Die Tätigkeit der Ingenieure

Wie angekündigt will ich hier anstelle der Technik den Techniker beobachten, in seiner entwickelten Form heisst er Ingenieur.  Es geht mir dabei um eine quasi operative Beschreibung der Technik, wobei ich natürlich Technik als Produkt der Techniker impliziere. Ich beziehe mich auf das sehr oft zitierte Stück Weltliteratur von F. Taylor, das ich auch zitiert habe.

Vordergründig zeigt F.Taylors Geschichte zwei mögliche Methoden, wie die Arbeit von Schmidt, das Eisenverladen, verrichtet werden kann. Die eine Methode wird direkt beschrieben, während die Beschreibung der anderen Methode in einem Dialog zwischen Taylor und Schmidt aufgehoben ist. F.Taylors Text verweist im einen Fall direkt auf die Arbeit der Eisenverlader und im andern Fall auf ein Gespräch zwischen Taylor und Schmidt, in welchem Schmidts Arbeit in Form von Anweisungen beschrieben wird. Beim Lesen der Geschichte läuft man Gefahr zu übersehen, dass in beiden Fällen nur Schmidt Hand anlegt, während Taylor die Tätigkeit lediglich beschreibt. Da ist zunächst die direkt beschriebene, unstrukturierte und entsprechend ineffizientere Methode:

Die Hände sind das einzige Werkzeug, das zur Anwendung kommt. Ein Roheisenverlader bückt sich, nimmt einen Eisenbarren von ungefähr 40kg auf, trägt ihn ein paar Schritte weit und wirft ihn dann auf den Boden oder stapelt ihn auf einen Haufen. Diese Arbeit ist gewiss einfach und elementar. Einen intelligenten Gorilla könnte man so abrichten, dass er ein mindestens ebenso tüchtiger und praktischer Verlader würde als irgendein Mensch.

und dann die in Form von Anweisungen, indirekt beschriebene Methode:

,Wenn Sie nun eine erste Kraft sind, dann werden Sie morgen genau das tun, was dieser Mann zu Ihnen sagt, und zwar von morgens bis abends. Wenn er sagt, Sie sollen einen Roheisenbarren aufheben und damit weitergehen, dann heben Sie ihn auf und gehen damit weiter! Wenn er sagt, Sie sollen sich niedersetzen und ausruhen, dann setzen Sie sich hin!‘

Schmidt begann zu arbeiten, und in regelmässigen Abständen wurde ihm von dem Mann, der bei ihm als Lehrer stand, gesagt: ,Jetzt heben Sie einen Barren auf und gehen Sie damit! Jetzt setzen Sie sich hin und ruhen sich aus! etc.‘ Er arbeitete, wenn ihm befohlen wurde zu arbeiten, und ruhte sich aus, wenn ihm befohlen wurde, sich auszuruhen, und um halb sechs Uhr nachmittags hatte er 48t auf den Wagen verladen.

Das Eisen wurde auch ohne Taylors Anweisungen verladen und es hätte auch weiterhin ohne Taylors Anweisungen verladen werden können. Taylor hat überdies kein Stück des Eisens verladen, obwohl – oder vielleicht gerade weil – er mit seiner Methode 4 x schneller als Schmidt gewesen wäre.

Man mag einwenden, Schmidt habe zunächst offensichtlich sehr ineffizient gearbeitet und sei dann dank Taylor viel effizienter geworden. Taylor habe also keineswegs nur eine Beschreibung von Schmidts neuer Methode geliefert, sondern diese Methode erfunden. Gleichwohl wird man (hin)zugeben müssen, dass ausschliesslich Schmidt die Methode anwandte und Taylor sie eben nur beschrieben hat.

Wir könnten – nicht ganz unberechtigt – annehmen, dass Taylor ursprünglich selbst ein handanlegender Arbeiter war. Schon als Arbeiter machte er sich manchmal Gedanken über seine Arbeit. Er interessierte sich dafür, in seiner Arbeit effizienter zu werden. Eines Tages nun, als unser Taylor, statt zu arbeiten, gerade wieder einmal über seine Arbeit nachdachte, merkte er (in)genialerweise, dass sich das Nachdenken über die Arbeit lohnen könnte. Er begann also seine Arbeitskollegen zu beobachten und stellte fest, dass jeder einzelne Arbeiter durchschnittlich ungefähr 12t pro Tag verlud; zu seiner Überraschung fand er aber bei seinen eingehenden Untersuchungen, dass ein erstklassiger Roheisenverlader nicht 12 t, sondern 47 bis 48t pro Tag verladen sollte … Einmal jedoch davon überzeugt, dass 48t eine angemessene Tagesleistung für einen erstklassigen Roheisenverlader bedeuteten, stand ihm klar vor Augen, was er zu tun hatte: Er eilte heim, entledigte sich seiner Arbeitskleider und kehrte wenig später – mit Diplom – in seinem besten Anzug zurück. Als Arbeitsleiter wollte er nach bestem Wissen und Gewissen darauf sehen, dass jeder Mann pro Tag 48t verlud, anstatt der 12t wie bisher. Er wollte überdies – was wir jetzt besser verstehen -, dass die Leute – die ja davor seine Kollegen waren – beim Verladen von täglich 48t freudiger und zufriedener wären als bei den 12t von früher.

Umgekehrt könnten wir aber – nicht weniger plausibel – auch annehmen, Schmidt selber hätte seine Arbeit analysiert und entdeckt, dass er nach dem Prinzip des bestimmten Pensums viel mehr leisten könnte. Er hätte seine Entdeckung nicht aufgeschrieben – wozu auch? -, sondern einfach angewendet. Taylor schliesslich hätte lediglich das Verfahren aufgeschrieben, nach welchem Schmidt intuitiv und nur halbbewusst arbeitete. N. Wirth schreibt über grundlegende Texte von E. Dijkstra und C. Hoare, zwei Taylors der Informatik, die erkannt haben, dass Programmieren “wissenschaftlicher Behandlung und Darlegung zugänglich ist” und damit ein “Revolution” in der Programmierung bahnten: “Beide Artikel argumentieren überzeugend, dass viele Programmierfehler vermieden werden können, wenn man den Programmierern die Methoden und Techniken, die sie bisher intuitiv und oft unbewusst verwendeten, zur Kenntnis bringt”.

Noch eine zeitgemässe Anmerkung zur Ueheberschaft:

Subjektiv mag – im Sinne eines Ehren-Patents – bedeutsam sein, wer entdeckte, dass regelmässige und regelmässig unterbrochene Arbeit am ertragreichsten ist. Objektiv bedeutsam ist das explizite, ausgesprochene und aufgeschriebene Wissen, wie eine Arbeit effizient erledigt wird. C. Thomsen kommentiert einen 20-jährigen Rechtsstreit über die Urheberschaft der sogenannten Computer-Chips, bei welchem nicht nur die Ehre auf dem Spiel stand: “Ob nun Gilbert Hyatt oder Ted Hoff das Erstgeburtsrecht besitzt: Die kommerziel erfolgreiche Verwertung dieser Idee präsentierte Intel 1970 mit seinem Mikroprozessor. Tatsächlich konnte dieser eine Chip (..) wie ein eigenständiger Computer funktionieren”, was eben den pratischen Nutzen der Computer erheblich vergrösserte.
A. Speiser erläutert das Motiv der Erfinder-Ehre anhand eines 10-jährigen Patentstreites zwischen N. Noyce von Fairchild Semiconductor und J. Kilby von Texas Instruments um die Erfindung der intergierten Schaltung, der schliesslich zugunsten des ersteren entschieden wurde: Für IC’s geben wir weltweit pro Jahr mehr als 50 Milliarden Franken aus.

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Trackbacks

  • […] Die Geschichte von F.Taylor zeigt nur vordergründig beispielhaft, was und wie Schmidt arbeitet. F.Taylors eigentliches Anliegen ist zu zeigen, dass jede Arbeit verstanden sein will. Was für die einfache Arbeit von Schmidt gilt, gilt noch mehr für die Arbeit von ihm selbst, also für die Arbeit des Ingenieurs. […]

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