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Die »SAPisierung« bei der ABB

Gestern habe ich auf Google Plus eine Frage von Martin Lindner wie folgt kommentiert:

Ich habe während des Studiums bei der ABB gearbeitet, die Turbolader herstellt. Zu dieser Zeit wurde SAP eingeführt. Sämtliche Arbeitsabläufe wurden von der Software erfasst, gleichzeitig gab es sowas, was sich Business Process Reengineering genannt hat, also das Modellieren aller Arbeitsabläufe, die ausgeführt werden, so dass im Prinzip das ganze Unternehmen wie ein Algorithmus oder ein Computerprogramm zu verstehen wäre, bei dem einzelne von Menschen ausgeführte Arbeitsschritte beliebig ersetzbar wären. Ohne das kritisch zu betrachten, scheint es mir heute, also ob die ganze Organisation durch die konsequente Einführung des Computers verändert worden wäre. Letztlich ist dann auch nur noch dokumentieres Wissen kommunizierbares und verwendbares Wissen, das Unternehmen legt fest, dass Wissen, um Wissen sein zu können, digitalisiert werden muss.

Die ursprüngliche Frage war, welche Veränderungen an Institutionen oder Konzepten aufgrund der Digitalisierung entstehen, selbst wenn diese nicht von der Digitalisierung direkt betroffen sind.

Meine Idee war erstens, dass man zurückblicken müsse, um aufgrund der etwas größeren Distanz eine Veränderung klarer beurteilen zu können (auf welchen Ebenen spielt sie sich ab, wie sind ihre mittelfristigen Folgen etc.) Mit der archäologischen oder genealogischen Methode Foucaults wäre es dann möglich, »die Gegenwart zu diagnostizieren […] zu sagen, was wir heute sind und was es jetzt bedeutet, das zu sagen, was wir sagen« (Gespräch mit Paolo Caruso).

Zudem ist mir bei der ABB aufgefallen, dass ich den ganzen Tag am Computer sass und alle anderen Mitarbeitenden auch den ganzen Tag am Computer sassen – das Geld, das damit verdient wurde, aber für Turbinen oder Turbolader oder irgendwas Technisches bezahlt wurde, das niemand je in die Hand zu nehmen schien. Die ganze Arbeitskultur hatte nichts Industrielles, sondern etwas rein Virtuelles, wir formatierten Word-Dokumente, füllten Excel-Sheets etc.

Nach mir haben andere Leute zum SAP-Beispiel aufschlussreiche Bemerkungen gemacht, die ich kurz zusammenfassen möchte:

  • Der Einsatz der SAP-Software führte dazu, dass Unternehmen strukturell gleich werden (sie passen sich an SAP an). Es werden Synergien und Ähnlichkeiten hergestellt, welche die Variabilität von Unternehmen stark einschränken.
  • Die Frage ist, ob es sich um einen Effekt der Digitalisierung oder der Standardisierung handelt. Also: War zuerst der Computer, der eine Standardisierung bedingt hat, um effizient eingesetzt zu werden – oder war zuerst das Bedürfnis nach Standardisierung von Arbeitsprozessen, die der Computer erleichtert hat?

Ich lasse diese Fragen und diese Gedanken mal so im Raum stehen – und hoffe, dass es Reaktionen darauf gibt.

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