Ingenieure sind Beobachter, sie beschreiben …

Die Geschichte von F.Taylor zeigt nur vordergründig beispielhaft, was und wie Schmidt arbeitet. F.Taylors eigentliches Anliegen ist zu zeigen, dass jede Arbeit verstanden sein will. Was für die einfache Arbeit von Schmidt gilt, gilt noch mehr für die Arbeit von ihm selbst, also für die Arbeit des Ingenieurs.

Psychologisierend könnte man sagen, Taylor plane, erfinde, organisiere, konzipiere, analysiere, usw. Der sichtbare, empirisch zugängliche Teil der Tätigkeit von Taylor besteht darin, dass er Schmidt Anweisungen gibt.

Was sind Anweisungen? Fragen wir Ingenieure. Im Buch Pascal, einer systematischen Darstellung der Programmiersprache Pascal, in welchem bemerkenswerterweise das Wort “Befehl”, welches von vielen Ingenieuren anstelle des Wortes “Anweisung” verwendet wird, durchwegs fehlt, steht: “Anweisungen beschreiben den algorithmischen Kern eines Problems”. Anweisungen sind also Beschreibungen. Aber nicht alle Beschreibungen sind Anweisungen, Anweisungen bilden eine Teilmenge der Beschreibungen; sie sind in bestimmter Hinsicht auf eine Produktion bezogen. Im Alltag nennen wir Beschreibungen, die Befehlscharakter haben, Anweisungen und verwenden deshalb das Wort Anweisung häufig synonym mit dem Wort Befehl. Der Befehlscharakter der Anweisung von Taylor ist aber zufällig, das heisst er ist unwesentlich, lediglich eine Erscheinungsform davon, dass Anweisungen, wie Taylor sie gibt, in den bei uns üblichen Betriebshierarchien von Arbeitenden wie Schmidt als verbindliche Aufforderungen interpretiert werden. Unter einer entsprechend anderen sprachlichen Vereinbarung, wie sie etwa für Konstruktionspläne gilt, die von Schmidts Kollegen auch als Befehle aufgefasst werden, könnte Taylor seine Anweisung auch in einer nur beschreibenden Sprache geben. Taylor könnte dann mit derselben Wirkung statt ,Heben Sie das Eisen auf!‘, ,Schmidt hebt einen Eisenbarren auf‘ sagen. Wenn Taylor zu Schmidt sagt: “Heben Sie das Eisen auf!” beschreibt er in anweisender Form, dass Schmidt einen Eisenbarren aufhebt.

Die Tätigkeit der Ingenieure ist Beschreiben. Wenn man sagt, dass Ingenieure Beschreibungen herstellen, abstrahiert man nicht nur, dass sie planen, erfinden, organisieren usw., man abstrahiert auch, dass sie für die Produktion beschreiben, und dass ihre Beschreibungen anweisenden Charakter haben. Die abstrakte Bestimmung, dass Ingenieure beschreiben, erfüllt, was wir von einer Abstraktion wenigstens verlangen, sie gilt für die Ingenieure überhaupt, also für alle geschichtlichen Formen des eigentlichen Ingenieurs. Diese Gültigkeit könnten andere Abstraktionen natürlich auch beanspruchen, sicher ist auch für alle Ingenieure wahr, dass sie planen, erfinden, organisieren usw. Im Gegensatz zu solchen Abstraktionen ist das Beschreiben aber empirisch unmittelbar zugänglich, das heisst, man kann es unmittelbar wahrnehmen. Dass Ingenieure denken, wenn sie beschreiben, kann man – wie berechtigt auch immer – lediglich unterstellen; das Denken selbst – abgesehen davon, dass niemand recht sagen kann, was Denken ist – kann man sinnlich nicht wahrnehmen.

Wenn man sagt, dass Ingenieure Beschreibungen herstellen, abstrahiert man nicht nur, dass sie anweisend beschreiben, man abstrahiert auch, was sie beschreiben. Konventionelle Ingenieure geben ihre Anweisungen in Form von Zeichnungen, also in Form von Konstruktions- oder Bauplänen. Damit beschreiben sie offensichtlich – herzustellende – Produkte. Natürlich impliziert eine sehr detaillierte Konstruktionszeichnung immer auch den Produktionsprozess. Den Schmidts, die nach Konstruktionszeichnungen arbeiten, ist weitgehend vorgegeben, was sie wann tun. Gleichwohl haben konventionelle Ingenieure in ihren Anweisungen das Produkt, nicht dessen Herstellung, im Auge. Sie werden deshalb auch in produktbezogene Unterkategorien, wie Maschinen-, Elektro- und Bauingenieure eingeteilt.

Taylors Geschichte zeigt nicht vor allem, was und wie Schmidt arbeitet, F.Taylor spricht hauptsächlich über seine eigene Arbeit als Ingenieur, über die Arbeit der technischen Intelligenz. Als Ingenieur gibt er detaillierte Anweisungen. Taylors Anweisungen zeigen exemplarisch, dass sie auf einer bestimmten Abstraktion davon, was sie beschreiben, beruhen. Mit seinem Schmidt-Gorilla-Vergleich zeigt F.Taylor unmissverständlich, dass er einen sehr abstrakten Schmidt vor Augen hat, auch wenn von seinen Rationalisierungsvorschlägen sehr konkrete Schmidts betroffen waren. Was F.Taylor nämlich mit Schmidt tut, wäre ohne weiteres als sinnvoll nachvollziehbar, wenn Schmidt kein Mensch, sondern ein Automat mit bestimmter Kompetenz wäre. Die Kompetenzen, die F.Taylor mit seinen Anweisungen unterstellt, verlangen zwar einen ziemlich aussergewöhnlichen Automaten, aber wer würde andrerseits – und das ist die Frage, die Taylors Gegner, nicht alle ohne Grund, nie gestellt haben – mit Taylors Worten über wirkliche Menschen sprechen? Hat man aber einen Automaten vor den Augen, machen Taylors Anliegen durchaus Sinn. Dann nämlich wird man F.Taylor zustimmen, wo er argumentiert, dass auch in der “rohesten und einfachsten Form von Arbeit”, also beispielsweise im Hämmern oder im “richtigen Aufheben und Wegtragen von Roheisen eine solche Summe von weiser Gesetzmässigkeit (liegt), eine derartige Wissenschaft, dass es auch für den fähigsten ,Arbeiter‘ unmöglich ist, ohne die Hilfe eines Gebildeteren die Grundbegriffe dieser Wissenschaft zu verstehen (…)” (Taylor,1977, 43) und wirklich effizient zu arbeiten. Nicht ganz ohne Zufall stellen Handlangertätigkeiten äusserst hohe Ansprüche an Automatisierer. W.Volpert entdeckte, wenn auch nicht bewusst, dass in Taylors Vorschlägen ein Arbeitsprogramm für Automatisierer steckt: “Taylor versucht (…), das ,Faustregel‘-Können der Arbeiter zu eliminieren, und es durch eine ,Wissenschaft‘ zu ersetzen, die sich den Arbeitern als ihnen fremde Macht” – als nicht ihnen gehörende Automaten – “entgegenstellt. Es kommt nur noch darauf an, dass der Arbeiter bereit und imstande ist, die Befehle dieser ,Wissenschaft‘ zu realisieren. Dies erfordert zwar eine durchaus langfristige Zurichtung des Arbeiters zu freiwilligem Dienen, nicht jedoch längere tätigkeitsbezogene Qualifikationsprozesse”. R.Vahrenkamp wirft F.Taylor sogar vor, einen zwanghaften Charakter zu besitzen, weil dieser, was jedem automatenbeschreibenden Ingenieur das Selbstverständlichste ist, “nach der besten Organisation, auch jeder Kleinigkeit, und deren formalen Beschreibung” drängte. Schliesslich wird F.Taylor von populär-marxistischer Seite, die auch durch W.Volpert vertreten wird, vorgeworfen, er reduziere den Menschen auf blosse, abstrakte Arbeitskraft. Wenn F.Taylor aber als Ingenieur weitsichtig – und deshalb etwas unklar – Automaten antizipierte, erhalten seine Anweisungen auch in dieser Hinsicht einen anderen Sinn. Automaten sind Werkzeuge, sie arbeiten nicht, sondern werden zum Arbeiten verwendet. Sie verrichten keine Tätigkeiten und besitzen – auch abstrakt – keine Arbeitskraft.

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