Überlegungen zur Konzeptualisierung von Technik – Versuch 1

PB: Da mein Kommentar zu luestyx-Frage immer länger wurde, habe ich entschieden, daß ein Post vielleicht die bessere Idee ist – zumal dieser als Einleitung angesehen werden kann  zur anstehenden Diskussion von “Technik als Funktionssystem”.
luestyx sagte am Jun 8, 2012 um 16:27 [https://kybernetiks.wordpress.com/2012/03/22/das-digitale-in-der-technologie/comment-page-1/#comment-478]:
@rolf @peterb was haltet ihr von dieser aussage?
“Meine Überlegungen gehen dahin, den Technikgebrauch anders zu verstehen, nämlich nicht mehr hinsichtlich einer Prothesen-Metapher, Technik als Werkzeug, als zweckrationales Mittel oder – wie bei Luhmann – als Ersatz für fehlenden Konsens und dergleichen. Sondern Technik als Kommunikationsblockade zur Verkomplizierung des Lebens zu verstehen, durch welche die Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation weiter gesteigert wird, wobei durch diese Steigerung ständige Sublimationsprozesse erzwungen werden, die den Zerfall von Vorbehalten gegen Kommunikation beschleunigen. Das Internet wäre dann nicht Hilfe oder Heil, weil damit ja auch das Gegenteil erwägbar wird, sondern eine Behinderung, durch welche die Erfolgsbedingungen strukturiert werden, die festlegen können, was sich in der Folge durch Überwindung dieser Behinderung noch als haltbare Kommunikation erweisen kann.”
Warm-up
Eine “knifflige” Frage, zumal ich selbst immer unsicherer werde, was ich unter “Technischem” verstehe. Ich weiß primär, was ich “nicht” fortschreiben möchte: die von Dir erwähnte Prothesen-Metaphorik, Zweck-Mittel-”Logiken”, usf.
Zugleich besteht [bei allem Dissens hins. Konstruktivismus, Marxismus, Fokussierung auf Formulierungsweisen, u.ä. zwischen Rolf und mir] Konsens, daß in der Bielefelder Systemtheorie Technisches eher “marginalisiert” wurde (funktioniert / funktioniert nicht, Thema von Risikokommunikationen, Einrichtung von begrenzten Kausalkontexten, etc.) – und das obgleich die Moderne ohne Technisches wohl “nicht” konzipierbar ist.
Salopp getextet : “Die Moderne ist (auch und gerade) technisch (zu beobachten) – oder gar nicht.”
Obgleich ich Rolfs Kybernetik zustimme (v.a. mit Blick auf kybernetische Mechanismen als Erklärungsweisen, wie Technisches genau funktionieren kann), meine ich, daß Rolfs Fokussierung auf das Anfallen konkret-(“gegenständlich”)er Artefakte eine Art “Spezialfall” darstellt einer Problematik, die André und ich mit Blick auf Derridas Dekonstruktion als “basale technicité” charakterisiert haben.
Es ist also die Frage, ob Technisches konzeptualisiert werden kann ohne ausschließliche Fokussierung auf das Anfallen von Artefakten (z.B. Rolfs hilfreiche Trias: Werkzeug – einfache Maschinen – programmierbare Maschinen / Automaten).
Wir haben das ‘mal kurz andiskutiert z.B. als Thema der Reproduzierbarkeit des Selben (was Technischem u.a. zugrunde liegt) und Iterabilité (das Anders-Werden des Selben im differentiellen Prozessieren von marks / Medien- bzw. Zeichenformen).
Eine andere Perspektive ist natürlich, daß auf ein Funktionssytem “Technik” abgestellt wird. Und hier würde ich auf “technische Kommunikationen” verweisen, die insbesondere Konstruktions-/Design- und Benutzungsanweisungen prozessieren, wobei dann technische Artefakte anfallen “können”, aber nicht “müssen”!
Wie dabei eine Brücke zur “basalen technicité” geschlagen kann, weiß ich noch nicht. Aber vielleicht mendelt sich noch etwas Interessantes heraus.


Einschub

@Rolf: Wie Du übrigens Deinen materialistisch inspirierten und “radikal” radikalen Konstruktivismus mit einer systemtheoretischen Funktionssystem-Perspektive koppeln willst, ist mir ein komplettes Rätsel: Denn da ich bei Dir keine Theorie des “Sozialen” erkennen kann (außer vielleicht: wenn mehrere Subjekte zusammen kommen, dann ist das “irgendwie” sozial. Tja, das Dilemma aller Subjektphilosophie: nur “wie funktioniert das mit dem Sozialen genau”?), verstehe ich auch nicht, wie Du diese Lücke plötzlich mit Funktionssystem-Logik füllen kannst.
Vielleicht kannst Du das bei Gelegenheit – bspw. in einem eigenen Post – einmal elaborieren.

Interpretationsvorschläge
1) “Sondern Technik als Kommunikationsblockade zur Verkomplizierung des Lebens zu verstehen,”
Spontan würde ich fragen: Warum schließt Du zunächst “Kommunikation” mit “Leben” kurz?
Einerseits würden (Bielefelder) Systemtheoretiker hier einwerfen, daß Du die Systemreferenzen mischst: Leben (also: biologische Prozesse) und Sozialdimension (sensu: “Kommunikation” als Trias von Information-Mitteilung und Verstehen).
Andererseits finde ich die Frage spannend, ob es möglich ist, eine umfassende Theorie des Prozessierens von Information zu entwickeln, die sowohl biologische als auch psychisch/bewußtseinsmäßige und soziale Prozesse umfaßt [vielleicht könnte man hier sogar chemische und physikalische Prozesse hinzunehmen].
Vor diesem Hintergrund wäre zu fragen, ob (Basal-)Technisches nicht auch in biologischen (Informations-)Prozessen ausgemacht werden kann – und was dann “biologische Kommunikation” bedeuten kann.
Die Frage bleibt freilich: Wie kann Biologisches hier (außer als basale Infrastruktur) Psychisches/Soziales affizieren?
Aber vielleicht meinst Du auch “Leben” im Sinne von “sozialem Leben”, sensu: sozialer Autopoiesis (Kommunizieren, inkl. Verhalten und Handeln)? Dann würdest Du Technik als etwas konzipieren, das zur “sozialen Steigerung von Komplexität” beiträgt.
Letzteres wäre ein guter Punkt! Aber es scheint mir, daß hier Komplexität sowohl “gesteigert” als auch “reduziert” wird. Oder anders gewendet: Allgemeine Komplexität würde reduziert, (binnen-)spezifische Komplexität würde erhöht (was dann auch Prozesse der Spezialisierung und Ausdifferenzierung beinhalten würde).

2) “durch welche die Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation weiter gesteigert wird, wobei durch diese  Steigerung ständige Sublimationsprozesse erzwungen werden, die den Zerfall von Vorbehalten gegen Kommunikation beschleunigen.”
Mit “Sublimationsprozessen” meinst Du wohl, daß sich hierbei Mechanismen sozioevolutionär entwickeln, die Kommunikation dann doch plausibilisieren? Ja, gleichfalls ein guter Punkt. Es müßte dann noch spezifiziert werden, auf welche “Unwahrscheinlichkeitsschwellen” Bezug genommen wird, z.B.:
* die Ausweitung der Adressatenkreise, auch als Aufmerksamkeitsbindung,
* die Wahrscheinlichkeit der Ablehnung, also: der kommunikativen Nicht-Überzeugung (die sog. “4. Selektion”).
Aber dieser These stimme ich grundsätzlich zu: Technik, vielleicht in diesem Kontext genauer: Medien”technik”, hat seit der Frühmoderne entsprechende Medienbildungen (Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, Telegraphie, Telephonie, Film, Radio, Fotographie, TV, etc. bis hin zu heutigen Digitalitätsmedien) möglich gemacht, die eine nie dagewesene Ausweitung von unwahrscheinlicher Kommunikation, bei der sich dann entsprechende Unwahrscheinlichkeit-Wahrscheinlichkeit-Transformatoren (z.B. als sgKMs = symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien wie Macht, Wahrheit, Recht, Geld, usf.) sozioevolutionär herausgemendelt haben.
Wenn ich mich recht erinnere, dann ist das auch die These von Luhmann (wenn auch nicht mit Blick auf “Technik” formuliert) in die “Gesellschaft der Gesellschaft” (mit der Einschränkung, daß sich bspw. “Authentizität” immer noch nicht kommunikativ überzeugend formulieren läßt. Aber das ist m.E. nur ein Sonderfall des allgemeinen und letztlich zum Scheitern verurteilten Durchgriffversuchs von Kommunikation auf Bewußtsein).
Hier könnte hinzugefügt werden, daß demnächst wohl die “Kommunikation mit Computern und Robotern” bevorstehen könnte, sobald diese eine derartige Komplexität erreicht haben, daß entspr. Kommunikationsillusionen erfolgreich gehegt werden können.

3) “Das Internet wäre dann nicht Hilfe oder Heil,”
Das ist ein interessanter Punkt: Die Selbst- und Fremdbeschreibung von (neuen) Techniken – gerade dann, wenn sie sozial etabliert werden sollen. Hier gibt es m.E. semantische Kontinuitäten (Technik xy als Hilfe, als Erleichterung, als Heil, etc. – plus die Kritik an solchen Beschreibungen), die in die Vormoderne zurückreichen.

4) “weil damit ja auch das Gegenteil erwägbar wird, sondern eine Behinderung, durch welche die Erfolgsbedingungen strukturiert werden, die festlegen können, was sich in der Folge durch Überwindung dieser Behinderung noch als haltbare Kommunikation erweisen kann.”
a) “Behinderung” verweist m.E. zu einseitig auf die angesprochene Funktion von Technik als “Kommunikationsblockade”. Aber entsprechend der Figur von simultaner Reduzierung und Steigerung von Komplexität macht es wohl mehr Sinn, sowohl nach den Erleichterungs- als auch den Behinderungsfunktionen von Technischem zu fragen. Beispiel für eine Erleichterung: ich muß keinen Brief mehr per Hand schreiben, zum Briefkasten gehen, den Brief einwerfen und längere Zeit auf eine ähnliche Rückantwort warten, sondern: ich skype, simse, chatte oder maile [puh – Deutsch kann so schön sein :-)]. Das heißt: Medientechnik führt hier zu (fast) instantanen, hochbeschleunigten Fern-Interaktionen (entlang spezifischer Medien / Sinneskanäle).
b) Es ist dann weiterhin die Frage, was Du unter “Erfolgsbedingung” und “haltbar” verstehst: Systemtheoretisch (wiederum im Bielefelder Sinne) liegt hier der Verweis auf die Unwahrscheinlichkeit des Überzeugens nahe (die 4. Selektion, s.o.) und ihre Plausibilisierung gerade durch sgKMs.
Aber im Funktionssystem der Massenmedien wurde die Unwahrscheinlichkeit der 4. Selektion fallen gelassen, weil hier die Unwahrscheinlichkeit, Adressaten zu erreichen und ihre Aufmerksamkeit (längere Zeit) zu binden, weitaus zentraler ist. Wenn Überzeugungseffekte anfallen, dann wurden diese traditionell thematisiert als massenmediale “Manipulation” [= als Variante der Invisibilisierung von Kontingenz entsprechend der “Beeinflussung” (im Unterschied zur Explizierung von Kontingenz durch “Macht”, die sich dennoch – auch gegen potentiellen Widerstand – ggf. durchsetzen kann)].
Wie das dann bei “Internet-Kommunikation” aussieht, ist die Frage. Hier würde ich zunächst nach den konkreten Internetdiensten fragen: Chat, Email, SMS, WWW, Newsgroups, usf.
Dann wäre zu fragen, ob hier funktionssystemspezifische Kommunikation zum Tragen kommen (Beispiel: ein webbasiertes Wissenschaftsseminar folgt immer noch stark den Kriterien der Wissenschaftskommunikation) oder nicht (z.B. die Fuchs-Überlegung, ob das WWW – zumindest Bloggen, u.ä. – nicht auf eine Art “privates Massenmedium” verweist, bei dem dann auch die 4. Selektion freigegeben würde (das differentia-Blog mit seinen Überlegungen zur Troll-Kommunikation zielt m.E. darauf ab).
“Brisant” wird die Frage nach der “Haltbarkeit” von Kommunikation (mit Blick auf technische Behinderungen “und” Erleichterungen) bei einer möglichen “Kommunikation mit Computern und Robotern”. Wie das letztlich aussehen wird, steht m.E. wohl derzeit in den Sternen.

Zum Abschluß
Insgesamt eine interessante Überlegung, wobei Dein Fokus wohl primär auf Medien-”Technik” liegt, oder? Das ist aber nur ein Aspekt. Denn wenn man an gentechnische Veränderung von Lebensmitteln, Eingriffe in den Körper (Operationen aller Art, Stammzellenmanipulation, u.ä.), etc. denkt, dann wäre meine These (mit Blick auf die “Funktion” eines evtl. Technik-Funktionssystem), daß es Technik ermöglicht, primär in bewußtseinsmäßige und soziale “Umwelten” zu “intervenieren”, indem entsprechend kontrollierte Kausalverbindungen eingerichtet werden sollen.
Medien”technik” wäre dementsprechend nur eine Variante solcher Interventionsversuche, dank derer Medienformen typographisch, elektronisch oder digital produziert, prozessiert und rezipiert werden können.

~Peter

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Comments

  • kybernetiks  On June 9, 2012 at 12:24 PM

    Peter, dass ist alles noch zu kompliziert für mich, ich bekomme Komplexe, weil ich es nicht überschauen kann. Mit scheint aber ohnehin, dass Du damit eine Art negative (ausschliessende) Konzeptualisierung von Technik betreibst.

    Hier muss ich wieder mal darauf hinweisen, dass ich Technik nicht mit Artefakten gleichsetze, sondern Artefakte, insbesondere Werkzeuge als geeigneste Illustration verwende. Alles was ich über Werkzeuggebrauch und Automaten schreibe, kann ich ohne jeden bezug zu Technik schreiben, ich brauche dafür das Wort Technik überhaupt nicht.

  • Peter Bormann  On June 9, 2012 at 1:12 PM

    > Peter, dass ist alles noch zu kompliziert für mich, ich bekomme Komplexe, weil ich es
    > nicht überschauen kann.
    Nun, ich kann es ja auch “nicht” überschauen – ansonsten wäre das Blog auch überflüssig, weil wir einfach das vermeintliche Wissen herunterschreiben und bspw. als Buch publizieren könnten.
    Ich bezweifle übrigens, daß es “einfacher” werden kann, sondern meine sogar, daß die
    Komplexität “gesteigert” werden muß: Mir schwebt eine Kreuzung von Kybernetik, Technik-als-Funktionssystem und Technik-als-Medium/-Form und “basale technicité” vor. Mais, on verra si c’est possible et fructeux!

    “Hier muss ich wieder mal darauf hinweisen, dass ich Technik nicht mit Artefakten gleichsetze, sondern Artefakte, insbesondere Werkzeuge als geeigneste Illustration verwende. ”
    D’accord.

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