Taylor als ,prä‘-Informatiker

Informatik-Ingenieure verstehen sich selbst nicht als Nachfolger von Taylor, sie reklamieren für sich eine andere geschichtliche Herkunft. Wie kann ich sie als Taylors sehen? Dazu schaue ich nochmals, was F. Taylorjenseits seines Selbstverständnis tut.

Die Redeweise “Taylor befiehlt, Schmidt arbeitet” drückt viel weniger eine Arbeitsteilung zwischen Taylor und Schmidt aus, als dass der eine eigentlich arbeitet, während der andere die Arbeit nur beschreibt. Die Arbeit und deren Beschreibung erscheinen in dieser Redeweise als verschiedene Dinge. Im Kontext von Taylor und dem konventionellen Ingenieur kann das Abbilden vom Machen auch wirklich unterschieden werden. Die “Anweisungen”, die der eine mündlich und der andere in Form von Planzeichnungen gibt, werden von Facharbeitern oder Handlangern wirklich ausgeführt. Wo der konventionelle Ingenieur eine Werkzeugmaschine konstruiert, finden sich Mechaniker, die diese Maschine wirklich bauen. Wie aber ist das bei den Informatikern? Wer macht wirklich, was sie beschreiben?

Informatiker beschreiben (E)DV-Lösungen. In ihrer Anwendung unterstützen EDV-Lösungen einen ihnen übergeordneten Zweck, wie das alle Werkzeuge tun. Diesen jeweiligen Zweck erfüllen EDV-Lösungen weder als Hardware allein, noch allein als sogenannte Software. Die Hardware wird industriell meistens als Endprodukt, das seinerseits auf Halbfabrikaten beruht, produziert. Funktionell ist aber auch die vollständige Hardware, selbst wenn sie unter einem Betriebssystem steht, nur ein Halbfabrikat, das, wie beispielsweise ein Rundprofil auf einer Drehbank, auf eine weitere Bearbeitung wartet. Wie aber wird aus Hardware ein Werkzeug?

Da ist zunächst wieder der anweisende Ingenieur, der jetzt Informatiker heisst und seine Anweisungen in Form eines Programmes gibt. Wie man weiss, haben auch die Informatiker, wie zuvor die konventionellen Ingenieure, die hand-werklichen Aspekte ihrer Arbeit in Hilfsberufe, in sogenannte Programmcodierer, ausgelagert. Hier interessiert aber vor allem, wer die Anweisungen entgegennimmt und ausführt. Wer legt, nach den Programmierern, Hand an, um aus Hardware ein Werkzeug zu machen?

Niemand. Wenn der Programmierer mit seiner Beschreibung des schliesslichen Werkzeuges fertig ist, ist dieses Werkzeug auch fertig produziert. Wer die Anweisungen des Programmierers liest, weiss, was der Computer wie macht. Damit ist das Beschreiben des Computers mit einem Programm auch gleichzeitig das Herstellen eines Werkzeuges aus einem Halbfabrikat. Damit werden viele althergebrachte Formulierungen wie “Ingenieure bauen oder konstruieren Maschinen” in einem neuen Sinn adäquat. Die letzte Teil-Arbeit am entwickeltsten Werkzeug erscheint als Beschreibung, wobei auch der Ausdruck “Beschreibung” einen neuen Sinn erhält. Der ausgedruckte “Anweisungs-Plan” des Ingenieurs steht hier am Schluss der Produktion und erinnert an den Stadtplan, der auch nach der Stadt gezeichnet wird. Der Einwand, dass Programme normalerweise nicht in einer lauffähigen Version geschrieben werden, würde einen unwesentlich zufälligen Gesichtspunkt hervorheben, der Einwand aber, dass Programm-Anweisungen von einem Automaten “interpretiert” und “ausgeführt” werden müssen, beruht auf einer Vorstellung, die Automaten abstrakt mit befehlsausführenden Menschen gleichsetzt, also im verwerflichsten Sinne des Wortes tayloristisch ist.

Die Sprache, mit welcher die Informatiker über ihre Produkte sprechen, suggeriert die herkömmlichen Vorstellungen über das Verhältnis des Ingenieurs zu seiner Sache, die auch in den naiven Geschichten der Informatik zum Ausdruck kommen. Herkömmlich ist, dass der Ingenieur Anweisungen erteilt, und dass diese von Arbeitern, beispielsweise von Mechanikern ausgeführt werden. Der Ingenieur spricht – über Medien wie Konstruktionspläne – mit den Arbeitern, welche seine Anweisungen befolgen und das von ihm beschriebene Produkt herstellen. Für Menschen, die an dieser Vorstellung über den Ingenieur festhalten, muss im Falle des Informatikers der Computer – oder bildlicher, der Roboter – die Rolle des Arbeiters übernehmen. Also spricht der Informatiker mit der Maschine (Programm-Sprache), er gibt ihr Anweisungen (in eben dieser Sprache). Er unterstellt dabei, dass die Maschine im Prinzip sprachfähig ist, und begründet das Gespräch in Vereinbarungen mit der Maschine darüber, was was bedeuten soll.

I.Asimov, durch dessen Science-fiction-Erzählungen der Roboter in den 40-er Jahren zur Welt kam, begründete die Gestalt, die er seinen ersten Robotern gegeben hatte, wie folgt: ”Wenn eine Maschine alles machen soll, was der Mensch tun kann, hat sie am besten auch die Gestalt eines Menschen”. Den Aus-druck ”Roboter” hatte der tschechische Schriftsteller K.Capek, der Satiren über den technischen Fortschritt schrieb, bereits 1920 in Rossum’s Universal Robots geprägt.

F.Taylor zeigt auch in diesbezüglichen Bemerkungen, dass er bei seinen Ausführungen Maschinen, nicht Menschen vor Augen hat. Nachdem er feststellte, dass es ”einen Arbeiter ungefähr gleich viel (ermüdet), ob er mit einem Roheisenbarren von 40 kg in den Händen geht oder ruhig steht”, sagt er, dass der Arbeiter in einem Falle arbeite, im anderen aber nicht: ”Doch ein Mann, der mit seiner Last still dasteht, leistet keine Meterkilogramme. Denn ,Arbeit ist‘ nach der Definition der Mechanik ,gleich Kraft‘ in Kilogramm, in diesem Falle das jeweilige Gewicht der Barren, ,multipliziert mit dem Weg‘ in Metern, auf dem sich die Kraft bewegt, also hier die Entfernung vom Stapel bis auf den Wagen (…). Diese Arbeitsdefinition macht ausschliesslich für Maschinen Sinn, denn wie schwer müssten sonst die Worte von F.Taylor wiegen, damit seine Tätigkeit unter dieser Definition ”Arbeit” wäre.

Schmidt interpretiert die Anweisungen, die er erhält als Befehle. Für ihn ist gleichgültig, dass Taylor ihn mit einem Automaten verwechselt, auch wenn er sich das bei einem so gebildeten Herrn sicher kaum vorstellen kann. Automaten können sich gar nicht vorstellen, von Ingenieuren mit Menschen verwechselt zu werden. Es ist ihnen aber völlig gleichgültig, wenn man mit ihnen spricht, als ob sie Menschen wären. Eliza, einer “Automatin”, die einen Psychoanalytiker imitiert, ist es so gleichgültig als Mensch behandelt zu werden, dass der Informatiker J.Weizenbaum, der “sie” produziert hatte, sie sogar gefährlich findet. Aber auch J.Weizenbaum beklagt nicht die unentwickelte (primitive) Vorstellung, wonach Menschen mit Maschinen sprechen können, er beklagt nur, dass die meisten Menschen, “die mit ihr (mit Eliza) ein Gespräch führten (!), die höchst bemerkenswerte Illusion hatten, es (das Programm) sei mit Verständnis begabt”.

Seit die technische Intelligenz den Unterschied zwischen Abbilden und Herstellen im Prinzip aufgehoben hat, verfügen wir über jene begrifflich entwickelte Kategorien, die F.Taylor in seiner Darstellung der technischen Intelligenz nur geahnt hat. Die mangelnde begriffliche Adäquatheit von Taylors scharfsinniger Analyse, die in seiner Gleichsetzung von Menschen und Automaten zum Ausdruck kommt, begegnet uns umgekehrt in den herkömmlichen Vorstellungen über Computer, die ihren Niederschlag in der technischen Umgangssprache gefunden haben, unter welcher Maschinen sprechen und interpretieren können, (fast) als ob sie Menschen wären.

Mit seinen Anweisungen an Schmidt hat F.Taylor, alltagssprachlich und unstrukturiert, die modernsten Vertreter der technischen Intelligenz, die Informatiker, vorweggenommen. Hätte F.Taylor Automaten gekannt, hätte er in seinen “Programmen” nicht Schmidts Tätigkeiten als einen Quasi-Automaten beschrieben. Die entwikeltsten Ingenieure beschreiben Werkzeuge, die F.Taylor einfach noch nicht zur Verfügung standen. Während F.Taylor Schmidt als Automaten behandelte, weil es noch keine Automaten gab, provozieren heute Metaphern der technischen Umgangssprache Vorstellungen über die Automaten, die weit über deren materiellen Grundlagen hinausgehen. Es handelt sich bei diesen Metaphern um Beschreibungen von Automaten, die noch adäquat waren, solange die Automaten Schmidts waren. Es ist üblich geworden, das Hirn eines Menschen mit einem “Elektronengehirn” und den Menschen überhaupt mit Robotern zu vergleichen, nachdem Automaten Teile der handwerklichen und administrativen Arbeit, die von Schmidts erledigt wurden, überflüssig machten.

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Trackbacks

  • By Die Arbeit der Informatiker « kybernetics on May 15, 2012 at 12:12 PM

    […] Unterscheidung macht keinen Sinn, wenn man wie F. Taylor explizit Maschinen und Menschen als Zahnräder einer Organisation auffasst. Dann denkt man in einem […]

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