Category Archives: Konzeptualisierung von Technik

Sommer-Programm: Autopoiesis

Anknüpfend an die gerade laufende Diskussion zu “Technik als einem möglichen System der autopoetischen Artefakt-Produktion” möchte ich folgendes Sommer-Programm vorschlagen. Zu jedem Thema sind dabei ein oder mehrere Blogpost(s) möglich:

Leitfragen:
F1: Kann das AP-Konzept von M/V mit Blick auf die unten erwähnten Prüfkriterien direkt auf Technik (im obigen Sinne) angewandt werden?
F2: Kann das AP-Konzept grundlegend reformuliert werden, so daß es auf Technik anwendbar ist?
F3: Sollte das AP-Konzept fallen gelassen werden bspw. zugunsten von “Allopoiesis”? (siehe Thema 2)

Thema 1: Das Konzept der  “Autopoiesis” von Varela / Maturana   und seine mögliche Übertragbarkeit auf obiges Technik-System 

Autopoiesis-Bestimmung und -Beispiel [URL: http://koloss3.mykowi.net/index.php?option=com_content&view=article&id=246&Itemid=38]

“Das Konzept der Autopoiesis bezeichnet nach der Intention von Maturana und Varela Selbstschaffung bzw. Selbstproduktion und bezieht sich auf eine allgemeine biologische Beschreibung von Leben. Maturana und Varela subsumieren unter Autopoiesis das Organisationsprinzip alles Lebendigen und vertreten die Ansicht, dass alles Leben dahingehend autopoietisch organisiert und strukturiert ist, dass es sich als geschlossenes Netzwerk von Elementen in rekursiver Bezüglichkeit selbst hervorbringt, selbst reproduziert und selbst organisiert. Grundlegend ist demnach jedes autopoietische System ein geschlossenes, autonomes System innerhalb einer spezifischen Umwelt, mit der es keine Austauschbeziehung eingeht, sondern vielmehr im Modus der Perturbation und strukturellen Kopplung steht. Jedes autopoietische System, also auch die Zelle, ist energetisch und materiell offen und gleichzeitig operationell, organisationell und informationell geschlossen.
Die Teilung und Selbststrukturierung der Zelle vollzieht sich wie folgt:
Die eigentliche Zellteilung wird durch die Mitose (Kernteilung) eingeleitet. Hierbei ziehen sich die im Zellkern befindlichen Chromosomen, die die DNS tragen, zunächst stark zusammen, was sie unter einem guten Lichtmikroskop sichtbar macht. Jedes Chromosom besteht aus zwei Chromatiden, die am sogenannten Centromer verbunden sind. Nun wandern die Centriolen, aus Mikrotubuli gebildete Zellteilchen, an entgegen gesetzte Enden der Zelle und bauen den ‘Spindelapparat’ auf. In dessen Äquatorialplatte ordnen sich die Chromosomen an, senkrecht zu den Centriolen. Die Kernhülle ist nunmehr verschwunden. An den Centromeren setzen jetzt die Spindelfasern des Spindelapparates an und ziehen die Chromatiden eines Chromosoms zu den entgegen gesetzten Centriolen. So sind an beiden Enden der noch einen Zelle zwei identische Chromosomensätze angelangt. Neue Kernhüllen bilden sich, der Spindelapparat wird aufgelöst, und eine neue Zellwand wird gebildet, die die nun kompletten Zellkerne trennt und so aus der einen Mutterzelle zwei Tochterzellen macht, die zur gleichen Größe der Urzelle heranwachsen.”

Zu prüfende Kriterien für Autopoiesis nach M/V [aus dem Wikipedia-Artikel “Autopoiesis”, URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Autopoiesis]:
“Um ein autopoietisches System zu sein, muss eine Einheit die folgenden Merkmale erfüllen:

  • Sie hat erkennbare Grenzen.
  • Sie hat konstitutive Elemente und besteht aus Komponenten.
  • Sie ist ein mechanistisches System: Die Relationen zwischen den Komponenten bestimmen die Eigenschaften des Gesamtsystems.
  • Die Komponenten, die die Grenze der Einheit darstellen, tun dies als Folge der Relationen und Interaktionen zwischen ihnen.
  • Die Komponenten, die die Grenze der Einheit darstellen, werden produziert von Komponenten der Einheit selbst oder entstehen durch Transformation von Elementen, die keine Komponenten sind, durch Komponenten.
  • Alle übrigen Komponenten der Einheit werden ebenfalls so produziert oder sind anderweitig entstandene Elemente, die jedoch für die Produktion von Komponenten notwendig sind.

Maturana und Varela wollten mit diesem letzten Punkt die Tatsache betonen, dass Organismen zwar Substanzen aus der Umwelt in sich aufnehmen, diese dabei jedoch sofort in verwertbare Baustoffe umwandeln. Substanzen dagegen, die für die Selbstreproduktion des Organismus keine Bedeutung haben, werden vom Organismus sozusagen ignoriert.”

In diesem Kontext wäre auch Originalliteratur von M /V  zu prüfen.

Thema 2: Technische Produktion als Allopoiesis? 

Eine Allopoiesis-Definition aus Principia Cybernetica Web, URL: http://pespmc1.vub.ac.be/ASC/ALLOPOIESIS.html
“the process whereby an organization produces something other than the organization itself. An assembly line is an example of an allopoietic system. See autopoiesis. (Francisco Varela)

The process of producing material entities other than those required for producing them. Most industrial production processes are allopoietic: An assembly line may produce cars but not the machines used in this form of production. Even reproduction in biology is allopoietic because the offsprings are materially distinct from the parent organism and occupy different spaces. Reproduction is not self-production. The primary value of the concept of allopoiesis is that it contrasts with autopoiesis.”

Thema 3: Ist das “Technium” von Kevin Kelly ein Fall von Autopoiesis?
URL: http://www.kk.org/thetechnium/

Thema 4: Kann die Autopoiesis von Technik u.U. mit der Maschinenkonzeption von Félix Guattari (re-)formuliert werden?

Thema 5: Sollte die Produktion technischer Artefakte (auto- / allopoietisch) gekoppelt werden mit “technischer Kommunikation” (inkl. dem Prozessieren zugehöriger Formen wie Konstruktionsanweisungen / -zeichnungen, Bauplänen, Modellen, etc.)? [Hier wäre dann auch eine Verbindung herstellbar zu Technik als einem “Funktionssystem” (im Bielefelder Sinne)]

Fallbeispiel: Die Erstellung einer modellgetriebenen Service Component Architecture-(Mini-)Anwendung (von requirements-Dokumenten über BPMN-Modelle hin zu exekutierbarem Code)

Thema 6: Welche Artefakte gehören zu Technik? Das Beispiel “Architektur”

Thema 7: Technik-Autopoiesis, selbstreplizierende Maschinen und artificial life

Schlußbetrachtung im Hinblick auf die drei Leitfragen

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Technik als soziales Funktionssystem / Technik als autopoietisches System sui generis

Nachfolgend einige Überlegungen zur gerade ablaufenden Diskussion zu “Technik als autopoietischem / autogenerativem Prozeß  / System sui generis” 

Vielleicht müßte man die Technik-als-Autopoiesis-Konzeption nochmals vom Konzept der “selbstreplizierenden Maschinen” (auch mit Blick auf “zelluläre Automaten” und “artificial life”, siehe z.B. http://www-gs.informatik.tu-cottbus.de/al_v05b.pdf) her denken:
“John von Neumann war aus Sicht der Informatik einer der ersten, der in den 1940er Jahren wissenschaftlich fundierte Überlegungen zu einem hypothetischen, replikationsfähigen Roboter anstellte. Dieses rein theoretische Konzept war praktisch jedoch nicht umsetzbar. 1953 entwickelte er daher die Theorie selbstreproduzierender Automaten (nach seinem Tod von Burks im Jahre 1966 als Theory of Self-reproducing Automata herausgegeben), als ein mit Computertechnologie umsetzbares Modell für eine softwarebasierte Lösung von Selbstreplikation.
Künstliche selbstreplizierende Software erschien zum ersten Mal in den Sechziger Jahren, und vermehrte sich in späteren Jahrzehnten sehr schnell in Form von Viren, Würmern und vor allem bei Programmen, die sich mit künstlichem Leben befassten.” [aus Wikipedia:  http://de.wikipedia.org/wiki/Selbstreplikation]
Das heißt die Trias von “Tool – (einfacher) Maschine – Automat / programmierbarer Maschine” könnte erweitert durch: auto- / hetero-replikative Maschinen (Maschinen, die sich selbst und andere Maschinen erweitern bzw. herstellen können. Stichworte: artificial life, Agentensimulationen, zelluläre automaten, evolutionäre Algorithmen, Nanotechnologie). Und man könnte dann von Letzterem her versuchen, eine Art “Autopoiesis” und “Evolution” von Technik als generativem Prozeß zu beschreiben.

Ich könnte mir vorstellen, daß Technik als mögliches “autopoietisches System der Artefaktproduktion” konzipiert werden könnte auf der Basis von
1) Prozessoren als:
a) Humanprozessoren im Sinne von Polysystemen (z.B. als Bewußtsein, Psyche = Wahrnehmungsverarbeitung und diversen biologischen Systemen), wobei das aus Bielefelder Sicht einer klassischen Akteursvorstellung entspricht, die in Frage zu stellen wäre.
b) Maschinellen Prozessoren: Softwareagenten, Robotern, etc. – auch dann als selbstreplikative Maschinen
2) Handlungen: etwas [auch sich selbst] konstruieren, (zusammen)bauen, produzieren, etc.
Wenn aber nun solche Handlungen, die auf humane und nicht-humane Prozessoren bezogen werden, “simplikatorisch” sein sollten (analog zu Mitteilungshandlungen in der Kommunikation als Dimension sui generis), worin besteht dann die nicht-simplikatorische Eigenheit “technischer Operationen”? Im Fall von Kommunikation ist das die IMV-Trias, wobei bei der Fokussierung auf bloßes Mitteilungshandeln gerade das Verstehen ausgeklammert wird.
3) anfallenden Artefakten: Freilich spräche wohl nichts dagegen hier einen “erweiterten” Artefaktbegriff zu benutzen, der bspw. auch Schallwellen-Formung im Sinne der Artikulation von Lauten einschließt, weil m.E. die Differenz von Persistenz-Flüchtigkeit  keine “trennscharfe” Differenz ist, sondern auf ein “Spektrum” mit diversen Graden der Persistenz und Flüchtigkeit verweist.
4) Dabei müßte die Relation zu “sozialer Kommunikation”geklärt werden. Das ist m.E. die Ebene, auf der Du “Technologien” ansetzt (= Prozessieren von technikbezogenem Wissen, was ich u.a. als das Prozessieren von Formkomplexen im Sinne von Konstruktionsanweisungen, -zeichnungen, DIN-Normen, Stücklisten, Bauplänen, etc. bezeichnen würde).
Es wäre dann vielleicht von einer Art “Orthogonalität” (sensu: log. Unabh.) von Technik- und Sozialdimension (und Mediendimension) auszugehen. Oder um das bekannte xyz-Achsenmodell aus der Mathematik heranzuziehen: x-Achse: Soziales, y-Achse: Mediales, z-Achse: Technisches ->
a) Technische Kommunikationen, die entspr. Medien-Formkomplexe  (-> Deine Ebene der “Technologien”)  prozessieren und ein eigenes (kommunikatives) Technik-Funktionssystem bilden könnten.
b) Nicht-kommunikative, technische Herstellungsoperationen, bei der die jeweiligen Artefakte anfallen.
5) Zwischen 4a) und 4b) könnten dann Wechselbeziehungen bestehen wie:
a) Artefakte / Herstellungsoperationen irritieren technische Kommunikationen: Erstere werfen bspw. Probleme auf, die in technischen und nicht-technischen Kommunikationen (ggf. nach entspr. Transformation der Probleme) behandelt werden.
b) Artefakt-Benutzung kann Kommunikation und das Problem der Überzeugung teilweise <strong>ersetzen </strong>, z.B. indem Software-Agenten direkt miteinander etwas aushandeln – ohne menschliche Intervention.
c) Technische Kommunikationen konditionieren / orientieren via Formkomplexe ( z.B. als Baupläne, die technisch realisiert werden) Herstellungsoperationen / Artefakt-Produktionen (und die Artefakt-Benutzung),
6) Es wären dann auch Sozio-, Technik- und Medien-Evolutionen aufeinander zu beziehen – u.a. mit Blick auf die Mechanismen von “Variation, Selektion, Retention”

Fazit:
Ein soziales / kommunikatives Funktionssystem “Technik” könnte in Beziehung stehen zu einem nicht-kommunikativen System (keinem Funktionssystem) “Technik” als Artefakt-Genese. Vielleicht sollte dabei die Autopoiesis-Konzeption von M-V durch die Brille von Ansätzen des artificial life, der maschinellen Selbstreplikation, etc. gelesen werden.
Andere Option: Statt einem eigenen “Technik”-System die artefaktischen Verhältnisse als “Medium-Form-Komplexe” (-> Kausalitätsmedien) konzeptualisieren.
Ich muß wohl einige Zeit investieren, um diese ganzen Themenkomplexe [gerade auch zu artificial life, cellular automata (die sich wohl mit der LoF-Theorie koppeln lassen), Dein “Technische Intelligenz”-Buch, etc.] zu studieren, damit ich klarer sehe. Aber da ich nur ein begrenztes Zeitbudget habe, wird das wohl seine Zeit dauern.
@Rolf: Solltest Du  bereits Deine “technische Autopoiesis”-Konzeption ausgearbeitet haben, so wäre es schön, wenn Du sie demnächst online stellen könntest. Ich habe gestern zwar noch etwas in Deiner Hyperkommunikation-Bibliothek herumgestöbert, bin aber nicht so recht fündig geworden.

~Peter

Einige Überlegungen zu essentialistischen Strategien

Im Artikel “Zur Problematik des ‘Possibilismus’. Der mögliche Rückfall der Systemtheorie in den Essentialismus” [siehe http://www.fen.ch/texte/gast_bormann_possibilismus.pdf] habe ich vor ca. zehn Jahren das ontologisch-essentialistische Beobachten als “einen” Abstraktionsmodus [besser: eine offene Vielzahl  essentialistischer Strategien] charakterisiert, bei dem nicht-geschlossene (nicht-)sprachliche Unterscheidungsnetzwerke auf eine abstrakte Gemeinsamkeit zurückgeführt werden. Das kann bedeuten, daß
* nach dem “Wesen” (“der” Bedeutung, “der” Definition, etc.) von etwas gefragt wird
* oder ein Begründendes (eine transzendentale Möglichkeitsbedingung, ein Zentrum, ein Ursprung, etc.) unterstellt wird, das als variierende Erzeugungsmatrix für Operationsprodukte / Ereignisse fungieren kann.
Derrida hat ausgearbeitet, daß diesem Begründenden ein paradoxer Status zukommt: Einerseits muß es als Konstitutionsbedingung “außerhalb” des von ihm begründeten Unterscheidungsnetzwerks liegen, andererseits muß  es “innerhalb” dieses Netzwerks Wirkungen zeitigen. Klassische Beispiele sind:
* die Unterscheidung “Gott / Welt”, bei der Gott die Welt erzeugt haben soll, aber zugleich in der Welt “wirken” muß [zumal die Unterscheidung in der Welt getroffen werden muß – wo sonst?]. Daher kommt dann der interessante human-divine Doppelstatus bspw. von Jesus Christus in der christlichen Religion.
* Immanuel Kants transzendentale Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis [siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Transzendentalphilosophie].
Essentialistische Beobachtungsweisen sind freilich nicht auf Religion oder Philosophie beschränkt, sondern man findet sie in allen möglichen Bereichen:
* Wenn es um die Erkennung von Mustern sowie die Bildung von Kategorien und Prototypen gehen soll  [siehe https://kybernetiks.wordpress.com/2012/03/18/borgen-pattern-recognition-zeichen-medien-welt-dualismus/].
* Wenn traditionell von einer “Natur des Menschen” ausgegangen wurde.
* Wenn in der Geschichte “der” Wahnsinn, “die” Medizin, “die” Wissenschaft, etc. unterstellt wurden, so daß (illusorische) Kontinuitäten und Homogenitäten anfielen  [siehe Paul Veyne, “Foucault: Die Revolutionierung der Geschichte”, Frankfurt / M.: Suhrkamp, 1992, S. 55].
* Wenn im programmiersprachlichen “Paradigma der Objektorientierung” (kurz: OOP)  in der Informatik Klassen als abstrakte Erzeugungsmatrix fungieren, aus denen konkrete Objektexemplare erzeugt werden.

Kurzum, essentialistische Beobachtungsweisen bedienen Funktionen wie das Management von Kontingenz und Komplexität, indem “Informationsraffungen / -verdichtungen” erfolgen. Die Mathematik kann das schön verdeutlichen: statt daß man sich eine  Zahlenreihe wie 1, 4, 9, 16, 25, etc. merken muß, reicht der kompakte Ausdruck y = x hoch 2 mit x als Element der natürlichen Zahlen.
In der Konzept- und Theoriearbeit, bei historischen Analysen, usf. werden hierbei aber Kontinuitäten, Totalitäten und Homogenitäten suggeriert, die sich nicht unbedingt aus dem jeweiligen Analysegegenstand / -material ergeben, sondern von essentialistischen Beobachtern erzeugt werden, um effizienter Informationen prozessieren zu können. Die Folgen solcher Effizienz: Brüche, Spontanes, Zufälliges, etc. werden (systematisch) ausgeblendet.
Warum schreibe ich das? Viele, die seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts akademisch sozialisiert wurden, kennen die verschiedenen Kritiken an essentialistischen Strategien (Stichworte: Wittgenstein II, Derrida, Foucault, Deleuze bzw. Deleuze / Guattari, etc.). Aber es lohnt sich, in der aktuellen (auch eigenen) Analyse-, Begriffs- und Theoriearbeit nach solchen essentialistischen Strategien (in einem nicht-essentialistischen Sinne, also nicht “dem” Essentialismus) Ausschau zu halten, um lineare, dialektische, etc. Kontinuitäts-, Totalitäts-, Homogenitäts-, etc. -Annahmen in Frage stellen zu können. Denn Letztere führen zu Simplifikationen, die sich weniger dem Untersuchungsmaterial als vielmehr den gewählten Weisen der Abstraktion und Informationsraffung verdanken. Man könnte auch sagen: Dem jeweiligen Untersuchungsmaterial werden entsprechende “essentialistische Projektionen” untergeschoben.
Was heißt das nun für unser Technik-Blog? Wie Hans-Dieter Bahr [(1983), “Über den Umgang mit Maschinen”, Tübingen: Konkursbuchverlag] dargelegt hat, kann es bspw. auch bei Maschinen nicht einfach mehr um eine homogenisierende Darstellung gehen à la die “Entwicklung der Maschinen in der Geschichte”, die wiederum auf eine begründende Einheit / Allgemeinheit (im Sinne von transzendentaler Möglichkeitsbedingung) – trotz aller möglichen Aspekt- und Perspektivewechseln –  verweist.  Bahrs Text ist daher immer noch sehr aktuell, weil hier zutiefst heterogene Umgangsstile mit Maschinen thematisiert werden, die sich keiner essentialistisch angehauchten Möglichkeitsbedingung mehr fügen. Folge: Der resultierende Text ist komplex und sperrig, also: keine einfache Lektüre.
Es ist nun die Frage, ob im Laufe unserer bisherigen Technik-Diskussionen essentialistische Strategien zum Zuge kamen. Ich meine: ja.
Zum einen, wenn der (systematische) Tool-Gebrauch als “anthropologische Konstante” dargestellt wird, die  als das Schema “einfache Werkzeuge – Maschinen – Automaten mit Werkzeugen als Meta-Kategorie” variiert wird.
Zum anderen in der Unterstellung, daß Werkzeugen, Maschinen und Automaten ein Gebrauchszweck immanent eingeschrieben sei. Das heißt, ein technisches Artefakt könne nur entsprechend des ihm jeweils eingeschriebenen Zwecks gebraucht werden. Alles andere wären Formen des “Mißbrauchs”.
Bei einfachen Werkzeugen leuchtet diese These jedoch gar nicht ein. So kann bspw. ein und dasselbe Messer zum Schneiden, Bohren, Kratzen, Sägen, etc. eingesetzt werden. Löffel können verwandt werden, um Flüssigkeiten zu schöpfen, im Boden zu graben, etwas zu schleudern, usf. Zumal viele einfache Werkzeuge mitunter leicht als (Hieb-, Stich-, Schleuder-, etc.) Waffen einsetzbar sind.
Obige These leuchtet auch bei Computern als den programmierbaren Universalmaschinen nicht ein, weil diese auf gar keinen letzten Zweck ausgerichtet sind: sie sind einsetzbar als “Rechen”maschine, als Multimedia-Einheit (Text, Ton, Bild, etc.), als Steuerungseinheit für andere Maschinen, usf.
Und selbst Maschinen wie Autos müssen nicht einfach nur zum Transport von Personen oder Gegenständen verwendet werden. Sie können auch für Autorennen benutzt werden, als Rückzugsgebiet (für Sex, zum Schlafen, zum Musik hören, zum Rauchen, etc.), als Ausstellungsstücke, die gar nicht oder kaum gefahren werden (-> Oldtimer).
Das heißt nicht, daß bei Maschinen / Automaten nicht versucht wird, bestimmte Gebrauchsweisen vorzugeben. Aber der Grund für diese Vorgabe sind primär  juristische, versicherungs- und sicherheitstechnische Gründe. Wer seinen Hamster in die Mikrowelle zum Trocknen steckt, muß  also damit rechnen, daß der Hamster das im worst case nicht überlebt.
Das bedeutet freilich nicht, daß solche Maschinen / Automaten nicht gehackt und neuen Gebrauchsweisen zugeführt werden können [Was mich zur These (im Anschluß an Kittler) veranlaßt hat, daß Hacker und Hacksen die Ideologie- und Latenzkritiker(innen) der technischen Moderne sind]. Erinnert sei zudem nochmals an das vor einiger Zeit angeführte Beispiel mit den Spülungen in Süditalien nach dem 2. WK. Diese Spülungen wurde von den Bauern als Olivenwaschanlagen und nicht als Toilettenvorrichtungen eingesetzt, was im damaligen Kontext anscheinend vollkommen Sinn gemacht hat.
Meine Thesen lauten also:

  1. These 1: Ähnlich wie Zeichenmarken (Medienformen) keine immanent-essentialistische Bedeutung zukommen kann, weil sie in immer neuen nicht-saturierten Kontexten wiederverwendbar sein müssen, ist auch technischen Artefakten (als: Tools, Maschinen und Automaten)  kein Gebrauchszweck als gegenständliche Bedeutung ein für allemal und kontextunabhängig, d.h. durch “alle” möglichen Kontexte hindurch bzw. völlig a-kontextuell, eingeschrieben. Diese Gebrauchszwecke hängen vielmehr  von den jeweiligen Umgangsformen / -stilen in offenen / nicht-saturierbaren Kontexten ab. Und sie können dementsprechend auch variieren, ohne daß eine begründende Einheit (im Sinne einer Funktion als transzendentaler Bedingung der Möglichkeit) plausibel unterstellt werden kann.
  2. Auf Unterscheidungen wie “eigentlicher – uneigentlicher (parasitärer) Gebrauch”, “Gebrauch / Mißbrauch”, u.ä. mit Blick auf technische Artefakte kann die Kritik Derridas an Austins “Sprechakten” angewandt werden.  Ich zitiere aus einem online-Kommentar von Gerald Posselt vom 6. Oktober 2003 [siehe http://differenzen.univie.ac.at/bibliografie_literatursuche.php?sp=11]:
    “Auch wenn Austin Kommunikation nicht mehr als die Übertragung oder den Transport von Bedeutungsinhalten versteht, sondern vielmehr als ein Tun, das nicht etwas beschreibt, was außerhalb der Sprache existiert, sondern das seinen ‘Referenten’ selbst hervorbringt und eine Situation transformiert, so geht er dennoch davon aus, dass jeder Sprechakt durch seinen Kontext und die Intention des sprechenden Subjekts in der Totalität der Kommunikationssituation bestimmt werden kann. Dies wird besonders deutlich in Austins Theorie der Fehlschläge oder Unglücksfälle. Obgleich Austin einräumt, dass das Misslingen einer performativen Äußerung immer möglich ist, so erkennt er doch nicht, dass es sich hierbei um eine “notwendige Möglichkeit” des Misslingens handelt, die nicht als ein äußerliches, zufälliges Risiko ausgeschlossen werden kann (306f.). Explizit wird dieser Ausschluss im Falle zitathafter Äußerungen, die Austin als unernsten, parasitären und abweichenden Gebrauch abqualifiziert.”
    These 2: Ähnlich wie bei performativen Sprechakten ist die Möglichkeit des “Miß-Ge-brauchens” entscheidend. Mißbrauch ist somit  kein externes Ereignis, das die eigentliche (wesentliche = essentialistische) Gebrauchsweise als “uneigentliches” deformiert bzw. als “parasitäres” infiziert.
    Mißbrauchsweisen (im Sinne anderer Gebrauchsweisen, die positiv oder negativ bewertet werden können) resultieren aus dem iterablen Gebrauch technischer Artefakte . Das heißt zugleich: Itérabilité (sensu: die Verschränkung von Identisch-Bleiben und Anderswerden in kontextrelativen Wieder-Holungen) ist  immer schon in jedem Artefakt-Gebrauch wirkend, so daß selbst ein sog. “eigentlicher” (korrekter, richtiger) Artefakt-Gebrauch bereits eine Vielzahl von mehr oder minder minimalen Variationen beinhaltet. Beispiele: Das Lenk- oder Steuerrad wird nicht auf  die stets absolut identische Weise benutzt, Minimalvariationen treten beim Drücken von Knöpfen,  Schaltern und Hebeln, usf. auf.

Überlegungen zur Konzeptualisierung von Technik – Versuch 1

PB: Da mein Kommentar zu luestyx-Frage immer länger wurde, habe ich entschieden, daß ein Post vielleicht die bessere Idee ist – zumal dieser als Einleitung angesehen werden kann  zur anstehenden Diskussion von “Technik als Funktionssystem”.
luestyx sagte am Jun 8, 2012 um 16:27 [https://kybernetiks.wordpress.com/2012/03/22/das-digitale-in-der-technologie/comment-page-1/#comment-478]:
@rolf @peterb was haltet ihr von dieser aussage?
“Meine Überlegungen gehen dahin, den Technikgebrauch anders zu verstehen, nämlich nicht mehr hinsichtlich einer Prothesen-Metapher, Technik als Werkzeug, als zweckrationales Mittel oder – wie bei Luhmann – als Ersatz für fehlenden Konsens und dergleichen. Sondern Technik als Kommunikationsblockade zur Verkomplizierung des Lebens zu verstehen, durch welche die Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation weiter gesteigert wird, wobei durch diese Steigerung ständige Sublimationsprozesse erzwungen werden, die den Zerfall von Vorbehalten gegen Kommunikation beschleunigen. Das Internet wäre dann nicht Hilfe oder Heil, weil damit ja auch das Gegenteil erwägbar wird, sondern eine Behinderung, durch welche die Erfolgsbedingungen strukturiert werden, die festlegen können, was sich in der Folge durch Überwindung dieser Behinderung noch als haltbare Kommunikation erweisen kann.”
Warm-up
Eine “knifflige” Frage, zumal ich selbst immer unsicherer werde, was ich unter “Technischem” verstehe. Ich weiß primär, was ich “nicht” fortschreiben möchte: die von Dir erwähnte Prothesen-Metaphorik, Zweck-Mittel-”Logiken”, usf.
Zugleich besteht [bei allem Dissens hins. Konstruktivismus, Marxismus, Fokussierung auf Formulierungsweisen, u.ä. zwischen Rolf und mir] Konsens, daß in der Bielefelder Systemtheorie Technisches eher “marginalisiert” wurde (funktioniert / funktioniert nicht, Thema von Risikokommunikationen, Einrichtung von begrenzten Kausalkontexten, etc.) – und das obgleich die Moderne ohne Technisches wohl “nicht” konzipierbar ist.
Salopp getextet : “Die Moderne ist (auch und gerade) technisch (zu beobachten) – oder gar nicht.”
Obgleich ich Rolfs Kybernetik zustimme (v.a. mit Blick auf kybernetische Mechanismen als Erklärungsweisen, wie Technisches genau funktionieren kann), meine ich, daß Rolfs Fokussierung auf das Anfallen konkret-(“gegenständlich”)er Artefakte eine Art “Spezialfall” darstellt einer Problematik, die André und ich mit Blick auf Derridas Dekonstruktion als “basale technicité” charakterisiert haben.
Es ist also die Frage, ob Technisches konzeptualisiert werden kann ohne ausschließliche Fokussierung auf das Anfallen von Artefakten (z.B. Rolfs hilfreiche Trias: Werkzeug – einfache Maschinen – programmierbare Maschinen / Automaten).
Wir haben das ‘mal kurz andiskutiert z.B. als Thema der Reproduzierbarkeit des Selben (was Technischem u.a. zugrunde liegt) und Iterabilité (das Anders-Werden des Selben im differentiellen Prozessieren von marks / Medien- bzw. Zeichenformen).
Eine andere Perspektive ist natürlich, daß auf ein Funktionssytem “Technik” abgestellt wird. Und hier würde ich auf “technische Kommunikationen” verweisen, die insbesondere Konstruktions-/Design- und Benutzungsanweisungen prozessieren, wobei dann technische Artefakte anfallen “können”, aber nicht “müssen”!
Wie dabei eine Brücke zur “basalen technicité” geschlagen kann, weiß ich noch nicht. Aber vielleicht mendelt sich noch etwas Interessantes heraus.


Einschub

@Rolf: Wie Du übrigens Deinen materialistisch inspirierten und “radikal” radikalen Konstruktivismus mit einer systemtheoretischen Funktionssystem-Perspektive koppeln willst, ist mir ein komplettes Rätsel: Denn da ich bei Dir keine Theorie des “Sozialen” erkennen kann (außer vielleicht: wenn mehrere Subjekte zusammen kommen, dann ist das “irgendwie” sozial. Tja, das Dilemma aller Subjektphilosophie: nur “wie funktioniert das mit dem Sozialen genau”?), verstehe ich auch nicht, wie Du diese Lücke plötzlich mit Funktionssystem-Logik füllen kannst.
Vielleicht kannst Du das bei Gelegenheit – bspw. in einem eigenen Post – einmal elaborieren.

Interpretationsvorschläge
1) “Sondern Technik als Kommunikationsblockade zur Verkomplizierung des Lebens zu verstehen,”
Spontan würde ich fragen: Warum schließt Du zunächst “Kommunikation” mit “Leben” kurz?
Einerseits würden (Bielefelder) Systemtheoretiker hier einwerfen, daß Du die Systemreferenzen mischst: Leben (also: biologische Prozesse) und Sozialdimension (sensu: “Kommunikation” als Trias von Information-Mitteilung und Verstehen).
Andererseits finde ich die Frage spannend, ob es möglich ist, eine umfassende Theorie des Prozessierens von Information zu entwickeln, die sowohl biologische als auch psychisch/bewußtseinsmäßige und soziale Prozesse umfaßt [vielleicht könnte man hier sogar chemische und physikalische Prozesse hinzunehmen].
Vor diesem Hintergrund wäre zu fragen, ob (Basal-)Technisches nicht auch in biologischen (Informations-)Prozessen ausgemacht werden kann – und was dann “biologische Kommunikation” bedeuten kann.
Die Frage bleibt freilich: Wie kann Biologisches hier (außer als basale Infrastruktur) Psychisches/Soziales affizieren?
Aber vielleicht meinst Du auch “Leben” im Sinne von “sozialem Leben”, sensu: sozialer Autopoiesis (Kommunizieren, inkl. Verhalten und Handeln)? Dann würdest Du Technik als etwas konzipieren, das zur “sozialen Steigerung von Komplexität” beiträgt.
Letzteres wäre ein guter Punkt! Aber es scheint mir, daß hier Komplexität sowohl “gesteigert” als auch “reduziert” wird. Oder anders gewendet: Allgemeine Komplexität würde reduziert, (binnen-)spezifische Komplexität würde erhöht (was dann auch Prozesse der Spezialisierung und Ausdifferenzierung beinhalten würde).

2) “durch welche die Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation weiter gesteigert wird, wobei durch diese  Steigerung ständige Sublimationsprozesse erzwungen werden, die den Zerfall von Vorbehalten gegen Kommunikation beschleunigen.”
Mit “Sublimationsprozessen” meinst Du wohl, daß sich hierbei Mechanismen sozioevolutionär entwickeln, die Kommunikation dann doch plausibilisieren? Ja, gleichfalls ein guter Punkt. Es müßte dann noch spezifiziert werden, auf welche “Unwahrscheinlichkeitsschwellen” Bezug genommen wird, z.B.:
* die Ausweitung der Adressatenkreise, auch als Aufmerksamkeitsbindung,
* die Wahrscheinlichkeit der Ablehnung, also: der kommunikativen Nicht-Überzeugung (die sog. “4. Selektion”).
Aber dieser These stimme ich grundsätzlich zu: Technik, vielleicht in diesem Kontext genauer: Medien”technik”, hat seit der Frühmoderne entsprechende Medienbildungen (Bücher, Zeitungen, Zeitschriften, Telegraphie, Telephonie, Film, Radio, Fotographie, TV, etc. bis hin zu heutigen Digitalitätsmedien) möglich gemacht, die eine nie dagewesene Ausweitung von unwahrscheinlicher Kommunikation, bei der sich dann entsprechende Unwahrscheinlichkeit-Wahrscheinlichkeit-Transformatoren (z.B. als sgKMs = symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien wie Macht, Wahrheit, Recht, Geld, usf.) sozioevolutionär herausgemendelt haben.
Wenn ich mich recht erinnere, dann ist das auch die These von Luhmann (wenn auch nicht mit Blick auf “Technik” formuliert) in die “Gesellschaft der Gesellschaft” (mit der Einschränkung, daß sich bspw. “Authentizität” immer noch nicht kommunikativ überzeugend formulieren läßt. Aber das ist m.E. nur ein Sonderfall des allgemeinen und letztlich zum Scheitern verurteilten Durchgriffversuchs von Kommunikation auf Bewußtsein).
Hier könnte hinzugefügt werden, daß demnächst wohl die “Kommunikation mit Computern und Robotern” bevorstehen könnte, sobald diese eine derartige Komplexität erreicht haben, daß entspr. Kommunikationsillusionen erfolgreich gehegt werden können.

3) “Das Internet wäre dann nicht Hilfe oder Heil,”
Das ist ein interessanter Punkt: Die Selbst- und Fremdbeschreibung von (neuen) Techniken – gerade dann, wenn sie sozial etabliert werden sollen. Hier gibt es m.E. semantische Kontinuitäten (Technik xy als Hilfe, als Erleichterung, als Heil, etc. – plus die Kritik an solchen Beschreibungen), die in die Vormoderne zurückreichen.

4) “weil damit ja auch das Gegenteil erwägbar wird, sondern eine Behinderung, durch welche die Erfolgsbedingungen strukturiert werden, die festlegen können, was sich in der Folge durch Überwindung dieser Behinderung noch als haltbare Kommunikation erweisen kann.”
a) “Behinderung” verweist m.E. zu einseitig auf die angesprochene Funktion von Technik als “Kommunikationsblockade”. Aber entsprechend der Figur von simultaner Reduzierung und Steigerung von Komplexität macht es wohl mehr Sinn, sowohl nach den Erleichterungs- als auch den Behinderungsfunktionen von Technischem zu fragen. Beispiel für eine Erleichterung: ich muß keinen Brief mehr per Hand schreiben, zum Briefkasten gehen, den Brief einwerfen und längere Zeit auf eine ähnliche Rückantwort warten, sondern: ich skype, simse, chatte oder maile [puh – Deutsch kann so schön sein :-)]. Das heißt: Medientechnik führt hier zu (fast) instantanen, hochbeschleunigten Fern-Interaktionen (entlang spezifischer Medien / Sinneskanäle).
b) Es ist dann weiterhin die Frage, was Du unter “Erfolgsbedingung” und “haltbar” verstehst: Systemtheoretisch (wiederum im Bielefelder Sinne) liegt hier der Verweis auf die Unwahrscheinlichkeit des Überzeugens nahe (die 4. Selektion, s.o.) und ihre Plausibilisierung gerade durch sgKMs.
Aber im Funktionssystem der Massenmedien wurde die Unwahrscheinlichkeit der 4. Selektion fallen gelassen, weil hier die Unwahrscheinlichkeit, Adressaten zu erreichen und ihre Aufmerksamkeit (längere Zeit) zu binden, weitaus zentraler ist. Wenn Überzeugungseffekte anfallen, dann wurden diese traditionell thematisiert als massenmediale “Manipulation” [= als Variante der Invisibilisierung von Kontingenz entsprechend der “Beeinflussung” (im Unterschied zur Explizierung von Kontingenz durch “Macht”, die sich dennoch – auch gegen potentiellen Widerstand – ggf. durchsetzen kann)].
Wie das dann bei “Internet-Kommunikation” aussieht, ist die Frage. Hier würde ich zunächst nach den konkreten Internetdiensten fragen: Chat, Email, SMS, WWW, Newsgroups, usf.
Dann wäre zu fragen, ob hier funktionssystemspezifische Kommunikation zum Tragen kommen (Beispiel: ein webbasiertes Wissenschaftsseminar folgt immer noch stark den Kriterien der Wissenschaftskommunikation) oder nicht (z.B. die Fuchs-Überlegung, ob das WWW – zumindest Bloggen, u.ä. – nicht auf eine Art “privates Massenmedium” verweist, bei dem dann auch die 4. Selektion freigegeben würde (das differentia-Blog mit seinen Überlegungen zur Troll-Kommunikation zielt m.E. darauf ab).
“Brisant” wird die Frage nach der “Haltbarkeit” von Kommunikation (mit Blick auf technische Behinderungen “und” Erleichterungen) bei einer möglichen “Kommunikation mit Computern und Robotern”. Wie das letztlich aussehen wird, steht m.E. wohl derzeit in den Sternen.

Zum Abschluß
Insgesamt eine interessante Überlegung, wobei Dein Fokus wohl primär auf Medien-”Technik” liegt, oder? Das ist aber nur ein Aspekt. Denn wenn man an gentechnische Veränderung von Lebensmitteln, Eingriffe in den Körper (Operationen aller Art, Stammzellenmanipulation, u.ä.), etc. denkt, dann wäre meine These (mit Blick auf die “Funktion” eines evtl. Technik-Funktionssystem), daß es Technik ermöglicht, primär in bewußtseinsmäßige und soziale “Umwelten” zu “intervenieren”, indem entsprechend kontrollierte Kausalverbindungen eingerichtet werden sollen.
Medien”technik” wäre dementsprechend nur eine Variante solcher Interventionsversuche, dank derer Medienformen typographisch, elektronisch oder digital produziert, prozessiert und rezipiert werden können.

~Peter

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