Tabuisierung der Technik

Die Frage von Martin Linder war:
> wenn du ingenieurs-kulturkritik machen willst, dann sag mir, an welcher stelle etwas falsches herauskommt, wenn man nicht auf deine ebene zurückgeht. (ich kann mir schon vorstellen, dass es das gibt, mir fällt grad nur nichts ein.)

Meine Antwort lautet: Falsch ist falsch
Ich erkenne eine Tabuisierung der Technik, genau darin, dass die Funktionsweise der Hardware systematisch ausgeblendet wird. Aber ob das falsch oder richtig oder gut oder schlecht ist, ist unerheblich: nicht erhebbar.

Die Tabuisierung der Technik hat zwei selbstreferentielle Aspekte:

1) Wenn die Tabuisierung gelingt (was sie bislang tut), wird die Technik überall ausgeblendet. Beispielsweise ist Technik kein Schulfach, weil sie durch die Tabuisierung nicht wichtig erscheint, und wenn sie kein Schulfach ist, wird die Unwichtigkeit der Technik verstärkt, weil sie im schulischen Wissen nicht erscheint. Es gibt eine positive Feedbackschlaufe.

Ist das falsch? Keine Ahnung.

2) Wie die Diskurstheorie sichtbar macht, hat die Tabuisierung einen Sinn, der keineswegs intendiert sein muss. Wenn ein Thema tabuisiert wird, muss umso mehr darüber gesprochen werden. Je stärker die Tabuisierung umso grösser der Druck, darüber zu sprechen (das steht im Zentrum bei Freud und Foucalt, um Theorien zu bezeichnen). Da das naheliegende Sprechen durch das Tabu unterdrückt wird, muss ein Ersatzdiskurs entwickelt werden. Im Falle der Technik ist das unter anderem, aber sehr ausgeprägt der Medien-Diskurs.

Ist das falsch?

Bei Freud hat man gelernt, dass das Tabu zu allerlei Erkrankungen des Geistes führt, bei W. Reich hat man gelernt, dass das die bewusste Absicht der kapitalistischen Patriarchen ist, weil sie von dieser Krankheit profitieren. Bei Freud hat man gelernt, dass die mit dem Tabu verbundene Unterdrückung zu einer gesellschaftlichen wertvollen Sublimation führt.

Da könnte man sich allenfalls fragen FÜR WEN ist das falsch.

Bei Foucault hat man gelernt, dass das Tabu Kreativität erzeugt. Man muss andere Formen des Sprechens finden, weil man darüber sprechen MUSS, aber nicht DARF. Bei Foucault hat man gelernt, dass alle psychoanalytischen Problematisierungen zu kurz greifen, dass das Tabu den gesamten Diskurs als gesellschaftliches Bewusstsein betreffen. Ist das falsch?

Die Konsequenz einer Tabuisierung ist nicht abschätzbar. Die Tabuisierung ist nur beobachtbar. Und man KANN wenn man will, beobachten, WIE die Technik tabuisiert wird. Und man kann darüber sprechen und so die Tabuisierung bewusst machen,  ganz ohne zu entscheiden, welche Folgen sie haben wird.
Philosophiegeschichtlich – etwa in der negativen Dialektik zur Aufklärung – wird sugerriert, dass die Aufklärung oft ganz direkt negative Folgen habe, während die Nichtaufklärung eine Aufklärung ohne Exzesse bilde. Ist das falsch?

Advertisements
Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Comments

  • kybernetiks  On October 7, 2012 at 6:31 PM

    Zum Einwand von +Franz Sdoutz (auch unter https://plus.google.com/u/0/113216115935230379097/posts/54dpanYyyKM):
    > Die Vorstellung, dass Technik für viele User unsichtbar bleibt,
    > solange sie funktioniert, behagt scheinbar nicht.

    hmmm…. diese Aussage gehört zur Tabuisierungsstrategie. Wenn mein Auto, mein Kühlschrank und mein Computer funktionieren, werden sie dadurch kein bisschen und nicht im Geringsten UNSICHTBAR.
    Das Unsichtbare ist das durch die Tabuisierung Verdrängte, Versteckte, das überhaupt nicht an das Nicht-kaputt von Technik gebunden ist.
    Ein zweiter Teil der Tabuisierung besteht darin, das Wort Technik unfassbar zu machen, indem von Allerlei-Alles-ist-Technik geredet wird, wo man stattdessen ganz leicht sagen könnte, von welcher Technik gerade die Rede ist: Computer beispielsweise sind Hardware-Artefakte, die eine Funktionsweise haben, also sogenannte Automaten.
    Natürlich ist der Ausdruck Technik nicht dafür reseviert, aber ich weiss, dass ich von etwas ganz anderem spreche, wenn ich Lauf oder Jagdttechnik sage, ich weiss dass ich das Wort “Technik” homonym verwende. Und wenn ich merke, dass mein Gegenüber das Wort breitschlagen und unbrauchbar machen will, versuche ich ein anderes Wort, hier beispielsweise: “Technik die von Ingenieuren konstruiert wird und sich in Form von Geräten zeigt”
    Die Maschinenbauabteilung der ETH ist dieser Technik gewidmet und alle anderen AUCH-Techniken interessieren mich hier nicht, weil genau diese eine Technik gerade auch dadurch tabuisiert wird, dass anderes auch als Technik bezeichnet wird.

Feedback ist erwünscht!

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: