybridisierungsvarianten)

      Wenn dann bspw. eine Sprache unbekannt ist (Japanisch, Chinesisch, u.ä.), würden eher “Wahrnehmungsfiguren”
      (regelmäßige Wahrnehmungsmuster vor einem Hintergrund) anfallen, mit denen jedoch Assoziationen (-> “sieht aus wie eine Schlange”, etc.) verbunden werden können. Man kann dann auf “Texte schließen” (weil sie z.B. als Buch vorliegen), aber diese Texte nicht lesen / interpretieren.

  • kybernetiks  On March 17, 2012 at 2:22 PM

    hmmm …. Peter – ok, ich habe es nicht ausdrücklich gesagt, aber ich meinte es stark impliziert zu haben: Ich meine ausschliesslich GESCHRIEBENEN Text, so das Deine ganze Aufzählung keine Relevanz zu haben scheint: Ton, Wahrnehmung, Gestik, Oralität …. brauche ich so wenig wie Fotographien oder Comix.

    Deine Aufzählung ist interessant in bezug auf Medienarten – was Du ja schreibst – aber nicht in Bezug auf geschriebenen Text.

  • PeterB  On March 17, 2012 at 5:54 PM

    “Text” kann beobachtet werden mit Blick auf. verschiedene Medienarten: skriptural, printbasiert, etc., aber Deine “Herstellungslogik” bleibt intakt. [wenn auch, aus meiner Sicht, “ohne diese” Art der Materialitätsunterstellung]. Daher ist eine Spezifizierung von “Materialität/Medialität und Zeichen” doch sehr sinnvoll.

    • kybernetiks  On March 17, 2012 at 6:31 PM

      ok, in unserem Kontext “Technologie” spreche ich von verschiedenen technischen Mitteln oder von verschiedenen Werkzeugen die bei der Herstellung von Text verwendet werden – ich brauche dazu keinen Medienbegriff.
      Ich bin nicht sicher, ob Dein “scriptural” sich auf Werkzeuge der Handschrift bezieht. Das wären dann eben die primtivsten Werkzeuge, Keil, Bleistift, Feder usw., die sich mit dem blossen Finger simulieren lassen.

      • PeterB  On March 18, 2012 at 7:22 AM

        Moin Rolf,

        Du arbeitest zwar “nicht explizit” mit einem Medienbegriff. Du mußt jedoch
        “implizit” das Funktionieren von und Operieren mit Medien voraussetzen.

        Einfaches Beispiel: Ohne Wahrnehmungsmedien / Wahrnehmen auch kein Herstellen von was auch immer – ganz abgesehen davon, daß weder Bewußtseinsprozessoren noch Kommunikation möglich wären.

        Daher meine These: “Produzieren von xy” setzt (für unsere Spezies) immer Sinn-Beobachtung voraus bzw. findet im Rahmen dieser Beobachtungsweise statt.
        Und selbst Tiere müssen irgendwie wahrnehmen können, weil ansonsten keine Umwelorientierung möglich ist (das betrifft also auch den vor-sinnhaften bzw. prä-semiotischen Tool-Gebrauch).
        ~Peter

        • Hanna  On March 18, 2012 at 10:07 AM

          Morgen Peter,
          meine Frage zu Deinem Kommentar: Würdest Du also sagen, daß aus “Wahrnehmen” notwendig “Mediengebrauch” folgt, sich der Begriff des Mediums also gewissermaßen aus dem der Wahrnehmung generiert?
          Grüße!
          Hanna

          • Peter Bormann  On March 18, 2012 at 1:17 PM

            Hi Hanna,

            ich sehe “Wahrnehmen” (mit Blick auf visuelle, akustische, olfaktorische, etc. Medien) als eine Weise des Operierens an. Und Korrelat dieses Operierens ist “Medialität”. Als (systemtheoretische) These allgemein formuliert: “Medialität (über Wahrnehmen hinaus) ist notwendiges Korrelat von Operativität”.
            Warum? Weil gemäß diesem Ansatz die Medien(formen) “nicht selbst” operieren können. Operational geschlossene Zusammenhänge (“Systeme”) benutzen daher Medienformen bei ihrem Operieren. Oder anders gesagt: mediale Formen fallen beim Operieren an (sie werden “errechnet”, i.e. generalisiert, abstrahiert, etc., und “prozessiert” – dazu später mehr in meinem heutigen Blogpost).

            Zudem sind Wahrnehmungsoperationen und die korrelativen Wahrnehmungsmedien die “unerläßliche Voraussetzung” für alle nachfolgenden Sinn-Systeme (Bewußtseinsprozessoren, kommunikationsbasierte Sozialsysteme) und Semiosemedien (also: Verbreitungsmedien wie Nonverbales, Orales, Skripturales, etc. und systemtheoretische Erfolgsmedien wie Macht, Wahrheit, Recht, usf.).
            Die Medien-Abfolge wäre demnach:
            * Wahrnehmungsmedien
            * Verbreitungsmedien (wobei ich im Unterschied zum systemtheoretischen Mainstream auch Nonverbales und Orales dazu rechne. Denn “Zeichen” / “marks” funktionieren immer schon “in absentia” und in je anderen Kontexten).
            * symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien (wie Macht beim Funktionssystem der Politik).

            Reicht das? Hier wären noch materielle (sensu: physikalische) Grundlagen zu berücksichtigen, z.B. Schallwellen bei Akustischem, Lichtwellen (oder Lichtteilchen) bei Visuellem, usf. – das betrifft dann Low-Levels, die das (menschliche) Wahrnehmungsspektrum unter- oder überschreiten (je nach Frequenzbereichen).

            Das Problem: Sinn-Beobachter (wie unsere Spezies) können diese physikalischen low-level-Phänomene nur wahrnehmungsmäßig und dann unterscheidungsbasiert (via Zeichen, marks, etc.) erfassen, wobei unser natürliches Wahrnehmungsspektrum technisch erweiterbar ist.
            Das verweist auf dabei anfallende Generalisierungs- und Abstraktionsleistungen: Materiell (physikalisch) singuläre Phänomene (wie Druck- und Dichteschwankungen beim Schall) werden, so meine These, “immer schon” zu Sinn (als “einfachen Unterschieden” oder flachen Unterscheidungen) hoch-generalisiert. Das entspricht einer Weise der Komplexitätsreduzierung des Materiell-Mannigfaltigen durch Abstraktion, wobei hier eine nicht-essentialistische Konzeption zum Tragen käme [jenseits des essentialistischen Zusammenhangs von “Muster” (Ur-Kategorie, Prototyp, Schema, u.ä.) und seinen (variierenden) “Aktualisierungen”. Dazu später mehr im besagten Blogpost].

            Sinn würde weiter spezifiziert durch Semiose / Unterscheidungen: Das entspricht dem Übergang von einfachen Unterschieden (z.B. allen möglichen Lauten, artikulierten Laute -> Phonemen) zu Unterscheidungen (Zwei-Seiten-Formen, Zeichen, marks). Strictu sensu sind dann Bewußtseins- und Kommunikationsprozessoren (diese re-entry-haften Systeme) gar keine Sinn-Beobachter, sondern immer schon Zeichen- / Unterscheidungsbeobachter (“Sinn” ist für diese Beobachter schon zu low-level).
            Wahrnehmen wäre dabei “sinndurchtränkt” (mit Blick auf das Prozessieren einfacher Unterschiede), aber seinerseits bereits semiotisch / semantisch “imprägniert” [These: Unterscheidungsnetzwerke formatieren quasi das Wahrnehmen, so daß zugleich beim Wahrnehmen immer Schlußfolgerungs- und Assoziationseffekte mitlaufen].

            Das führt zu folgender Medien-, Operations- und System-Übersicht:
            * Wahrnehmungsmedien // Wahrnehmungsoperationen // Psyche (psychisches System)
            * Verbreitungsmedien // Unterscheidungsoperationen (Nonverbales, Sprechen, Schreiben, usf.) //Bewußtseinsprozessoren und kommunikationsbasierte Sozialsysteme (mit Blick auf kommunikative Anschlüsse)
            * symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien // Macht-, Rechts-, etc. – Operationen // Bewußtseinsprozessoren / Kommunikationen (im obigen Sinne)

            Gruß
            ~Peter

          • kybernetiks  On March 18, 2012 at 3:11 PM

            was immer ich sage, hat Voraussetzungen, die ich nicht sage, die aber im Anschluss aufgegriffen werden können. Die Vorstellung des Anschliessens hat aber auch Voraussetzungen – ganz massive sogar.

            Den Ausdruck “Wahrnehmen” verwende ich ich-bezogen, das heisst als Konstrukt des Formulierens. Man kann den Ausdruck “Wahrnehmen” auch psychologisch-psychologistisch verwenden, dazu muss man eine Psyche erfinden usw.
            Wenn man eine Psyche erfindet, kann man ihr Rezeptoren zuschreiben und den Rezeptoren Eigenschaften, die durch Medien komplementiert werden usw usw. Das sind alles ganz wilde Konstruktionen – oder eben Voraussetzungen. Man kann solche Voraussetzungen machen – ich bezeichne das als Theorie.

            Ich verwende lieber eine andere Theorie. Was immer ich durch meine Theorie hindurch sage, erscheint durch andere Theorien als etwas ganz anderes. Deshalb scheint Peter zu weinen (oder wahrzunehmen) ich würde Medien implizieren müssen, während ich durch meine Theorie gerade ohne Medien auskomme.

            Ich glaube, das ist nicht diskutierbar. Wir werden sehen, was diese Theorien in Bezug auf Technologie leisten. Ich setze Herstellung von Artefakten (tools) voraus und lasse alles andere folgen. Das ist eine theoretische Entscheidung – eine für mich schlauere, als etwa zu voraussetzend zu sagen, dass es Systeme gibt und dass diese Systeme Medien generallisieren. Aber auch das meine ich nur vorderhand, also nur bis ich sehen kann, welche Vorausgesetztheiten wohin führen werden.

            • Peter Bormann  On March 18, 2012 at 4:00 PM

              “Deshalb scheint Peter zu weinen (oder wahrzunehmen) ich würde Medien implizieren müssen, während ich durch meine Theorie gerade ohne Medien auskomme.”
              Nun ja, so verzweifelt bin ich [noch :-)] nicht, daß ich gleich zu “weinen” beginnen müßte. Du mußt also Wahrnehmen “nicht” thematisieren. Aber wie sollte irgend ein Lebewesen (und damit nicht nur unsere Spezies!) irgend ein Artefakt produzieren können, wenn es noch nicht einmal zur Umwelt-Orientierung fähig ist? Du thematisierst das nicht, aber mußt das m.E. einfach als “funktionierend” voraussetzen.

              “Ich setze Herstellung von Artefakten (tools) voraus und lasse alles andere folgen.” Du mußt m.E. sehr viele Voraussetzungen machen (Wahrnehmen ist nur eine davon), die Du nicht alle in Deinem Ansatz explizieren willst (und kannst! – kein Ansatz kann das).

              “als etwa zu voraussetzend zu sagen, dass es Systeme gibt und dass diese Systeme Medien generallisieren.” Was hier vorausgesetzt werden muß, ist, daß in irgend einer Art operiert werden “muß”, damit Operationsprodukte (Wahrnehmungen, Orales, Textuelles, Bildliches, usf.) anfallen können.
              Und wie können diese Produkte anfallen? Dank korrelativ zu “errechnender” Medienformen.
              Die obige Ontologisierungsformel dient dabei nur der Entparadoxierung mit Blick auf Selbstreferenz:
              Ein Beobachter (im abstrakten Sinne von “operationalem Unterscheidungsgebrauch) denkt nach über sein Denken / kommuniziert über Kommunizieren.

              Voraussetzung ist also nur: “operantes sumus” (Um sich selbst oder anderes zu beobachten, muß “immer schon” operiert werden: bewußtseinsmäßig oder kommunikativ). Ich kann nicht erkennen, daß Du um diese Selbstreferenz des “Operierens” herumkommen kannst. Es gäbe sonst schlicht und einfach “nichts zum Herstellen” :-)
              ~Peter

  • Fritz T. Schuhmacher  On March 19, 2012 at 9:46 AM

    Peter, ich sehe es so: “ich nehme wahr, dass… ” ist eine durch meine Sprache gegebenen (und mithin vorausgesetzte) Art des Formulierens, die je nach theoretischem Verständnis so oder so oder so interpretiert wird.
    Deine Vorstellung, wonach es “unsere Spezies” gibt und sie sich in einer Umwelt orientiert usw usw ist alles Folge einer bestimmten Sichtweise=Interpretation=Theorie, die ich eben gerade nicht verwende. Mithin sprichst Du nicht über uns (als Spezie, die wahrnimmt) sondern über Deine Vorstellung, wonach irgendeine Spezie wahrnehmen muss – nur weil die Formulierung “ich nehme wahr” öfters Mal verwendet wird.

    Das Grundpostulat jeden mit bekannten Konstruktivismus ist: Das gibt es nicht.

    • Peter Bormann  On March 19, 2012 at 10:20 AM

      Nur flott formuliert (I`m in a hurry):
      1) > “ich nehme wahr, dass… ” ist eine durch meine Sprache gegebenen (und mithin vorausgesetzte) Art des Formulierens, die je nach theoretischem Verständnis so oder so oder so interpretiert wird. Deine Vorstellung, wonach es “unsere Spezies” gibt und sie sich in einer Umwelt orientiert usw usw ist alles Folge einer bestimmten Sichtweise=Interpretation=Theorie, die ich eben gerade nicht verwende.> Auch d´accord. Trotzdem mußt Du mit (impliziten) Voraussetzungen
      arbeiten, z.B. daß sich (funktionierende) Körper (mit Gehirnen) “beobachten” lassen, wenn es denn um “menschlichen” Tool-Gebrauch (im weitesten Sinne) gehen soll. Und das schließt bei (höheren) Organismen (egal, welcher Art) – so meine These – eine wahrnehmungsbasierte Umweltorientierung ein (gleichfalls egal, welcher Art). Das “es gibt” kannst Du dabei stets übersetzen in “es läßt sich beobachten”. Es ist dann nur die Frage: wird die Unterscheidung, die dem Beobachtungsgebrauch zugrunde gelegt, akzeptiert oder nicht. Die Vorstellung jedenfalls, daß Non-Thematisierungen in Theorien bedeuten, daß Du “keine” (impliziten) Voraussetzungen mitführen “mußt”, scheint mir jedenfalls “nicht nachvollziehbar zu sein”. Selbst eine universal ansetztende (autologische) Supertheorie wie die Systemtheorie beschränkt
      sich auf die Thematisierungen allen Sozialen. Aber sie “muß” voraussetzen, daß Bewußtsein, Körperliches, etc. “funktioniert” (d.h. es läßt sich so beobachten!). Denn würden diese theoretischen Non-Themen wegfallen, well, dann wäre auch keine Theoriearbeit mehr möglich.

      3) “Deine Vorstellung, wonach irgendeine Spezie wahrnehmen muss” – Ja, ich kann mir “keine (höher entwickelte -> zumindest mit Blick auf “Toolgebrauch”, um den es in diesem Kontext geht) Spezies vorstellen, die sich nicht wahrnehmungsmäßig in ihrer Umwelt orientieren kann. Bei Bakterien oder Viren (die wohl eher keine Lebewesen, sondern in der Evolution anfallende Genschnipsel darstellen, die in Wirtsorganismen einkopiert werden – Aber ich kann mich da täuschen: ich bin kein Biologe) mag das anders aussehen.

      4) Die “ich operiere so oder so”-Formulierungen lösen bei mir jedenfalls großes (theoretisches) “Unbehagen” aus, weil das den ganzen Kram heraufbeschwört, den wohl niemand braucht (zumindest eine Marginalisierung des Sozialen: denn es ist gerade “nicht Dein” Sprachgebrauch “alleine” -> siehe Wittgensteins Privatsprachenargument).

      Must go now.
      CU
      Peter

  • kybernetiks  On March 19, 2012 at 1:49 PM

    Peter – ich glaube der gute Fritz meinte etwas anderes als Du.

    Ich spreche in einem radikalkonstruktivistischen Sinn: Die ich-Formulierung ist meine Beobachtung, aber dass sich irgendetwas beobachten lässt, ist – in meinem Sprachgebrau !!! – immer eine unsinnige Behauptung, wenn sie ohne” ich” daher kommt, weil sie suggeriert, es gebe andere Leute, die die müssten das auch beobachten können. Wie soll ich aber sehen, was andere beobachten können?

    Natürlich kann ich VORAUSSETZEN, dass es “andere” gibt, weil ICH das beobachten kann, usw usw. Das ist alles Krimskrams.

    Die Vorstellung aber, dass es Körper und Gehirne gibt, die finde ich theoretisch nicht haltbar oder eben genauer nur als Setzungen haltbar. Setzungen kann ich voraussetzen oder explizit machen.

    In meiner Kybernetik 2. Ordnung wird der Körper mit seinem Gehirn als Standarderklärung eingeführt, also als ganz mechanische Konstruktion. (Siehe dazu
    http://www.hyperkommunikation.ch/bibliothek/crashkurse/crashkurs_systemtheorie/ckst_beobachter_blackbox.htm
    Und dass dieser Körper etwas “wahrnimmt” ist eine kybernetische Standardversion, die ich als Signalverarbeitung im Sinne eines Thermostaten bezeichne. Das ist durch die 2. Ordnung gesehen alles primitives Denken.

    Ganz scheusslich finde ich die Vorstellung, dass ich – theoretisch – davon abhängen soll, dass andere meine Unterscheidungen akzeptieren. Neue Theorien führen per Definitionem neue – und mithin nicht akzeptierte Unterscheidungen ein. Ich muss mir also überlegen, welche Unterscheidungen ich verwende und welche nicht. Von Körper, Gehirn und Nerven zu sprechen, macht mir keine Mühe. Aber Psyche und Bewusstsein finde ich extrem esotherisch oder theologisch. Und Wahrnehmung finde ich ein sprachliches Konstrukt, das via “wahr” ohnehin nur in ich-Formulierungen vorkommen kann

    • Peter Bormann  On March 19, 2012 at 10:30 PM

      Ich denke, da “konfligieren” unsere theoretischen Hintergrundannahmen. Ich kenne zwar radikalkonstruktivistische Positionen recht gut, fand sie aber bzgl. der Konstitution des Sozialen wenig überzeugend (interessant war m.E. diesbzgl. allein: Peter Hejl).

      Ein anderes Problem scheint zu sein, daß Du (als Anhänger des RK) anscheinend meinst, daß Sprach- / Zeichengebrauch und dann auch Wissen(saufbau) eine “rein individuelle” Angelegenheit sind.

      1) Ich würde (u.a. mit Blick auf Wittgensteins Privatsprachenargument, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Privatsprachenargument#Privatsprache) davon ausgehen, daß Sprach- und Zeichengebrauch notwendigerweise einer “sozialen” (Anschluß-)Logik folgen. Das heißt auch, daß “kein” Sprecher und keine Schreiberin Bedeutungen des Gesagten, Geschriebenen, etc. vorab zu fixieren vermögen – die sozialen Anschlüsse entscheiden darüber, was sich in der Folge herausmendeln mag. Und das scheint mir ein Schwachpunkt “aller” individualistischen Ansätze in diesem Kontext zu sein: die “Anschlußlogik” wird ausgeblendet.

      2) Und auch Wissen fällt mit “reflexiven Prüfungen” an, die durch andere Beobachter nachprüfbar sein müssen. Ansonsten sollte von “Wissen” wohl nicht gesprochen werden. Das heißt: zirkulierendes Wissen ist wesentlich “sozial” errechnet und distribuiert, aber keine rein individuelle Angelegenheit..

      3) “Wie soll ich aber sehen, was andere beobachten können?” – Warum beobachtest Du nicht den Unterscheidungsgebrauch, wie das B20 im allgemeinen tun? :-)
      ~Peter

  • kybernetiks  On March 19, 2012 at 11:39 PM

    Peter, ich glaube, so sind wir wieder weitgehend einig bezüglich unserer Verschiedenheiten ;-) Wir werden sehen, wo das im Thema relevant werden wird. Nur zum B2O: Ich sehe ein sich selbst beobachtendes Subjekt (das das Soziale phantasieren kann). Andere mögen das Soziale sehen, in welchem irgendwie Individuen auftauchen, die ein Psyche haben (?)
    Peter Hejl ist für mich ein Luhmanier, also das schlichte Gegenteil eines RKinaner.

    • Peter Bormann  On March 20, 2012 at 8:58 AM

      Nur noch kurz:
      “Peter Hejl ist für mich ein Luhmanier, also das schlichte Gegenteil eines RKinaner.” Ich habe das anders in Erinnerung, weil Hejl wohl eine individualistische Spielart von Systemtheorie vorgelegt hat, die jedoch
      gegenüber der Bielefeld-Variante an Anschlußfähigkeit eingebüßt hat. Vielleicht sollte das reaktualisiert werden (schon um eine weitere Kontrastfolie zu besitzen)?

      CU
      Peter

  • PeterB  On March 20, 2012 at 8:22 AM

    “Ich sehe ein sich selbst beobachtendes Subjekt (das das Soziale phantasieren kann.” Genau hier divergieren wir “völlig”. Und das ist “keine” Frage von Ich(-Subjekt) vs. Du-(Subjekt) (oder vice versa), sondern von divergenten Theorietraditionen, die konfligieren.
    Deine Position blendet mir dabei “zu viele Themen” aus (die auch beim “menschlichen” Tool-Gebrauch relevant werden können): Soziales (in allen möglichen Varianten), Medien (in allen möglichen Varianten), Bewußtsein, Wahrnehmung. Hierbei geht es stets um spezifische “Prozessualitäten”, so daß klassische Objektkonzeptualisierungen nicht mehr greifen, sondern Selbstreferenz, Operationsverkettungen, u.ä. ins Spiel kämen. Das löst dann auch jedes “Es gibt xy” auf in Unterscheidungsprozessieren (Beobachten steht also stets dafür).
    Wenn dann bspw. von Bewußtsein oder Sozialem oder Wahrnehmen die Rede ist, dann sind das nur Kürzel für “es wird operiert” (denkend, kommunizerend, wahrnehmend). Dabei würde jedoch “kein Ich” (auch kein Subjekt, wenn ein “Zugrundeliegendes” darunter verstanden werden sollte) mehr ausgemacht werden können. Es sei denn als sprachlicher “Index” für diese Prozessualitäten.
    Zudem wird in Deiner RK-Position m.E. völlig ausgeblendet, wie groß die Abhängigkeit von alle möglichen “Traditionen” ist. Dein Schreiben, Denken, Sprechen, etc. sind hochgradig “konventionalisiert” (sei es durch sozial angelieferte Unterscheidungen, sei es im Unterscheidungsgebrauch selbst). Daher wäre auch Bewußtsein im Sinne einer “Prozessualität”, die zeichen- / unterscheidungs- / markerbasiert Gedanken / Vorstellungen verketten mag, “hoch konventionalisiert” (man könnte sagen. die Bewußtseinsfunktion ähnelt einem “sozialen Parasiten” , der auf Wahrnehmungsprozessen aufbaut und dabei Bewußtsein-als-Prozessualität “konventionalisiert”).
    Du bürdest Dir daher mit dieser RK-Position “erhebliche” Erklärungslasten auf:
    * Erfindet jedes Subjekt seine eigene Sprache / seine eigenen Zeichen?
    * Wie wird eigentlich die Subjektfigur konzeptualisiert? Als “Individuum”? Wie sieht hier die Prozessualität aus? Wie steht es mit Selbstreferenz? (schon Hegel hat ja eigentlich re-entry-analoge Figuren durchgespielt und dabei m.E. eine Sozialdimension anvisiert)
    * Ist die Sprach- / Zeichenverwendung eine reine Privatangelegenheit? Wenn man das auf “Regelhaftigkeit” bezieht: Wie soll ein Subjekt allein eigene Regeln aufstellen und befolgen können? Hier trifft Wìttgensteins Privatsprachenargument m.E. ins Schwarze: Das fkt. wohl nicht, da dann von “Regelhaftigkeit” (mangels Kriterien) keine Rede mehr sein könnte.
    * Sind Bedeutungen rein individuell? Wie erklärt Du dann, daß ein Autor die Rezeptionsanschlüsse überhaupt “nicht zu kontrollieren” vermag?
    * Kann Wissen eine “rein individuelle” Angelegenheit sein? Wenn hierbei reflexive Prüfungen (durch andere) zentral sind, wiederholt sich dann das Regelhaftigkeitsproblem nich bei der Nachprüfbarkeit, so daß auch von “Wissen” keine Rede mehr sein kann? Ganz abgesehen davon, daß es heutzutage eine “eklatante” Differenz zwischen individuell möglichem Wissen und sozial möglichem Wissen gibt.
    * Wie ist Kommunikation bzw. soziale Verhaltenskoordination überhaupt möglich?
    etc.
    Oder anders gefragt: Was bleibt von Deinem kybernetisch-konstruktivistischen Ansatz übrig, wenn Du all das sozial Angelieferte (Zeicheninventare, Lektüren, wissenschaftliche Sozialisation, etc.) abziehen müßtest? Ich würde sagen: “Nichts” (noch nicht einmal ein individuelles Subjekt). Das ist nicht Dein persönliches Versagen (so daß Du Dich bspw. mehr “anstrengen” müßtest), sondern eher das Versagen dieses individualistisch-subjektorientierten RK (als Theorieposition).
    In diesen Kontext paßt auch die Kritik von Fritz an “meinem” Konstruktivismus” bzw. “meiner” Vorstellung (von xy): Der Witz wäre eher bei allem, was ich bislang geschrieben habe, daß ich meinen Eigenanteil kaum erkennen kann. “Ich” (diese konventionalisierte Sprachfigur, die bspw. als Kommunikationsadresse fungieren kann) arrangiere hauptsächlich rezipierte Theorien (primär Systemtheorie, Dekonstruktion, Diskursansätze, Semiotik).
    Das ist vielleicht nicht völlig banal, aber zutiefst konventionell (also gerade “nicht” irgend eine Eigenkonstruktion von “mir”). Man könnte auch sagen: sie (diese Ansätze) schreiben sich durch mich hindurch fort.
    Ergo: Es ist “nicht meine” Konstruktion / Vorstellung, sondern “alles nur (sozial) geklaut”. Nett zitiert – daher auch “zutiefst konventionell.” Folglich könnten das viele andere auch (so oder zumindest so ähnlich) formulieren. Und diese “Konventionalitätsabhängigkeit” verweist auf eine “soziale” Anschlußlogik, die sich nicht auf reine Individualität / Subjektheit reduzieren läßt (weil Letztere die Anschlüsse in nicht geschlossenen, i.e. nicht saturierten Kontexten nicht zu kontrollieren vermag).
    Ich würde sogar soweit gehen, zu behaupten, daß Wahrnehmen selbst als “hoch konventionalisiert” beobachtet werden kann. Wahrnehnungs- und Semioseprozesse wären daher beide “sozial imprägniert” – so zumindest die These.
    Vielleicht noch etwas zum dem “Muß”-Stil, den ich tw. durchaus bewußt polemogen praktiziere: Es geht mir dabei nicht um “Annahme”zumutung, sondern gerade um das Gegenteil, nämlich: (durch Annahme”zumutung”) “zu viablen Gegenansätzen zu motivieren”. Denn natürlich lösen solche Annahmezumutungen eigentlich stets das Gegenteil aus (die Aufklärung, Ideologie- und Latenzkritik hat das jahrhundertelang erfahren müssen). Es ist daher die Aufforderung: “Setzt das auf plausible und nachvollziehbare Weise kontingent. Kurzum: Macht das anders!” Die Frage ist dabei freilich stets: “Wie (funktioniert das genau)?”
    Und daher besteht doch vielleicht hins. des kybernetischen Erklärungsmechanismus (provisorischer) Konsens zwischen uns. :-)

    ~Peter

  • kybernetiks  On March 20, 2012 at 10:47 AM

    hmmm … also die Unterschiede zwischen uns sind nun hinreichend dokumentiert. Jetzt hätten wir noch zwei Komplemte dazu offen:

    1) Wo wirken sich diese Unterschiede wie aus, wenn wir über Technik und Technologie nachdenken. Eigentlich ist zu vermuten, dass wir bei gleichen Ausdrücken “Technik” und “Technologie” an sehr verschiedene Dinge denken, also relative Privatsprachen sprechen. Aber das soll uns nicht stören, wir lassen uns überraschen :-)

    2) Neben allen Differenzen können wir auch mal die Gemeinsamkeiten hervorkehren, sozusagen als Differenz der Differenz.

    Wir stellen uns die kybernetische Frage: Wie funktioniert das?
    Ich weiss jetzt noch nicht, ob wir das gemeinsam sehen, aber kybernetisch sehe ich diese Frage so:
    Immer wenn ich die Frage beantwortet habe, weiss ich, was ich gefragt habe. Wie funktioniert “DAS”, ist also nur ein Vorwand, weil vor der Antwort ja ganz ungeklärt ist, was “das” ist. In der Kybernetik konstituiert die Erklärung (Antwort) was erklärt wird (Frage).

    • Peter Bormann  On March 20, 2012 at 12:51 PM

      > Eigentlich ist zu vermuten, dass wir bei gleichen Ausdrücken “Technik” und “Technologie” an sehr
      > verschiedene Dinge denken, also relative Privatsprachen sprechen. Aber das soll uns nicht stören, wir > lassen uns überraschen :-)
      Nun ja, Privatsprachen leuchten mir nicht ganz ein. Ich gehe eher aus von “Theoriearbeit” bspw. als Realisierung bestimmter Spielzüge in thematisch-differentiellen (hier: Theorie-)Konstellationen. Aber es ist klar, daß dabei verschiedene Bedeutungen auftauchen werden. Das ist ja der Sinn und Zweck des ganzen Blogs. Ergo, “ja”: Überraschung ist Trumpf.

      > Wie funktioniert “DAS”, ist also nur ein Vorwand, weil vor der Antwort ja ganz ungeklärt ist, was
      > “das” ist. In der Kybernetik konstituiert die Erklärung (Antwort) was erklärt wird (Frage).
      Leuchtet mir ein. Das paßt zudem haargenau, zu der Anschlußlogik, die ich des öfteren angeführt habe. Aber auch nach der Antwort (die irgendwann pragmatisch gestoppt werden muß), wäre das keine essentialistische Einheit (kein “das, “was”, etc.), sondern eine Art “Multi-Beobachtung”.
      Essentialistische short cuts sind freilich “handy because they´re short” :-)
      ~Peter

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