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Historische Fußnote / Text als materielles Artefakt

Rolf hat einen Beitrag zu der Frage gepostet, ob Texte materielle Artefakte sind- im Prinzip also zu der Frage, ob Texte eine Materialität haben. Einiges daran erinnert mich an eine Diskussion, mit der ich mich kürzlich beschäftigt habe: Die Frage nach dem Wesen der Sprache (die man wohl braucht, bevor es überhaupt einen Text geben kann) im 19. Jahrhundert. Um der Debatte  eine kleine historische Fußnote zu verpassen, möchte ich hier einen Ausschnitt aus meiner Dissertation posten, der sich genau damit beschäftigt.

In dem entsprechenden Kapitel geht es um den Sprachwissenschaftler August Schleicher, der 1863 versuchte zu zeigen, daß Sprachen materielle Lebewesen seien, die sich genau nach den Gesetzen entwickelten, die Darwin in On the Origin of Species aufgestellt hatte. Schleicher vertrat dabei eine materialistische Position, die später heftig kritisiert werden sollte. Interessant ist daran vor allem zu beobachten, wie schwer es ihm letztlich fällt, seinen Materialismus durchzuhalten. Hier also ein Ausschnitt meiner Ergebnisse dazu – die Fußnoten habe ich beibehalten, da finden sich dann auch Literaturhinweise, falls jemand besonders interessiert ist. Los geht’s:

“Es scheint, als habe Schleicher an der materialistischen Physiologie nicht zuletzt gereizt, dass sich daraus ein hohes Maß an Anschaulichkeit generieren ließ, welche die Sprachwissenschaft nicht bereit stellen konnte. Von Karl Friedrich Burdach übernahm Schleicher den Begriff der Morphologie und führte ihn als erster in die Linguistik ein,[1] wobei er ihn jedoch nicht metaphorisch verwendete, sondern durch seine Verwendung des Begriffs die später ausformulierte Annahme fundierte, daß Sprachen wie Organismen zu behandeln seien. Daraus leitete er auch eine Unterteilung seines eigenen Faches in „Glottik“ (womit das Fach gemeint ist, das heutzutage als Linguistik bezeichnet wird – eine Bezeichnung, die sich nicht durchsetzen konnte) und „Philologie“ ab.[2]

Diese Unterscheidung verschiedener Disziplinen und Gegenstandsbereiche innerhalb der Sprachwissenschaft war für Schleicher selbst jedoch nur ein Notbehelf, der so lange aufrechterhalten werden sollte, bis sich eine leistungsstärkere „Philosophie“ herausgebildet hätte. Gemeint ist der Monismus, den Schleicher als Fluchtpunkt des „Denkens der Neuzeit“[3] einführt. Der Monismus kenne keine Unterschiede zwischen Materie und Geist mehr und passe endlich nicht mehr die Gegenstände der Forschung der Theorie an, sondern sei viel mehr gewillt, die Theorie an die beobachteten Phänomene anzunähern. […]

Zu den Einwänden,die gegen Schleicher erhoben wurden, gehört vor allem seine Beschreibung der Sprachen als „Naturorganismen“ (s.o.), die genau wie Tiere und Menschen einen „formell gleichen Ursprung“[5] in verschiedenen Ursprachen besäßen und ebenso wie diese einer „Specificierung“[6] und damit Geschichtlichkeit ausgesetzt seien. Allein das Vokabular zur Beschreibung der Sprachen unterscheide sich von dem des Botanikers oder dem des Physiologen, die Gesetze der „Specificierung“, der Ausdifferenzierung von Unterschieden, hingegen seien austauschbar und von Darwin beschrieben worden:

Diese Verschiedenheiten [der Sprachen eines Stammes, H.E.] greifen, in eine Reihe geordnet, unmerklich ineinander, und die Reihe weckt die Vorstellung von einem wirklichen Uebergang so brauchen wir nur die Benennungen Art, Unterart, Varietät mit den in der Sprachwissenschaft üblichen (Sprache, Dialekt, Mundart, Untermundart) zu vertauschen und das von Darwin Gesagte gilt vollkommen für die sprachlichen Unterschiede innerhalb der Sippen, deren allmähliches Entstehen wir so eben an einem Beispiele vor Augen geführt haben.[7]

Um sich gegen seine Kritiker zur Wehr zu setzen, legte Schleicher 1865 seine eingangs schon erwähnte Schrift Über die Bedeutung der Sprache für die Naturgeschichte des Menschen vor, in der er gleich zu Anfang einräumte, in der vorangegangenen Untersuchungen keine Begründungen für seine Annahme geliefert zu haben, dass es sich bei den Sprachen um materielle Entitäten handelte.[8] Bei seinem erneuten Versuch, dies zu zeigen, kam es dann jedoch zu einer exemplarischen Unschärfe, die sich nicht nur in dieser materialistischen Ausdeutung der Sprache findet, sondern auch in Beiträgen zum Materialismusstreit verbreitet ist.[9] Schleicher schreibt:

Die Sprache ist das durch das Ohr wahrnehmbare Symptom der Thätigkeit eines Complexes materieller Verhältnisse in der Bildung des Gehirns und der Sprachorgane mit ihren Nerven, Knochen, Muskeln u.s.f.* [Fußnote von Schleicher: *„Dieser Gedanke ist nicht neu. Lorenz Diefenbach, Vorschule der Völkerkunde, Frankfurt a.M. 1864, S.40 flg. Hat ihn bereits ausgesprochen.“] Allerdings ist die materielle Grundlage der Sprache und ihrer Verschiedenheiten noch nicht anatomisch nachgewiesen, meines Wissens ist aber auch eine comparative Untersuchung der Sprachorgane verschiedener Völker noch gar nicht unternommen worden.[10]

Die „materielle Grundlage der Sprache“ hätten wohl auch seine Gegner nicht bestritten, wohl aber, dass die Sprache selbst Materie sei.[11] Das behauptet auch Huxley nicht, auf den sich Schleicher später explizit, hier jedoch eher implizit bezieht. Huxley schreibt: „[…] the brain is chiefly, the organs of the senses and the motor apparatuses, especially those which are concerned in prehension and in the production of articulate speech.“[12] Über das Wesen der Sprache macht Huxley überhaupt keine Angaben, sein Interesse daran bezieht sich allein auf das Potential, sie als funktionale Differenz einzusetzen, wie es später auch Schleicher tun wird. Letzterer kann auch nicht auf der phänomenologischen Ebene[13] stehen bleiben, da sich bereits aus den dabei gefundenen Beschreibungen Folgen für die Praxis des Sprachwissenschaftlers ergeben.

An einer anderen Stelle spricht Schleicher von der Notwendigkeit der Experimentalisierung der Sprachwissenschaft, und schlägt damit implizit die Umwandlung in eine empirische Forschung vor. Die argumentative Verschiebung von einer idealistischen Sprachwissenschaft hin zu einer ontologisch interessierten, beobachtungsbasierten Wissenschaft ist ein entscheidender Schritt, den Schleicher durch eine neue sprachwissenschaftliche Praxis vollziehen wollte, und den er ohne seine Anschlüsse an Physiologie und Botanik nicht hätte umsetzen können. Die Annahme, dass Sprache wie Materie sei, scheint Schleicher her als heuristisch sinnvolle Arbeitshypothese einführen zu wollen. Der Linguist soll nach Schleicher

[…] mit der Sprache so verfahren, wie die Chemiker mit der Sonne, deren Licht sie untersuchen, da sie die Quelle dieses Lichtes nicht selbst in Untersuchung nehmen können. Was, um im Gleichnisse zu bleiben, bei der Sonne das Licht ist, das ist bei der Sprache der hörbare Laut; wie dort die Beschaffenheit des Lichtes von der materiellen Grundlage desselben zeugt, so hier die Beschaffenheit des Lautes. Die der Sprache zu Grunde liegenden materiellen Verhältnisse und die hörbare Wirkung dieser Verhältnisse verhalten sich zueinander wie Ursache und Wirkung, wie Wesen und Erscheinung überhaupt; der Philosoph würde sagen: sie sind identisch.[14]

Diese monistisch angehauchte Ausdeutung der Sprache bringt viele Probleme mit sich, von denen die Identifizierung von Ursache und Wirkung sowie von Wesen und Erscheinung vielleicht die gravierendsten sind. Schleicher bleibt bei den hier genannten Behauptungen, ohne sie weiter auszuführen, er verweist lediglich darauf, dass man Sprachen zwar nicht mit den „Händen greifen“[15] könne, aber dafür hören könne – sinnliche Wahrnehmung muss hier als Beleg für die „materielle“ Existenz reichen. [….]”

So weit der Ausschnitt.

Für Schleicher ist die Sprache vor allem auch deshalb als materiell aufzufassen, da er sie nur so (wie auch bestimmte körperliche Merkmale) als funktionale Differenz aufbauen kann. Dieser letzte Punkt ist es auch, der mich noch einmal zu dem Post zurückbringt, der mich dazu gebracht, diesen Beitrag hier einzubringen: Es stellt sich doch immer die Frage, was damit gewonnen ist, wenn man Text, Sprache oder was auch immer als materiell oder immateriell definiert hat, abgesehen davon, daß man unter Umständen eine Frage aus der Ontologie gelöst hat. Im Fall der Sprachwissenschaft eines August Schleichers, der (vermutlich zurecht) sehr viel Schelte bezogen hat, ist das die Diskussion umgebende Projekt ein anthropologisches (Sprachwird als funktionale Differenz etabliert), im Falle des Textes materielles Artefakt ein kybernetisches (so wie es hier diskutiert hat). Ich frage mich, ob man beides verbinden kann, vielleicht sogar verbinden muß. Wahrscheinlich führt es alles zu der Frage zurück, ob man die Maschine ohne den Menschen denken kann, als zu weit. Um die Fußnote also zu einem defensiven Abschluß zu bringen: es ist eben eine Fußnote.


[1] Schleicher, August (1859): Zur Morphologie der Sprache. St. Petersburg: Eggers.

[2] „Die Sprachen sind Naturorganismen, die, ohne vom Willen des Menschen bestimmbar zu sein, entstunden, nach bestimmten Gesetzen wuchsen und sich entwickelten und wiederum altern und absterben; auch ihnen ist jene Reihe von Erscheinungen eigen, die man unter dem Namen ‚Leben’ zu verstehen pflegt. Die Glottik, die Wissenschaft der Sprache, ist demnach eine Naturwissenschaft; ihr Methode ist im Ganzen und Allgemeinen dieselbe, wie die der übrigen Naturwissenschaften. [FN hier: Von der Philologie, einer historischen Disciplin, ist hier natürlich nicht die Rede.]“(Schleicher 1863, 7).

[3] Ebd., 8.

[5] Ebd., 23.

[6] Ebd., 12.

[7] Schleicher 1863, 20.

[8] Vgl. Schleicher 1865, 3.

[9] Dies zeigt sich besonders deutlich an der sogenannten Ignorabimus-Rede von Emil Du Bois-Reymond, die zwar grundsätzlich einem erkenntnistheoretischem Interesse folgt, indem sie sich der Frage stellt, was wir überhaupt vom Begriff der Materie wissen können, sich aber auch mit der Frage der materialistischen Begründung von geistigen Phänomen auseinandersetzt. Zusammenfassend stellt Du Bois-Reymond hierzu fest: „Ob wir die geistigen Vorgänge aus materiellen Bedingungen je begreifen werden, ist eine Frage, ganz verschieden von der, ob diese Vorgänge das Erzeugnis materieller Bedingungen sind. Jene Frage kann verneint werden, ohne daß über diese etwas ausgemacht, geschweige auch sie verneint würde.“ Du Bois-Reymond, Emil (1872): Über die Grenzen des Naturerkennens. Ein Vortrag in der zweiten öffentlichen Sitzung der 45. Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte zu Leipzig am 14. August 1872. Leipzig: Verlag von Veit & Comp. Hier S. 131. Während Emil Du Bois-Reymond dem Materialismus hier epistemisch zustimmt, indem Bewusstsein ist materiell bedingt, und auf diese Weise verstehbar auffasst, wendet er ontologisch gegen den Materialismus grundsätzlich ein, dass wir den Begriff der Materie nicht verstehen können, Bewusstsein also keine Materie ist. Trotz dieser differenzierten Darstellung sei jedoch angemerkt, dass auch bei Du Bois-Reymond, wie bei vielen seiner Zeitgenossen, die Begriffe Materialismus und Mechanismus nicht sauber getrennt werden.

[10] Ebd., 8.

[11] Robert Brain stellt in seinem Aufsatz Standards and Semiotics (1998. In: Lenoir, Timothy (Hg.): Inscribing Science. Scientific Texts and the Materiality of Communication. Stanford: Stanford University Press, S. 249–284.) die Entwicklung der phonetisch orientierten Sprachwissenschaft anhand der Arbeiten von Michel Bréal dar, einem Gegner Schleichers. In dessen Umfeld arbeiteten unter anderem die Linguisten Marey und Havet, sowie der Gehörlosen-Experte Rosapelly mit Experimenten, für die sie Phonographen einsetzen. „This inscriptive apparatus, then, rendered  the hithero fleeting phenomena of speech into materialized scientific objects […].“ (Brain 1998, 261). Weiterhin berichtet Brain von der Französischen Gesellschaft für Anthropologie, die ab 1900 versuchte, ein Musée glossophonographique des langues, dialects, et patois einzurichten, in dem Sprachen der ganzen Welt dargestellt werden sollten. (Brain 1998, 277). Der Wunsch danach, die Sprache als eine materielles Objekt wissenschaftlich untersuchen zu können, bestimmte nicht nur den oft als Positivist verschrieenen Schleicher, sondern auch Sprachwissenschaftler, denen Schleicher Ansatz vorerst nicht überzeugend erschien.

[12] Huxley 1863, 102f.

[13] BLEEK

[14] Schleicher 1865, 10.

[15] Ebd.

[16] Ebd., 16.

[17] Ebd.

[18] Ebd., 17.


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