Toolmaking animals

ich lese von Tierfreunden immer wieder mal den Verweis auf Werkzeugherstellung bei Tieren. Zum einen soll das beweisen, dass Tiere intelligent  oder uns in dieser Hinsicht evolutionär sehr verwandt sind. Zum andern soll das beweisen, dass die Menschen nicht so einzigartig sind, wie sie dies anthropozentrischerweise oft annehmen oder gar behaupten.

Ich unterscheide beispielsweise Katzen, Schlangen, Fische und Menschen als verschiedene Arten in der Fauna, die ich von der Flora unterscheide. Diese Unterscheidungen sind für mich praktisch, aber nicht wesentlich. Ich sage damit nichts über das Wesen von Katzen. In vielen Zusammenhängen verhalte ich mich verschiedenen Arten
von Lebewesen gegenüber verschieden. Und indem ich sie als Arten unterscheide, erkenne ich auch, dass sie als “animals” zusammengehören oder unter einen gemeinsamen Oberbegriff fallen.

Aristoteles, von welchem ich nicht annehme, dass er je gelebt hat, soll Menschen von anderen Tieren dadurch unterschieden haben, dass sie die einzigen ungefiederten Zweibeiner sind. Er bezeichnete dieses Abgrenzungs- oder Definitionskriterium als zufälliges, also als nicht wesentliches Kriterium, weil er meinte, damit nicht das Wesen des Menschen getroffen, sondern einfach ein beliebiges Merkmal gefunden zu haben, um Menschen nicht nur sicher von anderen Tieren unterscheiden zu können, sondern überdies auch sagen zu können, wie er es macht. Ich selbst besitze keine Sklaven und habe deshalb auch nicht das Bedürfnis zu sagen, wie ich Menschen von anderen Lebewesen unterscheide. Wie auch immer, schon Aristoteles zählte die Menschen zu den Tieren.

Mit “toolmaking animals” bezeichne ich weder eine zufällige noch eine wesentliche Charakterisierung des Menschen. Mit toolmaking bezeichne ich einen generativen Prozess, dessen Produkte Werkzeuge sind. Es spielt keine Rolle, wer die Werkzeuge produziert. Animal ist ein Platzhalter für einen Verursacher, der durch das “Making” im umgangssprachlichen Sinn hinprojiziert wird. Der Focus der Beobachtung liegt aber auf der autopoietisch gedachten Hervorbringung und Entwicklung der Werkzeuge.

Autopoiese kann man – ich glaube, dass H. Maturana das tut – auf Lebewesen beziehen, die sich in dem Sinne selbst machen, als sie nicht gemacht werden. Man kann Autopoiese aber auch – und ich tue es – als Theorie auffassen, also als Anschauungsweise, in welcher den beobachteten Gegenstände keine Macher zugeschrieben werden. Die Unterscheidung Natur/Kultur im Sinne von selbstorganisiert versus hergestellt bezieht sich dann darauf, ob ich den beobachteten Gegenstand – prinzipiell und in einem spezifischen Sinn – herstellen kann oder nicht. Als herstellen bezeichne ich das bewusste Formen von Material. Was ich herstellen kann, bezeichne ich als Artefakt.

Als tools oder Werkzeuge bezeichne ich Artefakte, die ich evolutionstheoretisch rückwärts blickend als noch nicht entwickelte Maschinen erkenne, wobei Maschinen noch nicht entwickelte Automaten sind. So wie der Mensch dem darwinistischen Evolutionstheoretiker der Schlüssel zum Verständnis des Affen ist, ist mir der Automat der Schlüssel zum Verständnis des Werkzeuges. Mit toolmaking bezeichne ich die Verwendung dieser spezifischen Perspektive. Ob und inwiefern irgendein wirkliches Wesen Werkzeuge herstellt ist dabei nicht relevant. Relevant ist die Beobachtung, die die Entwicklung der Werkzeuge als Technik beobachtet und in einer Technologie beschreibt.

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Comments

  • PB  On June 26, 2012 at 4:59 PM

    > Autopoiese kann man – ich glaube, dass H. Maturana das tut – auf Lebewesen > beziehen, die sich in dem Sinne selbst machen, als sie nicht gemacht werden.
    > Man kann Autopoiese aber auch – und ich tue es – als Theorie auffassen, also > als Anschauungsweise, in welcher den beobachteten Gegenstände keine
    > Macher zugeschrieben werden.

    Dazu drei Fragen:

    F1: Muß bei der AP-Unterstellung nicht von einem operational geschlossenen System ausgegangen werden, bei dem sich die Operationen direkt aufeinander beziehen können? Und falls Ja, wie ist das bei Herstellungsoperationen möglich, die nur einen – und zwar den kürzesten! – Teil des Produkt – / Tool- / Maschinen-Lebenszyklus (s.u.) ausmachen?

    F2: Wie können sich Herstellungsoperationen stets direkt aufeinander beziehen, wenn alle möglichen Konstruktionsanweisungen medial/semiotisch in Kommunikationen (also nicht direkt als Herstellungsoperationen) prozessiert werden?
    Mit anderen Worten: Herstellungsoperationen sind nicht kongruent mit Operationen der technischen Kommunikation, die bspw. mit dem IM-V-Schema thematisierbar sind. Wie konzipieren wir freilich ihre Relation: In welchem Verhältnis stehen also faktisches Herstellen von xy und technische Kommunikation (Konstruktionsanweisungen, Pläne, etc.)?

    F3: Tool – Maschinen-Lebenszyklus:
    * “Herstellen” ist nur ein Aspekt im Lebenszyklus eines Produkts / Tools / einer Maschine. Andere Aspekte wären bspw.:
    – Testen
    – Reparieren
    – Modifizieren / Erweitern
    – Warten
    – Bedienen
    – Ausrangieren / Recyceln

    Mit Blick auf solche Lebenszyklen:
    F3a: Was bleibt von der Ap-These bzw. der These der operationalen Geschlossenheit übrig?
    F3b: Wäre es vielleicht sinnvoll, hier umfassender von “technischen” Operationen zu sprechen, die den besagten Lebenszyklus (Herstellen, Testen, Reparieren, Warten, etc.) betreffen und sich zugleich (aber: “wie genau”?) auf technische Kommunikationen beziehen?
    F3c: Kann eine AP ausgemacht werden, bei der eine operationale Geschlossenheit “technischer” Operationen (im obigen Sinne) nachgewiesen werden kann?

    Fazit:
    Derzeit ist die Ap-Unterstellung m.E. nur eine Metapher, die von Operatoren
    (“Produzenten”) zu abstrahieren sucht. Das ist zwar attraktiv, aber konzeptuell noch nicht recht überzeugend.

    ~Peter

  • kybernetiks  On June 26, 2012 at 7:09 PM

    In der autopoietischen Theorie von H. Maturana sind alle Begriffe anders als in der autopoietischen Theorie von N. Luhmann, weshalb die beiden in einem sehr kurzen Gespräch feststellen konnten, dass sie über Autopoiese nicht miteinander sprechen konnten. Es macht für mich deshalb ziemlich viel Sinn zu sagen, von welcher autopoietischen Theorie die Rede ist.
    In der Kybernetik (und mithin wohl auch bei H. Maturana) heisst operative Geschlossenheit, dass ein System auf seinen eigenen Zustand reagiert. Ich glaube, Deine Fragen beziehen sich auf eine andere Sichtweise, ich kann sie jedenfalls nicht auf den kybernetischen Ansatz beziehen.
    Ich beobachte keine Lebenszyklen sondern Werkzeuge. Werkzeuge sind getestet und allenfalls repariert oder sie sind keine Werkzeuge (mehr). So wie Lebewesen im Metabolismus regeneriert sind, respektive wenn der Metabolismus nicht funktioniert keine Lebewesen (mehr) sind.
    Autopoiese verstehe ich in sehr starker Anlehnung an H. Maturana. Ich verstehe deshalb nicht, was das mit Kommunikation im Sinne von N. Luhmann zu tun haben könnte. Das Standardwesen der Autopoiese ist ein Einzeller.

    Siehst Du irgendeinen Zusammenhang? Kannst Du Deine Fragen in Relation zur dieser Autopoiese sehen?

    • PB  On June 26, 2012 at 9:27 PM

      1) Zum Ap-Konzept von M/V:
      > In der Kybernetik (und mithin wohl auch bei H. Maturana) heisst operative
      > Geschlossenheit, dass ein System auf seinen eigenen Zustand reagiert. Ich
      > glaube, Deine Fragen beziehen sich auf eine andere Sichtweise, ich kann sie
      > jedenfalls nicht auf den kybernetischen Ansatz beziehen.
      Was hierbei (zumindest bislang) aus meiner Sicht nicht überzeugt, ist, daß ein System unterstellt wird, das “operational geschlossen” sein soll. Ich müßte wohl meine Maturana / Varela-Exzerpte bemühen. Aber ich meine, daß im Fall von “Technik” im Detail “aufgezeigt” werden müßte, wie eine solche operationale Geschlossenheit bzw. Ap möglich ist.
      Zu behaupten, daß Technik einem System entspreche, das “ap, weil operational geschlossen oder operational geschlossen, weil ap” sei erinnert an Deine Tautologie “Herstellen = Artefakt = Materielles = Artfakt = Herstellen”.
      Also hier: SY = ap = og = ap = Sy.
      Aber: Was für Einzeller einleuchten mag, muß nicht automatisch für Technik gelten. Und pure Definitionsketten sind wohl ungenügend.
      Vielleicht käme man hier weiter, wenn die Technium-Überlegung von Kevin Kelly integriert werden [http://www.kk.org/thetechnium/].

      2) Lebenszyklus
      > Ich beobachte keine Lebenszyklen sondern Werkzeuge. Werkzeuge sind
      > getestet und allenfalls repariert oder sie sind keine Werkzeuge (mehr)
      Das klingt mir zu sehr nach “Basta-Definitionen”. Bspl.: Insofern Du auch Software als eine Variante der Maschine ansiehst, läßt sich dieser “Lebenszyklus” eigentlich sehr schön aufzeigen. Der Schwerpunkt liegt dabei i.a. nicht auf der “Herstellung”, sondern auf der “Wartung” von Software (Pflege, Erweitern / Modifizieren, u.ä.).
      Zudem kommt es auch auf den “Benutzungsaspekt” an (-> Entwickler sind dabei immer schon die ersten “user” von Software)

      Dito dann für andere Werkzeuge und Maschinen.

      Zu schreiben, daß Werkzeuge nur als “Hergestellte” relevant sind, ist m.E. eine zu starke Verkürzung des Tool- / Maschinen- / Produkt- “Zyklus” (vom Herstellen – Testen – Bedienen / Benutzen – über Pflegen / Reparieren / Modifizieren bis hin zur Beseitigung, z.B. als Recyceln).

      3) Bezug zu Kommunikation:
      Wenn Du Herstellungs-, Test-, Wartungs-, etc. Prozesse bei der Artefaktproduktion betrachtest, dann geht das “in der Regel” nicht ohne soziale Kommunikation:
      Konstruktionszeichnungen, Baupläne, etc. sind nicht einfach irgendwie “Geistiges”, sondern es geht hier immer auch um prozessierte “Medienformen und soziale Anschlüsse”, also das, was ich “technische Kommunikationen” nennen würde. Letzteres ist “nicht kongruent” mit der eigentlichen Produktion von Artefakten.
      Einfaches Beispiel: Wenn sich Entwickler z.B. in der Paarprogrammierung über Entwurfsmuster austauschen, die im Code xy zur Anwendung kommen sollen, dann ist das nicht dasselbe wie den eigentlichen Code in einem Editor hinzuschreiben.

      Kurzum: Artefaktproduktion ohne Korrelation zu Sozialem / “Semiose” ist vielleicht ein “Alleinstellungsmerkmal” unserer Spezies gegenüber anderen toolmaking animals auf unserem Planeten. Es kommt daher nicht einfach auf das Daß des “Tool- / Machine-making” an, sondern auch auf das jeweilige “Wie” [was dann auch unterschiedliche Strategien der Steigerung und Reduzierung von Komplexität beinhaltet].

  • kybernetiks  On June 26, 2012 at 10:01 PM

    > Aber: Was für Einzeller einleuchten mag, muß nicht
    > automatisch für Technik gelten

    in meiner Redeweise ist der Einzeller ein typisches Beispiel innerhalb der autopoietischen Theorie von Maturana. Also soll er nicht in Analogie zu Technik stehen.

    Die operationelle Geschlossenheit ist ein Grundpostulat der Kybernetik, also laaaaange vor Maturana und sowieso vor Luhmann, der damit etwas ganz anderes meint. Ich würde also eher Ashby empfehlen !

    Ich beobachte (das ist die Wahl des Beobachters) Werkzeuge nicht Lebenszyklen. Wenn Du Lebenszyklen beobachtest, beobachtest Du einfach eine ganze andere Sache. Ich glaube, es geht hier um die Beobachtung, also nicht um etwas, was unabhängig von Beobachtungen so oder so existiert.

    Als Beobachtung bezeichne ich dabei eine Unterscheidung mit einer Bezeichnung. Ich beobachte Werkzeuge, nicht das Gespräch von Programmierern, die nicht recht wissen, was sie tun.
    Ich beobachte Computer als elektrotechnische Artefakte. Wenn jemand ein Dingsbums beobachtet, dann wird er etwas anderes beobachten also ein Artefakt mit einem Prozessor aus geformten Silizium

    • PB  On June 26, 2012 at 10:44 PM

      Ich denke, wir müssen uns das AP-Konzept sehr viel genauer vornehmen:
      Siehe z.B. M/V,, “Autopoiesis and Cognition: The Realization of the Living” [Buch einsehbar bei Google-Books. Den Link kann man auch im nachfolgend angeführten Wikipedia-Artikel finden]

      Oder z.B. das:
      “An autopoietic machine is a machine organized (defined as a unity) as a network of processes of production (transformation and destruction) of components which: (i) through their interactions and transformations continuously regenerate and realize the network of processes (relations) that produced them; and (ii) constitute it (the machine) as a concrete unity in space in which they (the components) exist by specifying the topological domain of its realization as such a network.[1]
      […] the space defined by an autopoietic system is self-contained and cannot be described by using dimensions that define another space. When we refer to our interactions with a concrete autopoietic system, however, we project this system on the space of our manipulations and make a description of this projection.[2]” [URL: http://en.wikipedia.org/wiki/Autopoiesis%5D

      Oder [auch im entspr. Wikipedia-Artikel]:
      “A canonical example of an autopoietic system is the biological cell. The eukaryotic cell, for example, is made of various biochemical components such as nucleic acids and proteins, and is organized into bounded structures such as the cell nucleus, various organelles, a cell membrane and cytoskeleton. These structures, based on an external flow of molecules and energy, produce the components which, in turn, continue to maintain the organized bounded structure that gives rise to these components.”

      “Biochemische Komponenten” erzeugen eine “entspr. Struktur”, die wiederum diese Komponenten bedingt. Hier stellt sich die Frage der technischen “Äquivalente”.

      2) “Operationale Geschlossenheit” als Postulat reicht m.E. nicht. Hier müßte gefragt werden,
      a) ob Operationen ausgemacht werden können, die ein System von seiner Umwelt unterscheiden (mein Verweis auf Zyklen impliziert die Kritik, daß “Herstellen alleine” als eine solche Operation wohl nicht ausreicht)
      und
      b) ob solche Operationen sich direkt aufeinander beziehen (mein Bezug auf Soziales / Semiose verweist darauf, daß nicht einfach Artefakte andere Artefakte referenzieren, sondern hier soziales Prozessieren von Medienformen interveniert, z.B. in Form von Konstruktionszeichnungen, Bauplänen, CAD-Modellen, Stücklisten, Requirementsdokumenten, yada, yada, yada).

      . 3) “Ich beobachte Werkzeuge, nicht das Gespräch von Programmierern, die nicht recht wissen, was sie tun.”
      Wenn Programmierer über Design Patterns fachsimpeln sollten, dann kannst Du oftmals davon ausgehen, daß sie auf ihrer “Abstraktionsebene” recht genau wissen, “was” sie da beim Entwickeln tun. Oder vice versa: Mit dem kybernetischen Wissen, daß bei der Software-Erstellung eine “Maschine / ein Tool” entwickelt wird, kann niemand ein funktionsfähiges Programm erstellen. Da gehört doch weitaus “mehr Wissen” dazu.

      Dein Verweis auf Werkzeug-Beobachtung ändert freilich nichts daran, daß soziale Kommunikation und ein entspr. Prozessieren von Formen i.a. “notwendige” Bedingungen für unsere Art der Artefaktproduktion darstellen –
      so zumindest meine Position.
      Der mögliche Verweis darauf, daß Software, Baupläne oder sonstige Konstruktionszeichnungen “hergestellt” sind, ändert daran nichts, weil das nichts darüber aussagt, “was” prozessiert (gedacht / kommuniziert) wird -> und diese “thematische Orientierung” bestimmt sehr stark, was letztlich wie produziert wird.

      These: Ohne (technische) Kommunikation und ein zugehöriges Medienprozessieren auch keine menschlich relevante Artefaktproduktion.
      Aber es ist wohl besser, wenn ich das mit Blick auf ein soziologisches Funktionssystem “Technik” auszuarbeiten suche.

  • kybernetiks  On June 27, 2012 at 9:49 AM

    > “Operationale Geschlossenheit” als Postulat reicht m.E. nicht.
    > Hier müßte gefragt werden,
    > a) ob Operationen ausgemacht werden können, die ein System
    > von seiner Umwelt unterscheiden (mein Verweis auf Zyklen
    > impliziert die Kritik, daß “Herstellen alleine” als eine solche
    > Operation wohl nicht ausreicht)

    Peter, für mich wirfst Du zwei Theorien durcheinander: die Kybernetik und die Luhmann-Theorie. Ich glaube, wir müssen nicht die Autopoiese genauer anschauenen, sondern unsere je eigenen Theorien, damit wir sie als Sichtweisen auseinanderhalten können.
    Kybernetik ist von Wiener und von Ashby gut dargelegt. Luhmann macht keinerlei bezug darauf (ausser dass er – wie aus beliebeigen anderen Theorien – Wörter daraus mit einem ganz eigenen Sinn verwendet).

    In der Kybernetik ist das System, das, was ein Beobachter beobachtet. Die Systemgrenzen sind eine Folge der Beobachtung. Das kybernetische System grenzt sich nicht gegen seine Umwelt ab, es wird – durch die Beobachtung (draw a distinction) von seiner Umwelt unterschieden.
    Operationale Geschlossenheit bedeutet in der Kybernetik, dass der Beobachter nur das jeweilige System, aber nicht seine Umwelt beobachtet, i.e. dass das System nur auf sich selbst reagiert.

    Diese theoretische Position scheint mir mit jener von Luhmann nicht ohne weiteres verträglich, ich habe jedenfalls noch nie auch nur ansatzweise gesehen, wie das zusammengehen könnte.

    In der Kybernetik bedeutet Operation eine zeitlich getaktete Veränderung einer Variable, Systemzustand (t) zu Systemzustand (t+1). Der Träger dieses Prozesses heisst Prozessor oder Operator. Beschrieben wird damit ein mechanischer Vorgang, wie er in jedem Computer abläuft.
    Nicht beschrieben wird damit “soziales Dings” oder “Mitteilung/Verstehen-Zeugs”.

    Ich fände sinnvoll, wenn wir die Perspektiven auseinander halten und schauen, was sie für sich hergeben – und was nicht.

    • PB  On June 27, 2012 at 1:12 PM

      Hallo Rolf – jetzt nur recht flott heruntertgetextet (muß schnell noch etwas essen und dann los):

      1) “unsere je eigenen Theorien, damit wir sie als Sichtweisen auseinanderhalten können.” OK – wenngleich ich letztlich darauf abziele, Kybernetik und Bielefelder Systemtheorie “kurzzuschließen”. Denn “ohne” soziale Kommunikation (Organisieren, Wissensprozessieren, Planen, etc.) und die zugehörigen Medienformen (Verbales, Skizzen, Tabellen, Texte, Zeichnungen, etc.), die sozial prozessiert werden, machen für mich technische Prozesse (Herstellen, Reparieren, Warten / Pflegen, Bedienen, Recyceln, etc.) “keinen Sinn”.
      Beim Toolmaking von Raben mag das freilich anders aussehen :-)

      2) “nicht die Autopoiese genauer anschauenen” – Ich meine, daß eine kritische Prüfung der AP von Maturana / Varela und der Kritik an MV dennoch “sinnvoll” ist, so daß genauer nach der Übertragung in die technische Dimension gefragt werden kann.
      Dazu heute abend gleichfalls mehr, denn ich habe heute morgen schnell eine Art “Sommer-Blogpost-Programm” aufgestellt, im Rahmen dessen ich diverse Themen, die mit AP in Zusammenhang stehen (Technium, autoreplikative Maschinen / Software, artificial life, etc.), genauer zu analysieren gedenke.

      Bisher ist Technik-AP jedenfalls nur eine “nicht ausgearbeitete Analogie”: nicht mehr, nicht weniger. Wir sollten daher erst dann von AP bei Technik texten, wenn wir auch den entspr. Mechanismus kybernetisch “genau” beschreiben können (siehe Punkt 3).

      3) “In der Kybernetik ist das System, das, was ein Beobachter beobachtet.”
      Ähnelt dem analytischen Realismus. Kann man machen, muß man nicht machen [weil der Systembegriff damit zur “Beliebigkeit” tendiert]. Ungeachtet dessen sollte bei einem “AP”-System angegeben werden können:
      * eine “Grenze”
      * eine grenzstabilisierende Operation der Selbsterzeugung
      * Komponenten, die sich “selbst” erzeugen (!)
      * ein Bedingungsverhältnis von Struktur und Komponenten
      etc.

      Und das scheinen mir M-V bei ap Systemen 1. Ordnung getan zu haben. Ansonsten wird AP einfach nur als lockere Analogie / Metapher verwendet.

      Ich erwarte daher, daß “kybernetische Beobachter” so etwas angeben können.
      Und es ist die Frage des gesamten Sommerprogramms: Gelingt das auch bei Technik?

      That`s it for now.
      CU
      ~Peter

  • kybernetiks  On June 27, 2012 at 2:27 PM

    > Ansonsten wird AP einfach nur als lockere Analogie / Metapher verwendet.

    laut Luhmann ist bei ihm selbst in bezug auf Autopoiese nicht mehr drin !!!

    Aber Deinen Katalog können wir ja an beliebigen Beispielen durchspielen, dann werde ich ihn vielleicht auch mal etwas begrifflicher begreifen können:

    * eine “Grenze”
    * eine grenzstabilisierende Operation der Selbsterzeugung
    * Komponenten, die sich “selbst” erzeugen (!)
    * ein Bedingungsverhältnis von Struktur und Komponenten

    1) Grenze:
    bei maturanischen Lebewesen ist die Grenze die Haut (skinencapsulated)
    bei jedem Werkzeug ist es die Oberfläche als Haut oder die Menge der Operationen, wenn die das Werkzeug prozessural auffasse.
    bei der Technik ist es die Menge der Werkzeuge/Artefakte

    2) eine grenzstabilisierende Operation der Selbsterzeugung
    bei maturanischen Lebewesen ist die – nicht spezifizierte !! – Operation der Zellerzeugung. Sag mir doch mal, wie – durch welche Operation – sich ein Einzeller “selbsterzeugt”. Ich meine, dass offensichtlich kein Hersteller zu sehen ist, aber auch absolut keine Operation “von selbst”.
    Luhmann hat gerade das kritisiert.
    bei der Technik sind die technischen Operationen immer klar, die weitere Technik hervorbringen. Brauchst Du da irgendein Beispiel?

    3)Komponenten, die sich selbst erzeugen
    was heisst hier Komponente anderes als Subsystem und mithin als System?
    bei Maturana erzeugt sich der Einzeller selbst und jeder Mehrzeller analog zum Einzeller.
    Vielleicht hast Du ein Beispiel?

    4) ein Bedingungsverhältnis von Struktur und Komponenten
    huch, da brauche ich auch ein Beispiel – am liebsten eines von Maturana

    Eine Komponente könnte das Auge sein (ich weiss nicht, wie es sich selbst erzeugt). Es muss in einer Strukur eingegliedert sein, die man als Nervemsystem bezeichnen könnte. Meinst Du so etwas? Ich finde das etwas schräge Formulierungen zur Autopoiese, aber ich bin gespannt,

    • PB  On June 27, 2012 at 6:29 PM

      > bei der Technik sind die technischen Operationen immer klar, die weitere
      > Technik hervorbringen. Brauchst Du da irgendein Beispiel?
      Du sprichst nur von “herstellen”. Wenn Du freilich den Artefaktzyklus berücksichtigen würdest, dann würde deutlich, daß bspw. “herstellen” an “benutzen” anschließen kann.
      So muß bspw. eine Software bei der Entwicklung = Herstellung immer auch “benutzt” werden, weil hier zyklische Aktivitäten vorliegen: designen – coden / refaktorisieren – testen (oder: test-first, dann coden) – Programm kompilieren und ausführen = benutzen. Und das wiederholt sich, wiederholt sich, wiederholt sich…

      Daher ist der “Anschluß” der technischen Operationen, wenn es nur um “Herstellen” gehen soll m.E. gerade nicht sichergestellt. Also nicht einfach:
      “herstellen – herstellen – herstellen”, sondern z.B.: “herstellen / testen – warten / pflegen / reparieren – u.U. erweitern / modifizieren / in Einzelteile zerlegen und recyceln, etc.”

      Man könnte auch auf soziales Prozessieren von Medienformen verweisen:
      Wenn ein neues Artefakt hergestellt werden soll, dann schließen nicht einfach die Herstellungsoperationen bzgl. der alten Artefakte an die neuen Herstellungsoperatioen an, sondern da kommen idR vor dem eigentlichen “Fertigungsprozeß” immer auch technische “Kommunikationen” zum Zuge. Das heißt: Anforderungs-Dokumente anfertigen, Modelle erstellen, Konstruktionsanweisungen / Baupläne checken / erstellen /modifizieren , Stücklisten prüfen, usf.

      Analog ist die Eindeutigkeit Deiner “Grenze” nicht sichergestellt:
      > Technik ist es die Menge der Werkzeuge/Artefakte
      1) Was zu den Artefakten zählt und was nicht, ist, m.E. nicht klar.
      Wohnungen, industrielle Nahrungsmittel, geklonte Lebewesen, etc. können alle
      mit Produktions- bzw. Fertigungsprozessen in Zusammenhang gebracht werden, aber handelt es sich dabei auch um “Tools”?

      Auch Orales und Non-Verbales als Zeichen haben Artefaktcharakter, wobei Du freilich nur Schriftliches, Gedrucktes, etc. als Artefakt gelten lassen willst [der Verweis auf dissipativ / nicht-dissipativ leuchtet mir dabei nicht ein].

      2) Zudem überzeugt der Verweis auf eine “Artefaktmenge” nicht:
      Denn dann könnte ich auch sagen, daß die Menge der Worte, z.B. fixiert in Lexika, eine “Grenze” sei, so daß (Schrift-)Sprache einem autopoietischen System entspräche.
      Und es gibt ja auch noch den netten Satz: “Sprache spricht sich selbst”.
      Tja, aber wie ist das möglich, wenn Sprache “nicht operiert”.
      Dito für sonstige Medien.
      Dito m.E.auch für “Technik”.

      3) Die grammatikalische Subjektfunktion “Technik kommuniziert Artefakte” ist dann nur Sprachspielerei à la “Der Blitz schlägt ein”. Denn so wie der Blitz nicht als sozial relevanter “Akteur” (dem man Schuld, Verantwortung, etc. zuschreiben kann) in Frage kommt [Ausnahme: er wird bspw. als “Gottheit” aufgeladen -> Odin, Thor oder ein anderer germanischer Gott], folgt auch nicht einfach die Autopoiesis von “Technik” aus dem oben erwähnten Sätzchen.

      Heute abend mehr dazu.
      ~Peter

  • kybernetiks  On June 28, 2012 at 12:17 AM

    im hergebrachten konventionellen Denken geht es darum, ob ein Werkzeug gebraucht werden kann, also ob es ökonomischen Nutzen abwirft. Das spielt hier aber keinerlei Rolle. Hier geht es darum, ob es entwickelt werden kann.
    Entwicklung heisst hier, ob Anschlüsse erfolgen, die als Ausdifferenzierung gesehen werden können.
    Eine Bohrmaschine ist ein entwickelter Bohrer, das hat überhaupt gar nichts damit zu tun, wer den Bohrer verwendet, testet oder repariert.
    Das ist eine Frage der Theoria (Sichtweise) des Beobachters

    • Peter Bormann  On June 28, 2012 at 8:34 AM

      Nur kurz: Selbst im Entwickeln kommt man “ohne Benutzen” nicht aus. Fahrzeuge werden benutzt im Rahmen von Tests, um Infos über Aerodynamik, Fahrstabilität, etc. zu bekommen (obwohl vieles heutzutage wohl einfach mit Modellen / Simulationen gemacht wird). Und Software muß beim “Entwickeln” selbst auch “benutzt” werden, ansonsten ist keine Entwicklung möglich.

      Das heißt: Deine Verkürzung von “technischen Operationen” auf bloßes “Herstellen (strictu sensu)” leuchtet mir in keinster Weise ein – genauso wenig wie Deine Ausklammerung jeglicher technischer “Kommunikation”, ohne die letztlich auch nichts hergestellt werden könnte. Denn dann gäb`s keine sozialen Spezialisierung / Differenzierung, kein Organisieren, keine Handlungskoordination – nada).

  • kybernetiks  On June 28, 2012 at 10:41 AM

    > Das heißt: Deine Verkürzung von “technischen Operationen”
    > auf bloßes “Herstellen

    Peter, das ist KEINE Verkürzung, sondern eine BEOBACHTUNG, die man machen kann oder eben nicht (was wir dem Beobachter zuschreiben). Du denkst einfach ganz gewöhnlich konventionell, und betrachtest was die Menschen mit Werkzeugen HANDELN. Und dann sieht man natürlich, was die Menschen alles so tun.

    Hier spielen aber die Menschen und ihre Handlungen, also was Programmierer miteinander schwatzen, einfach keine Rolle. Das ist keine Verkürzung, sondern eine andere Theorie

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