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Borg[(e)n] / Pattern recognition / Zeichen / Medien-Welt-Dualismus

Insofern wir uns in der letzten Zeit  immer wieder an der Relation von Materialität und Zeichen sowie dem Dualismus von Medium und Welt gerieben haben, soll nachfolgend einmal versucht werden, diese Themen etwas tiefer zu legen. In drei Blogposts sollen daher die folgenden Fragen behandelt werden:
Frage 1: Pattern recognition – Wie erkennen wir “Muster”? Essentialistische und nicht-essentialistische Kategorisierungsstrategien.
Frage 2: Ist “Signifikantenmaterialismus” beim Prozessieren von Zeichen möglich?
Frage 3: Wie ist der “Dualismus von Medium und Welt” zu beschreiben und welche Möglichkeiten der Aushebelung existieren? 

Frage 1: Pattern recognition – Wie erkennen wir “Muster”? Essentialistische und nicht-essentialistische Kategorisierungsstrategien.
(Menschliches) Wahrnehmen ist ein sehr komplexer Vorgang, wie schon ein oberflächlicher Scan des entsprechenden Wikipedia-Artikels zeigt (http://de.wikipedia.org/wiki/Wahrnehmung).  Fuchs (2005) hat dabei Wahrnehmen (aus Sicht der soziologischen Systemtheorie) u.a. charakterisiert als:

  • Externalisierungsleistung eines neuronalen Systems, dessen Funktionsweise im Prozeß des Wahrnehmens selbst ausgeblendet wird.
  • Strikte Präsenzorientierung, also: keine Möglichkeit, zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft in der Wahrnehmung zu differenzieren.
  • Kompaktheit der Wahrnehmung.
  • Keine Negationsfähigkeit (es gibt keine perzeptuelle Möglichkeit, das Wahrnehmen während des Wahrnehmens zu verneinen).
  • Simultaneität der Wahrnehmung.

Wahrnehmungs- und kognitionspsychologisch könnten weitere Merkmale für Wahrnehmen wie Kontext- und Erfahrungsabhängigkeit, Filtereffekte, etc. angeführt werden. Aber auf weitere Details sei an dieser Stelle verzichtet, siehe jedoch http://de.wikipedia.org/wiki/Wahrnehmung für eine Groborientierung.
Aus Sicht der Fuchs`schen Spielart der soziologischen Systemtheorie schreibt sich dann Bewußtsein kommunikationsinduziert in die Wahrnehmungsverarbeitung der Psyche ein, so daß im Rahmen eines sog. “différance-basierten Nachtragsmanagements” eine Verarbeitung von Unterscheidungen (2-Seiten-Formen, Zeichen, marks) möglich wird.
Oder anders formuliert: Bewußtsein bedient die Funktion eines differentiellen Interfaces, das emergiert als Folge der “Stimulation” der psychischen Wahrnehmungsverarbeitung durch soziale Kommunikationsversuche.  In der Folge ist es Bewußtseinsprozessoren möglich, diverse Zeithorizonte zu unterscheiden sowie semiotisch über Generalisierungs-, Spezialisierungs- und Negationsmöglichkeiten zu verfügen. Zugleich wird die (analoge) Simultaneität der Wahrnehmung überführt in eine (digitale) Sequentialität des Unterscheidungsgebrauchs (der Semiose), so daß es zu einer  “Informationsraffung” (Reduzierung der wahrnehmungsmäßigen Komplexität durch semiotische Abstraktion) kommt.
Peter Fuchs bezieht sich dabei i.a. auf (orale, skripturale, etc.) Sprachzeichen. Aber das scheint mir eine unnötige Verengung zu sein, so daß ich die Bewußtseinsfunktion generell mit der Fähigkeit zur Semiose (Konstitution und Verarbeitung aller möglichen Zeichen) gleichsetzen würde, obgleich Sprachzeichen hierbei eine große (vielleicht die wichtigste) Bedeutung zukommt.
Vor diesem Hintergrund sei nun folgende Frage formuliert, die sich auf das Problem der Kategorisierung bezieht: Wie ist es möglich, daß ein System psychischer Wahrnehmungsverarbeitung angesichts einer Unzahl visueller Variationsmöglichkeiten (A  A A A A A A A A A etc.) immer einen Buchstaben wie z.B. “A” wahrnehmen  bzw. erkennen kann?
Essentialistische Ansätze (Schablonentheorie, ein Platonismus der von topologischen oder gruppentheoretischen Invarianten ausgeht, usf.) folgen dabei der Logik, daß Muster (z.B. als Schemata, Typen, Kategorien, Klassen, etc., die u.U. angeboren seien) nur verschieden aktualisiert werden. Das heißt in diesem Fall: eine Ur-Gestalt / Invariante / ein Wesen von “A” würde in Form von verschiedenen Variationen stets (re-)aktualisiert.
Wenn diese variierende Repetition des Selben möglich wäre, dann könnten alle vorstellbaren Buchstabenformen durch eine begrenzte Zahl von veränderlichen Parametern auch durch Computer simuliert werden. Als Beispiel für eine solche essentialistische Kategorisierungsweise siehe Donald E. Knuths  “Meta-Schrift-Konzeption” und die zugehörige Kritik von Hofstadter (1988).
Zentrale Probleme dieser essentialistischen Logik sind freilich:

  • Wie sollen alle möglichen Muster und ihre Variationen im (menschlichen) Gedächtnis gespeichert werden, ohne schnell an Kapazitätsgrenzen zu stoßen?
  • Wie soll ein starres und festes System von Regeln angegeben werden, um Kategorien (bspw. von “A”) in allen möglichen offenen Kontexten und in allen möglichen Variationen zu definieren?
  • Wie soll eine nicht-differentielle Identität von Kategorien angegeben werden können?  Aus differentieller Sicht liegt eher die These nahe, daß sich die Identität von  A (negativ) im Unterschied zu anderen Buchstaben des Alphabets (B, C, D, etc.) im Rahmen des jeweiligen Fonts ergibt.
  • Verweist die essentialistische Variations- und Aktualisierungslogik nicht auf einen Possibilismus, der Unendlichkeit zu determinieren beansprucht, was letztlich einem nicht vorstellbaren, weil endgültig geschlossenen (Meta-)Kontext entspräche? 

Wie sehen demgegenüber nicht-essentialistische Lösungen des Kategorisierungsproblems aus?
Beispiel 1: Mit Blick auf Wittgenstein II kann das Konzept der Familienähnlichkeit herangezogen werden. Das heißt, daß nicht mehr von variierenden Aktualisierungen einer Ur-Kategorie “A” auszugehen ist, sondern Vergleichsoperationen bei der Buchstabenerrechnung zum Einsatz kommen: Variationen – ohne Annahme irgendeiner Ur-Kategorie – werden untereinander als ähnlich in dieser oder jener Beziehung verglichen, wobei sich die Kriterien für Ähnlichkeit je nach Kontext und in der Zeit verändern können. [Hier könnte hinzugefügt werden, daß sich die Buchstaben-Identität zugleich negativ-differentiell ergibt durch Nicht-Ähnlichkeit mit anderen Buchstabenarten].

Beispiel 2: Mit Derrida kann auf das Konzept der itérabilité verwiesen werden, so daß sich erst durch die alterierende Wiederholung in je offenen (i.e. ungesättigten) Kontexten eine ideelle Identität (als post-festum-Idealisierung) ergibt. Oder anders gesagt: jede Wiederholung in stets veränderten Kontexten beinhaltet ein (minimales) Anderswerden des Wiederholten. Das sprengt eine essentialistische Logik der variierenden Aktualisierung des Selben, die letztlich auf kontrollierter Repetition in geschlossenen Kontexten beruht.

Referenzen:

  • Fuchs, Peter (2005), Die Form des Körpers, in: Schroer, M. (Hrsg.), Soziologie des Körpers, Frankfurt a.M. 2005, S.48-72 [online verfügbar unter: http://www.fen.ch/texte/gast_fuchs_koerper.htm].
  • Hofstadter, D.R. (1988), Metaschrift. Metamathematik und Metaphysik: Bemerkungen zu Donald Knuths Artikel “The Concept of a Meta-Font“, in: ders. (1988), Metamagicum, Stuttgart: Klett-Cotta, S. 267ff.
  • Für einen Vergleich von essentialistischen und nicht-essentialistischen Ansätzen zu Sprache / Zeichen / Kategorien, siehe die Beiträge in Krämer, S. (2001), Sprache, Sprechakt, Kommunikation. Sprachtheoretische Positionen des 20. Jahrhunderts, Frankfurt / M.: Suhrkamp.
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