Steuerung und Regelung

Differenztheoretisch kann Steuerung durch die Differenz zwischen Steuerung und Regelung gesehen werden, indem auf der Seite der Regelung das, was als Steuerung ausgegrenzt wird, wiedereintritt.

Den Ausdruck Steuerung verwende ich in zwei verschiedenen Beobachterperspektiven:

1)  Als deutender Beobachter verwende ich den Ausdruck Steuerung für eine artefaktisch-konstruktiv implizite, nicht entwickelte Form der Regelung. Ich muss genau jene Geräte steuern, die konstruktiv keine Regelung enthalten. Umgangssprachlich sage ich dann etwa: Automaten steuern sich selbst, Maschinen muss ich steuern.

Regelung beruht auf Feed back(wards), Steuerung beruht auf Feed forwards. Beim Regeln korrigiere ich die Wirkung meiner vorhergehenden Massnahme (Nach-Sicht), beim Steuern muss ich voraussehen, wie meine Massnahme wirkt (Vor-Sicht).

Die Ausdrücke “Steuerung” und “Regelung” werden im unreflektierten Alltag sehr vielfälltig und beliebig verwendet. Wo die Ausdrücke bewusst verwendet werden, wiederspiegeln sie das jeweilige technologische Verständnis sehr genau: Ich unterscheide Automaten von Werkzeugen ohne Regelung. Automaten zeigen konstruktiv, was Benutzer von Werkzeugen ohne Regelung zu leisten haben. Dabei unterscheide ich zwei Fälle der Steuerung:

a) unmittelbare Steuerung
Auf dem Motorrad steuere ich mit der Lenkstange die Auslenkung des Vorderrades und so die Fahrrichtung des Motorrades (dass die Sache mit dem re-entry etwas komplizierter ist, behandle ich später).

b) mittelbare Steuerung
Als Polizist kann ich den Verehr auf einer Kreuzung unmittelbar – also ohne technische Hilfsmittel mit meinen Händen – steuern, oder ich kann eine Verkehrssignalanlage (Rot, Gelb, Grün) installieren. Solche Anlagen können “festzeitgesteuert” (mit festgelegten Signalzeiten) sein, also beispielsweise nachts gelb blinken und tagsüber Rot- und Grünphasen zeigen. Die Steuerung besteht dann darin, dass ich die Anlage entsprechend programmiere. Die Anlage vermittelt meine Steuerung, ich muss als Polizist nicht mehr vor Ort sein. Dafür muss ich noch weiter vorhersehen, welche Einstellungen jeweils sinnvoll sind.

Das Lexirom von Meyers Lexikonverlag schreibt (wie üblich ohne erkennbare Terminologie), dass Verkehrssignalanlagen auch verkehrsabhängig gesteuert sein können; “dabei wird der Verkehr meist durch Induktionsschleifen in der Fahrbahndecke erfaßt und die Signalschaltung der Verkehrsdichte angepaßt. Ist die Verkehrssignalanlage eines Knotenpunktes mit der benachbarter Knoten zeitlich abgestimmt (›grüne Welle‹), so spricht man von koordinierter Signalsteuerung”. Wenn eine Verkehrssignalanlage verkehrsabhängig reagiert, handelt es sich – in meiner Terminologie – nicht um eine Steuerung, sondern um eine Regelung.

Wenn der Feedback zur Regelung beispielsweise durch “Induktionsschleifen in der Fahrbahndecke” gespiesen wird, muss ich als Autofahrer mit dem Auto über diesen Signalgeber fahren, was quasi zwangsläufig geschieht. An Fussgängerampeln gibt es oft einen Druckknopf, mit welchem ich das Signal auslösen muss. Von der Anlage her betrachtet, sind die Fälle identisch, die Anlage wartet auf Feedback. Als Fussgänger kann ich in meiner Handlung eine explizite Steuerung sehen.

2) Als konstruierender Beobachter verwende ich den Ausdruck Steuerung für einen bestimmten Teil der Regelung: Bei einer thermostatengeregelten Heizung bespielsweise wird die Heizung eingeschaltet, wenn vom Thermostaten das entsprechende Signal kommt. Wenn ich diesen Prozess isoliert betrachte, also davon absehe, warum der Thermostat das Signal liefert, wird die Heizung vom Themostaten gesteuert, wie wenn ich sie von Hand oder durch eine Festzeitsteuerung einschalten würde.

X) Die Vermischung der beiden Perspektiven führt zur chaotischen Verwendung der Begriffe. Ingenieure, die Anlagen wie die oben beschriebene Verkehrssignalanlage mit “Induktionsschleifen in der Fahrbahndecke” und Druckknopf-Steuerungen konstruieren, konstruieren in beiden Fällen Mechanismen, die die Ampeln “steuern”, wiewohl es sich in beiden Fällen um Regelungen handelt, weil die Anlagen situationsabhängig reagieren.

Als konstruierender Beobachter betrachte ich einen eigenständigen “Steuermechanismus” innerhalb des Automaten, der durch einen sekundären Energiekreis definiert ist. Die Steuerung eines Automaten besteht so gesehen aus einem Programm und einem Programmabtast-Mechanismus. Die Lochkarten-Mechanik von Jacquards Webstuhl ist eine Steuerung, mit welcher der Webstuhl in bestimmte (System-)Zustände versetzt wird. Die Steuerung ist der universelle Aspekt der sogenannten Turing-Maschine.

Der Steuermechanismus eines Automaten ist eine Interpretation der Benutzerintention: Das durchgedrückte Bemspedal wird durch ein ABS-System im Auto als Wunsch für effizientes Halten genommen, dh. die Räder blockieren nicht, sondern werden so gesteuert, dass sie bis zum Stillstand immer drehen.

und noch etwas Aussicht: Sollwert / Eigenwert
In der System Dynamics werden zwei Perspektiven unterschieden: Ich kann ein System mit einem Sollwert sehen, und dessen Festlegung als Steuerung betrachten, oder ich kann ein System mit einem Eigenwert sehen, der das Resultat einer Regelung ist.

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