Das Digitale in der Technologie

– oder kümmert Sie, was Sie mit dem Ausdruck Digitalisierung meinen?

In der Umgangssprache (etwa in der Wikipedia) wird der Ausdruck “digital” als generalisierter Bezeichner für moderne Aufzeichnungsverfahren beispielsweise auf CDs oder DVDs verwendet, bei welchen die Daten als diskrete, binäre Werte gespeichert werden. Dazu gibt es eine gängige Rationalisierung, die den Ausdruck digit zwar zurecht auf den Finger zurückführen, die Finger aber in einem diffus-ulkigen Sinn als diskret-digitale Dinger auffassen, weil sie gezählt werden können oder beim Zählen als “Speicher” benutzt werden. Oft wird das vermehrte Auftreten von elektronischen Speichern in allerlei technischen Geräten als Digitalisierung bezeichnet.

Diese umgangssprachliche Deutung hat sich auch in laxen Fachsprachen eingebürgert, wo das Begriffspaar kontinuierlich/diskret durch die Ausdrücke analog und digital ersetzt wurde, obwohl diese Ausdrücke ursprünglich eine völlig andere Bedeutung hatten. Den Ausdruck “kontinuierlich” verwende ich im hergebrachten Sinn für eine stetig, stufenlose Veränderung, den Ausdruck “diskret” für eine Veränderung in Schritten oder Stufen. Eigentlicher verwende ich “kontinuierlich” in bezug auf Darstellungen von Veränderungen in Form einer Kurve, etwa im Koordinatenkreuz eines Oszillographen. In bezug auf diese Kurve kann ich formal unterscheiden, ob sie aufgrund von einzelnen Messwerten (also quasi als Treppe) oder aufgrund einer differenzialen Funktionsgleichung gezeichnet wird.

Analog und digital bezeichnen – ursprünglich und jenseits akktueller Umgangssprache – Referenzierungsarten. Eine Zeichnung ist zum gezeichneten Gegenstand analog, weil sie quasi die gleiche Form repräsentiert. Ein gezeichneter Tisch sieht wie ein Tisch aus. Ein Wort ist dagegen zum bezeichneten Gegenstand nicht analog, sondern bezeichnet aufgrund einer Vereinbarung. Das Wort Tisch sieht nicht wie ein Tisch aus, man kann es vereinbaren, indem man mit dem Finger, also mit dem digit auf einen Tisch zeigt. Hier geht es nicht darum, ob oder wie oft Wörter tatsächlich auf diese Weise vereinbart werden, sondern darum, dass man sich Vereinbarungen so vorstellen kann, weshalb vereinbarte Symbole als digital bezeichnet werden.

In meiner Technologie unterscheide ich Werkzeuge, Maschinen und Automaten. Werkzeuge werden von Hand angetrieben und Maschinen werden durch Motoren angetrieben, wobei Motoren ihrerseits Kraft-Maschinen sind. Werkzeuge und Maschinen kann ich durch Konstruktions-Zeichnungen hinreichend gut beschreiben, damit sie hergestellt werden können, oder dass ich deren Funktionsweise erkennen kann. Bei einem Verbrennungsmotor etwa kann ich auf der Konstruktionszeichnung sehen, wie sich der Kolben bewegt und wie sich die Ventile in Relation zur Kolbenbewegen öffnen und schliessen. Aus diesem Grund werden in der Herstellung Konstruktionszeichnungen und nicht etwa sprachliche Beschreibungen verwendet. Die analoge Darstellung ist hinreichend und sehr effizient.

Als Automaten bezeichne ich geregelte Maschinen. Ein höherentwickelter Teil der Automaten ist programmierbar. Programmierbare Automaten verhalten sich abhängig von verschiedenen Bedingungen verschieden. Sie durchlaufen also nicht immer dieselbe Verhaltenssequenz. Ihr Verhalten lässt sich deshalb durch Zeichnungen nicht hinreichend festlegen und nicht hinreichend beschreiben, es muss sprachlich – also digital – abgebildet werden.

Soweit wie die programmierbaren Automaten Maschinen sind, werden sie natürlich wie andere Maschinen gezeichnet. Das gilt insbesondere auch für die Steuerung, die aus einer Menge von Schaltern besteht. Sowohl die Schalter wie deren Anordnung kann gezeichnet werden, aber daraus wird nicht ersichtlich, wie die Schalterzustände einander beeinflussen, wenn die Maschine läuft. Wenn ich sage, dass programmierbare Automaten digital dargestellt werden müssen, meine ich also nicht die ganze Maschine, sondern nur die Konfiguration von deren Steuerung, die das Verhalten der Maschine bestimmt. Genau das mache ich, wenn ich ein Programm schreibe. Und umgekehrt kann ich im Programm lesen, wie sich die Maschine verhält.

Genau in diesem und nur in diesem Sinne sind programmierbare Maschinen digitale Maschinen. Inwiefern digitale Maschinen diskrete Aufzeichnungsverfahren erfordern, werde ich später unter den Begriffen Programm und Programmiersprache behandeln. Vorerst geht es mir darum, in meiner Technologie eine bestimmte Entwicklung als funktionale Bestimmung zu erkennen. Die Entwicklung des Toolmaking erkenne ich quasi rückblickend als Evolution der Programmiersprache. Das technische Funktionssystem muss in dieser Hinsicht über den Code programmierbar entwickelt werden.

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Comments

  • Beat Döbeli Honegger  On March 23, 2012 at 3:44 PM

    Danke für diesen Artikel, der sich bestens meine derzeitigen Überlegungen erweitert. Ich bin via Digitalisierung drauf gestossen, da ich grad durchaus bewusst und mangels besserer Alternative den Begriff “Digitalisierung” falsch verwende (siehe http://beat.doebe.li/projects/l3t12/sld010.htm). Nun gefällt mir sehr die Dreistufigkeit Werkzeug – Maschine – Automat. Ergänzt wiederum meine Überlegungen zur Automatisierung (siehe http://beat.doebe.li/projects/l3t12/sld017.htm).

    Mir fehlt bei diesem Multiuser-Blogprojekt nur die Info, von wem nun dieser mit “ich” operierende Beitrag stammt. Ich = Rolf?

    • kybernetiks  On March 23, 2012 at 6:34 PM

      ich meine “ich” ziemlich wörtlich: Wenn ich “ich” schreibe, aber auch wenn ich “ich” lese, meine ich m”ich” und überleg mir dann, ob ich einverstanden bin, mit dem was ich das für mich wahrnehme.
      So kann ich etwa in bestimmten Situationen schreiben, dass
      “ich grad durchaus bewusst und mangels besserer Alternative den Begriff “Digitalisierung” falsch verwende” und wenn ich dann das lese, frage ich mich, ob das für mich so stimmt.
      Das ist diese totale ich-Bezogenheit, in welcher es keine Rolle spielt, wer auch noch ich gesagt hat. Zum zitieren kann ich dann die URL angeben, so dass der nächste ich wieder ich lesen und damit s”ich” selbst meinen kann ;-))
      Ich kann überdies sagen, dass ich Rolf heisse und ein wenig staune, dass gerade Dir dieses “digital” so auffällt, weil es doch so seit bald zwanzig Jahren auf Deiner wunderbaren Homepage (neben anderen Definitionen auch) so definiert ist.
      Herzliche Grüsse, Rolf

      • kybernetiks  On March 24, 2012 at 11:04 AM

        Nachtrag: Wenn Wörter digitale Symbole sind, kann man darüber nachdenken, inwiefern sie arbiträr sind. Digitalisierung kann dann gaaaanz zufällig ähnlich tönen wie digital, also im Sinne eines Homonyms keinerlei referenzsachliche Verwandschaft unterstellen. In diesem Fall hätte der Ausdruck Digitalisierung eine völlig eigenständige Vereinbarung und könnte genau dafür stehen, wofür er verwendet wird. Dann könnte man ihn auch nicht fälschlicherweise “falsch” verwenden.

        Umgekehrt kann man sich überlegen, wie die Vereinbarung eines Symbols für wen Geltung hat. Wenn ich mit mir abgemacht habe, wie ich ein bestimmtes Wort verwende, kann ich es in Bezug auf diese Abmachung falsch verwenden. Das ist aber dann mein Problem.

        Mit anderen Menschen treffe ich kaum je Wortverwendungsabmachungen. Nur innerhalb von Machtverhältnissen wird mir dann und wann von Mächtigen gesagt, wie ich ein Wort verwendet habe oder zu verwenden habe.

        Das behandle ich in meinem Buch Der Dialog im Dialog etwas ausführlicher ;-)

        • doebeli  On March 24, 2012 at 12:35 PM

          Mindestens in meiner Dissertation hat mein Doktorvater von mir nicht verlangt, dass ich Wörter “richtig” verwende, er hat nur verlangt, dass ich sie innerhalb der Dissertation durchgehend gleich verwende, also keine Widersprüche und Bedeutungsveränderungen innerhalb der gleichen Arbeit habe. Das fand ich damals überraschend und es ist mir bis heute geblieben.

          • kybernetiks  On March 24, 2012 at 12:42 PM

            das finde ich auch wunderbar, so einen Doktorvater hätte ich auch gerne gefunden

      • doebeli  On March 24, 2012 at 12:27 PM

        Ich habe gefragt, ob in diesem Fall Ich=Rolf, nicht weil ich zu philosophischen Betrachtungen einladen wollte, sondern weil ich meinte, es handle sich hier um ein Multiuser-Blog, d.h. ein Weblog mit mehreren Schreibenden. Dann ist Lesenden nicht klar, wer mit “ich” gemeint ist.

        • kybernetiks  On March 24, 2012 at 12:39 PM

          ja, es ist ein Multiuser-Blog – und jederman ist herzlich eingeladen, als Autor mitzuschreiben (eine kurze Meldung genügt ;-). Dann aber entscheidet auch jeder Autor, inwiefern er (zb namentlich) erkennbar sein will (und ob er Reaktionen als Einladungen zum Philosophieren interpretieren will). Der Blog ist nicht wie ei Zeitung gedacht, wo es Chefs und Regeln gibt, sondern als w2-Anarchie :-)

      • doebeli  On March 24, 2012 at 12:36 PM

        Das Biblionetz existiert “erst” seit 15 Jahren. Aber es ist spannend, Definitionen und scheinbar abgehakte Fragen nach Jahren wieder aufzunehmen. Bruners Spiralprinzip lässt grüssen.

  • PeterB  On March 25, 2012 at 2:44 PM

    “Analog und digital bezeichnen – ursprünglich und jenseits akktueller Umgangssprache – Referenzierungsarten. Eine Zeichnung ist zum gezeichneten Gegenstand analog, weil sie quasi die gleiche Form repräsentiert. Ein gezeichneter Tisch sieht wie ein Tisch aus. Ein Wort ist dagegen zum bezeichneten Gegenstand nicht analog, sondern bezeichnet aufgrund einer Vereinbarung. Das Wort Tisch sieht nicht wie ein Tisch aus, man kann es vereinbaren, indem man mit dem Finger, also mit dem digit auf einen Tisch zeigt. Hier geht es nicht darum, ob oder wie oft Wörter tatsächlich auf diese Weise vereinbart werden, sondern darum, dass man sich Vereinbarungen so vorstellen kann, weshalb vereinbarte Symbole als digital bezeichnet werden.”

    1) Die Unterscheidung von “analog / digital” macht Sinn – prima facie. Aber ich würde “nicht” auf “Vereinbarung”, sondern auf “Medienwechsel” abstellen.

    a) Für “Zeichnungen und wahrgenommene Entitäten” gelten m.E. gleichfalls “Konventionen” [Bspl.: “Zentralperspektive”, die freilich heutzutage als “kontingent” angesehen werden kann]. Zudem läuft Deine Aussage auf die zuletzt beschriebene, heutzutage unplausible “essentialistische Logik” hinaus: eine Ur-Form (hier: Tisch) -> verschiedene Realisierungen (nicht-technische Wahrnehmungsentität, Zeichnung, PC-Simulation, Fotographie, etc. ). Wenn man hier von “Familienähnlichkeiten” ausginge, käme man “nicht” mehr zur Unterstellung von ein und der gleichen Form, sondern eher zu “Ähnlichkeiten und Unähnlichkeiten” in bestimmten Hinsichten (ohne Annahme einer “Ur-Form”, die den medialen Variationen zugrunde liegen soll).

    b) Zudem kann auch eine “Relationierung” von Wahrnehmungen und textuellen Beschreibungen unterstellt werden [-> neuzeitliche Texte soll(t)en – nach Michael Giesecke, “Der Buchdruck in der frühen Neuzeit” – eine zentralperspektivisch orientierte Informationsverarbeitung von Lesern ermöglichen. Denn neuzeitliche Leser wurden mit printbasierten Fernkommunikationszusammenhängen mit allen Nachteilen der Täuschung, der fehlenden nah-interaktionellen Prüfungs-, Kontroll- und Feedback-Möglichkeiten, etc. konfrontiert]. Eine Kurzzusammenfassung von Gieseckes Position findet sich hier: http://www.michael-giesecke.de/visualisierung/dokumente/darstellungstheorie/fliesstext/die_bedeutung_der_perspektivischen_erkenntnistheorie.htm

    c) Meine These ist daher: Es geht bei analog / digital nicht um “Vereinbarungen / keine Vereinbarungen”, sondern um einen “Medienwechsel”:
    * von Wahrnehmungsmedien hin zu Bildmedien, in denen gleichfalls Wahrnehmung zentral ist -> also hier: “kein” Medienbruch (auch wenn Semioseprozesse vorliegen)
    * von Wahrnehmungsmedien hin zu Sprachmedien (Oralität, Textualität), in denen Wahrnehmung nur infrastrukturelle Voraussetzung für Semioseprozesse ist -> hier eher eine Art “Medienbruch”

    Zudem könnte man auch auf “Ikonizität” verweisen, wobei “(Un-)Ähnlichkeit” erneut nicht-essentialistisch aufgefaßt werden sollte. Siehe hierzu Peirce:
    http://www2.hu-berlin.de/linguistik/institut/syntax/onlinelexikon/I/ikonizitaet.htm

    ~Peter

    • Peter Bormann  On March 25, 2012 at 3:12 PM

      Vielleicht noch als schnelle Idee zum Abschluß:
      Könnte man die Unterscheidung “analog” – “digital” vielleicht reformulieren als:
      “ikonisch” / “nicht-ikonisch” (mit Blick auf Zeichen und Medienarten)?

      • kybernetiks  On March 25, 2012 at 4:29 PM

        Peter – ich komme ganz gut ohne irgenwelche Urformen aus, ich weiss nicht, warum Du das ins Spiel bringst. Ich kann JEDEN Tisch zeichnen, aber eben nicht DEN Tisch, den Du (wenn ich mich nicht täusche mit Urform meinst). Alle Zeichnungen zeigen einen bestimmten Tisch, also keine Urform, was immer das sein möchte.

        Den Medienwechsel habe ich noch nicht verstanden: Wenn ich einerseits einen Tisch und eine Zeichnung von ihm vor mir habe, kann ich Form-Ähnlichkeit sehen – also nicht die gleiche Form.
        Und wenn ich einen Tisch und das geschriebene Wort “Tisch” vor mir habe, kann ich keine Ähnlichkeit sehen.
        Worin liegt jetzt der Medienwechsel? Sowohl der Tisch, als auch die Zeichnung oder das Wort ist doch alles in meiner Wahrnehmung – wo sonst?
        (Was Giese anderes sagt als ich, vsehe ich auch noch nicht: er spricht von Perspektive statt von Formähnlichkeit, aber sonst?)

        Schliesslich: Ikone ist in diesem Kontext einfach ein Fremdwort für Zeichnung. Wenn ich sagen muss, was ikonisch hier heissen soll, sage ich das Gleiche: eine Formähnlichkeit zwischen dem Symbol und seinem Referenzobjekt. Das, was oft mit Ikone gemeint ist, bezeichne ich eher als Index, beispielsweise den Totenkopf auf der Giftflasche, weil dort mit eine Bedeutungsähnlichkeit gespielt wird statt mit eine Formähnlichkeit.

        • Peter Bormann  On March 25, 2012 at 7:45 PM

          Nun ja, vielleicht habe ich apropos “essentialistische Muster-Logik” hier etwas mißverstanden. Maybe – maybe not :-)
          Worauf es mir freilich ankommt: es kann zwischen Zeichnung und Wahrnehmungsentität eine “Vielzahl von Ähnlichkeiten” geben, was auch “konventionalisierbar” ist (siehe die Zentralperspektive, die erst ungefähr im 13. Jhd. aufkommt). Das heißt: das “Vereinbarungsargument”, das sich nur auf Sprache beziehen soll, kann auch auf Zeichnungen, Fotographien, Filme, etc. angewandt werden [weil hier wohl kulturrelative Konventionen vorliegen. Vergleiche einfach `mal Bilder aus dem Mittelalter (vor der Zentralperspektive) und Bilder aus der Neuzeit (mit Zentralperspektive). Und wie die Apparatus-Theorien vor Jahrzehnten kritisierten: die zentralperspektivische Vorstellung ist mitunter schon in Kameras eingebaut].

          Apropos Wort – Zeichnung – Wahrnehmungsfigur “Tisch”:
          1) Ich würde Bild- und Sprachmedien differenzieren:
          * Sprachmedien: Orales, Skripturales, Printbasiertes, Digitaltexte
          * Bildmedien: Zeichnungen / Bilder, analoge und digitale Fotographien, etc. -> hier könnte man dann noch Film, Video, etc. unterbringen

          2) Dabei würde ich “Wahrnehmungsprozesse” selbst als nicht-essentialistische Mustererrechnung auffassen, d.h. wir haben es “nie” mit singulären, prä-signifikativen Wahrnehmungsdaten zu tun (dank einer höheren Kognitionsleistung, deren Level wir m.E. einfach nicht unterschreiten können. Sonst die Frage an Dich: Wie soll das genau funktionieren? Es reicht nicht zu sagen / texten: ich sehe oder interpretiere das aber so.). Luhmann würde hier gleichfalls wohl auf “symbolische Generalisierung” verweisen…

          3) Zeichenprozesse basieren auf einer solchen wahrnehmungsmäßigen “Mustererrechnung”, sind aber damit nicht identisch, weil auch “Bedeutungseffekte (implizit-schematisch oder in der Folge als Bedeutungsexplikation) ins Spiel kommen. Du scheinst zu glauben, daß Wortkörper = Signifikanten (oder Representamen à la Peirce) wahrnehmungsmäßig und präsignifikativ zu erkennen seien (und daß Bedeutungsaspekte nur als kontingent hinzukommen). Nur kollabiert damit bei Dir “jede” (2- oder 3-stellige) Zeichen-Konzeption, weil Du die Zeichendyade oder -trias “zerstörst”. Du kannst dann aber auch keine “Worte” (als Zeichen) mehr erkennen. Das wären dann einfach nur Wahrnehmungsfiguren, z.B. irgendwelche Striche ohne Bedeutung [wie bei chinesischen, japanischen, arabischen, etc. Schrift(wahrnehmungs)figuren, die einfach nur hübsch aussehen oder sonst “irgend welche” Assoziationen auszulösen vermögen, wenn Du des Chinesischen, etc. nicht mächtig bist]. Damit würdest Du aber auch eine Wahrnehmungsentität “Tisch” nicht mehr auf das Wort “Tisch” beziehen können, denn Letzteres liegt dann einfach nicht mehr vor.

          • kybernetiks  On March 25, 2012 at 9:00 PM

            Peter – ich glaub Du musst noch meinen Post
            https://kybernetiks.wordpress.com/2012/03/19/analog-digital/
            lesen. Da habe ich doch die re-entry-Geschichte mit der Vereinbrten Zeichnung ausführlich dargestellt. Da sind wir doch absolut einer Meinung, auch wenn ich dafür keinerlei Zentralperspektive brauche, sondern nur die Zeichnung einer Kuh von oben.

            Und ich weiss, dass Du und Luhmann die Wahrnehmung irgendwie wichtig findet. Ich weiss nur nicht wozu. Für mich ist der Tisch und die Zeichnung durch dieselbe MEINE Wahrnehmung gegeben (das ist im Radikalen Konstruktivismus eben “einfach so”): = so einfach formuliert, weil nichts dagegen spricht. “Ich” kann und muss wahrnehmen. Und in meiner Wahrnehmung unterscheide ICH Tisch und Zeichnung vom Tisch und ich nehme Ähnlichkeit wahr (egal ob das in Luhmanns Theorie möglich ist). Das Kriterium ist, welche Aussagen zur Technologie damit möglich werden und welche nicht. (Aber lies doch den obigen Link, er ist kurz ;-)

            Und Nein, ich glaube nicht, dass ich bedeutungslos wahrnehme und dann Bedeutung hinzuinterpretiere. Ganz im Gegenteil. Ich habe auch eine Wahrnehmungspsychologie, nämlich jene von K. Holzkamp, durch welche ich immer bedeutungsvolle Gegenstände wahrnehme und nur bei Bedarf die Bedeutung abstrahieren kann (Kennst Du Holzkamp? Er ist für mich Grund-legend). Dagegen habe ich Peirce und seine Triade noch nie auch nur ansatzweise verstanden und noch nie irgendetwas gelesen, wo mir das sinnvoll begegnet wäre. Du weisst ich bin ein Barbar – aber einer, der Bedeutungen wahrnimmt ;-)

            • Peter Bormann  On March 25, 2012 at 9:51 PM

              1) ich glaub Du musst noch meinen Post
              https://kybernetiks.wordpress.com/2012/03/19/analog-digital/
              lesen -> ja, bisher nur schnell gescannt

              2) “dass Du und Luhmann die Wahrnehmung irgendwie wichtig findet” – eher P. Fuchs und ich. Soziologen erklären das gerne zur Angelegenheit von Psychologen,
              was sich rächen kann. Denn es ist m.E. gar nicht sicher, daß die Bielefelder Systemtheorie das Zusammenspiel von (Psyche) – Bewußtsein – Kommunikation mit Blick auf Zeichen / Medienformen / marks überzeugend zu erklären vermag. Der einzige, der hierbei in die Tiefe gegangen ist / geht, ist Herr Fuchs. Alle anderen unterstellen: es funktioniert doch “irgendwie”. Ja, nur “wie genau”?

              3) “Für mich ist der Tisch und die Zeichnung durch dieselbe MEINE Wahrnehmung gegeben” – und das Wort als “Wortkörper” auch :-)
              Das heißt aus meiner Sicht: Alle drei werden letztlich durch die gleiche Herstellungs-Brille beobachtet und dadurch “gleichgesetzt”. Und “genau das” bezweifelt das Peterli, wobei sich meine Kritik weniger am “Herstellen” als am “Gleichsetzen” festmacht, weil hier verschiedene Dinge gemischt werden und auch Unmögliches unterstellt wird -> ein bloßer Wortkörper wäre kein Wort-als-Zeichen mehr. Bspl.: “xewkhpjkotrwejtwq” wäre als arbiträre Buchstabenfolge eine bloße Wahrnehmungsfigur / ein Schrift”bild” (mit möglichen Assoziationen), aber kein Wort-/Sprachzeichen mehr.
              4) “Wahrnehmungspsychologie, nämlich jene von K. Holzkamp” -> der Name “Holzkamp” sagt mir was (marxistischer Theoretiker?), aber ich erinnere mich nicht mehr. Vielleicht sollte ich mir das wirklich ´mal zu Gemüte führen.

              Gut`s Nächtle,
              Peterli

              PS – Apropos “Barbar”
              Willst du Deinen Nick dann nicht lieber ändern? Kybernetics -> Conan. Zudem: Arnie-Conan ist Kult :-)

        • Peter Bormann  On March 25, 2012 at 7:51 PM

          Ikone – Index, u.ä. – vielleicht sollten wir hier besser auf Peirce rekurrieren.

  • Peter Bormann  On March 25, 2012 at 9:19 PM

    Mir ist eben noch eine Idee gekommen mit Blick auf Wahrnehmungsentität –
    Bildzeichen – Sprachzeichen:
    1) Bei der Relation “Wahrnehmungsentität – Bildzeichen” kann es möglich sein, nicht-essentialistische Wahrnehmungsähnlichkeiten anzugeben (z.B. durch Vergleich bestimmter Aspekte, die als “Familienähnlichkeit” – post festum! – interpretiert werden). Aber das ist eine Möglichkeit, “keine” Notwendigkeit.

    Warum? Weil diese Bildzeichen (wie andere Zeichen auch) “ohne” Referenz funktionieren. Denn ansonsten wären “unmögliche Bilder” (wie hier: http://www.planetperplex.com/en/category/impossible-images/) nicht möglich.
    In diesem Sinne kann m.E. von “(kontingenter) Analogie” in der Wahrnehmungsdimension gesprochen werden.

    2) Bei der Relation “Wahrnehmungsentität – Sprachzeichen (oral, textuell)” ist idR gar keine Analogie mehr angebbar ->Digitalität. [Eine gewisse Ausnahme bilden bspw.. “Onomatopöien” (Lautmalereien), die letztlich jedoch auch durch das jeweilige Netzwerk sprachlicher Unterscheidungen festgelegt sind:
    “Das Zwitschern eines Vogels wird zum Beispiel von Deutschen mit „tschiep, tschiep“, von Japanern dagegen mit „pyu, pyu“ und von Griechen mit „tsiu, tsiu“ wiedergegeben, oder der Hahnenschrei im Deutschen mit „kikeriki“, im Niederländischen mit „kukeleku“, im Französischen mit „cocorico“, im Spanischen mit „quiquiriquí und im Englischen mit „cock-a-doodle-doo“. [PB: v.a. Letzteres und “kikeriki” sind “sehr” analog :-)]. Das Zitat wurde übrigens übernommen von: http://www.rossipotti.de/inhalt/literaturlexikon/sachbegriffe/lautmalerei.html

    Rolf, was hälst Du von dieser Argumentation?
    ~Peter

  • kybernetiks  On March 26, 2012 at 5:07 PM

    Lieber Peter – ich glaube nicht, dass Du Holzkamp lesen solltest. Er ist ein marxistischer Psychologe, seine Schule heisst “Kritische Psychologie”. Für mich passt das alles perfekt, es ist sozusagen meine Heimatschule. Sein Hauptwerk:
    Sinnliche Erkenntnis. Historischer Ursprung und gesellschaftliche Funktion der Wahrnehmung
    passt aber kaum zu Deinem Begriff von Wahrnehmung.

    Und was halte ich von Deiner Argumentation? Das will ich erst entscheiden, wenn Du sie auf Technologie angewendet hast, jetzt noch ist es eben eine Argumentation, die mir noch viel zu kompliziert zu sein scheint.
    Ich sehe – bislang, bisher – einfach noch nicht, wieso ein Diskurs über Technik eine Wahrnehmungstheorie beinhalten muss. Eine solche würde für mich erst wichtig, wenn wir in bezug auf Technik Differenzen hätten.

    • Peter Bormann  On March 26, 2012 at 8:45 PM

      Lieber Rolf,
      es gibt auch einen interessanten Wikipedia-Artikel zu Holzkamp, den ich freilich nur kurz gescannt habe. Ich glaube, ich habe sogar früher `mal etwas von ihm gelesen (leider scheint es aus meiner Erinnerung “gelöscht” worden zu sein – das muß freilich nichts besagen).
      Die Intention, (wiss.) Konzepte historisch-sozial zu hinterfragen, leuchtet mir jedenfalls ein (das kenne ich so ähnlich von poststrukturalistischen Ansätzen). Bei meiner Beschäftigung mit marxistischen Ansätzen (Marx / Engels u.a.) ist mir allerdings aufgefallen, daß hier nie eine “überzeugende” Kommunikationskonzeption ausgearbeitet werden konnte (was wohl an bestimmten theoretischen Grundorientierungen lag -> Grundbegriff “Arbeit”, materielle Basis vs. ideologischen Überbau, etc.). Bemerkenwert waren aber z.B. Volosinov (der eine Art “social mind”-Konzeption vorlegte, die heute passé sein dürfte) oder Gramsci.
      Für mich war schließlich der Wittgensteinsche-Derridasche Post-Marxismus bedeutsam (wie in der Diskurstheorie von Laclau / Mouffe). Marxistische Positionen hatte ich da schon ad acta gelegt.
      Vor einigen Jahren las ich freilich eine vorzügliche Studie, die Bielefelder Systemtheorie und Marxschen Ansatz miteinander verglich. ls soziologisches Kontrastprogramm (zu Systemtheorie, Dekonstruktion, Diskurstheorie, rational choice, etc.) dürfte der Marxsche Ansatz (in einer unorthodoxen Form und grundlegend “demokratisiert”!) daher weiter von Interesse sein.
      Ob das auch für Holzkamps Arbeiten zur Wahrnehmung gilt, müßte extra untersucht werden. Der bloße Verweis auf Materialismus bei Zeichenprozessen dürfte dagegen keinen Hund mehr hinter dem Ofen vorlocken – zumindest dann nicht, wenn das Hündchen dekonstruktive, system- und formtheoretische Knochen abgeknabbert hat :-)
      Aber daß für Dich nur das akzeptabel ist, was Du für Deine Position als viabel, fruchtbar oder interessant ansiehst, ist völlig ok. Ich halte es ja ebenso.
      Herzlich
      ~Peter

  • luestyx  On June 8, 2012 at 4:27 PM

    @rolf @peterb
    was haltet ihr von dieser aussage?

    “Meine Überlegungen gehen dahin, den Technikgebrauch anders zu verstehen, nämlich nicht mehr hinsichtlich einer Prothesen-Metapher, Technik als Werkzeug, als zweckrationales Mittel oder – wie bei Luhmann – als Ersatz für fehlenden Konsens und dergleichen. Sondern Technik als Kommunikationsblockade zur Verkomplizierung des Lebens zu verstehen, durch welche die Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation weiter gesteigert wird, wobei durch diese Steigerung ständige Sublimationsprozesse erzwungen werden, die den Zerfall von Vorbehalten gegen Kommunikation beschleunigen. Das Internet wäre dann nicht Hilfe oder Heil, weil damit ja auch das Gegenteil erwägbar wird, sondern eine Behinderung, durch welche die Erfolgsbedingungen strukturiert werden, die festlegen können, was sich in der Folge durch Überwindung dieser Behinderung noch als haltbare Kommunikation erweisen kann.”

    http://bit.ly/KooWbg

    • Peter Bormann  On June 9, 2012 at 9:48 AM

      Da die Antwort an luestyx immer länger wurde, habe ich daraus einen Blogpost gemacht, der auch als Einstimmung in die Diskussion um “Technik als Funktionssystem” angesehen werden kann: https://kybernetiks.wordpress.com/2012/06/09/uberlegungen-zur-konzeptualisierung-von-technik-versuch-1-3/
      ~Peter

    • kybernetiks  On June 9, 2012 at 12:02 PM

      die Argumentation als solche finde ich nachvollziehbar, ABER se befasst sich nicht mit Technik, sondern setzt voraus, dass MAN weiss, was mit Technik gemeint ist, und untersucht dann eine Wirkung oder eine (Blockieungs)funktion in der Kommunikation.
      Ich finde das entspricht perfekt der alltäglichen Verwendung des Ausdruckes Technik, die immer für irgendetwas schuld oder manchmal für etwas gut (negative Schuld) ist.

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