Category Archives: Technik als autopoietisches System sui generis

Sommer-Programm: Autopoiesis

Anknüpfend an die gerade laufende Diskussion zu “Technik als einem möglichen System der autopoetischen Artefakt-Produktion” möchte ich folgendes Sommer-Programm vorschlagen. Zu jedem Thema sind dabei ein oder mehrere Blogpost(s) möglich:

Leitfragen:
F1: Kann das AP-Konzept von M/V mit Blick auf die unten erwähnten Prüfkriterien direkt auf Technik (im obigen Sinne) angewandt werden?
F2: Kann das AP-Konzept grundlegend reformuliert werden, so daß es auf Technik anwendbar ist?
F3: Sollte das AP-Konzept fallen gelassen werden bspw. zugunsten von “Allopoiesis”? (siehe Thema 2)

Thema 1: Das Konzept der  “Autopoiesis” von Varela / Maturana   und seine mögliche Übertragbarkeit auf obiges Technik-System 

Autopoiesis-Bestimmung und -Beispiel [URL: http://koloss3.mykowi.net/index.php?option=com_content&view=article&id=246&Itemid=38]

“Das Konzept der Autopoiesis bezeichnet nach der Intention von Maturana und Varela Selbstschaffung bzw. Selbstproduktion und bezieht sich auf eine allgemeine biologische Beschreibung von Leben. Maturana und Varela subsumieren unter Autopoiesis das Organisationsprinzip alles Lebendigen und vertreten die Ansicht, dass alles Leben dahingehend autopoietisch organisiert und strukturiert ist, dass es sich als geschlossenes Netzwerk von Elementen in rekursiver Bezüglichkeit selbst hervorbringt, selbst reproduziert und selbst organisiert. Grundlegend ist demnach jedes autopoietische System ein geschlossenes, autonomes System innerhalb einer spezifischen Umwelt, mit der es keine Austauschbeziehung eingeht, sondern vielmehr im Modus der Perturbation und strukturellen Kopplung steht. Jedes autopoietische System, also auch die Zelle, ist energetisch und materiell offen und gleichzeitig operationell, organisationell und informationell geschlossen.
Die Teilung und Selbststrukturierung der Zelle vollzieht sich wie folgt:
Die eigentliche Zellteilung wird durch die Mitose (Kernteilung) eingeleitet. Hierbei ziehen sich die im Zellkern befindlichen Chromosomen, die die DNS tragen, zunächst stark zusammen, was sie unter einem guten Lichtmikroskop sichtbar macht. Jedes Chromosom besteht aus zwei Chromatiden, die am sogenannten Centromer verbunden sind. Nun wandern die Centriolen, aus Mikrotubuli gebildete Zellteilchen, an entgegen gesetzte Enden der Zelle und bauen den ‘Spindelapparat’ auf. In dessen Äquatorialplatte ordnen sich die Chromosomen an, senkrecht zu den Centriolen. Die Kernhülle ist nunmehr verschwunden. An den Centromeren setzen jetzt die Spindelfasern des Spindelapparates an und ziehen die Chromatiden eines Chromosoms zu den entgegen gesetzten Centriolen. So sind an beiden Enden der noch einen Zelle zwei identische Chromosomensätze angelangt. Neue Kernhüllen bilden sich, der Spindelapparat wird aufgelöst, und eine neue Zellwand wird gebildet, die die nun kompletten Zellkerne trennt und so aus der einen Mutterzelle zwei Tochterzellen macht, die zur gleichen Größe der Urzelle heranwachsen.”

Zu prüfende Kriterien für Autopoiesis nach M/V [aus dem Wikipedia-Artikel “Autopoiesis”, URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Autopoiesis]:
“Um ein autopoietisches System zu sein, muss eine Einheit die folgenden Merkmale erfüllen:

  • Sie hat erkennbare Grenzen.
  • Sie hat konstitutive Elemente und besteht aus Komponenten.
  • Sie ist ein mechanistisches System: Die Relationen zwischen den Komponenten bestimmen die Eigenschaften des Gesamtsystems.
  • Die Komponenten, die die Grenze der Einheit darstellen, tun dies als Folge der Relationen und Interaktionen zwischen ihnen.
  • Die Komponenten, die die Grenze der Einheit darstellen, werden produziert von Komponenten der Einheit selbst oder entstehen durch Transformation von Elementen, die keine Komponenten sind, durch Komponenten.
  • Alle übrigen Komponenten der Einheit werden ebenfalls so produziert oder sind anderweitig entstandene Elemente, die jedoch für die Produktion von Komponenten notwendig sind.

Maturana und Varela wollten mit diesem letzten Punkt die Tatsache betonen, dass Organismen zwar Substanzen aus der Umwelt in sich aufnehmen, diese dabei jedoch sofort in verwertbare Baustoffe umwandeln. Substanzen dagegen, die für die Selbstreproduktion des Organismus keine Bedeutung haben, werden vom Organismus sozusagen ignoriert.”

In diesem Kontext wäre auch Originalliteratur von M /V  zu prüfen.

Thema 2: Technische Produktion als Allopoiesis? 

Eine Allopoiesis-Definition aus Principia Cybernetica Web, URL: http://pespmc1.vub.ac.be/ASC/ALLOPOIESIS.html
“the process whereby an organization produces something other than the organization itself. An assembly line is an example of an allopoietic system. See autopoiesis. (Francisco Varela)

The process of producing material entities other than those required for producing them. Most industrial production processes are allopoietic: An assembly line may produce cars but not the machines used in this form of production. Even reproduction in biology is allopoietic because the offsprings are materially distinct from the parent organism and occupy different spaces. Reproduction is not self-production. The primary value of the concept of allopoiesis is that it contrasts with autopoiesis.”

Thema 3: Ist das “Technium” von Kevin Kelly ein Fall von Autopoiesis?
URL: http://www.kk.org/thetechnium/

Thema 4: Kann die Autopoiesis von Technik u.U. mit der Maschinenkonzeption von Félix Guattari (re-)formuliert werden?

Thema 5: Sollte die Produktion technischer Artefakte (auto- / allopoietisch) gekoppelt werden mit “technischer Kommunikation” (inkl. dem Prozessieren zugehöriger Formen wie Konstruktionsanweisungen / -zeichnungen, Bauplänen, Modellen, etc.)? [Hier wäre dann auch eine Verbindung herstellbar zu Technik als einem “Funktionssystem” (im Bielefelder Sinne)]

Fallbeispiel: Die Erstellung einer modellgetriebenen Service Component Architecture-(Mini-)Anwendung (von requirements-Dokumenten über BPMN-Modelle hin zu exekutierbarem Code)

Thema 6: Welche Artefakte gehören zu Technik? Das Beispiel “Architektur”

Thema 7: Technik-Autopoiesis, selbstreplizierende Maschinen und artificial life

Schlußbetrachtung im Hinblick auf die drei Leitfragen

Technik als soziales Funktionssystem / Technik als autopoietisches System sui generis

Nachfolgend einige Überlegungen zur gerade ablaufenden Diskussion zu “Technik als autopoietischem / autogenerativem Prozeß  / System sui generis” 

Vielleicht müßte man die Technik-als-Autopoiesis-Konzeption nochmals vom Konzept der “selbstreplizierenden Maschinen” (auch mit Blick auf “zelluläre Automaten” und “artificial life”, siehe z.B. http://www-gs.informatik.tu-cottbus.de/al_v05b.pdf) her denken:
“John von Neumann war aus Sicht der Informatik einer der ersten, der in den 1940er Jahren wissenschaftlich fundierte Überlegungen zu einem hypothetischen, replikationsfähigen Roboter anstellte. Dieses rein theoretische Konzept war praktisch jedoch nicht umsetzbar. 1953 entwickelte er daher die Theorie selbstreproduzierender Automaten (nach seinem Tod von Burks im Jahre 1966 als Theory of Self-reproducing Automata herausgegeben), als ein mit Computertechnologie umsetzbares Modell für eine softwarebasierte Lösung von Selbstreplikation.
Künstliche selbstreplizierende Software erschien zum ersten Mal in den Sechziger Jahren, und vermehrte sich in späteren Jahrzehnten sehr schnell in Form von Viren, Würmern und vor allem bei Programmen, die sich mit künstlichem Leben befassten.” [aus Wikipedia:  http://de.wikipedia.org/wiki/Selbstreplikation]
Das heißt die Trias von “Tool – (einfacher) Maschine – Automat / programmierbarer Maschine” könnte erweitert durch: auto- / hetero-replikative Maschinen (Maschinen, die sich selbst und andere Maschinen erweitern bzw. herstellen können. Stichworte: artificial life, Agentensimulationen, zelluläre automaten, evolutionäre Algorithmen, Nanotechnologie). Und man könnte dann von Letzterem her versuchen, eine Art “Autopoiesis” und “Evolution” von Technik als generativem Prozeß zu beschreiben.

Ich könnte mir vorstellen, daß Technik als mögliches “autopoietisches System der Artefaktproduktion” konzipiert werden könnte auf der Basis von
1) Prozessoren als:
a) Humanprozessoren im Sinne von Polysystemen (z.B. als Bewußtsein, Psyche = Wahrnehmungsverarbeitung und diversen biologischen Systemen), wobei das aus Bielefelder Sicht einer klassischen Akteursvorstellung entspricht, die in Frage zu stellen wäre.
b) Maschinellen Prozessoren: Softwareagenten, Robotern, etc. – auch dann als selbstreplikative Maschinen
2) Handlungen: etwas [auch sich selbst] konstruieren, (zusammen)bauen, produzieren, etc.
Wenn aber nun solche Handlungen, die auf humane und nicht-humane Prozessoren bezogen werden, “simplikatorisch” sein sollten (analog zu Mitteilungshandlungen in der Kommunikation als Dimension sui generis), worin besteht dann die nicht-simplikatorische Eigenheit “technischer Operationen”? Im Fall von Kommunikation ist das die IMV-Trias, wobei bei der Fokussierung auf bloßes Mitteilungshandeln gerade das Verstehen ausgeklammert wird.
3) anfallenden Artefakten: Freilich spräche wohl nichts dagegen hier einen “erweiterten” Artefaktbegriff zu benutzen, der bspw. auch Schallwellen-Formung im Sinne der Artikulation von Lauten einschließt, weil m.E. die Differenz von Persistenz-Flüchtigkeit  keine “trennscharfe” Differenz ist, sondern auf ein “Spektrum” mit diversen Graden der Persistenz und Flüchtigkeit verweist.
4) Dabei müßte die Relation zu “sozialer Kommunikation”geklärt werden. Das ist m.E. die Ebene, auf der Du “Technologien” ansetzt (= Prozessieren von technikbezogenem Wissen, was ich u.a. als das Prozessieren von Formkomplexen im Sinne von Konstruktionsanweisungen, -zeichnungen, DIN-Normen, Stücklisten, Bauplänen, etc. bezeichnen würde).
Es wäre dann vielleicht von einer Art “Orthogonalität” (sensu: log. Unabh.) von Technik- und Sozialdimension (und Mediendimension) auszugehen. Oder um das bekannte xyz-Achsenmodell aus der Mathematik heranzuziehen: x-Achse: Soziales, y-Achse: Mediales, z-Achse: Technisches ->
a) Technische Kommunikationen, die entspr. Medien-Formkomplexe  (-> Deine Ebene der “Technologien”)  prozessieren und ein eigenes (kommunikatives) Technik-Funktionssystem bilden könnten.
b) Nicht-kommunikative, technische Herstellungsoperationen, bei der die jeweiligen Artefakte anfallen.
5) Zwischen 4a) und 4b) könnten dann Wechselbeziehungen bestehen wie:
a) Artefakte / Herstellungsoperationen irritieren technische Kommunikationen: Erstere werfen bspw. Probleme auf, die in technischen und nicht-technischen Kommunikationen (ggf. nach entspr. Transformation der Probleme) behandelt werden.
b) Artefakt-Benutzung kann Kommunikation und das Problem der Überzeugung teilweise <strong>ersetzen </strong>, z.B. indem Software-Agenten direkt miteinander etwas aushandeln – ohne menschliche Intervention.
c) Technische Kommunikationen konditionieren / orientieren via Formkomplexe ( z.B. als Baupläne, die technisch realisiert werden) Herstellungsoperationen / Artefakt-Produktionen (und die Artefakt-Benutzung),
6) Es wären dann auch Sozio-, Technik- und Medien-Evolutionen aufeinander zu beziehen – u.a. mit Blick auf die Mechanismen von “Variation, Selektion, Retention”

Fazit:
Ein soziales / kommunikatives Funktionssystem “Technik” könnte in Beziehung stehen zu einem nicht-kommunikativen System (keinem Funktionssystem) “Technik” als Artefakt-Genese. Vielleicht sollte dabei die Autopoiesis-Konzeption von M-V durch die Brille von Ansätzen des artificial life, der maschinellen Selbstreplikation, etc. gelesen werden.
Andere Option: Statt einem eigenen “Technik”-System die artefaktischen Verhältnisse als “Medium-Form-Komplexe” (-> Kausalitätsmedien) konzeptualisieren.
Ich muß wohl einige Zeit investieren, um diese ganzen Themenkomplexe [gerade auch zu artificial life, cellular automata (die sich wohl mit der LoF-Theorie koppeln lassen), Dein “Technische Intelligenz”-Buch, etc.] zu studieren, damit ich klarer sehe. Aber da ich nur ein begrenztes Zeitbudget habe, wird das wohl seine Zeit dauern.
@Rolf: Solltest Du  bereits Deine “technische Autopoiesis”-Konzeption ausgearbeitet haben, so wäre es schön, wenn Du sie demnächst online stellen könntest. Ich habe gestern zwar noch etwas in Deiner Hyperkommunikation-Bibliothek herumgestöbert, bin aber nicht so recht fündig geworden.

~Peter

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