Author Archives: Rolf Todesco

Kybernetik definieren – oder wer hat Angst vor Definitionen? (Teil2: (m)eine Definition)

Nachdem ich zuvor ein paar Anmerkungen zum Stellenwert (m)einer Definition zur Kybernetik gemacht habe, folgt hier nun die “Definition” mit einer weiteren Vorbemerkung:

Mit der Wortendung “-ik” verweise ich in diesem Fall wie etwa bei Technik auf eine relative Indifferenz zwischen Gegenstand und Widerspiegelung, die ich dann durch die Wortendungen “-logie” in Kybernologie aufhebe, weil ich damit im Sinne eines re-enrtys eine Lehre zur Kybernetik bezeichne, die im Ausdruck Kybernetik mitgemeint ist.

Als Kybernetik bezeichne ich den spezifischen Teil der Technik, in welchem es um die artefaktischen Verfahren geht, die ich als Regelung von Mechanismen bezeichne. Kybernetik entwickelt Automaten und das dazu notwendige Knowhow, während Technik sich mit allen Artefakten befasst.

Als Definition führt diese Formulierung “Technik” als Oberbegriff (Genus proximum) und die “Regelung” als Kriterium (Differentia specifica) ein. Was für Technik gilt, gilt auch für Kybernetik.

Im Kontext der Theorie sehe ich den Sinn der Kybernetik in der Entwicklung der Kybernologie, also in der Entwicklung des praktischen und begrifflichen Wissens darüber, wie die Regelung überhaupt funktioniert. Die Entwicklung von immer komplizierteren Mechanismen erlaubt
• die praktische Lösung von technischen Problemen und
• die Erklärung von immer komplexeren Phänomenen.

Ein geflügeltes Wort sagt, dass Kybernetik nicht fragt, was dieses Ding ist, sondern wie es funktioniert (Ashby1974, S,15). Diese Differenz bezeichnet den Unterschied zwischen Zeichnung und Beschreibung und bezieht sich darauf, dass Maschinen – deren Funktionsweise sich in der Zeit konstruktiv nicht indentiert verändert – durch statische Abbildungen wie Zeichnungen hinreichend charakerisiert werden können, während die Regelung nur sprachlich dargestellt werden kann. Konstruktionspläne zeigen, was das “Ding” ist. Automaten dagegen, deren Eigenzustände von deren Geschichte im Sinne vorangehender Eigenzustände abhängig sind, können durch Zeichnungen nicht hinreichend dargestellt werden. Sie müssen “sprachlich”, etwa durch Programmiersprachen beschrieben werden.

Kybernet-ik umfasst in diesem Sinn das Teilgebiet Informat-ik, das sich mit eigentlicher Programmierung befasst.

Beispiel

Das Steuern eines Schiffes kann als Regelungsproblem aufgefasst werden. Der Steuermann (der griechisch Kybernetes heisst) reagiert mit seinene Anweisungen auf die Angaben über die Zielabweichungen, die er vom Lotsen bekommt.

Ein anderes typisch kybernetisches System ist eine durch einen Thermostaten geregelte Heizung. Mit einem Thermostat vergleiche ich den Istwert eines Thermometers mit einem Sollwert, der als gewünschte Temperatur eingestellt wird. Eine Diskrepanz zwischen diesen beiden Werten veranlasst den Thermostaten dazu, die Heizung so zu regulieren, dass der Ist-Wert den Soll-Wert anstrebt.
Mit demselben Mechanismus erklärt die Kyberetik auch die Regelung der Körpertemperatur eines Tieres, weshalb N. Wiener von welchem der Ausdruck stammt, im Untertitel seines Buches von einer “Regelung und Nachrichtenübertragung im Lebewesen und in der Maschine” gesprochen hat (Cybernetics or control and communication in the animal and the machine).

Begriffsgeschichtlicher Hintergrund

An einer Macy-Konferenz einigete sich die damalige, von der us-amerikanischen Armee finanzierte Wissenschaftsgemeinschaft darauf, den wienerschen Ausdruck “Kybernetik” als Er-Satz für die explizite Umschreibung “zirkulär-kausale und Rückkoppelungsmechanismen in biologischen und sozialen Systemen” zu verwenden.
Ich kann nirgendwo Hinweise darauf finden, dass die Kybernetikgesellschaft den Übergang von Wissenschaft zu Engineering bewusst reflektierte.

N. Wiener wählte den Ausdruck “Kybernetik” in wissenschaftshistorischer Anlehnung an das von C. Maxwell 1868 beschriebene Beispiel für Rückkoppelungsmechanismen, einen Fliehkraftregler, den C.Maxwell ”Governor” nannte, weil er im Prinzip einen Schiffssteuermann ersetzen konnte (Kybernetes ist das griechische Wort für Governor, Wiener,1963:39). ”Governor” seinerseits wurde bereits von A. Ampère im Sinne von Plato für die politische Steuerung verwendet. Bei Plato, der den Staat mit einem Schiff verglich, hiess der Steuermann Kybernetes (Ilgauds,1980,58f).
Reflexiv verlangt die Kybernetik dir Unterscheidung zwischen Funktion und Funktionsweise. Die Funktion hat N. Wiener Erkenntnisse zur Kommunikation und Kontrolle in Tier und Maschine bestimmt. Inhalt oder Gegenstand der Kybernetik ist die Konstruktion von Regelungskreisen und mithin Feedback in Systemen, die offen für Energie, aber geschlossen für Information, die also ‘informationsdicht’ sind (W. Ashby). Die Kybernetik fragt nicht: wie können wir etwas steuern?, sondern: wie können Systeme sich selbst steuern?

Zum Aspekt der eigentlichen Theorie, die ich Kyberno-logie nenne, will ich später noch mehr sagen.

Kybernetik definieren – oder wer hat Angst vor Definitionen? (Teil1: definieren)

Gemeinhin wird entgegen jeder statistisch erfassbaren Erfahrung unterstellt, dass Fachleute definieren, worüber sie sprechen. Auf der Website der AMERICAN SOCIETY FOR CYBERNETICS lautet der erste Link zur Sache “Defining ‘Cybernetics’”. Auf dieser Seite lese ich dann aber ohne Überraschung bei den meisten herbeizitierten Autoren, dass man Kybernetik nicht definieren könne.

Ich will diese vulgäre Vorstellung etwas auseinandernehmen. Sie beruht auf einer Sprachlosigkeit, die vor allem darin besteht, die eigene Sprache nicht zu reflektieren.

Zuerst beobachte ich die Aussage “dass man Kybernetik nicht definieren könne” durch die Unterscheidung zwischen MAN und ICH. Ich kann Kybernetik – unabhängig davon, was man kann und unabhängig davon, was Kybernetik wirklich ist – nicht so definieren, dass meine Definition für (alle) andere(n) Menschen in irgendeinem Sinne verbindlich sein müsste. Ich kann dagegen sehr genau darüber sprechen, wie ich den Ausdruck “Kybernetik” verwende. Dabei mache ich mich aber zum Subjekt. Das heisst, ich zeige, dass ich meiner eigenen Definition oft nicht folge, also widersprüchlich bin. Darin erkenne ich den Weg des dialogischen Lernens, in meinen Widersprüchen erkenne ich mein noch nicht entwickeltes Denken. Natürlich setze ich mich damit der Kritik durch andere aus. Wenn ich Kritik und Dialog vermeiden wollte, würde ich sagen, dass MAN – egal was – nicht definieren kann.

Dann beobachte ich die Aussage “dass man Kybernetik nicht definieren könne” durch die Differenz im Begriff Definition, die sich daraus ergibt, dass ich mit Definitionen Wortverwendungen vereinbare und zugleich Referenzobjekte der Wörter, also Sachen sortiere. Als Definitionen definiere ich nämlich Beschreibungen, die einen – inhaltlich gebundenen – Oberbegriff  und ein Kriterium einführen, um Gegenstände durch (Unter)-Begriffe zu klassifizieren (Genus proximum et differentia specifica). Ich definiere beispielsweise “Maschine”, in dem ich sage: Maschinen sind Werkzeuge (Oberbegriff), die durch nicht lebende Energie-Lieferanten angetrieben werden (Kriterium), das heisst, alle Maschinen sind Werkzeuge, aber nicht alle Werkzeuge sind Maschinen, sondern nur jene, die ein bestimmtes Kriterium erfüllen. Und selbstbezüglich definiere ich Definitionen als Beschreibungen (= Oberbegriff), die einen Oberbegriff und ein Kriterium einführen (= Kriterium).

Auf der differenziellen Seite der Vereinbarung des Ausdruckes verwende ich die Definition als Umschreibung für einen Begriff, das heisst, ich vereinbare den Ausdruck, den ich als Er-Satz für eine Definition verwende. Der Ausdruck “Maschine” steht dann anstelle eines Satzes, mit welchem ich dasselbe meine. Sinn der Definition ist aber nicht nur die Vereinbarung eines Ausdruckes oder die Erläuterung dessen Verwendung, sondern gleichzeitig die pragmatische Klassifizierung von Gegenständen. Wenn es mir nur um die Verwendung von Wörtern geht, kann ich dies auch jenseits von Definitionen vereinbaren. Ich kann beispielsweise auf einen Tisch zeigen und Tisch sagen, wobei ich unglaublich viel impliziere, aber trotzdem erfolgreich sein kann, wenn andere Menschen meine Implikationen wie auch immer teilen.

Durch meine Definition der Maschine sortiere ich die Gegenstände, die ich als Werkzeuge bezeichne. Einige Werkzeuge nenne ich Maschinen, weil sie bestimmte Kriterien erfüllen, die ich in meiner Definition als Bestimmung und Abgrenzung verwende. Danach kann ich umgekehrt sagen, dass eine Maschine ein Werkzeug ist, das bestimmte Bedingungen erfüllt. Ich definiere, um  Gegenstände zu klassifizieren, und verwende nachher die Definition, um die vereinbarte Klassenbezeichnung (etwa “Maschine”) zu erläutern.

Natürlich macht diese Definition nur Sinn, wenn ich weiss, was ein Werkzeug ist. Sortieren oder klassifizieren ist kein sprachlicher Akt, sondern eine pragmatische Handlung, durch welche ich Gegenstände quasi in die eine oder in die andere Schublade lege, also Mengen bilde. Meine Definitionen sind Aussagen darüber, wie das mache. Indem ich Definitionen mache, mache ich mir mein Sortieren bewusst und eben auch, wo ich mit meinem Sortieren anstehe, weil die Kategorien nicht zu meinen Handlungen passen.

Gegen diese Definition des Definierens gibt es zwei vulgäre Einwände. Der eine Einwand lautet, dass das Verfahren rekursiv sei und deshalb am jeweiligen Anfang – also am letzten Oberbegriff – scheitern müsse. L. Wittgenstein etwa hat im blauen Buch so argumentiert. Der andere Einwand sagt, dass solche Definitionen nur in Bezug auf sortierbare Gegenstände, also auf Dinge, die in Schubladen passen, anwendbar seien. Man könne sagen, dass Tiger Katzen und Häuser Gebäude seien, weil man Tiger und Häuser anfassen und mithin als Gegenstände genau abgrenzen könne. Beide Einwände sind formal, tun so, als ob Sprache und mithin Aussagen oder Beschreibungen jenseits einer materiellen Paxis denkbar wäre. Wenn ich etwas beschreibe oder definiere, beziehe ich mich aber auf eine Praxis, ohne deren Widerspiegelung meine Beschreibung sinnlos wären. Wenn ich über Technik oder über Kybernetik spreche, dann in der Gewissheit, was ich mit einem Hammer oder einem Computer mache, sozusagen als toolmaking animal, das seine Sprache erst entwickelt.

Ich kann sagen, worauf –  auf welche Praxis – ich mich mit dem Ausdruck “Kybernetik” beziehe, ob ich damit “Kybernetik” definiere oder nicht, ist mir egal. Wenn ich sagen müsste, dass mir selbst unklar ist, was ich als Kybernetik bezeichne, dann würde ich das Wort so markieren oder gar nicht verwenden.
Was ich als Kybernetik bezeichne, schreibe ich im nächsten Beitrag.

Reverse Engineering – Re-Engineering

ich halte sehr wenig von solchen Wikipedia-Ideologien, aber hier dienen sie mir um einen markanten Unterschied zu erläutern. Einmal ist von Engineering die Rede und auch Engineering gemeint, das andere Mal ist von Engineering die Rede, aber Management gemeint, das sich mit “Engineering” wichtig machen will.

Das eine ist SAPisierung und das andere ist Ingenieursarbeit.

Reverse Engineering (engl., bedeutet: umgekehrt entwickeln, rekonstruieren, Kürzel: RE), auch Nachkonstruktion, bezeichnet den Vorgang, aus einem bestehenden, fertigen System oder einem meistens industriell gefertigten Produkt durch Untersuchung der Strukturen, Zustände und Verhaltensweisen, die Konstruktionselemente zu extrahieren. Aus dem fertigen Objekt wird somit wieder ein Plan erstellt. Im Gegensatz zu einer funktionellen Nachempfindung, die ebenso auf Analysen nach dem Black-Box-Prinzip aufbauen kann, wird durch Reverse Engineering angestrebt, das vorliegende Objekt weitgehend exakt abzubilden. Häufig wird versucht, zur Verifikation der gewonnenen Einsichten eine 1:1-Kopie des Objekts anzufertigen, auf deren Basis es grundsätzlich möglich ist, Weiterentwicklung zu betreiben.

Re-Engineering ist ein Konzept für die durchgreifende Änderung von Produktions-/Geschäftsprozessen in Betrieben. Das Resultat sind Verbesserungen in entscheidenden messbaren Leistungsgrößen in den Bereichen Kosten, Qualität, Service und Zeit. Re-Engineering bedeutet, altbekannte Vorgehensweisen aufzugeben und die Arbeit, die in den Produkten und Dienstleistungen eines Unternehmens steckt, aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten, sowie dem Kunden einen neuen Wert zu bieten. Im engeren Sinne bedeutet Re-Engineering die Umformung zu einem ganzheitlichen Arbeitsverfahren, bei dem tayloristische Elemente weitgehend verschwinden. So werden zum Beispiel die Materialbeschaffung, die Produktion, das Marketing und der Versand zusammengefasst und nicht mehr in getrennten Abteilungen oder Abläufen abgewickelt.

Inwiefern sind Programmiersprachen Sprachen?

Im Funktionssystem der Technik spielt die Programmiersprache eine entscheidende Rolle. Es gibt kaum mehr eine technische Entwicklung, die nicht durch Computer unterstützt oder gar ermöglicht wird. Die Programmier-Sprache ist eine eigenständige Erfindung, die die massenhafte Verbreitung der Computer überhaupt erst möglich machte. Die Programmiersprache entspricht in gewisser Hinsicht dem Buchdruckes von Gutenberg oder dem Benzinmotores von Otto, die beide eine bereits vorhandene Ware, nämlich das Buch und das maschinell angetriebene Fahrzeug massentauglich machten. Wenn wir die Computer – wie in den Anfängen – ohne Programmiersprachen programmieren müssten, würden sie heute noch in den Forschungslaboratorien statt auf jedem Schreibtisch stehen.

Computer sind programmierbare Automaten, und in ihrer entwickelten Form werden sie durch Programme programmiert, die ich einer Programmiersprache wie etwa Cobol oder Pascal zurechne. Computerprogramme werden als Texte in einer Programmiersprache geschrieben. Als “Schweizer” könnte man bezüglich der Programmiersprache fragen, wer hat “es” erfunden? Ich habe diese Frage einmal K. Zuse gestellt, worauf er in der ihm eigenen Selbstverständlichkeit antwortete: “Ich”, was mir auch zeigte, dass er die Frage gar nicht verstanden hat.

Die Frage, die ich jetzt stelle, ist etwas subtiler: Was hat der Erfinder der Programmiersprache erfunden. Eine erste Antwort lautet: Es gibt DIE Programmiersprache gar nicht, es gibt nur ProgrammierspracheN. Cobol und Fortran gehören zu den ersten Programmiersprachen, die als solche bezeichnet wurden. Die Entwickler dieser Programmiersprachen sagten explizit, dass man von einem Programmierer nicht erwarten könne, dass er so komplizierte Maschinen begreifen könne. Deshalb kann von einem Programmierer kaum verlangt werden, dass er über die zu verwendende Zahlendarstellung oder gar über die Eigenschaften der Speichervorrichtung entscheidet. Man wollte das Programmieren so einfach machen, dass auch weniger begabte Menschen diese Tätigkeit ausführen können. Nachdem die Entwickler Fortran geschaffen hatten, erkannten sie, dass es zuvor schon eine Art Computersprache gab, die sie dann im Unterschied zu der “höheren” Computersprache als Maschinensprache bezeichneten.

K. Zuse hat seine “Programmiersprache” erst viel später überhaupt veröffentlicht, nämlich erst als praktisch jedermann erkannt hatte, wie wichtig die Programmiersprache ist – was er als vermeintlicher Erfinder offenbar nicht gemerkt hat. Er sprach aber auch dann noch von einem Kalkül und nicht von einer Sprache – was die Sache wohl auch heute noch besser bezeichnen würde.

Das Anliegen der IBM-Intelligenzia – die K. Zuse auch in jeder anderen Hinsichht den Rang abgelaufen hat – war gerade nicht eine treffende Bezeichnung für den Sachverhalt zu finden, sondern viel mehr im Gegenteil für kognitiv nicht sehr belastbare Fliessbandprogrammierer eine idiotensichere Metapher zu prägen. Die “Programmiersprache” Cobol – die IBM-komerziell noch viel erfolgreicher war als Fortran – wurde bewusst möglichst “sprach-ähnlich” konzipiert. Erst sehr viel später dämmerte die Einsicht, dass Programmiersprachen einer eigene Logik gehorchen, die pädagogisch gerade durch Programmiersprachen vermittelt werdenmuss. Die Programmiersprache Pascal wurde an der Hochschule zur Ausbildung einer kognitiv hochschultauglichen Programmierelite entwickelt. Im soziologischen Fachjargon wechselte genau in dieser Zeit die Einschätzung darüber, wie sich die Automatisierung auf die Qualifikations der Arbeitenden auswirkt. Vorher glaubten die Soziologen – wie die IBM-Informatiker – dass Automatisierung zu einer Dequalifikation führe, nachher glaubten sie wie die Hochschul-Informatiker, dass die Qualifikation zunehme.

Als Erfindung teilt die Programmiersprache das Schicksal vieler genialen Erfindungen. Sie liegen im Nachhinein so sehr auf der
Hand, dass sie gar nicht als Erfindungen wahrgenommen werden. Der naiv interpretierte Wortteil “-sprache” verleitet zusätzlich zur
Annahme, dass Programmiersprachen wie unsere Sprachen zwar konkret geformt sind, aber als Sprache überhaupt immer schon da waren. Die Sprache kennt ja auch keine Erfinder. In diesem Sinne werden Programmiersprachen auch oft als künstliche Sprachen bezeichnet, wobei das Attribut “künstlich” nicht auf die Sprache als erfundenes Produkt bezogen wird, sondern lediglich darauf, dass die Syntax oder die Form der Sprache eindeutig und eingeschränkt ist.

Die Frage, worin die Erfindung DER – begrifflich gemeinten – Programmiersprache besteht, kann ich für jede einzelne oder jede konkrete Programmiersprache beobachten. Ich frage dazu, was ich beim Programmieren egal in welcher Sprache mache. Vordergründig schreibe ich Texte. Aber eigentlich lege ich die Steuerung eines Prozessors fest. Ich richte den Prozessor so ein, dass sein Schaltungszustand ganz bestimmte Sequenzen durchläuft. Als primitivste Form eines Programmes betrachte ich die Nockenwalze einer Musikdose. Wenn ich eine solche Nockenwalze herstelle, schreibe ich nur sehr bedingt einen Text. Ich stecke vielmehr die Nocken an die richtigen Stellen der Walze. Ich kann in einer Spieldose – was üblicherweise gemacht wird – die tongebenden Zungen so angeordnen, dass sie eine Tonleiter bilden. Dann muss ich die Nocken auf der Walze so setzen, dass sie die Tonzungen in der richtigen Reihenfolge bewegen, damit eine bestimmte Melodie zu hören ist.

Wenn ich die Tonzungen nach der Tonleiter anordne, bestimme ich, wie die Nocken für eine bestimmte Melodie angeordnet werden

müssen. Ich kann aber natürlich umgekehrt zuerste die Nocken auf der Walze anordnen und damit die Anordnung der Tonzungen für eine bestimmte Melodie bestimmen. Das scheint zunächst ein relativ unsinniges Verfahren darzustellen, es ist aber genau dieses Verfahren, dass der Programmiersprache zugrunde liegt. Die Idee – nachdem man sie einmal hat – ist ganz einfach. Ich baue die Maschine so, dass die Programmierung einfach wird. Die Maschine wird dabei erheblich komplizierter, aber das Programmieren wird dafür erheblich einfacher.

Jetzt stellt sich die Frage, inwiefern das Programmieren einfacher gemacht werden kann, erneut. Und wieder besteht die Vereinfachung in einer memotechnischen “Spachähnlichkeit”, die ich anhand eines Beispiels illustriere. Eine Stadt könnte so gebaut werden, dass ein Pilot lesen kann, lesen kann, wie sie heisst, wenn er über die Stadt fliegt. Man würde dazu die Häuser entsprechend anordnen, so wie man Nocken auf der Musikwalze beliebig anordnen kann, wenn die Tonzugen erst nachher angeordnet werden. Die Stadt wär durch eine solche Anordnung der Häuser kaum betroffen und die Menschen in der Stadt würden davon kaum etwas mitbekommen. Nur die Piloten könnten sich leichter orientieren.Ich habe einen Video von einem Piloten, der während des Anfluges auf Aosta in Italien den Fluggästen sagt, dass er im Begriff ist, in Sitten im Wallis zu landen, wohin der Flug eigentlich auch gehen sollte.

Der Steuerungsmechanismus eines Computers kann so eingerichtet werden, dass die Programmierung in diesem Sinne sekundär lesbar wird. Eine Addition von zwei Zahlen wird dann beispielsweise durch ein Programmteil bewerkstelligt, dass die “Nocken” so angeordnet hat, dass ADD lesbar wird. Der Anschaulichkeit halber, kann man sich Lochkarten vorstellen, deren Löcher nach dem Muster von Buchstaben verteilt sind. Dabei lege ich also zuerst die Programme fest und konstruiere die Maschine dann entsprechend, dass die Programme die richtige Melodie spielen.

Als Programmiersprache erscheint so ein entsprechend eingerichteter Prozessor. Die Programmiersprache ist also eine Maschine, die es mir erlaubt, Programme herzustellen, die ich als Texte lesen kann. Die Maschine versteht oder interpretiert also keine Programmiersprache, sie IST die Programmiersprache. Die Programmiersprache hat demnach mit Sprache nichts zu tun – was K. Zuse ahnte -, als Programmierer kann ich aber die Programme trotzdem wie Texte lesen.

Die “Technische Intelligenz” hat mit ihrer “Sprach”-Metapher einen inversen Grund gelegt, Sprache überhaupt zu verstehen. Nachdem ich verstanden habe, was eine Programmiersprache ist, kann ich die Richtung der Metapher drehen. Wir werden sehen.

Systemgrenze, kontextfreie Funktionsweise und operationelle Geschlossenheit

Normalerweise ist es in meinem Wohnzimmer im Winter unabhängig von der Aussentemeratur immer ungefähr zwanzig Grad warm, was ich mir mit meiner geregelten Heizung erkläre. Heute ist es aber in meinem Wohnzimmer seltsamerweise sau kalt – was ich mir auch mit meiner Heizung erkläre. Ich prüfe sofort, ob der Heizkörper kalt ist, um meine Erklärung, wonach die Heizung an der Kälte schuld ist, zu prüfen. Der Heizkörper ist kalt. Meine Heizung funktioniert offensichtlich nicht. Sie scheint kaputt zu sein.

Ich gehe in den Keller, wo die Heizung neben einem Oeltank steht. Von der Heizung verstehe ich nicht so viel, dass ich ihr Funktionieren überprüfen könnte, aber ich sehe sofort, dass der Oeltank leer ist. Es könnte also sein, dass die Heizung im Prinzip funktioniert, aber nicht heizt, weil sie kein Oel hat. Ich rufe jedenfalls den Oellieferanten an, und nicht den Servicetechniker, der ohnehin als erstes fragen würde, ob Oel im Tank sei, wenn ich ihm sagen würde, dass die Heizung nicht funktioniert.

Jetzt überlege ich, was ich als Heizung bezeichne, wo sie mir normalerweise als Erklärung dafür dient, dass es in meiner Wohnung warm ist, und in speziellen Fällen – wie heute – als Erklärung dafür dient, dass es in meiner Wohnung kalt ist. Es geht dabei offenbar nicht um die Heizung, sondern darum, ob sie funktioniert oder nicht. Wenn ich die Heizung als Technik begreifen würde, ginge es bei aller Technik darum, ob sie gerade kaputt sei. P. Fuchs, der Luhmannschüler, hat das allen Ernstes so vorgeschlagen. F. Simon, ein anderer konstruktivistischer Erklärungsphilosoph, sagte einmal, er könne nicht erklären, warum seine Heizung funktioniere, er könne nur erklären, warum sie nicht funktioniere. Sie funktioniere beispielsweise nicht, wenn kein Oel im Tank sei, aber wenn Oel im Tank wäre, würde das Oel ihm natürlich nicht erklären, warum die Heizung funktioniere. “Technik” funktioniert oder nicht – aber natürlich nur für Philosophen, die den Versuch mit einer Oel-Heizung ohne Oel zu heizen als technisches Problem begreifen.

Statt über das Heizen ohne Brennmaterial nachzudenken, denke ich jetzt etwas über die Heizung als technisches Artefakt nach. Der Mechanismus einer thermostatengeregelte Heizung beispielsweise funktioniert so, dass die Temperatur eines Thermometers mit einer Solltemperatur verglichen wird. Wenn das Thermometer zu kalt ist, wird ein Ventil in der Oelzufuhr geöffnet, so dass Oel in den Brenner fliessen KÖNNTE, wenn welches vorhanden wäre.

Eine derartige Heizung kann ich kaufen und zusammen mit einem Oeltank in ein Haus einbauen. Dann kann ich – wenn ich es nicht vergesse – Oel kaufen und das Thermometer der Heizung ins Wohnzimmer stellen. Wenn dann die Lufttemperatur im Wohnzimmer zu kalt ist, wird der Thermometer auch kalt und die Oelzufuhr geöffnet, so dass Oel zum Brenner fliesst, der dann natürlich brennen, respektive angezündet werden muss, was einer Reihe weiterer konstuktiven Voraussetzungen entspricht.

Dieselbe Heizung kann ich aber auch auf den Mond stellen oder im Meer versenken. Das betrifft ihre Funktionsweise in keiner Hinsicht. Auf dem Mond oder im Meer macht die Heizung vielleicht nicht gerade viel Sinn, aber die Funktionsweise ist kontextfrei, auch auf dem Mond öffnet sich das Ventil bei einer bestimmten Temperatur des Thermometers, weil die Heizung so konstruiert ist. Wenn ich die Heizung im Haus, aber kein Oel im Tank der Heizung habe, funktioniert die Heizung als Mechanismus trotzdem perfekt. Wenn der Thermometer zu kalt ist, öffnet sie das Ventil in der Oelleitung, genau so, wie es vorgesehen ist. Dass die Heizung dann nicht heizt, hat mit der kybernetischen Funktionsweise des Heizungsmechanismus nichts zu tun.

Indem ich das System als Heizung bezeichne, bezeichne ich (auch) eine Verwendungsweise. Umgangssprachlich – oder in der Sprache einiger Technikphilosophen – sage ich die Funktion der geregelten Heizung ist ein temperaturabhängiges Heizen. Kybernetisch aber sage ich, die Funktion des Systems besteht darin, bei bestimmten Eigenzuständen des Systems ein bestimmtes Verhalten zu zeigen. Die Funktion des Teilsystems Thermostat besteht darin, ein Ventil zu steuern, die Funktion der Heizung besteht darin, in Abhängigkeit der Signale vom Thermostaten mehr oder weniger Oel zu verbrennen – was auf dem Mond kaum merklich heizen würde. Wenn das Thermometer im Wohnraum steht, wird es seine Temperatur der Lufttemperatur des Wohnraumes anpassen. Wenn ein Lausbub aber eine Kerze neben das Thermometer stellt, fällt die Temperatur im Wohnzimmer zusammen, gerade weil die Heizung funktioniert.

Dass die Temperatur des Thermometers mit der Temperatur seiner Umwelt korrespondiert ist ein naturgegebenes Verhältnis, das nicht zum Mechanismus gehört, sondern mittels des Mechanismus benutzt wird. I. Newton sagte: “hypothesis non fingo”. Ich übersetze den Satz mit: Ich bastle keine sinnlose Begründungen. Was die Heizung in Abhängikeit des Thermometers macht, weiss ich konstruktiv genau. Dazu brauche ich keine Hypothese, weil ich die Heizung ja konstruiert habe. Über den Grund der Temperatur des Thermometers müsste ich dagegen Hypothesen machen, was ich durch die Regelung ja genau verhindern will. Meine Heizung soll einfach immer ragieren, egal weshalb das Thermometer wie warm ist: hypothesis non fingo.

Kybernetische Systeme sind informationsdicht oder operationell geschlossen. Das heisst, sie reagieren auf ihre Eigenzustände, nicht auf die Umwelt. Die Heizung reagiert auf den Zustand des Thermometers, welches konstruktiv zur geregelten Heizung gehört. Die Funktionsweise eines kybernetischen Systems beschreibe ich, indem ich diejenigen Operationen beschreibe, die im Mechanismus konstruktiv vorgesehen sind. Dass die Heizung mit dem Älterwerden rostet, interessiert hier also wie ob Oel im Tank ist nur relativ zur gewählten Systemgrenze.

Natürlich kann ich kybernetisch ein System beobachten, in welchem Heizungsbesitzer und Oellieferenten vorkommen. Ich kann den Heizungsbesitzer als Differenzglied des Systems beobachten, dass die Oelmenge kontrolliert und bei Abweichungen vom Sollwert entsprechende Massnahmen beim Oellieferenten auslöst. Die Kybernetik sagt nicht, welches System ich beobachten soll. Sie legt nur fest, wie ich das gewählte System beobachte, nämlich als kontextfreien und operationell geschlossenen Mechanismus.

In meiner kybernetischen Perspektive würde ich sagen, dass ich genau dann Technik beobachte, wenn ich kybernetisch beobachte.

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