Die SAPisierung als Taylorismus

Taylorismus wird gemeinhin als Schimpfwort verwendet oder als primitver ausbeuterischer Versuch einer Arbeitsoptimierung interpretiert. Aber jenseits von solch emotionalisierenden Unbedarftheiten bestünde natürlich auch die Möglichkeit, Texte von F. Taylor zu lesen, zumal sie auch deutsch und arbeitswissenschaftlich kommentiert vorliegen. Vahrenkamp, R./Volpert, W.: Von der Aktualität des Taylorismus (1977).

Ich lese, dass es F. Taylor darum ging, die Arbeit systematisch zu erfassen. Er hat dazu Handwerker aber auch Maschinen sehr genau beobachtet und deren Prozesse als detailierte Operationen dokumentiert.

Sinn hinter dieser Analyse ist das explizite Verstehen oder Wissen, das sich als Beschreiben können zeigt, darüber, was tat-sächlich ge-tan wird, vor dem Hintergrund, dass viel implizites Wissen im Spiel ist, was als tacit, also als nicht ausgesprochen oder nicht ausprech- und mithin beschreibbar geltend gemacht werden kann.

Inwiefern das bessere Verstehen dann wofür und für wen (zu wessen Gunsten) eingesetzt wird, kann als eigene Problemstellung gesehen werden. Bei F. Taylor kann ich halb glaubhaft lesen, dass seine Resultate den Arbeitenden zugut kommen soll, obwohl er im Auftrag von von ihm überredeten Industrieller gearbeitet hat. Vermutlich hatte F. Taylor win-win-Situationen vor seinen diesbezüglich halbgeschlossenen Augen. SAP sehe ich wie Taylor im Kontext des “Scientific Management”, wobei SAP aber ziemlich klar deklariert, wer Nutznieser sein soll: das Kapital (zuerst das eigene).

Sowohl Taylor wie auch die ihm folgenden SAPissierungen nehmen keinerlei – oder allenfalls ideologischen – Bezug auf tacit knowledge. Es geht ausschliesslich um empirisch erfassbare Operationen, die mechanisierbar sind. Inwiefern damit Standards gesetzt werden und inwiefern sapisierte Unternehmen besser fussionieren können, ist selbst eine empirische Frage, aber mir scheint, dass sie sich nicht alzu sehr aufdrängt. Die SAPisierung gehört zu einer Entwicklungslogik der kapitalistischen Produktivkraft, die Standards in Kauf nimmt und Kapitalkonzentrationen (Firmenübernahmen) ohnehin nicht ausweichen kann.

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Trackbacks

  • […] eine ist SAPisierung und das andere ist […]

  • By Die Arbeit der Informatiker « kybernetics on May 15, 2012 at 12:12 PM

    […] kapitalistisch gedachte Business repräsentiert die Ideologie, die ich hier als SAPisierung bezeichne, wonach das BusinessProcessing Software und Betriebsstruktur auf einander abstimmen […]

  • By Blog – Postwachstum on April 28, 2013 at 1:59 PM

    […] gegenüber den ProduzentInnen und inzwischen auch KonsumentInnen durchgesetzt wurde – durch tayloristische Organisation der Fabriken, die ständige Schaffung (und Befriedigung) neuer Bedürfnisse durch neue Produkte, […]

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