Author Archives: Fritz T. Schuhmacher

Texte versus Text

ich habe geschrieben, dass Texte materielle Artefakte sind, die ich mittels Werkzeugen wie Bleistifte oder Computer herstelle. Einige der Blog-Kommentare verlangen Differenzierungen, vor allem eine Differenz zwischen Differenzen und Kategorien.

Den Ausdruck Text verwende ich (auch) als Begriff im Sinne einer kategoriellen Bestimmung, die es mir erlaubt, bestimmte Gegenstände als Texte zu klassifizieren. Die Gegenstände, die ich der Klasse Text zuordne, bezeichne ich als Texte. Das heisst ich verwende den Ausdruck “Text” für eine Klasse von Gegenständen UND für die Gegenstände, die zu dieser Klasse gehören. Natürlich setze ich damit Gegenstände voraus, so wie wenn ich Aepfel und Birnen in verschieden beschriftete Körbe lege oder Schuhe im Schuhaden und nicht in der Bäckerei suche. Von den Gegenständen kann ich dann – mit gewissen Unschärfen – sagen, ob sie Texte sind, also zur entsprechenden Klasse gehören oder nicht.

Wenn ich sage, dass Texte materielle Artefakte sind, dann spreche ich von den Gegenständen, die ich als Texte bezeichne.

Jeder geschriebene Text ist als Gegenstand ein materielles Artefakt. Aber den Ausdruck Text verwende ich nicht nur für diese Gegenstände und deren Klasse, sondern auch als Begriff in einem differeziellen Sinn. Ich will diese Differenz zunächst an einem anschaulicheren Beispiel anschaulicher machen. Ich kann jede Uhr zeichnen, aber ich kann DIE Uhr nicht zeichnen. Mit dem Ausdruck Uhr bezeichne ich – wie mit dem Ausdruck Text – sowohl den Begriff, den ich nicht zeichnen kann, als auch dessen Referenten, die ich alle zeichnen kann.

Wenn ich eine Menge von Gegenständen als Uhren klassifiziere, kann ich mir diese Klassifikation durch eine Definition bewusst machen, indem ich mich frage, welche Gegenstände ich der entsprechenden Klasse zuordne. Die Definition ist dann eine Explikation meiner Klassenbildung, die beschreibt, welche Gegenstände ich als Uhren bezeichne. Diese Definition sagt aber nicht, was eine Uhr IST, sondern beschreibt eine Operation des Sortierens. Wenn ich beispielsweise zwanzig Uhren und zehn Aepfel vor mir habe, kann ich mich fragen, wie ich die Uhren als Uhren von anderen Gegenständen unterscheide.

Dieses kategorielle Bestimmen setzt Gegenstände vorraus und natürlich einen Beobachter, der diese Gegenstände als solche wahrnimmt. Differenziell kann jedes kategorielle Bestimmen aufgelöst werden. Ich könnte – etwa wie N. Luhmann – behaupten, dass es keine Uhren und keine Gegenstände gibt, weil es auch keine Beobachter gibt. Dabei würde ich durch eine Theorie argumentieren, die beispielsweise nur Kommunikationen zulässt, so dass Uhren nur als Uhren in Gesprächen erscheinen, also nur vorkommen, weil darüber kommuniziert wird.

Die Vorstellung von gegebenen Dingen, die sich klassifizieren lassen, beherrscht zwar mein nicht reflektiertes Alltagsdenken,
aber sie reflektiert natürlich auch eine Theorie, die ich im Alltag unbewusst verwende. Diese Theorie mache ich mir in Form
einer Technologie, die Artefakte beobachtet, bewusst zugänglich. Alle klassifizierbaren “Dinger” werden dabei Verallgemeinerungen von materiellen Gegenstände, die hergestellt sind. Eine solche Technologie ist eine komplementäre Alternative zu Theorien, die nur oder vor allem Kommunikationen beobachten, weil sie eben anstelle von Kommunikation das Herstellen im Sinne eines toolmakings beobachtet.

Die Komplemetarität zeigt sich darin, dass Theorien, die die nur Kommunikation beobachten, keine Gegenstände erfassen können, also nichts zur Konstruktion von Maschinen und Computern sagen können und mithin das, was sie als Digitalisierung beschwören jenseits eines technischen Verständnis behandeln (müssen).

Wenn ich Texte als hergestellte Gegenstände begreife, beobachte ich natürlich gerade keine Hermeneutik und kein psychisches Verstehen oder Verstandenwerdenwollen, sondern eine mechanische Funktionsweise, in welcher Texte zur Strukturierung von Signalen hergestellt und verwendet werden. Ich schliesse damit an der kybernetischen Kernaussage von C. Shannon an, wonach Information keine “Bedeutung” hat. Diese Aussage von C. Shannon wird natürlich auch theorieabhängig gelesen. Wenn sie kybernetisch gelesen wird, wird sie auf einen Signal-Mechanismus bezogen, in welchem die Signale eine mechanische Funktion haben. Das Signal, das vom Thermostaten zur Heizung fliesst, hat natürlich eine Bedeutung für einen Beobachter der Heizung, aber es hat keine Bedeutung für die Heizung. Das heisst, dass ein Beobachter verstehen kann, wozu das Signal gut ist und wie es wirkt, dass aber die Heizung das Signal gar nicht als Signal wahrnehmen kann, weil sie gar nichts wahrnehmen kann.

Wenn von einem Text ein Signal in das Auge des Lesers fliesst – was eben die kybernetische Funktion des Textes ist – nimmt das Auge nichts wahr, sondern reagiert mechanisch mit der Umwandlung von Lichtsignalen in Nervenströme durch die Retina. Nur ein Beobachter kann die Signale als Signale erkennen.

Nochmals – innerhalb einer kybernetischen Theorie, die hergestellte Artefakte, also typischerweise signalgesteuerte Automaten beobachtet, hat materiell hergestellter Text die Funktion Signale zu strukturieren. Dieser Prozess spielt – kybernetisch gemäss C. Shannon – jenseits von Bedeutungen, die Beobachter den Signalen zuschreiben. Wenn ich im alltäglichen Sinne Text herstelle, kümmere ich mich gemeinhin nicht darum, dass ich mit dem Text Signale strukturiere, weil mein Alltagsbewusstsein mit dem Text Bedeutungen verbindet – die der Text – in einer konstruktivistischen Perspektive – gerade nicht hat.

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