Borg[(e)n] / Pattern recognition / Zeichen / Medien-Welt-Dualismus

Insofern wir uns in der letzten Zeit  immer wieder an der Relation von Materialität und Zeichen sowie dem Dualismus von Medium und Welt gerieben haben, soll nachfolgend einmal versucht werden, diese Themen etwas tiefer zu legen. In drei Blogposts sollen daher die folgenden Fragen behandelt werden:
Frage 1: Pattern recognition – Wie erkennen wir “Muster”? Essentialistische und nicht-essentialistische Kategorisierungsstrategien.
Frage 2: Ist “Signifikantenmaterialismus” beim Prozessieren von Zeichen möglich?
Frage 3: Wie ist der “Dualismus von Medium und Welt” zu beschreiben und welche Möglichkeiten der Aushebelung existieren? 

Frage 1: Pattern recognition – Wie erkennen wir “Muster”? Essentialistische und nicht-essentialistische Kategorisierungsstrategien.
(Menschliches) Wahrnehmen ist ein sehr komplexer Vorgang, wie schon ein oberflächlicher Scan des entsprechenden Wikipedia-Artikels zeigt (http://de.wikipedia.org/wiki/Wahrnehmung).  Fuchs (2005) hat dabei Wahrnehmen (aus Sicht der soziologischen Systemtheorie) u.a. charakterisiert als:

  • Externalisierungsleistung eines neuronalen Systems, dessen Funktionsweise im Prozeß des Wahrnehmens selbst ausgeblendet wird.
  • Strikte Präsenzorientierung, also: keine Möglichkeit, zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft in der Wahrnehmung zu differenzieren.
  • Kompaktheit der Wahrnehmung.
  • Keine Negationsfähigkeit (es gibt keine perzeptuelle Möglichkeit, das Wahrnehmen während des Wahrnehmens zu verneinen).
  • Simultaneität der Wahrnehmung.

Wahrnehmungs- und kognitionspsychologisch könnten weitere Merkmale für Wahrnehmen wie Kontext- und Erfahrungsabhängigkeit, Filtereffekte, etc. angeführt werden. Aber auf weitere Details sei an dieser Stelle verzichtet, siehe jedoch http://de.wikipedia.org/wiki/Wahrnehmung für eine Groborientierung.
Aus Sicht der Fuchs`schen Spielart der soziologischen Systemtheorie schreibt sich dann Bewußtsein kommunikationsinduziert in die Wahrnehmungsverarbeitung der Psyche ein, so daß im Rahmen eines sog. “différance-basierten Nachtragsmanagements” eine Verarbeitung von Unterscheidungen (2-Seiten-Formen, Zeichen, marks) möglich wird.
Oder anders formuliert: Bewußtsein bedient die Funktion eines differentiellen Interfaces, das emergiert als Folge der “Stimulation” der psychischen Wahrnehmungsverarbeitung durch soziale Kommunikationsversuche.  In der Folge ist es Bewußtseinsprozessoren möglich, diverse Zeithorizonte zu unterscheiden sowie semiotisch über Generalisierungs-, Spezialisierungs- und Negationsmöglichkeiten zu verfügen. Zugleich wird die (analoge) Simultaneität der Wahrnehmung überführt in eine (digitale) Sequentialität des Unterscheidungsgebrauchs (der Semiose), so daß es zu einer  “Informationsraffung” (Reduzierung der wahrnehmungsmäßigen Komplexität durch semiotische Abstraktion) kommt.
Peter Fuchs bezieht sich dabei i.a. auf (orale, skripturale, etc.) Sprachzeichen. Aber das scheint mir eine unnötige Verengung zu sein, so daß ich die Bewußtseinsfunktion generell mit der Fähigkeit zur Semiose (Konstitution und Verarbeitung aller möglichen Zeichen) gleichsetzen würde, obgleich Sprachzeichen hierbei eine große (vielleicht die wichtigste) Bedeutung zukommt.
Vor diesem Hintergrund sei nun folgende Frage formuliert, die sich auf das Problem der Kategorisierung bezieht: Wie ist es möglich, daß ein System psychischer Wahrnehmungsverarbeitung angesichts einer Unzahl visueller Variationsmöglichkeiten (A  A A A A A A A A A etc.) immer einen Buchstaben wie z.B. “A” wahrnehmen  bzw. erkennen kann?
Essentialistische Ansätze (Schablonentheorie, ein Platonismus der von topologischen oder gruppentheoretischen Invarianten ausgeht, usf.) folgen dabei der Logik, daß Muster (z.B. als Schemata, Typen, Kategorien, Klassen, etc., die u.U. angeboren seien) nur verschieden aktualisiert werden. Das heißt in diesem Fall: eine Ur-Gestalt / Invariante / ein Wesen von “A” würde in Form von verschiedenen Variationen stets (re-)aktualisiert.
Wenn diese variierende Repetition des Selben möglich wäre, dann könnten alle vorstellbaren Buchstabenformen durch eine begrenzte Zahl von veränderlichen Parametern auch durch Computer simuliert werden. Als Beispiel für eine solche essentialistische Kategorisierungsweise siehe Donald E. Knuths  “Meta-Schrift-Konzeption” und die zugehörige Kritik von Hofstadter (1988).
Zentrale Probleme dieser essentialistischen Logik sind freilich:

  • Wie sollen alle möglichen Muster und ihre Variationen im (menschlichen) Gedächtnis gespeichert werden, ohne schnell an Kapazitätsgrenzen zu stoßen?
  • Wie soll ein starres und festes System von Regeln angegeben werden, um Kategorien (bspw. von “A”) in allen möglichen offenen Kontexten und in allen möglichen Variationen zu definieren?
  • Wie soll eine nicht-differentielle Identität von Kategorien angegeben werden können?  Aus differentieller Sicht liegt eher die These nahe, daß sich die Identität von  A (negativ) im Unterschied zu anderen Buchstaben des Alphabets (B, C, D, etc.) im Rahmen des jeweiligen Fonts ergibt.
  • Verweist die essentialistische Variations- und Aktualisierungslogik nicht auf einen Possibilismus, der Unendlichkeit zu determinieren beansprucht, was letztlich einem nicht vorstellbaren, weil endgültig geschlossenen (Meta-)Kontext entspräche? 

Wie sehen demgegenüber nicht-essentialistische Lösungen des Kategorisierungsproblems aus?
Beispiel 1: Mit Blick auf Wittgenstein II kann das Konzept der Familienähnlichkeit herangezogen werden. Das heißt, daß nicht mehr von variierenden Aktualisierungen einer Ur-Kategorie “A” auszugehen ist, sondern Vergleichsoperationen bei der Buchstabenerrechnung zum Einsatz kommen: Variationen – ohne Annahme irgendeiner Ur-Kategorie – werden untereinander als ähnlich in dieser oder jener Beziehung verglichen, wobei sich die Kriterien für Ähnlichkeit je nach Kontext und in der Zeit verändern können. [Hier könnte hinzugefügt werden, daß sich die Buchstaben-Identität zugleich negativ-differentiell ergibt durch Nicht-Ähnlichkeit mit anderen Buchstabenarten].

Beispiel 2: Mit Derrida kann auf das Konzept der itérabilité verwiesen werden, so daß sich erst durch die alterierende Wiederholung in je offenen (i.e. ungesättigten) Kontexten eine ideelle Identität (als post-festum-Idealisierung) ergibt. Oder anders gesagt: jede Wiederholung in stets veränderten Kontexten beinhaltet ein (minimales) Anderswerden des Wiederholten. Das sprengt eine essentialistische Logik der variierenden Aktualisierung des Selben, die letztlich auf kontrollierter Repetition in geschlossenen Kontexten beruht.

Referenzen:

  • Fuchs, Peter (2005), Die Form des Körpers, in: Schroer, M. (Hrsg.), Soziologie des Körpers, Frankfurt a.M. 2005, S.48-72 [online verfügbar unter: http://www.fen.ch/texte/gast_fuchs_koerper.htm].
  • Hofstadter, D.R. (1988), Metaschrift. Metamathematik und Metaphysik: Bemerkungen zu Donald Knuths Artikel “The Concept of a Meta-Font“, in: ders. (1988), Metamagicum, Stuttgart: Klett-Cotta, S. 267ff.
  • Für einen Vergleich von essentialistischen und nicht-essentialistischen Ansätzen zu Sprache / Zeichen / Kategorien, siehe die Beiträge in Krämer, S. (2001), Sprache, Sprechakt, Kommunikation. Sprachtheoretische Positionen des 20. Jahrhunderts, Frankfurt / M.: Suhrkamp.
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Comments

  • PeterB  On March 18, 2012 at 10:17 PM

    Kommentar-PB: “Semiose” kann durch eine Konzeption des (re-)mark tiefer gelegt werden. But that`s another story for another blog post.

  • kybernetiks  On March 19, 2012 at 6:17 PM

    das ist wohl Wahrnehmungstheorie, und dann erst noch eine ziemlich spezielle, die von Herrn Fuchs.
    K. Holzkamp (Sinnliche Erkenntnis. Historischer Ursprung und gesellschaftliche Funktion der Wahrnehmung. Kronberg: Athenäum, 1976) hat auch eine Wahrnehmungstheorie geschrieben. Er ist sich aber offenbar bewusst, dass Wahrnehmung ein sehr speziell ausgewähltes Thema ist, denn er macht am Anfang des Buches eine sehr ausführliche Begründung für die Wahl des Themas.

    Wenn ich solche Theorien verwende, kann ich mich fragen, warum ich bei verschiedenen A`s ein A erkenne, oder wieso ich bei verschienenden Hunden oder Uhren, die ich alle zeichnen kann, einen Hund oder eine Uhr erkenne. Das sind psychologische Fragen innerhalb von bestimmten Theorien.

    Aber diese Frage kann ich mir nur ernsthaft stellen, weil ich A`s als A, und verschiedene Texte als Text erkenne. Das heisst, schon bevor ich mir solch psychologische Fragen stelle, habe ich bereits VORAUSGESETZT, dass ich klassifizieren und Begriffe bilden kann. Mich interessiert eigentlich nicht, ob ich das gemäss essentialistischen Ansätzen oder nach einer Familienähnlichkeit (analogistisches Denken) mache. Diese Theorie zeigen mir viel mehr, DASS auch andere Menschen klassifizieren und einige sogar Theorien dazu schreiben, wie sie sich das vorstellen. Ich finde auch lustig, dass dabei Bewusstsein und Psyche und dergleichen in die vermeintlichen Erklärungen einfliessen.

    Auf mein Verständnis von Text bezogen sehe ich nicht, welchen Unterschied die verschiedenen Erklärungen machen – weil ja alle vor allem zugeben/voraussetzen, dass ich – wie auch immer – Begriffe und Klassen bilden kann, was ich auch jenseites dieser Theorien schon so erlebt habe, seit ich kleinkindig weiss, was ich mit WauWau meine, also gesehen habe, dass jeder Hund anders aussieht und doch ein Hund ist, während die Katze auch etwa so aussieht, aber kein Hund ist.

    Den Ausdruck “Pattern recognition” werde ich in einem Technologieblog eher als Namen eines technischen Problems und deren Lösungen erwarten. Dabei gehe ich davon aus, dass ich mit einer Maschine, die nichts wahrnimmt und keinerlei Bewusstsein hat verschiedene Handschriften in eine Maschinenschrift überführen kann, wobei die Maschine Schrift als Schrift muss, und verschiedene Schriften oder verschiedene A`s als A “erkennen” muss. Was dabei “erkennen” heisst und wer wie was erkennt, müssen wir noch schauen, wenn wir die Maschine, das heisst den Computer als Artefakt besprechen.

    • Peter Bormann  On March 19, 2012 at 10:09 PM

      Nun, Wahrnehmungs”theorie” würde ich das noch nicht nennen. Eher einige Konzeptualisierungsversuche. Eine Theorie sollte doch noch etwas anspruchsvoller sein.
      Die “essentialistische Logik” ist dabei “kein” rein (wahrnehmungs- oder kognitions-)psychologisches Problem, denn sie tritt auf in der Mathematik, in der Informatik (z.B. Klassen und Objekte in der OOP), als Unterscheidung “transzendental / immanent” in der Philosophie, in der Linguistik (als type – token), usf. – und sie würde auch den Gebrauch von “Tools” betreffen.

      “Das heisst, schon bevor ich mir solch psychologische Fragen stelle, habe ich bereits VORAUSGESETZT, dass ich klassifizieren und Begriffe bilden kann.” Ja, wenn “vorausgesetzt” heißt: es wird damit “immer schon” operiert. Generell gilt wohl: es muß schon wahrgenommen, klassifiziert, gedacht, kommuniziert werden, um Wahrnehmen, Klassifizieren, Denken und Kommunizieren kritisch reflektieren zu können. Wie gesagt: “operantes sumus” (mit allen Tücken der Selbstbezüglichkeit).

      “Auf mein Verständnis von Text bezogen sehe ich nicht, welchen Unterschied die verschiedenen Erklärungen machen.” Ich meine, daß Du mit Deinem präsignifikativen
      Signalverständnis “gar keinen Text” (als Formen- oder Zeichenkomplex) zu erfassen vermagst. Ich gehe darauf beim Thema “Signifikantenmaterialismus” ein. Du zielst auf sprachlicher Ebene auf eine Low-Level-Ebene ab, die für Sinn- und Semiose-Beobachter unzugänglich ist. Natürlich kann man das semiotisch bzw. sprachlich “behaupten”, aber…
      ~Peter

      • kybernetiks  On March 20, 2012 at 11:36 AM

        > Du zielst auf sprachlicher Ebene auf eine Low-Level-Ebene ab,
        > die für Sinn- und Semiose-Beobachter unzugänglich ist.

        das verstehe ich nicht. Was kann ein Sinn-Beobachter denn beobachten? Keine Gegenstände, keine Graphitkonstruktionen, keine Bleistifte, keine Computer?

        • Peter Bormann  On March 20, 2012 at 12:32 PM

          Sinn- oder Semiose-Beobachter können eigentlich alles Mögliche beobachten (also: unterscheiden), soweit es sich unterscheiden läßt. Aber der Zugang zu natürlichen Gegenständen, Artefakten und sonstigem Materiellem ist nur “medial” möglich – so zumindest die These [wobei diese Formulierung mißverständlich ist, da sie suggeriert, es würde “etwas” vor dem Medialen existieren, das in der Folge nur unterschiedlich “beobachtet” wird (im Sinne eines klassisch-modernen Multiperspektivismus). Das wäre jedoch wieder nur der “traditionelle” Medien-Welt-Dualismus].
          Und das besagt: Es kann nicht mehr von einer “essentialistischen” Einheit von xy (was auch immer “xy” sein mag: Körper, Ding, etc.) ausgegangen werden, sondern diese mutmaßliche Einheit löst sich auf in medien- und kontextrelative “Multi-Beobachtungen” bzw. “Multi-Beschreibungen / Interpretationen / -Konstruktionen”, die je nach Annahme / Ansatz auch konfligieren können.
          Ich würde dabei sogar so weit gehen, zu behaupten, daß Perzeptionen (Sinneswahrnehmungen) – zumindest auf höherer Ebene – immer schon auf Interpretationen und Schlußfolgerungen (z.B. als kreative Abduktionen) beruhen. Demnach gäbe es “keinen” Bruch zwischen Wahrnehmen und sonstigem Zeichenprozessieren.
          Obiges impliziert, “wir” (sensu: Sinn- / Semiose- / Marker-Beobachter) können nur Interpretationen mit Interpretationen, Konstruktionen mit Konstruktionen, etc. vergleichen, aber nicht, wie der Medien-Welt-Dualismus suggeriert, bedeutungsfreie bzw. präsignifikative reine Daten bzw. Welt-Ausschnitte mit Interpretationen, Konstruktionen, etc. Mein Eindruck war, daß Dein Signalverständnis auf solche präsignifiktiven Daten (zumindest im Falle von “Wortkörpern”) abzielt.
          Und das leuchtet mir nicht ein, wie das funktionieren kann.

  • kybernetiks  On March 20, 2012 at 12:45 PM

    aha, … ich glaube, Du liest, was ich sage/schreibe nicht unter Deiner Prämisse.

    Wenn ich also beispielsweise sage, dass ein Buchstaben ein materieller Gegenstand ist, mit welchem wir Signale steuern, dann liest Du das so, wie wenn ich sagen würde, dass es diese Gegenstände WIRKLICH gibt.
    Ich verstehe nicht, warum Du das so liest, das passt doch nicht zu Deiner Theorie, oder?
    Müsstest Du meine Texte nicht als Interpretationen lesen, die mit anderen Interpretationen verglichen werden können, statt zu unterstellen, dass ich etwas über eine existierende Welt sage?

    Mir geht es nicht und nie um eine existierende Welt, sondern um Formulierungen. Ich unterstelle, dass ich Wörter in einer bestimmten, explizierbaren Weise verwende. Ich spreche darüber, wie ich die Wörter verwende. Warum glaubst Du, ich spreche über eine vorab existierende Welt?

    • PeterB  On March 20, 2012 at 1:29 PM

      “Warum glaubst Du, ich spreche über eine vorab existierende Welt?” –
      Gute Frage. Ich glaube, Deine Formulierungsweise lädt dazu mitunter ein. Zumindest hat mich das stets an Medien-Welt-Dualismus erinnert. Aber ich gestehe, daß dieser extrem “hartnäckig” ist. Und man bekommt ihn nicht einfach los. Selbst wenn rein medienrelativ argumentiert wird, handelt man ihn sich auf eine gewisse Art und Weise wieder ein. Aber dazu mehr in einem eigenen Blogpost.

      Nachtrag: Selbst wenn Du nicht über “medial vorab existente” Welt-Ausschnitte sprichst, so suggerierst Du doch, daß ein Ausstieg aus Semiose / Zeichen / marker für Beobachter möglich ist – z.B. dann, wenn Texte als a-signifikatives Prozessieren von Signalen konzipiert werden. Das zielt m.E. auf einen sub-semiotischen / sub-differentiellen Level ab, oder etwa nicht?
      Mein Kritikpunkt: Auf diesem low-level (wenn er denn für Beobachter erreichbar wäre) lägen noch gar keine Texte vor.

      Aber vielleicht sind die Positionen doch komplementär, wenn man von top-down- (meine Position) und bottom-up-Thematisierungen (deine Position) ausgeht. Bei Oralem kann man ja gleichfalls mit Schallwellen / Schwingungsfrequenzen argumentieren. Und unter Umständen muß hier auf (präsignifikativen) “Sinn” (im Sinne der Differenzierung flacher Unterscheidungen bzw. einfacher Unterschiede, z.B. als Phoneme) sub-semiotisch verwiesen werden. Aber wären das nicht (einfache) Wahrnehmungsunterschiede, die nur semiotisch thematisiert werden können?
      ~Peter

      • kybernetiks  On March 20, 2012 at 7:30 PM

        > Das zielt m.E. auf einen sub-semiotischen / sub-differentiellen Level
        > ab, oder etwa nicht?

        nein, Du liest doch in einem semiotischgeprägten Sinn, wass ich über Signale schreibe.

        > Mein Kritikpunkt: Auf diesem low-level (wenn er denn für Beobachter
        > erreichbar wäre) lägen noch gar keine Texte vor.

        Das aber ist ein anderer Text-Begriff. Jetzt haben wir offenbar zwei Textbegriffe, die wir NICHT mit einem WIRKLICHEN Text vergleichen können, sondern nur miteinander.

        Ich versuche einen Vergleich (=Kritik):
        Du verlangst mehr als ich um von einem Text zu sprechen. Was genau Du zusätzlich verlangst, habe ich noch nicht verstanden. Und ich weiss auch nicht, ob Du gleichzeitig weniger verlangst, also gewisse Aspekte, die mir wichtig sind nicht berücksichtigst, um Text zu beobachten.

        Vielleicht am Beispiel:
        Wenn ich ein Programm (beispielsweise in der Programmiersprache Pascal) schreibe, stelle ich einen Text her. Du auch oder Du nicht?

  • PeterB  On March 21, 2012 at 10:55 AM

    > > sub-semiotischen / sub-differentiellen Level
    > nein, Du liest doch in einem semiotischgeprägten Sinn, wass ich über Signale
    > schreibe.
    Nun, semiotische / differentielle Konstruktionen mögen sich nur auf semiotische / differentielle Konstruktionen beziehen können, aber wenn`s bspw. um präsignifikative Signale geht, dann würde ich von technisch erfahrbar gemachten “Wahrnehmungsfiguren” sprechen – und zwar im Rahmen von entspr. frames of reference (technik- und naturwiss. Theorien). Und selbst bei diesen Wahrnehmungsfiguren kämen wohl höhere kognitive Leistungen (Interpretationen, Schlußfolgerungen, Assoziationen) stets zum Tragen.

    Wir vergleichen hier zwar Konstruktionen mit Konstruktionen, aber es geht ja um die “Plausibilität” der Thematisierungsweise. Wir können m.E. aber keine Konstruktion vergleichen mit einem “wirklich wirklichen” Welt-Ausschnitt (quasi: ein a-mediales Ding-an-sich). Denn: was soll das sein, das niemand medial erfahren kann? Nun ja, das ist ja auch das Problem z.B. göttlicher Entitäten, die dann zu bloßen re-entry-Paradoxa verkommen.

    > Das aber ist ein anderer Text-Begriff. Jetzt haben wir offenbar zwei Textbegriffe,
    > die wir NICHT mit einem WIRKLICHEN Text vergleichen können, sondern nur
    > miteinander.
    Hm, Konstruktivismus ist “lustig” :-). Wenn Realitäten immer nur Konstruktionen entsprechen sollen, dann können wir auch sagen, wir vergleichen wirkliche Texte (sensu: Textkonstruktionen) miteinander. Nur erfassen wir keine “wirklich wirklichen Texte”, sensu: a-mediale (und beobachtungsunabhängige) Weltausschnitte. Man kann wohl schlußfolgern, daß so etwas existieren mag (wenn alle Sinn- / Semiose-Beobachter bspw. ausgelöscht sind), aber damit ist dann auch die NULL-Linie der Information erreicht. Das heißt: tiefer kommen wir wohl nicht :-)

    > Du gleichzeitig weniger verlangst, also gewisse Aspekte, die mir wichtig sind
    > nicht berücksichtigst, um Text zu beobachten.
    Wie gesagt: wenn Du Signale beobachtest, “beobachtest” Du m.E. keine “Texte”, (weil hier keine Zeichen, keine Formen, keine marker konstituiert werden. Du bleibst maximal bei theoretisch informierten Wahrnehmungsfiguren stehen.
    Oder vielleicht schärfer formuliert: Texte fallen bedeutungsmäßig und zeichenmäßig an – oder gar nicht.
    Wenn gar nicht, dann zerfallen die Zeichen zu “patterns / Wahrnehmungsfiguren” (gleichfalls semiotisch imprägniert, mit Assoziationseffekten, etc.).
    Deine Interpretation scheint irgendwie auf einen noch deeper level abzuzielen, auf dem sich sinnvoll von einem “Text” m.E. nicht mehr sprechen läßt. Du könntest aber auch auf atomare und sub-atomare Levels abzielen, wenn Du bspw. ein Buch von Shakespeare analysiert. Du kannst diese physikalischen Strukturen dann auch analysieren, aber wie willst Du Shakespeare atomar bzw. sub-atomar lesen und interpretieren? :-)

    >Vielleicht am Beispiel:
    > Wenn ich ein Programm (beispielsweise in der Programmiersprache Pascal)
    > schreibe, stelle ich einen Text her. Du auch oder Du nicht?
    Der Ausdruck “herstellen” gehört “ausdifferenziert”:
    * Beim Schreibprozeß würde ich von Umweltinterventionen im Rahmen des Medialen sprechen (handschriftlich etwas verfassen, etwas auf der Schreibmaschine tippen, am Computer etwas generieren) – aber die “Medienkeule” (wenn ich so sagen darf) schlägt da “immer schon zu”, so daß ich nicht präsignifikativ etwas herstelle, bei dem ich dann entscheide, ob ich Bedeutung hinzu assoziiere oder nicht.

    * Lesen ist freilich auch eine Art von “Herstellen”. Und zwar in dem Sinne, daß
    ein Beobachter (hier: Leser/in) wahrnehmungsmäßig und zeichenmäßig etwas generieren muß, dem sich Bedeutungen / Inhalte abringen lassen. Das ist – wie unsere Dauerdiskussion andeutet – ein äußerst “anspruchsvoller” Vorgang, der viele verschiedene Systeme involviert (körperliche Systeme wie Gehirn / Nervensystem un den ganzen Rest, Wahrnehmungs- und Zeichenverarbeitung). Vom vorausgesetzten Training (Alphabetisierung, etc.) gar nicht erst zu texten.
    Herstellen entspräche also hier: der notwendigen Konstitution von Zeichen / marker / Formen und ihrem Prozessieren.

    * Zusatzthese: Schreiben ist immer auch schon ein simultanes (Mit-)Lesen (ich vermute, daß selbst bei Blindheit semiotische Vorstellungen mitlaufen müssen – aber vielleicht ist diese Vermutung nicht haltbar).

    CU
    Peter

  • kybernetiks  On March 21, 2012 at 12:21 PM

    Lieber Peter, ich unterescheide zwischen Schreiben und Lesen. Beim Schreiben stelle ich etwas her, was ich lesen kann und beim Schreiben wohl auch lesen muss. Aber beim Schreiben stelle ich etwas her, von dem ich meine, dass es andere AUCH lesen können, Während ich beim Lesen nichts herstelle, was anderen auch irgendwie zugänglich wäre (Telephatie mal aussen vor gelassen).

    Teilst Du den wenigstens DIESE Unterscheidung? Dein präsignikativ spielt für mich HIER (bei dieser Unterscheidung) einfach keine Rolle. Ich weiss auch nicht inwiefern es hier ein depper oder ein atomares Niveau geben soll. Ich frage mich nur, wie Du über diese mir naivster Weise ganz sinnenklare Sache sprechen würdest.

    Was ist eine Umweltintervention wenn ich etwas schreibe. Kannst Du das bitte etwas erläutern.

    • Peter Bormann  On March 21, 2012 at 8:26 PM

      “Aber beim Schreiben stelle ich etwas her, von dem ich meine, dass es andere AUCH lesen können, Während ich beim Lesen nichts herstelle, was anderen auch irgendwie zugänglich wäre”

      Vielleicht würde ich das wie folgt formulieren:
      “Schreiben” stellt eine “Externalisierung” dar (funktional äquivalent zu: verbalen – nonverbalen Verhaltensäußerungen), an die (sozial) angeschlossen werden kann, aber nicht muß (-> wenn eine Autorin bspw. nur selbst ihre Texte liest).
      Lesen entspricht einer Anschlußleistung, bei der entspr. Medienformen / Zeichen – dann als Textzusammenhang – konstituiert werden (wenn die entspr. Voraussetzungen vorliegen, z.B. Alphabetisierung, u.ä.). Aber an Lesen selbst kann nicht direkt sozial angeschlossen werden (höchstens: man wird bspw. beim Lesen beobachtet, und das wird zum Thema in einem Gespräch: “Ach, was liest Du gerade?” Blablablubber).
      Freilich liegt beim Schreibprozeß nicht einfach “etwas vor”. “Text” muß wahrnehmungsmäßig und semiotisch-differentiell immer erst konstituiert werden. Denn wenn Du alle Semiose / Wahrnehmung ausschalten würdest, j´en passe :-)
      D`accord?

      Apropos “Umweltintervention”: Darauf würde ich gerne in meinem Technikfunktionssystem-Post eingehen. Ich hoffe, ich komme in diesem Blog-Leben noch dazu :-)

      Schönen Abend noch
      Pjotr

  • kybernetiks  On March 22, 2012 at 10:29 AM

    Huch, lieber Peter, Du vertröstest mich auf später – ich warte seeeehr gerne und bin voller Hoffnung, dass es noch in diesem Blogleben geht ;-)

    (Ich halte mal die Wörter: Externalisierung, Umweltintervention und Funktionssystem in meiner Agenda über Dich. Externalisierung tönt für mich vorderhand wie “hinaus in die Umwelt” und Umweltintervention tönt umgkehrt entsprechend wie “es kommt aus der Umwelt” (was im Radikalen Konstruktivismus ja beides nicht geht, weil dort die Systeme geschlossen sind). Aber solche Theoriebrüche sollte oder will ich jetzt nicht mehr beachten, respektive nur noch ihre Auswirkungen in bezug auf eine Technologie (als Funktionssystem ..)

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