Einige Überlegungen zu essentialistischen Strategien

Im Artikel “Zur Problematik des ‘Possibilismus’. Der mögliche Rückfall der Systemtheorie in den Essentialismus” [siehe http://www.fen.ch/texte/gast_bormann_possibilismus.pdf] habe ich vor ca. zehn Jahren das ontologisch-essentialistische Beobachten als “einen” Abstraktionsmodus [besser: eine offene Vielzahl  essentialistischer Strategien] charakterisiert, bei dem nicht-geschlossene (nicht-)sprachliche Unterscheidungsnetzwerke auf eine abstrakte Gemeinsamkeit zurückgeführt werden. Das kann bedeuten, daß
* nach dem “Wesen” (“der” Bedeutung, “der” Definition, etc.) von etwas gefragt wird
* oder ein Begründendes (eine transzendentale Möglichkeitsbedingung, ein Zentrum, ein Ursprung, etc.) unterstellt wird, das als variierende Erzeugungsmatrix für Operationsprodukte / Ereignisse fungieren kann.
Derrida hat ausgearbeitet, daß diesem Begründenden ein paradoxer Status zukommt: Einerseits muß es als Konstitutionsbedingung “außerhalb” des von ihm begründeten Unterscheidungsnetzwerks liegen, andererseits muß  es “innerhalb” dieses Netzwerks Wirkungen zeitigen. Klassische Beispiele sind:
* die Unterscheidung “Gott / Welt”, bei der Gott die Welt erzeugt haben soll, aber zugleich in der Welt “wirken” muß [zumal die Unterscheidung in der Welt getroffen werden muß – wo sonst?]. Daher kommt dann der interessante human-divine Doppelstatus bspw. von Jesus Christus in der christlichen Religion.
* Immanuel Kants transzendentale Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis [siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Transzendentalphilosophie].
Essentialistische Beobachtungsweisen sind freilich nicht auf Religion oder Philosophie beschränkt, sondern man findet sie in allen möglichen Bereichen:
* Wenn es um die Erkennung von Mustern sowie die Bildung von Kategorien und Prototypen gehen soll  [siehe https://kybernetiks.wordpress.com/2012/03/18/borgen-pattern-recognition-zeichen-medien-welt-dualismus/].
* Wenn traditionell von einer “Natur des Menschen” ausgegangen wurde.
* Wenn in der Geschichte “der” Wahnsinn, “die” Medizin, “die” Wissenschaft, etc. unterstellt wurden, so daß (illusorische) Kontinuitäten und Homogenitäten anfielen  [siehe Paul Veyne, “Foucault: Die Revolutionierung der Geschichte”, Frankfurt / M.: Suhrkamp, 1992, S. 55].
* Wenn im programmiersprachlichen “Paradigma der Objektorientierung” (kurz: OOP)  in der Informatik Klassen als abstrakte Erzeugungsmatrix fungieren, aus denen konkrete Objektexemplare erzeugt werden.

Kurzum, essentialistische Beobachtungsweisen bedienen Funktionen wie das Management von Kontingenz und Komplexität, indem “Informationsraffungen / -verdichtungen” erfolgen. Die Mathematik kann das schön verdeutlichen: statt daß man sich eine  Zahlenreihe wie 1, 4, 9, 16, 25, etc. merken muß, reicht der kompakte Ausdruck y = x hoch 2 mit x als Element der natürlichen Zahlen.
In der Konzept- und Theoriearbeit, bei historischen Analysen, usf. werden hierbei aber Kontinuitäten, Totalitäten und Homogenitäten suggeriert, die sich nicht unbedingt aus dem jeweiligen Analysegegenstand / -material ergeben, sondern von essentialistischen Beobachtern erzeugt werden, um effizienter Informationen prozessieren zu können. Die Folgen solcher Effizienz: Brüche, Spontanes, Zufälliges, etc. werden (systematisch) ausgeblendet.
Warum schreibe ich das? Viele, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts akademisch sozialisiert wurden, kennen die verschiedenen Kritiken an essentialistischen Strategien (Stichworte: Wittgenstein II, Derrida, Foucault, Deleuze bzw. Deleuze / Guattari, etc.). Aber es lohnt sich, in der aktuellen (auch eigenen) Analyse-, Begriffs- und Theoriearbeit nach solchen essentialistischen Strategien (in einem nicht-essentialistischen Sinne, also nicht “dem” Essentialismus) Ausschau zu halten, um lineare, dialektische, etc. Kontinuitäts-, Totalitäts-, Homogenitäts-, etc. -Annahmen in Frage stellen zu können. Denn Letztere führen zu Simplifikationen, die sich weniger dem Untersuchungsmaterial als vielmehr den gewählten Weisen der Abstraktion und Informationsraffung verdanken. Man könnte auch sagen: Dem jeweiligen Untersuchungsmaterial werden entsprechende “essentialistische Projektionen” untergeschoben.
Was heißt das nun für unser Technik-Blog? Wie Hans-Dieter Bahr [(1983), “Über den Umgang mit Maschinen”, Tübingen: Konkursbuchverlag] dargelegt hat, kann es bspw. auch bei Maschinen nicht einfach mehr um eine homogenisierende Darstellung gehen à la die “Entwicklung der Maschinen in der Geschichte”, die wiederum auf eine begründende Einheit / Allgemeinheit (im Sinne von transzendentaler Möglichkeitsbedingung) – trotz aller möglichen Aspekt- und Perspektivewechseln –  verweist.  Bahrs Text ist daher immer noch sehr aktuell, weil hier zutiefst heterogene Umgangsstile mit Maschinen thematisiert werden, die sich keiner essentialistisch angehauchten Möglichkeitsbedingung mehr fügen. Folge: Der resultierende Text ist komplex und sperrig, also: keine einfache Lektüre.
Es ist nun die Frage, ob im Laufe unserer bisherigen Technik-Diskussionen essentialistische Strategien zum Zuge kamen. Ich meine: ja.
Zum einen, wenn der (systematische) Tool-Gebrauch als “anthropologische Konstante” dargestellt wird, die  als das Schema “einfache Werkzeuge – Maschinen – Automaten mit Werkzeugen als Meta-Kategorie” variiert wird.
Zum anderen in der Unterstellung, daß Werkzeugen, Maschinen und Automaten ein Gebrauchszweck immanent eingeschrieben sei. Das heißt, ein technisches Artefakt könne nur entsprechend des ihm jeweils eingeschriebenen Zwecks gebraucht werden. Alles andere wären Formen des “Mißbrauchs”.
Bei einfachen Werkzeugen leuchtet diese These jedoch gar nicht ein. So kann bspw. ein und dasselbe Messer zum Schneiden, Bohren, Kratzen, Sägen, etc. eingesetzt werden. Löffel können verwandt werden, um Flüssigkeiten zu schöpfen, im Boden zu graben, etwas zu schleudern, usf. Zumal viele einfache Werkzeuge mitunter leicht als (Hieb-, Stich-, Schleuder-, etc.) Waffen einsetzbar sind.
Obige These leuchtet auch bei Computern als den programmierbaren Universalmaschinen nicht ein, weil diese auf gar keinen letzten Zweck ausgerichtet sind: sie sind einsetzbar als “Rechen”maschine, als Multimedia-Einheit (Text, Ton, Bild, etc.), als Steuerungseinheit für andere Maschinen, usf.
Und selbst Maschinen wie Autos müssen nicht einfach nur zum Transport von Personen oder Gegenständen verwendet werden. Sie können auch für Autorennen benutzt werden, als Rückzugsgebiet (für Sex, zum Schlafen, zum Musik hören, zum Rauchen, etc.), als Ausstellungsstücke, die gar nicht oder kaum gefahren werden (-> Oldtimer).
Das heißt nicht, daß bei Maschinen / Automaten nicht versucht wird, bestimmte Gebrauchsweisen vorzugeben. Aber der Grund für diese Vorgabe sind primär  juristische, versicherungs- und sicherheitstechnische Gründe. Wer seinen Hamster in die Mikrowelle zum Trocknen steckt, muß  also damit rechnen, daß der Hamster das im worst case nicht überlebt.
Das bedeutet freilich nicht, daß solche Maschinen / Automaten nicht gehackt und neuen Gebrauchsweisen zugeführt werden können [Was mich zur These (im Anschluß an Kittler) veranlaßt hat, daß Hacker und Hacksen die Ideologie- und Latenzkritiker(innen) der technischen Moderne sind]. Erinnert sei zudem nochmals an das vor einiger Zeit angeführte Beispiel mit den Spülungen in Süditalien nach dem 2. WK. Diese Spülungen wurde von den Bauern als Olivenwaschanlagen und nicht als Toilettenvorrichtungen eingesetzt, was im damaligen Kontext anscheinend vollkommen Sinn gemacht hat.
Meine Thesen lauten also:

  1. These 1: Ähnlich wie Zeichenmarken (Medienformen) keine immanent-essentialistische Bedeutung zukommen kann, weil sie in immer neuen nicht-saturierten Kontexten wiederverwendbar sein müssen, ist auch technischen Artefakten (als: Tools, Maschinen und Automaten)  kein Gebrauchszweck als gegenständliche Bedeutung ein für allemal und kontextunabhängig, d.h. durch “alle” möglichen Kontexte hindurch bzw. völlig a-kontextuell, eingeschrieben. Diese Gebrauchszwecke hängen vielmehr  von den jeweiligen Umgangsformen / -stilen in offenen / nicht-saturierbaren Kontexten ab. Und sie können dementsprechend auch variieren, ohne daß eine begründende Einheit (im Sinne einer Funktion als transzendentaler Bedingung der Möglichkeit) plausibel unterstellt werden kann.
  2. Auf Unterscheidungen wie “eigentlicher – uneigentlicher (parasitärer) Gebrauch”, “Gebrauch / Mißbrauch”, u.ä. mit Blick auf technische Artefakte kann die Kritik Derridas an Austins “Sprechakten” angewandt werden.  Ich zitiere aus einem online-Kommentar von Gerald Posselt vom 6. Oktober 2003 [siehe http://differenzen.univie.ac.at/bibliografie_literatursuche.php?sp=11]:
    “Auch wenn Austin Kommunikation nicht mehr als die Übertragung oder den Transport von Bedeutungsinhalten versteht, sondern vielmehr als ein Tun, das nicht etwas beschreibt, was außerhalb der Sprache existiert, sondern das seinen ‘Referenten’ selbst hervorbringt und eine Situation transformiert, so geht er dennoch davon aus, dass jeder Sprechakt durch seinen Kontext und die Intention des sprechenden Subjekts in der Totalität der Kommunikationssituation bestimmt werden kann. Dies wird besonders deutlich in Austins Theorie der Fehlschläge oder Unglücksfälle. Obgleich Austin einräumt, dass das Misslingen einer performativen Äußerung immer möglich ist, so erkennt er doch nicht, dass es sich hierbei um eine “notwendige Möglichkeit” des Misslingens handelt, die nicht als ein äußerliches, zufälliges Risiko ausgeschlossen werden kann (306f.). Explizit wird dieser Ausschluss im Falle zitathafter Äußerungen, die Austin als unernsten, parasitären und abweichenden Gebrauch abqualifiziert.”
    These 2: Ähnlich wie bei performativen Sprechakten ist die Möglichkeit des “Miß-Ge-brauchens” entscheidend. Mißbrauch ist somit  kein externes Ereignis, das die eigentliche (wesentliche = essentialistische) Gebrauchsweise als “uneigentliches” deformiert bzw. als “parasitäres” infiziert.
    Mißbrauchsweisen (im Sinne anderer Gebrauchsweisen, die positiv oder negativ bewertet werden können) resultieren aus dem iterablen Gebrauch technischer Artefakte . Das heißt zugleich: Itérabilité (sensu: die Verschränkung von Identisch-Bleiben und Anderswerden in kontextrelativen Wieder-Holungen) ist  immer schon in jedem Artefakt-Gebrauch wirkend, so daß selbst ein sog. “eigentlicher” (korrekter, richtiger) Artefakt-Gebrauch bereits eine Vielzahl von mehr oder minder minimalen Variationen beinhaltet. Beispiele: Das Lenk- oder Steuerrad wird nicht auf  die stets absolut identische Weise benutzt, Minimalvariationen treten beim Drücken von Knöpfen,  Schaltern und Hebeln, usf. auf.
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Comments

  • kybernetiks  On June 9, 2012 at 10:13 PM

    Ich verstehe nicht, wogegen sich das richtet. Da aber die Werkzeugentlicklung (Maschine, Automat) genannt wird, muss auf irgendeine Art ich gemeint sein. Ich denke, wir werden das später nochmals lesen und zuordnen, später = wenn wir ein bisschen was von Technik schon haben und nicht nur von essentialistischen Theorien sprechen, weil sich die Technik noch versteckt.

    Und dann nochmals das: Ich spreche NICHT von Missbrauch. Ich spreche davon, dass ein bestimmter Gebrauch ein Artefakt zu einem bestimmten Werkzeug macht. Das Wort Artefakt sagt ja gerade, dass von der Bedeutung abgesehen wird. Wenn Beispielsweise jemand ein Metallfass herstellt um Oel zu speichern, dann ist das ein Oelfass, WEIL es so gebraucht wird. Wenn dann jemand ein Musikinstrument erfindet, das gleich aussieht wie ein Oelfass, kann man sage, er habe ein Oelfass missbraucht ABER ich spreche davon, dass er ein Musikinstrument konstruiert hat, also NICHT von Missbrauch.
    Das etwa auch, wenn jemand eine elektrische Bohrmaschine als Briefbeschwerer verwendet. Ich spreche nicht von falschem Gebrauch, sondern davon, dass man eine Bohrmaschine eigentlich zum Bohren vrwendet. Jetzt pass aber auf: EIGENTLICH heisst hier genau und nichts anderes als: Zum Bohren gibt es nichts besseres als eine Bohrmaschine, zum Briefbeschweren gibt es tausend sinnvollere Gegenstände.
    Von essentialistisch kann ich da nichts erkennen – aber wenn man das Wort eigentlich ganz anders deutet – also in seiner eigenen Privatsprache, anstatt wie es im Text verwendet wird, dann kanns natürlich essentialistisch gelesen werden.

    • Peter Bormann  On June 10, 2012 at 11:24 AM

      > Ich spreche davon, dass ein bestimmter Gebrauch ein Artefakt zu einem bestimmten Werkzeug macht.
      Ja, ich meine auch, daß die Gebrauchsweisen zentral sind, aber diese sind stets auf bestimmte
      nicht-saturierbare “soziale Kontexte” zu beziehen. Die Gebrauchsweisen ergeben sich also auch nicht
      irgendwie direkt aus einem Artefakt – unabhängig von sozialen Kontexten, Erfahrungen, von Wissens-
      und Semioseprozessen, etc.

      > Das Wort Artefakt sagt ja gerade, dass von der Bedeutung abgesehen wird.
      Das erschließt sich mir nicht. Wenn immer schon in sprachlichen / nicht-sprachlichen Unterscheidungs-
      netzwerken operiert wird, dann können auch Artefakte nichts Präsignifikatives darstellen. Die
      Vorstellung, es gäbe ein “bedeutungsloses Artefakt”, das erst im Gebrauch Bedeutung gewinnt (zumindest
      wenn das gemeint soll), kann ich nicht nachvollziehen. Schon wenn man einfach nur von einem Artefakt
      xy als dem “Dings da” sprechen / texten würde, findet das nur im Rahmen von Semioseprozessen statt
      – unabhängig davon, ob ein Artefakt nun gebraucht wird oder nicht.
      Das heißt bspw. auch: ein technisches Artefakt, das als Ausstellungsstück in einem Museum steht,
      ist “nicht bedeutungslos”, obwohl es faktisch nicht (mehr) gebraucht werden mag.

      > Zum Bohren gibt es nichts besseres als eine Bohrmaschine,
      Das ist eine völlig “traditionelle” Zweck-Mittel-Logik: Bohren = Zweck, Mittel = Bohrmaschine.
      Eine essentialistische Strategie könnte hier trotzdem zum Tragen kommen, wenn von der Homogenität
      des Zwecks und des Mittels ausgegangen würde:
      * Bohren ist m.E. selbst “kein homogener Zweck”, sondern verweist auf eine offene und heterogene
      Vielzahl von Bohrweisen. Schon im entspr. Wikipedia-Artikel [http://de.wikipedia.org/wiki/Bohren] wird bei jungsteinzeitlichen Gesteinsbohrungen
      differenziert zwischen:
      – unechter Bohrung: “durch beidseitiges Picken werden sanduhrförmige Vertiefungen erzeugt, die ein
      doppelkonisches Bohrloch hinterlassen.”
      – echter Bohrung mit der Differenzierung von Voll- und Hohlbohrung.
      Hinzukommen bei faktischen Bohren immer Minimalvariationen [verschiedene Materialien, verschiedene
      Bohrlöcher, Bohrtiefen, Bohrpositionen, usf.]. So wie bei Mustern, z.B. Buchstaben wie “A”, keine
      homogene Kategorie vorliegt, die in der Folge nur vielfach variiert würde, sondern eine begrenzte
      Zahl empirisch vorkommender Variationen verglichen und dann als “A” hochgerechnet werden, würde
      ich das auch bei den Bohrweisen sehen.

      * Dito für die Tools und elektrischen / nicht-elektrischen Maschinen, die für die jeweiligen
      Bohrweisen herangezogen werden. Es hängt dann auch vom sozialen Kontext ab, welche Tools /
      Maschinen als “die Besten” zum Einsatz.
      Einfaches Beispiel: Habe ich im Dschungel keinerlei Strom, dann nützt mir auch die “beste”
      elektrisch betriebene Black & Decker-Bohrmaschine nichts. U.U. muß dann einfach ein simpler
      Handbohrer [http://www2.westfalia.de/shops/werkzeug/handwerkzeuge/bohren_/handbohrer/index.htm]
      reichen.

      * Abgesehen davon kann “generell” der Zusammenhang zwischen “Zweck und Mittel” aufgebrochen
      werden:
      * Pluralisierung der Zwecke (Funktionen)
      * Pluralisierung der Mittel (s.o. eine offene Vielzahl von Tools und Maschinen für
      entspr. Bohrweisen)
      * Zwecke ohne Mittel. Das heißt, man gibt einen Zweck vor, weiß aber noch nicht, welche Mittel
      dazu passen können
      * Mittel ohne Zwecke. Das heißt, es wird ein Gerät erfunden, bei dem gar nicht klar ist, zu
      welchen Zwecken es eingesetzt werden kann. Die Geschichte der Computer geht m.E. in diese Richtung.
      Motto: Maschinen “suchen” sich noch ihre Gebrauchsweisen und Funktionen.

      > Von essentialistisch kann ich da nichts erkennen – aber wenn man das Wort eigentlich ganz
      anders deutet – also in seiner eigenen
      > Privatsprache, anstatt wie es im Text verwendet wird, dann kanns natürlich essentialistisch
      gelesen werden.
      Wie schon einmal erwähnt: Deine “Privatsprachenthese” ist mir schleierhaft, weil schon Dein ganzer
      Satzbau (also: wie konstruierst Du Deine Sätze?) letztlich von öffentlich-sozial zirkulierenden
      impliziten / expliziten “Regeln” dominiert wird (idiosynkratische Eigenvariationen werden im
      Sprachgebrauch nur minimal toleriert – und die meisten Sprach-Mutationen verschwinden wohl
      schnurstracks in der medienevolutionären Tonne).
      Du könntest auch schon von Deinem Gebrauch des Ideologiebegriffs “wissen”, daß es durch und
      durch “traditionell” ist, was Du schreibst: Erkennen-Verkennen von der Aufklärungstradition
      über Napoleons öffentliche Diskreditierung der sensualistischen “idéologues” um Destutt de
      Tracy, die diversen Bedeutungen bei Marx / Engels bis hin zu den divergenten Gebrauchsweisen
      des Ideologiebegriffs im 20. Jahrhundert.
      Schon mit Blick auf die diskreditierenden, verkennensorientierten “Gebrauchsweisen von
      Ideologie” ist also bei Dir rein “gar nichts” privatsprachlich.
      Das Gleiche gilt dann auch für meinen Gebrauch der “Essentialismus”-Varianten: das ist
      0815-Poststrukturalismus-Kram “ohne jede” Originalität meinerseits. Ich wiederhole und
      schreibe fort: Alt-Bekanntes.

      > aber wenn man das Wort eigentlich ganz anders deutet – also in seiner eigenen Privatsprache,
      anstatt wie es im Text verwendet wird
      Es ist die Frage, welche Interpretationen “plausibel” gemacht werden können: Texte können also
      in verschiedener Hinsicht interpretiert wird. Und für die Frage, ob in Deinen Texten “essentia-
      listische Strategien” zum Zuge kommen, ist auch nicht einfach der Gebrauch des Worts “eigentlich”
      ausschlaggebend (siehe bspw. obige Überlegungen zur Zweck-Mittel-Logik).

      Essentialistische Strategien sind dabei auch “nichts Böses”. In manchen Kontexten macht diese
      Informationsraffung absolut Sinn, z.B. wenn Zahlenreihen durch mathematische Funktionen beschrieben
      werden. In anderen Kontexten, z.B. wenn von kulturellen, sozialen, historischen, begrifflichen, etc.
      Totalitäten, Homogenitäten, u.ä., ausgegangen wird, machen sie weniger Sinn.
      Zumindest sollten die Informationsverluste klar sein, die durch diese Weisen der Informationsverdich-
      tung entstehen können. Kurzum: man sollte sich darüber im Klaren sein, daß hier verkürzende
      heuristische Schemata / Strategien greifen (aktuelles Beispiel aus der Bielefelder Systemtheorie:
      die Luhmann-Baecker-These der medieninduzierten Informationskatastrophe).

      • kybernetiks  On June 10, 2012 at 11:44 AM

        ok dann noch das: Du liest eine Zweck-Mittel-Auffassung in meinen Text hinein. Das kann man tun, man muss es aber nicht. Das ist DEINE Sichtweise und Du musst dazu meinen Text sogar umstellen: Du sagst zuerst Bohren als Zweck und dann Bohrmaschine als Mittel.
        Ich sage zuerst Bohrmaschine und folgere dann daraus, was ich mit der Maschine mach (Gebrauch !!!!) was ich als Bohren bezeichne.
        Aber natürlich kann man auch in der Wikipedia schauen, was bohren alles sein könnte – im commonsense

        • Peter Bormann  On June 10, 2012 at 12:25 PM

          > Ich sage zuerst Bohrmaschine und folgere dann daraus, was ich mit der Maschine mach (Gebrauch !!!!)
          > was ich als Bohren bezeichne.
          Hast Du nicht geschrieben, daß da zunächst ein präsignifikativer Artefakt sei, der im Gebrauch
          quasi als “Bohrmaschine”, “Oelfass”, whatever – emergiert? Du würdest demzufolge gerade “nicht
          zuerst” von der Bohrmaschine sprechen / texten …
          Zudem bleibt mir das zu “akontextuell” und “a-sozial”. Denn das Wissen um gewisse Gebrauchsweisen
          von xy zirkuliert sozial idR schon. Deswegen gibt`s ja Gebrauchsanweisungen für alle möglichen Tools
          und Maschinen, existieren Schulungskurse für Soft- und Hardware, etc. Meine These: Wer “Gebrauchs-
          weise” sagt, muß immer auch “Kontext” sagen. Es geht also: Um iterierende (im Sinne von itérabilité)
          Gebrauchsweisen-in-offenen, nicht saturierten Kontexten (inkl. der zugehörigen Erfahrungen,
          Wissensbestände, etc. – z.B. als know-how).

          > Aber natürlich kann man auch in der Wikipedia schauen, was bohren alles sein könnte – im commonsense
          Deine Abneigung von Wikipedia ist wohlbekannt. Ich finde die WP freilich immer noch ein bemerkens-
          wertes W20-Experiment, das extrem erfolgreich ist. Das heißt nicht, daß ich bei Sachen, in denen ich
          mich gut auskenne, nicht die Defizite in manchen Artikeln sehe. Aber zum ersten Einstieg sind viele
          Artikel sehr gut geeignet. Caveat: “zum ersten Einstieg” – und wenn das common sense ist, dann ist
          das ok. Immerhin ist es noch “sense” – und nicht einfach nur “common” :-)

          So, das wär`s für die nächsten Tage. Ich wünsche Dir noch einen angenehmen Sonntag in der Schweiz!
          ~Peter

          • kybernetiks  On June 10, 2012 at 12:48 PM

            Für Deinen nächsten besuch hier schreibe ich schon mal, wie ich das Wort Artefakt verwende – ich zitiere einen mir beliebigen Teil aus dem Wikipedia-Sense:

            “Artefakt , ein Gegenstand, der im Gegensatz zur Naturalie seine Form und Funktion durch menschliche Einwirkung und Interpretation erhielt.”

            Typische Situation: Der Archäologe findet ein Dings, von welcher er denkt, dass es für etwas bestimmtes hergestellt wurde. Er weiss weder wie noch wozu, aber dass.
            Er bezeichnet das Ding (so wie ich) als Artefakt und meint damit, dass er dessen Bedeutung klären will.
            Mir geht es bisweilen im Warenhaus so. Ich sehe ein Ding, und weiss nicht wozu es gut ist, aber dass..

            Natürlich lebt jeder Archäologe wie ich in einer Kultur und in einer Sprache. Sonst könnten wir das Wort “Artefakt” gar nicht so verwenden. Aber wir verwenden das Wort so.
            Und daraus leite ich meine generellere Verwendung des Wortes ab: Ein zweckgebunden hergestelltes Ding, dessen Zweck ich nicht berücksichtige, also abstrahiere.
            Ich kann die Bohrmaschine genau auf diese Weise als Artefakt beobachten.

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